Kap. 1 Kritisch-emanzipatorische Wissenschaft

Kritisch-emanzipatorische Wissenschaft

Henri Lefèbvre schreibt 1957, angesichts der Entwicklung des dogmatischen Staatssozialismus und der Lagerkämpfe in Ost- und Westeuropa, über die „Krise des Marxismus“. Trotz des Dogmatismus war der Marxismus Referenzpunkt linker Theorie. Im Zuge der 1968er Revolte entwickelten sich in Westeuropa weniger dogmatische Strömungen des Marxismus, so dass nicht von einem Marxismus, sondern von unterschiedlichen Marxismen gesprochen werden muss. Doch auch diese weniger dogmatischen Theorien gerieten nach 1989 in eine tiefe Krise. Vor dem Hintergrund der dogmatischen Entwicklung des Marxismus, seiner staatstragenden und totalitären Entwicklung wie auch der sozioökonomischen Veränderung nach 1989, kann heute nicht ohne Probleme der Marxismus als Referenzpunkt dienen, denn er wird gesellschaftlich und wissenschaftlich diskreditiert. Ben Diettrich schreibt: „Nach dem Ende des staatssozialistischen Blocks und der deutschen Vereinigung haben die konservativen Kräfte ihre gesellschaftliche Hegemonie vollkommen wiedergewonnen“ (Diettrich 1999, 12). Dem ist sinngemäß zuzustimmen, kritisch anzumerken ist, dass die konservativen Kräfte, konservierend auf bestehende Herrschaftsverhältnisse wirken, ansonsten sich seit der Fordismuskrise neoliberal reformulieren. Die zweite kritische Anmerkung bezieht sich auf das Adjektiv „vollkommen“ welches die Widersprüche ausblendet. Angesichts dieser aktuellen Lage gab es im Oktober 2004 eine Konferenz des Instituts für kritische Theorie zum Thema „Wie weiter in der Krise des Marxismus?“ Evtl. weiter ausführen, denn es lassen sich unterschiedlichen Krisenstadien ausmachen, beginn etwa 1900.

In diesem ersten Kapitel dieser Arbeit muss also zunächst begründet1 werden, warum dennoch an marxistischen Theorien, wohlgemerkt im Plural, als Referenzpunkte zur Analyse der Subjektkonstruktion und –konstitution von Gewerkschaftsmitgliedern in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen festgehalten wird. Es geht hier zum einen um eine wissenschaftssoziologische Fragestellung, da hier der Frage der „wechselseitigen Beziehungen zwischen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Prozessen“ (Klima 1994, 748) nachgegangen wird sowie, zum anderen, um eine wissenschaftstheoretische2 Frage, nämlich der nach der wissenschaftlichen Methode und ihrer Grundlagen. Hierzu gehört auch eine Klärung der eigenen Forschungsperspektive und meiner wissenschaftlichen Zielsetzungen, welche es ermöglicht, wissenschaftstheoretisch zu prüfen, ob mein Ansatz dem Gegenstand adäquat ist und zu einem Erkenntnisfortschritt führt.

Anhand der Analyse der Strukturbeziehungen zwischen den Gesellschaftslehren von Auguste Comte (dem Begründer der Soziologie) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, machte Oskar Negt 1964 deutlich, wie sich die bürgerliche Soziologie als „Ordnungswissenschaft“ konstituiert. Diese Analyse erweiterte und aktualisierte er 1999 durch ideologiekritische Untersuchungen zu der Theorie der Moderne von Anthony Giddens und Ulrich Beck. Einen anderen Ansatz wählt Klaus Holzkamp. Er arbeitet in seiner Grundlegung der Psychologie (zit. GdP) und anderen Werken heraus, wie sich die bürgerliche Psychologie als „Kontrollwissenschaft“ konstituiert. Mit Karl Marx kann gezeigt werden, wie die bürgerliche Ökonomie die objektiven Verhältnisse „mystifiziert“. Die wechselseitige Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft wird somit exemplarisch anhand der Soziologie, der Ökonomie und der Psychologie wissenschaftssoziologisch untersucht. Diese drei Kritikansätze werden hier fragmentarisch entfaltet, um zu zeigen, dass „[…]die vor-herrschende Wissenschaft mit Begriffen arbeitet, die nicht geeignet sind, die Erfahrungen von GewerkschafterInnen widerzuspiegeln“ (Brodesser 2004, XX): Sich also die Wahl der Methode wie auch der Methodologie aus dem Untersuchungsgegenstand ergibt – Holzkamp nennt dies „gegenstandsadäquat“ – aber auch aus der eigenen Klassenposition.

Kritik bei Karl Marx

Gegen Ende der 1850er Jahre begann Marx mit seinen Untersuchungen zur „Kritik der politischen Ökonomie“, so der Untertitel der drei Bände des Kapital. Doch was kritisiert Marx? Und was ist Kritik? In seiner Einführung zur „Kritik der politischen Ökonomie“ macht Michael Heinrich folgenden Fragenkomplex auf:

„Präsentiert Marx einfach eine weitere Theorie über die Funktionsweise des Kapitalismus? Besteht die ‚Kritik’ bei der Kritik der politischen Ökonomie lediglich darin, dass den vorhandenen Theorien an der einen oder anderen Stelle ein Fehler nachgewiesen wird, um dann eine bessere Theorie zu präsentieren? Oder hat ‚Kritik’ hier einen umfassenderen Anspruch? Allgemeiner formuliert: Was bedeutet ‚Kritik’ im Rahmen der Kritik der politischen Ökonomie?“ (Heinrich 2004, 27)

