Sozialismus als Tagesaufgabe und als Prozess

Was können wir heute ganz konkret tun, um einen freiheitlichen Sozialismus zu verwirklichen? Gustav Landauer (1870 – 1919) gibt hierauf mit seiner Idee des Verwirklichungssozialismus eine Antwort. Diese geht aus von einer Politik erster Person und ist damit heute anschlussfähig bspw. an autonome Lebenswirklichkeiten.

Der Wille zum Sieg

Beginnen möchte ich meine Darstellung des Beginnens des freiheitlichen Sozialismus im Hier und Jetzt mit einem Zitat von Landauer:

Meine Ansicht ist aber die: Zwischenstufen sind vielleicht in Wirklichkeit nötig, weil das oder jenes in unvollkommener Weise ausgeführt wurde, aber ie sind nie am Platze in der Idee. Hat der Mensch ein Ziel, so geht er auf dieses Ziel los; und will ich die Herrschaftslosigkeit, die Freiheit von jedem menschlichen Drucke, so tue ich alles, um dieses Ziel mit einem Schlage zu erreichen. Ich mache mich vertraut mit der leidigen Möglichkeit, dass durch irgendwelche widrigen Umstände das Ziel nicht sofort in seiner Vollkommenheit erreicht wird; aber ich bescheide mich nicht schon vorher, etwas zu wollen, was ich nicht will. Der Mensch kann in einer Richtung nur eines wollen, nicht teils dieses, teils aber jenes. Will ich die Herrschaftslosigkeit, so kann ich nicht nach der Herrschaft streben. Ich strebe vielmehr danach, alle unterdrückenden Gewalten zu vernichten...“ (Landauer (1893) 1989: Auch die Vergangenheit ist Zukunft, 37)

Schauen wir uns das Zitat genauer an. Landauer spricht zwar idealistisch von „Idee“, ist aber ganz Realist. Er will alles und zwar sofort. Zwischenstufen sind bei ihm widrige Umstände. Diese sind zwar nicht in Gänze vorher überschaubar, doch die Arbeitsaufgabe, die Landauer allen RevolutionärInnen gibt, ist, sich mit der Komplexität im Hier und Jetzt auseinander zu setzen und diese zu analysieren. Er erteilt dem Parteisozialismus eine klare Absage. Karl Marx und Friedrich Engels geben 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei folgendes folgendes Ziel aus: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die frei Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Landauer macht auf den darin liegenden Widerspruch aufmerksam: Wie kann ich eine herrschaftslose Assoziation erreichen, wenn ich das Ziel anstrebe, die Herrschaft zu erreichen?

Landauer entgeht dieser Paradoxie, in dem er einen anderen Weg wählt.

Mit seinen Mitmenschen geht Landauer hart ins Gericht. Er schreibt 1893 im Der Sozialist unter dem Titel Morgen oder übermorgen?: „Nicht die ökonomischen Bedingungen sind es, die fehlen, nicht die Macht ist es, die den Geknechteten abgeht – der Sozialismus herrscht noch nicht in der Welt, weil ihn die Menschen nicht wollen, und die ihn heute wollen, haben noch nicht genug getan, auf das ihr Wille zur Wirklichkeit, ihre Sehnsucht zur Tat werde. […] Die ökonomischen Bedingungen sind mehr als genügend vorhanden – wenn die geknechtete Menschheit nicht mehr geknechtet sein will; wenn sie sich die Einsicht angeeignet hat, die notwendig ist, um freien und vernünftigen Zuständen Bestand zu sichern, dann wird der Sozialismus etabliert sein.“ (ders. 2009: Anarchismus, Ausgewählte Schriften Bd. 2, 43f.). Zum einen versucht Landauer seine GenossInnen auf unschöne Art zu motivieren und ihren Kampfgeist anzuspornen, zum anderen finden sich hier auch Seitenhiebe zum politischen Konkurrenten, den KommunistInnen. Entgegen der technischen Fortschrittsgläubigkeit der KommunistInnen – nachdem der Kommunismus die auf die Produktivkraftentwicklung des Kapitalismus aufbaut und erst so eine nächst höhere Stufe der menschlichen Entwicklung erreicht werden kann – setzt Landauer auf die Kraft der Massen zur Revolution. Und diese Kraft ist nicht reformistisch, sondern Landauer sagt: „etwas Neues will werden – tötet das Alte!“