Für die bürgerliche Volkswirtschaft ist Marx überholt, und seine Theorie wird lediglich historisierend als Herleitung des Kapitalismus von der Tausch- zur kapitalistischen Warenwirtschaft verstanden. Seine Kritik der Theorien von Adam Smith und David Ricardo gelten als Ausdruck zeitgenössischer Kritik und partieller Weiterentwicklung. Marx macht jedoch deutlich, dass es ihm um die Kritik der „kategorialen Voraussetzungen“ (Heinrich) der politischen Ökonomie geht. Marx schreibt in einem Brief an Ferdinand Lassalle: „Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben.“ (Marx zitiert nach Heinrich 2004, 31; MEW 29, 550; Herv. v. Marx).3 Mit der gleichen Perspektive kritisierte rund 125 Jahre später Holzkamp in der GdP die bürgerliche Psychologie, und stellte ihr ein eigenes kategoriales Grundgerüst entgegen. Hier wird also eine wissenschaftstheoretische Problemstellung in den Blick genommen. Marx zeigt anhand von Smith wie dieser den Tausch naturalisiert, indem er den Menschen einfach einen „Hang zum Tausch“ unterstellt. Mit der Wertformanalyse macht Marx den Unterschied von Gebrauchswerten und Tauschwerten deutlich, und kann damit zeigen, dass es keineswegs natürlich ist, Arbeitsprodukte als Waren anzusehen und sich warenförmig zu ihnen zu verhalten, sondern dass dies eine Besonderheit des Kapitalismus ist. Auch der materialistischen Psychologie geht es um die Herausarbeitung der Besonderheiten, hier die Besonderheit des historisch-konkreten Menschen im Kapitalismus. Es geht also darum vermeintliche Wesenheiten, wie sie die bürgerliche Psychologie dem Menschen zuschreibt, auf ihren kapitalistischen Charakter hin zu untersuchen. In der Wertformanalyse kritisiert Marx jedoch nicht nur das die bürgerliche Ökonomie die Kategorie des Werts falsch faßt, sondern dass sie „[…]niemals auch nur die Frage gestellt hat, warum dieser Inhalt jene Form annimmt“ (MEW 23, 95). Durch ihre Perspektive und Methode „naturalisiert“ und „verdinglicht“ die bürgerliche politische Ökonomie gesellschaftliche Verhältnisse (vgl. Heinrich 2004, 32). Marx macht jedoch deutlich, dass es sich bei diesen „Verrücktheiten“ keineswegs um ein falsches Bewusstsein handelt, sondern die „Naturalisierung“ und „Verdinglichung“ gesellschaftlicher Verhältnisse sich aus den Alltagspraxen von selbst entwickelt. Denn es sind die menschlichen Tätigkeiten die objektive Realitäten hervorbringen. Die Menschwerdung über die Produktion führt zu einem Eigenleben dieser Produkte. Dieses ist einerseits fiktiv, andererseits real (vgl. Levèbvre 1971, 65f.). Aufgabe der Wissenschaft ist es nun, dies nicht zu „naturalisieren“. Es geht darum, an dem selbstverständlichen „Für-wahr-Nehmen“ (Holzkamp) des Wahrgenommenen in den Alltagspraxen zu rütteln. Die Alltagspraxen stellen sich somit den Forschenden als ‚Untersuchungsgegenstand’, als Gegenstand der Selbstreflexion, wie auch den konkreten Menschen, bspw. den Gewerkschaftsmitgliedern, als Lern- und Erkenntnisaufgabe. Es geht um das angemessene Begreifen der Praxen der Menschen (die Forschenden miteingeschlossen) in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen und darüber hinaus, und dadurch, um die Veränderung der Praxen selbst (vgl. Holzkamp 1976, 12). An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine skizzenhafte Einleitung in diese Arbeit handelt. So wird bspw. die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise (kPw) zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt und auch auf die Diskussion zu „richtigem“ und „falschem“ Bewußtsein komme ich zurück. Heinrich konstatiert: „Am Ende des dritten ‚Kapital’-Bandes kann Marx daher feststellen, dass die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft in ‚einer verzauberten, verkehrten und auf den Kopf gestellten Welt’ leben und dass diese ‚Religion des Alltagslebens’ nicht nur die Grundlage des Alltagsbewusstseins, sondern auch den Hintergrund für die Kategorien der politischen Ökonomie bildet“ (Heinrich 2004, 32; Zitat im Zitat MEW 25, 838). Aus marxistischer Perspektive muss es also darum gehen, Kategorien zu entwickeln, die diese „Naturalisierung“, „Verdinglichung“, „Religion“ des Alltagsbewusstseins und die „Mystifizierung“ der bürgerlichen Verhältnisse fassen kann, um einer „Verdoppelung von Wirklichkeit“ zu entgehen. Mittels entmystifizierender Begriffe muss das jeweilige theoretische und empirische Feld, und die darin enthaltenen selbstverständlichen und sich spontan ergebenden Anschauungen (Später werde ich das unter der Kategorie „Alltagsverstand“ von Antonio Gramsci diskutieren.), wissenschaftlich gefaßt werden. Dies ist es, worauf „Kritik“ zielt. Heinrich schreibt: „Hier treffen sich Erkenntniskritik […] und die Analyse kapitalistischer Produktionsverhältnisse: Keine von beiden ist ohne die andere möglich“ (ebd., 33). Heinrich arbeitet heraus, dass es Marx nicht um eine Moralisierung des Kapitalismus ging. So ist auch der Begriff des „Mehrwerts“, wie Lefèbvre schreibt, keineswegs ein normativer, sondern die wissenschaftliche Fassung des alltäglich verwendeten Profitbegriffs (vgl. Lefèbvre 1971, 70) und somit keineswegs parteiisch. Marx ging es darum, das destruktive Potential des Kapitalismus als „Konstatierung eines Sachverhalts“ (Heinrich) herauszuarbeiten. Dennoch muss wissenschaftssoziologisch festgehalten werden, dass Marx seine Theorie zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt entwickelte, einem Zeitpunkt in dem das Proletariat die geschichtliche Bühne betrat, und einem Zeitpunkt in dem das Ausmaß des beginnenden industriellen Kapitalismus die Lebensbedingungen des entstehenden Proletariats verschlechterte. Die Abschaffung des Kapitalismus ist keine moralische Forderung, sondern entspringt dem eigenen Interesse und der Einsicht, dass der Kapitalismus die elementaren Lebensinteressen verletzt bzw. die vorhandenen Lebenssicherheiten stets unterminiert werden. Mit anderen Worten, das Interesse nach einem guten und sicheren Leben, ist nur jenseits des Kapitalismus zu realisieren (vgl. Heinrich 2004, 33f.). Das heißt, dass die Begriffe auch keine moralischen Begriffe sind, sondern wissenschaftliche, die Unmittelbarkeit analytisch durchdringende Begriffe. Scheint dies in diesem Kapitel noch moralisierend, so wird spätestens mit Holzkamp klar, dass es funktional-genetisch begründet ist, dass die Menschen nach Kontrolle ihrer Lebensbedingungen streben, da ohne diese ihre individuelle Reproduktion, wie auch die der Gattung gefährdet wäre. Die Kritik beginnt mit der Kritik der vor-herrschenden Begriffe. Lefèbvre hebt hervor, dass es keine normative Begriffskritik ist, die vor-herrschenden Begriffe keine „Klassenbegriffe“ sind, sondern „[s]ie sind Produkte der gesellschaftlichen Praxis und der Gesellschaft selbst auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung[…]“ (Lefebvre 1971, 64).4 Im späteren wird ideologiekritisch und diskursanalytisch gezeigt, wie Begriffe durchaus auf ihre Klasse hin untersucht werden können. Eine marxistische Kritik hebt die Begriffe dialektisch auf und führt sie zu einem höheren Grad an Objektivität. Machen wir uns an dieser Stelle beispielhaft deutlich, welche Fragen sich Marx in seiner Wertformanalyse stellt, und wie er den Begriff „Fetisch“ verwendet. Heinrich schreibt:

„Für die alltägliche Anschauung ist der Tisch ein bestimmter Gebrauchswert. Als Ware hat er außerdem einen bestimmten Wert. Beides ist für das spontane Alltagsbewußtsein überhaupt nichts Geheimnisvolles. Auch dass die Wertgröße von der Menge verausgabter Arbeitszeit abhängen soll, mag akzeptiert oder bestritten werden, der Sachverhalt selbst ist aber keineswegs mysteriös. Den ‚sinnlich übersinnlichen’ Charakter der Ware machte erst die Analyse deutlich: Sie zeigte, dass die Wertgegenständlichkeit der Ware gar nicht an ihr selbst zu fassen ist (insofern ist sie ‚übersinnlich’, nämlich ‚gespenstige Gegenständlichkeit’), sondern nur an einer anderen Ware, die ihrerseits als unmittelbare Verkörperung von Wert gilt. Als genauso wenig faßbar wie die Wertgegenständlichkeit hatte sich die Wertsubstanz abstrakte Arbeit erwiesen. Die Analyse hatte also jede Menge befremdlicher Resultate zu Tage befördert“ (Heinrich 2004, 70).

Im ersten Band des Kapital (zit. K1) beschreibt Marx, worin das Geheimnisvolle der Warenform besteht, nämlich darin, „[…]daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt[…]“ (MEW 23, 86). Hier wird also deutlich, dass die bürgerlichen Ökonomen mit den Begriffen ihrer Zeit die gesellschaftlichen Verhältnisse naturalisieren. Das das Verhältnis der Menschen als Verhältnis der Dinge erscheint, bezeichnet Marx als „Fetischismus“ (vgl. ebd., 87). Da der Fetischcharakter den Waren anklebt, da man den Waren zwar nicht den Wert ansieht, sie ihn aber doch automatisch besitzen, hat dieser nichts mit einem „falschen Bewusstsein“ zu tun. Heinrich schreibt: „Dass die Sachen unter den Bedingungen der Warenproduktion gesellschaftliche Eigenschaften haben, ist keineswegs falsch. Falsch ist, dass sie diese Eigenschaften automatisch, in jedem gesellschaftlichen Zusammenhang haben. Der Fetischismus besteht nicht bereits darin, dass Arbeitsprodukte als Wertgegenstände angesehen werden – in der bürgerlichen Gesellschaft besitzen Arbeitsprodukte, sofern sie ausgetauscht werden, ja tatsächlich Wertgegenständlichkeit – sondern darin, dass diese Wertgegenständlichkeit als eine ‚selbstverständliche Naturnotwendigkeit’ gilt“ (Heinrich 2004, 72; Herv. i.O.; Zitat im Zitat: MEW 23, 95f.). Da die Begriffe der bürgerlichen Ökonomen von der konkret-historischen Gesellschaft abgelöste Abstraktionen sind, also nicht in den realen Praxen angesiedelt sind, wird der Zusammenhang und der Geltungsbereich der Begriffe fetischisiert. Marx grenzt sich mit seiner Methodik und Methodologie von der spekulativen Philosophie und Ökonomie seiner Zeit ab und reorganisiert die vor-herrschenden Begriffe in einem neuen kategorialen Zusammenhang. Im Nachwort zur zweiten Auflage des K1 kritisiert Marx die Naturalisierung der kapitalistischen Verhältnisse und der politischen Ökonomie. Zweitens gibt er eine Definition dessen, was im Weiteren unter bürgerlich verstanden wird. Und drittens macht Marx im folgenden Zitat deutlich, wie sich Wissenschaft und Klassenkampf zueinander verhalten:

„Solange sie [die Ökonomen; R.B.] politische Ökonomie unbefangen treiben konnten, fehlten die modernen ökonomischen Verhältnisse in der deutschen Wirklichkeit. Sobald diese Verhältnisse ins Leben traten, geschah es unter Umständen, welche ihr unbefangenes Studium innerhalb des bürgerlichen Gesichtskreises nicht länger zulassen. Soweit sie bürgerlich ist, d.h. die kapitalistische Ordnung statt als geschichtlich vorübergehende Entwicklungsstufe, umgekehrt als absolute und letzte Gestalt der gesellschaftlichen Produktion auffaßt, kann die politische Ökonomie nur Wissenschaft bleiben, solange der Klassenkampf latent bleibt oder sich in nur vereinzelten Erscheinungen offenbart“ (MEW 23, 19; Herv. R.B.).