Sozialismus Hier und Heute

Wichtig im Kampf ist die Einigung unter den RevolutionärInnen. Anstatt auf parteipolitische Demagogen zu setzen fordert Landauer: „Volk, kümmere dich endlich selbst um deine eigenen Angelegenheiten und nimm deine Geschicke in deine eigene Hand.“ (ebd.) Landauer schreibt im Folgenden auch, wie er sich das vorstellt: „Verbindet euch zu gemeinsamen Kampfe und bleibt verbunden zu gemeinsamer Arbeit.“ (ebd.) Dies ist für Landauer ganz zentral. Sein Ansatz des Verwirklichungssozialismus ist ein produktiver Ansatz. Gegen die parteipolitische Stellvertreterpolitik setzt Landauer auf die Politik in der ersten Person: „Die Freiheit kann nicht geschaffen, die Freiheit kann nur geübt werden.“ (ebd., 87). Dies müssen die GenossInnen im revolutionären Alltag schon selbst üben. Die solidarische Praxis ist die Schule der RevolutionärInnen. Landauer ist in vielen Punkten anschlussfähig an Antonio Gramsci (und umgekehrt). Er appelliert an die revolutionären VorkämpferInnen: „erstens Aussprechen, Aufrütteln, Erziehung, Arbeiten an sich selbst. Zweitens: Anwendung der Freiheit im Leben, im privaten Leben, im Familienbezirk, im Freundeskreis. Drittens: Anwendung der Freiheit in Wirtschaft und Gesellschaft.“ (ebd.) Heutige SozialistInnen sollten diesen Appell ernst nehmen und sich selbst aus Ausgangspunkt der Revolution begreifen. Das konservative Argument – Der Mensch als solches sei zum Kommunismus gar nicht fähig – ist durch die eigene Selbstveränderung zu widerlegen. Wir alle leben im Kapitalismus, wir alle sind auf die ein oder andere Weise psychisch geschädigt (Konkurrenz, Konsum, Unterdrückung, Leben in der Bevormundung etc.). Leider bleibt die psychische Verfasstheit der Menschen bei Landauer fragmentarisch. Er schreibt: „der Proletarier trägt durch seine Herkunft, durch seine Erziehung und durch das Temperament und die Neigungen seiner ‚Führer‘ den Kleinbürger vorerst noch in sich; das Proletariat ist philiströsii durch und durch!“ (ders., 124) Das hierdurch der starke Wille zum Sieg unterlaufen werden kann, analysiert Landauer nicht. Wir müssen alle ein solidarisches Miteinander üben und leben, in der Familie, im Freundeskreis und im politischen Feld. Hier ist Landauer anschlussfähig an die Frauenbewegung mit ihrem Slogan: Auch das Private ist politisch. SozialistInnen sollten die WortführerInnen, FunktionärInnen und Abgeordneten daran messen, ob sie dies auch vor leben. Eine freiheitliche Zukunft ist mit alten – bspw. hierarchischen – Verhaltensweisen nicht zu erreichen.

Das konkrete Tun schafft Vertrauen und Solidarität, Ergebnisse sind spürbar und lebbar. Zusätzlich zur Agitation steht für Landauer das Handeln, die direkte Aktion, im Vordergrund. „Wir wollen nicht bloß reden, sondern auch etwas zu Wege bringen. Dazu ist, wie gesagt, notwendig, dass der Einzelne, soweit es heute möglich ist, sich sein Leben nach seiner Gesinnung gestaltet, dazu aber ist erst recht nötig, dass die ganze große Masse der Arbeiterschaft sich zu wirtschaftlichen Gruppen vereinigt, zur besseren Lebensgestaltung und zur Vorbereitung der anarchistisch-sozialistischen Gesellschaft.“ (ebd., 166). Als wichtiges Kampfmittel sieht Landauer den Aufbau von „Konsum-Produktivgenossenschaften“. Er verbindet stets den einzelnen Menschen mit seiner Klasse. Jeder kann initiativ werden und solidarisch mit anderen für sich selbst und andere wirtschaften. Anders als die sozialdemokratische Genossenschaftsbewegung setzt Landauer auf einen kolletivistischen Anarchismus und nicht auf ein Wirtschaften für das kapitalistische System. Problematisch am Verwirklichungssozialismus ist die Gefahr, dass der Aufbau sozialistischer Gemeinschaften so viel Energie erfordert, dass der gemeinsame revolutionäre Kampf dadurch leidet. Denn die Revolution findet auf der Straße statt. In der Zeit kann nicht gewirtschaftet werden. Diesem Widerspruch stellt sich Landauer nicht.

Als weitere persönliche Tat fort Landauer den Verzicht auf die Zahlung von Steuern, Verzicht auf den Schutz der Gerichte und der Polizei, Verzicht auf der Beteiligung an bürgerlichen Wahlen, Verweigerung des Militärdienstes, keine Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, keine staatliche und religöse Lebenspartnerschaften (vgl. ebd., 173f.)