Marx macht deutlich, dass mit Beginn der kapitalistischen Epoche, die politische Ökonomie nicht mehr unbefangen forschen kann, ohne sich auf die eine oder andere Seite des Klassenantagonismus zu stellen. Eine Seite weiter wird Marx deutlicher, denn zugleich mit dem Klassenkampf läutet auch die „Totenglocke“ der politischen Ökonomie. Er schreibt: „Es handelt sich jetzt nicht mehr darum, ob dies oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital nützlich oder schädlich, bequem oder unbequem, ob polizeiwidrig oder nicht. An die Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopffechterei5, an die Stelle unbefangner wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik6“ (ebd., 20). Sozialwissenschaftliche Theoriebildung und –anwendung ist aus dieser Perspektive stets Teil des Klassenkampfes innerhalb kapitalistischer Gesellschaften. Auch Holzkamp analysiert den Zusammenhang von eigener Erkenntnis und gesellschaftlicher Realität und kommt hinsichtlich der bürgerlichen Gesellschaft zu folgendem Ergebnis der sozialwissenschaftlichen Argumentation; demnach ist der

„’Klassenstandpunkt’ […] nicht Ergebnis einer außerwissenschaftlichen Vorentscheidung, sondern ergibt sich aus der wissenschaftlichen Analyse selbst, weil bei historisch-gesellschaftlicher Konkretion die Umwelt sich notwendig als Klassenwirklichkeit verdeutlicht, wobei auch ‚Parteilichkeit’ in dieser Wirklichkeit selber liegt, weil jeder sich notwendig auf der einen oder anderen Seite des Klassenantagonismus befindet“ (Holzkamp zitiert nach Markard 2000, 34).7

Der abstrakte und theoretisch hergeleitete Klassenantagonismus der bürgerlichen Gesellschaft ergibt sich aus der strukturellen Trennung von Kapital und Arbeit, als grundlegender Bestandteil und grundlegende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Das Kapitalverhältnis muss nach Marx Ausgangspunkt und Endpunkt einer Strukturanalyse sein (vgl. MEW 13, 637f.), jedoch, wie ich im nächsten Kapitel deutlich mache, ausgehend von den Subjekten und ihrer ersten geschichtlichen Tat, nämlich der Produktion des materiellen Lebens. Als kritischer Psychologe bringt Holzkamp das Subjekt, hier konkret den Forscher bzw. die Forscherin, mit in die Diskussion. Das Subjekt nimmt stets wirkliche Dinge wahr. Dinge, die außerhalb des Subjektes und unabhängig vom diesem existieren. Dabei kann es sich bei dem Wahrgenommenen um wirkiche Dinge, wie auch um wirkliche Beschaffenheiten der Dinge handeln. Hierin liegt zugleich die Möglichkeit der Täuschung der Wahrnehmung, wodurch die Frage nach der Wahrnehmung einen „Erkenntnischarakter“ (Holzkamp) bekommt. „Die Wahrnehmung setzt also die sinnliche Präsenz des Wahrgenommenen voraus (Holzkamp 1976, 22, Herv. i.O.). Das Subjekt hat somit stets einen bestimmten raumzeitlichen Standpunkt zur Welt. Diese Standortgebundenheit des Subjektes ist „deswegen real und unaufhebbar“ (ebd., 27). Das heißt, dass ich als Forscher mir meiner Standortgebundenheit der Erkenntnis und meiner Klassenpositionierung bewusst bin und zugleich der Forschungsgegenstand „unendlich viel mehr ist, als mir aus meiner Perspektive von ihm offenbar wird (ebd., 28, Herv. i.O.).8 Es ist nicht nur die wissenschaftsimmanente Logik die mich zu marxistischen Theorien führt, da sie Begriffe haben, die die Unmittelbarkeit durchdringen und die Stellung des Forschers, der Forscherin zur Welt berücksichtigen, sondern es gilt angesichts des strukturellen Antagonismus im Kapitalismus eine Entscheidung zu treffen. Und hier wird deutlich, dass die empirisch noch unbestimmte Trennung in Kapital und Arbeit verwoben ist mit den oben angeführten gesellschaftlichen Kämpfen, in die das forschende Subjekt von Anfang an einbezogen ist. Meine Entscheidung fällt wissenschaftlich begründet und aus meiner sozialen Position im Klassenantagonismus, aus genannten Gründen, zu Gunsten marxistischer Theorieansätze aus.

Explikation der eigenen Befreiungsperspektive

Mein subjektives Interesse ist ein mehrfaches. Die bestehende Unterdrückung, Ausgrenzung und Ausbeutung von Mensch und Natur ist für mich persönlich unerträglich, d.h. Bestehendes muss verändert werden! In welche Richtung? Marx und Friedrich Engels formulieren, durchaus als politisch-taktisches Zugeständnis an die Anarchisten, als emanzipatorisches Ziel eine Assoziation: „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist“ (MEW 4, 482). Die Grundform muss nach Gustav Landauer (1911) eine Assoziation selbständig wirtschaftender Gemeinden sein (vgl. Landauer 1983, 18). Diese schließen sich, nach Peter Kropotkin, zu einer „Föderation freier Kommunen zusammen“. Wesentlich scheint mir zu sein, dass die Zukunft nicht in eine Romatik verfällt, sondern, dass die Ausdifferenzierungen der aktuellen Gesellschaftsformationen selbst zum Gegenstand der gesellschaftlichen Diskussion gemacht werden. Alex Demirovic macht die emanzipatorische Aufgabe deutlich, wenn er schreibt:

„Danach bedeutet Aufhebung der Arbeitsteilung gerade nicht – und dies ist durchaus im Sinne des gerade in diesem Punkt so häufig mißverstandenen Marx -, hinter das von kapitalistischen Gesellschaften erreichte hohe Niveau gesellschaftlicher Kooperation zurückzufallen, sondern es im Gegenteil noch dadurch zu steigern, dass auch die Form der gesellschaftlichen Kooperation reflexiv zum Gegenstand selbstbestimmter Koordination gemacht wird. Eine Reartikulation kooperativer Praxisfelder stellt eine Rationalitäts- und Komplexitätssteigerung dar, insofern die Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung nach den beiden Richtungen der Entdifferenzierung wie der Ausdifferenzierung reflexiv werden und zu Disposition der sozialen Akteure stehen. Mit einer solchen Strategie der ‚reflexiven Aus- und Entdifferenzierung’ […] könnte systematisch die Kumulation und Konzentration von Entscheidungsbedarf und – kompetenz in staatlichen Entscheidungsinstanzen oder Unternehmensspitzen abgebaut werden“ (Demirovic 1997, 199f.).

Syndikalistisch interpretiere ich seine Dezentralisierung von Entscheidungsprozessen: „Probleme könnten dort entschieden werden, wo sie entstünden, Folgen und Nebenfolgen könnten schnell und flexibel in den Entscheidungsprozess einbezogen werden, und je nach Problemlage könnte der Zuschnitt der sozialen Verhältnisse und ihrer jeweiligen Naturverhältnisse flexibel neu gestaltet werden“ (ders., 200). Doch nicht nur die Entscheidungsebene muss verändert werden, sondern auch die Eigentumsverhältnisse. Das heißt, dass die Produktionsmittel in die Hände der ProduzentInnen gehören. Es geht nicht darum, wie Marx und Engels 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei (zit. Manifest) deutlich machen, persönliches Eigentum in gesellschaftliches Eigentum zu verwandeln, sondern den Charakter des Eigentums zu verändern. Denn es war schon immer gesellschaftliches Eigentum und durch die gemeinsame Tätigkeit der Menschen geschaffen. Es wurde lediglich persönlich angeeignet. Für die Zukunft muss es in den sozialen Kämpfen darum gehen, den Klassencharakter des Eigentums abzuschaffen (vgl. Marx/Engels 1986, 39). Subjektwissenschaftlich formuliert Holzkamp den Freiheitsbegriff:

„’Frei’ ist ein Individuum in dem Grade, wie es an der vorsorgenden gesellschaftlichen Verfügung über seine Lebensbedingungen teilhat, damit seine Bedürfnisse in ‚menschlicher’ Qualität befriedigen kann. Dies bedeutet, dass man von subjektiver Freihheit nur soweit reden kann, wie das Individuum nicht nur unter jeweils bestehenden gesellschaftlichen Lebensbedingungen handlungsfähig ist, sondern auch über die Handlungsfähigkeitsbedingungen selbst verfügt, also diese zur Überwindung darin gegebener Handlungseinschränkungen erweitern kann: Nur auf diese Weise ist ja die Handlungsfähigkeit ‚unter’ Bedingungen nicht durch die Unverfügbarkeit der Bedingungen selbst wieder eingeschränkt, letztlich zurückgenommen“ (Holzkamp 1985, 354, Herv.i.O.).

Politisches Ziel muss es sein, Verfügung über die je eigenen und die gesamtgesellschaftlichen Lebensgewinnungsprozesse zu erkämpfen. Diese reflexive Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen ist Maßstab und Bedingung für die Freiheit des Subjektes. Im Folgenden werde ich dies als emanzipatorische Perspektive benennen.

Befreiung und Emanzipation werden bei Marx synonym verwendet (vgl. Penner 1995, 137). Zuallererst geht es, wie Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie schreibt, darum, einen Zustand der Illusion aufzuheben, der dialektisch zugleich die Illusion benötigt, und den die Religion nach wie vor verklärt, damit der Mensch sich, in Anknüpfung an Ludwig Feuerbach, selbst als sein höchstes Wesen erkennt. Der kategorische Imperativ der Befreiung fordert dazu auf, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes und geknechtetes Wesen ist (vgl. MEW 1, 385). Dabei ist die Befreiung ein aktiver Vorgang, denn „Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden (MEW 3, 6, Herv.i.O.). Die vorliegende Arbeit begreift also mich selbst und die Gewerkschaftsmitglieder in gewerkschaftlichen Bildungsprzessen als Subjekte der Befreiung, darin eingeschlossen die Selbstveränderung. Im Vormärz (1815-1848/49) gehörte der Emanzipationsbegriff zu einem zentralen Bewegungs- und Zielbegriff. „Er bezeichnet die Sache der sozialen Bewegungen, die gegen feudale, nationale, koloniale und patriarchalische Abhängigkeiten kämpfen. Als entscheidender Hebel hierzu wird die Überwindung religiöser und anderer geistiger Abhängigkeit mittels Wissensvermittlung und Erziehung sowie die rechtliche Gleichstellung der Individuen, Klassen, Ethnien und Nationalitäten angesehen“ (Weiss 1997, 274). Deutlich wird an dieser Stelle der Fokus dieser Arbeit: gewerkschaftliche Bildungsprozesse. Denn auch in diesen geht es um die Überwindung nationaler Perspektiven, um einen Kampf gegen das (auch in Gewerkschaften starke) Patriarchat sowie um die Gleichstellung aller Menschen. Zum einen handelt es sich bei den Gewerkschaften um eine quantitativ nicht zu unterschätzende Größe im Klassenkampf, zum anderen geht es in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen um Wissensvermittlung, und wie ich im weiteren Verlauf zeigen werde, um eine zu kritisierende Erziehung der Teilnehmenden zur Unterordnung.