Landauer ist kein Dogmatiker, trotz absolut formulierter Appelle. Er sieht die unterschiedlichen anarchistischen Strömungen und Vorstellungen. Doch es ist für ihn kein dogmatischer Kampf. Er schreibt: „Die praktische Erfahrung wird bald ohne jeden Zweifel feststellen, welche Form die einfachste und die gerechteste ist.“ (ebd., 185). Mit dieser Haltung sollten sich m.E. alle freiheitlichen SozialistInnen begegnen.

Der revolutionäre Prozess ist ein zweifacher: „Wir müssen auch im Reich der Wirklichkeit, der sozialen und wirtschaftlichen Zustände, Altes zerstören und Neues aufbauen. Zu zerstören ist die Möglichkeit, durch das staatlich privilegierte Privateigentum an Produktionsmitteln die Menschen auszubeuten, zu berauben und zum langsamen oder raschen Verhungern oder zum Selbstmord aus Not und Verzweiflung zu treiben. Zu zerstören ist die Abhängigkeit der Menschenmassen vom Herrentum. Aufzubauen dagegen sind die Organisationen, die die freie Produktion und die gerechte Verteilung der Güter sicherstellen.“ (ebd., 200f.)

Ausblick

Es ist immer die richtige Zeit revolutionär zu handeln. Landauer sieht das Zurückschlagen der Reaktion, die Niederlagen der revolutionären Bewegungen. Doch für ihn ist die Revolution, anders als für viele ParteisozialistInnen, nicht stichtagsbezogen, sondern alltagsbezogen. „Uns, die wir einst die Revolution im Herzen gehegt hatten, liegt es ob, unserer heimlichen Geliebten treu weiter zu dienen, auch wenn wir ihr nun andere Namen beilegen müssen. Aufbau wirtschaftlicher Organisationen durch Selbsthilfe aller derer, die sich selbst helfen wollen und können, Erziehung zur Selbständigkeit, individuelle Initiative, unabhängige, tapfere Lebensgestaltung, Auflehnung gegen alle autoritäre Bevormundung, Aufräumen mit dem Schutt und Moder der Vergangenheit, der in Gestalt dräunender und oft noch mächtiger Institutionen in die Gegenwart hineinragt – es gibt ja soviel an sich selber und mit anderen zu arbeiten, dass man wahrlich nicht zu verzweifeln braucht, weil man zufällig in eine Periode hineingeboren wurde, die ein anderes Gesicht hat, als sie zuerst zu zeigen schien.“ (ebd., 244f.)

Landauer umschifft immer wieder das Thema Revolution. Revolten versteht er und akzeptiert auch Gewalt als Temperamentsausbruch, andererseits ist für ihn jede Gewaltausübung Diktatur. Er erkennt, die Unterdrückung durch Staat und Militär.

Er schreibt: „Man tue sich zusammen, man wirke für Munizipalsozialismus, auch für Siedlungs- oder Konsum- oder Wohnungsgenossenschaften; man gründe öffentliche Gärten und Bibliotheken, man verlasse die Städte, man arbeite mit Spaten und Schaufel, man vereinfache all sein äußeres Leben, um Raum für Luxus der Geister zu gewinnen; man organisiere und kläre auf; wirke für neue Schulen und die Eroberung der Kinder; all das erneuert doch nur das ewig gestrige, wenn es nicht in neuem Geiste und aus neu erobertem Binnenland heraus geschieht.“ (ebd., 278f.) Das Verhältnis von der Zerstörung des Alten und des gelebten Sozialismus in Hier und Jetzt bleibt bei Landauer unbestimmt. Die revolutionäre Geschichte kann lehren, dass es eine Parallelität von selbstbestimmten Projekten und Kapitalismus und bürgerlichem Staat stets die Gefahr birgt, ein Nischenleben zu führen, geräumt und überwacht zu werden oder Teil des Kapitalismus zu werden, wie die Genossenschaftsbewegung oder die Ökobewegung. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren nicht entschlossen genug, das alte System zu zerstören und wollten in das bürgerliche Parlament. Landauer, Luxemburg, Liebknecht bezahlten den Revolutionsversuch zur Räterepublik mit ihrem Leben.

Den heutigen SozialistInnen bleibt nur den Sozialismus im Hier und Jetzt zu leben, so weit es geht, und die revolutionären Kräfte zu vernetzen, zu bündeln und durch Rebellionen zur Revolution zu gelangen.

Die Anarchie ist nicht eine Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens.“ (ebd., 277).

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