Die Fokussierung auf gewerkschaftliche Bildungsprozesse bedeutet jedoch nicht, dass die Einengung des Emanzipationsbegriffs, wie es Marx in seinen Frühschriften tat, auf die Emanzipation der Arbeiterklasse als Endzweck geteilt wird. Vielmehr geht es um einen zu bearbeitenden Aussschnitt der Realität der zugleich durch die Kritik einen Weg aufzeigt, eine politische Erkenntnisarbeit zu skizzieren, welche das Subjekt im Lehr-Lernverhältnis (Holzkamp) nicht zu einem Objekt des ‚Erziehers’ und/oder der ‚Erzieherin’ macht.

In Anknüpfung an Rosa Luxemburg ist Emanzipation in seiner zentralen Dimension Selbstbefreiung. Etienne de La Boёtie schreibt 1550, dass ein Tyrann nur soviel Gewalt hat „als die, welche man ihm gibt; der nur soviel Macht hat, ihnen zu schaden, wie sie aushalten wollen; der ihnen gar kein Übel antun könnte, wenn sie es nicht lieber dulden als sich ihm widersetzen möchten“ (Boёtie 1991, 11). Notwendig ist einerseits eine „Subjektentwicklung“, was bedeutet, immer mehr „Klarheit über die eigenen Interessen in ihrem Verhältnis zu den Interessen anderer“ (Holzkamp 1997, 142) zu bekommen. Es ist stets ein Zusammenfallen von einer Veränderung der Umstände und der Selbstveränderung. Das heißt auch, dass es nicht um eine rein intellektualistische Veränderung geht, sondern um eine reale Veränderung, um eine revolutionäre Praxis. Marx schreibt in seinen Thesen über Feuerbach: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (MEW 3, 7; Herv. i.O.).

Politisches Ziel muss es, nach Landauer, sein, sich als Assoziation zunächst neben den existierenden bürgerlich-kapitalistischen Strukturen zu konstituieren (vgl. Landauer 1983, 21). Landauer begreift den Staat als gesellschaftliches Verhältnis, und dieses Verhältnis ist veränderbar, wenn die konkreten Menschen sich anders zueinander verhalten (ebd.). Und wenn die Menschen sich anders zueinander verhalten, dann werden sie, wie Kropotkin schreibt, merken, dass für den bürgerlich-kapitalistischen Staat mit seinen Hierarchien, Regierungen und BeamtInnen nichts übrig bleibt, was die Menschen nicht auch selbst organisieren können (Kropotkin o.J., 10). Mit Marx muss jedoch die Selbstbefreiung realtiviert werden, denn der konkrete Mensch ist ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, was sich u.a. im Habitus (Bourdieu) zeigt und seine Realisierung der Selbstbefreiung beeinflusst. An diesem Punkt stellt sich die Frage nach der aktuellen Konstituierung des gewerkschaftlichen Subjektes und die Frage nach dessen bildungs- und lerntheoretischer/- praktischer (weil gelebter) Konstruktuion.

Zum Schluß dieses Unterkapitels muss jedoch betont werden, dass es sich hierbei lediglich um die Explikation meiner politischen Perspektive handelt. Die notwendige Veränderung der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung ist ein emanzipatorischer Prozess, (nach dem derzeitigen Stillstand von Makro-Transformationsperspektiven, und in der derzeitig pluraleren Ausgestalltung der gesellschaftlichen Kräfte) in Anknüpfung an die Zapatisten, in dem wir alle gemeinsam fragend vorangehen. Somit ist es zugleich ein Prozess der im Alltag, seinen Praxen, Verhältnissen und Kooperationen durch die Subjekte vollzogen werden kann und m.E. auch muss.

WissenschaftlerIn als organische Intellektuelle

Antonio Gramsci gibt einen differenzierten Blick auf die konservierenden Säulen kapitalistischer Vergesellschaftung. Er erkennt einerseits den Klassenantagonismus auf abstrakter Ebene an, macht aber zugleich deutlich, dass die Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise zu unterschiedlichen Schichten führt. Er schreibt: „Jede Gruppe, deren Ursprung auf eine wesentliche Funktion in der Welt der Produktion zurückgeht, bringt gleichzeitig, organisch eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen hervor, die ihr nicht nur auf ökonomischen, sondern auch auf sozialem und politischem Gebiet Homogenität und das Bewußtsein ihrer eigenen Funktion verleihen. Der kapitalistische Unternehmer schafft mit sich zugleich den Techniker der Industrie, den Wirtschaftswissenschaftler, den Organisator einer neuen Kultur, eines neuen Rechts usw.“ (Gramsci zitiert nach Bischoff 1981, 110). Die bürgerlichen Intellektuellen wirken konservierend auf die bestehenden Verhältnisse, eine widerständische Chance liegt in der organischen Verbindung kritischer WissenschaftlerInnen mit weltweiten emanzipatorischen Kräften. In einem Punkt muss das Gramsci-Zitat relativiert werden. Das kapitalistische System darf nicht personalisiert werden, sondern es muss in seinen Gesetzmäßigkeiten dialektisch analysiert werden. Hinsichtlich der Philosophie hebt Gramsci in den Gefängnisheften hervor, dass eine oberflächliche Analyse offensichtliches zutage fördern kann, nämlich die Persönlichkeit des Philosophen in seinen Werken, eine kritische Analyse ist jedoch auf die Untersuchung gerichtet, was gerade nicht „philosophisch“ ist: die Repräsentation der gesellschaftlichen und klassenspezifischen Affekte. Die Perspektive auf den „Unternehmer“ legt jedoch eine Personalisierung nahe. Hiermit verweist Gramsci zugleich auf die Notwendigkeit einer Diskursanalyse die die Texte von AutorInnen im Kontext der gesellschaftlichen Kämpfe und als Eingriffe analysiert. Doch bei Gramsci ist es nicht lediglich ein noch höherer Philosoph der einem höheren folgt, oder eine Höherentwicklung der Philosophie, sondern ein Theorie-Praxis-Verhältnis, denn es geht darum die Praxis umzuwälzen (vgl. GH 10, § 28, 1279; § 31, 1284f.). Gramsci knüpft hier insbesondere an die 3. und 11. These über Feuerbach (zit. ThF) an, wenn er schreibt: „Es ist dies also der Punkt, wo die Weltauffassung, die Anschauung, die Philosophie ‚wirklich’ werden, weil sie bestrebt sind die Welt zu verändern, die Praxis umzuwälzen. Man kann daher sagen, daß dies der zentrale Knotenpunkt der Philosophie der Praxis ist, der Punkt, wo sie aktualisiert wird und geschichtlich, das heißt gesellschaftlich und nicht nur in einzelnen Köpfen lebt, wo sie aufhört, ‚willkürlich’ zu sein, und notwendig-vernünftig-wirklich wird. Das Problem muß eben geschichtlich gesehen werden“ (GH 10, § 28, 1279). Deutlich wird, dass Philosophie und PhilosophInnen sich in Praxisverhältnissen bewegen und darum ringen, gesellschaftliche Fragen zu lösen. Er macht deutlich, dass bspw. die Intellektuellen aus dem Klassenantagonismus von Kapital und Arbeit bzw. Proletariat und Bourgeoisie hervorgehen. Joachim Bischoff schreibt: „Je nach dem stehen sie entweder im Dienst der herrschenden Klasse und sorgen für die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Hegemonie oder sie sind die Intellektuellen der unterdrückten Klasse und versuchen den gesellschaftlichen Konsens zu durchbrechen, neue Einsichten zu fördern und den Kampf für eine neue Kultur zu führen“ (Bischoff 1981, 110). Problematisch ist der von Bischoff im Subtext angesprochene Partikularismus. Im Gegensatz dazu macht Holzkamp deutlich, dass es nicht um den Kampf eines Partialinteresses gegen ein anderes geht, sondern um „[…]die Durchsetzung gesamtgesellschaftlicher Interessen gegen das Partialinteresse des Kapitals. Der Klassenstandpunkt des um seine Emanzipation kämpfenden Proletariats fällt also tendenziell mit dem gesamtgesellschaftlichen Standpunkt zusammen“ (Holzkamp 1976, 238; Herv.i.O.). In der späteren Darstellung von Holzkamps Kategorie der „restriktiven Handlungsfähigkeit“ wird deutlich werden, dass es nicht um eine resignative „Selbstbeschränkung des Denkens auf Tatsächliches, Gegebenes und die Orientierung des Erkennens an Kriterien der Gewißheit (certidude) und der Genauigkeit (précis), auf eine dem Positivismus eigentümliche Weise miteinander“ (Negt 1974, 12) gehen kann, sondern es muss um die Zurückweisung von Ordnungs- und Kontrollbegriffen gehen. Die wissenschaftliche Arbeit muss erfolgen mit greifenden und begreifenden Begriffen, „[…]welche die unterdrückte und verschleierte Seite eines Objektes öffentlich macht und damit möglichen verändernden Eingriffen zugänglich“ (ders. 1999, 12) wird. Begreifende Begriffe wie bspw. Macht und Herrschaft gehen einerseits von subjektiver Erfahrung aus, der Erfahrung von Herrschaft und Unterdrückung, verweisen aber zugleich auf einen strukturellen Zusammenhang und ermöglichen so diesen zu begreifen und potentiell auch zu verändern. Anders bspw. der in den 1990er Jahren angesagte Begriff der „Erlebnisgesellschaft“, welcher nicht geeignet ist, strukturelle Zusammenhänge zu begreifen, sondern einseitig ein Ereignis auf der Erscheinungsebene aufgreift und unzulässig gesamtgesellschaftlich verallgemeinert. Wer hier Erlebnisse und Freizeit genießt und wer nicht, ebenso welche Strukturen dahinter stehen, wie sich Gesellschaft reproduziert (über freizeitliche Erlebnisse?), usw. bleibt un-begriffen in der bürgerlichen Soziologie. Gramsci macht die „Geschäftigkeit“ (Fromm) bürgerlicher Wissenschaft deutlich, wenn er schreibt: „Es handelt sich also darum, ‚gründlich’ zu studieren, welches die Elemente der bürgerlichen Gesellschaft sind, die den Verteidigungssystemen im Stellungskrieg entsprechen9. ‚Gründlich’ wird mit Absicht gesagt, denn sie wurde zwar studiert, doch nur von oberflächlichen und banalen Gesichtspunkten aus, so wie gewisse Forscher der Sittengeschichte nur die Absonderlichkeiten der weiblichen Mode studieren, oder aber von einem ‚rationalistischen’ Gesichtspunkt aus, das heißt in der Überzeugung, daß bestimmte Erscheinungen beseitigt sind, sobald man sie ‚realistisch’ erklärt hat, als ob man es mit dem Aberglauben des Volkes zu tun hätte (der übrigens auch nicht durch Erklärungen zu beseitigen ist)“ (Gramsci XXX). Gramsci wendet sich hier auch gegen die Vorstellung eines „falschen“ Bewußtseins, statt dessen ist es die Veränderung der Verhältnisse und nicht alleine die Aufklärung, die Veränderungen im „Stellungskrieg“ herbeiführen kann. Als wissenschaftliche Methode ist es die Dialektik die, die dies leisten kann. Marx schreibt:

„In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist“ (MEW 23, 27f.).

Fassen wir kurz zusammen, weshalb die marxistischen Theorien als Referenzpunkte auch heute noch tauglich sind. Zum einen ermöglichen sie eine Entmythologisierung, Entnaturalisierung und Entfetischisierung der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Dies ist, wie gezeigt wurde, mit den vor-herrschenden bürgerlichen Begriffen nicht zu machen. Und zweitens wurde gezeigt, dass es sich um wahre wissenschaftliche und nicht-normative Begriffe handelt, die die reale Welt nicht lediglich verdoppelt widerspiegeln, sondern diese in ihrem Wesen und ihrer Erscheinung analysiert wird, wodurch die Klassenbedingtheit der Begriffe reflexiv durchbrochen wird.

Kritische Soziologie

Oben habe ich dargelegt, dass sich die Marxismen in der Krise befinden, und dass es dennoch notwendig ist, an marxistischen Theorien als Referenzpunkte wissenschaftlicher Analyse festzuhalten. Ebenfalls eine Krise konstatiert 1974 Negt in seinen Vorbemerkungen zur zweiten Auflage der Konstituierung der Soziologie als Ordnungswissenschaft; diesmal bezogen auf die Soziologie. Denn diese wagt einerseits nicht, das Gegebene zu überschreiten, andererseits will sie den Gedanken an Veränderung nicht preisgeben (vgl. Negt 1974, Iff.). Nachdem zunächst Astronomie und Geographie im ptolemäischen Weltsystem den Menschen Orientierungspunkte gaben, um sich in der Welt zurecht zu finden, war es anschließend die Religion, die wissenssoziologisch gesprochen, den Sinn in der Welt stiftete. Die moderne Wissenschaft entstand erst mit der Neuzeit, also der Zeit, in der die Vernunft gegenüber der Religion sich durchsetzte. In ihr wurde der gewollte Fortschritt zum Programm der Gesellschaft. Unter anderem arbeitet Max Weber in seinem Werk XX die Entzauberung der Welt durch Wissenschaft heraus. Die Wissenschaft verläßt sich seitdem auf den Verstand und die menschliche Rationalität. So die vor-herrschende Auffassung. Negt schreibt: „Gesellschaftliche Nützlichkeit und Gesetzeswissen gehen im 19. Jahrhundert eine für moderne Erkenntnis äußerst folgenreiche Symbiose ein. Diesem Wissenschafts-Ideal eifern alle aus dem System der philosophischen Enzyklopädie ausscherenden und sich zu Spezialdisziplinen verkapselnden Wissenschaften nach, in einer geradezu erstarrten Blickrichtung“ (Negt 1999, 11). In der Herausbildung der Soziologie, als eine der Spezialdisziplinen, macht Negt zwei Entwicklungslinien fest. Eine die er als „Ordnungswissenschaft“ kennzeichnet, und die durch Schärfung ihres Methodenarsenals die Entmythologisierung ihrer Erkenntnisobjekte vorantreibt und eine „kritische Gesellschaftstheorie“, die den Blick auf die Totalität der Gesellschaft beibehält und die „[…]Selbstreflexion der Erkenntnisbedingungen als wesentliches Element sozialwissenschaftlicher Objektivität betrachtet“ (ebd., 12). Wolf-Dieter Narr unterteilt 1975 in Logik der Politikwissenschaft – eine propädeutische Skizze drei Theorieansätze:

„1. Die ontologisch-normative Theorie[…].

2. Die deduktiv-empirische und empirisch-generalisierende induktive Theorie[…].

3. Die dialektisch-historische Theorie[…].“ (Schreiber 1990, 2)

Bei der „deduktiv-empirischen“ Theorierichtung gehen Paul Lazarsfeld u.a. davon aus, dass es nicht möglich ist über das Wesen des Seins empirische Aussagen zu machen, da alle Hypothesen sprachlich formuliert sind und empirisch widerlegt werden können. Doch auch diese beschreibende Perspektive durchbricht nicht die Mystifizierung der bürgerlichen Verhältnisse, da sie nicht mit adäquaten Begriffen arbeitet. Die Theorieansätze eins und drei entsprechen der Unterteilung von Negt. Weiter oben habe ich herausgearbeitet, dass es der bürgerlichen Wissenschaft nicht gelingt, ihre eigenen Erkenntnisbedingungen zu reflektieren, da sie nicht dialektisch arbeitet und somit nicht die Prozesshaftigkeit der Welt erkennt. Dies führt, wie ich dargestellt habe, zu einer ahistorischen Begriffsverwendung, die damit die Eigentümlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft nicht adäquat erfassen können. Als Merkmal einer „kritischen Gesellschaftstheorie“ benennt Negt folgendes: „Hier sind es nicht Ordnungsbegriffe, die Ortsbestimmungen im Bestehenden markieren und Grenzpfähle für wissenschaftliche Besitzstände setzen. Vielmehr ist der kritische Zugang zu den Tatbeständen, die in ihrem konstitutiven Vermittlungszusammenhang aufgedeckt werden, stets mit Emanzipationsforderungen gegenüber verdrehten Objekten und menschenfeindlichen Verhältnissen verknüpft. So wie es ist, soll es nicht bleiben!“ (Negt 1999, 12.). Negt verbindet hier die „kritische Gesellschaftstheorie“ mit Emanzipationsforderungen, wie ich sie oben für die marxistische Wissenschaft, als nicht-normativen Standpunkt der Kritik erarbeitet habe. Wie gesagt, die Emanzipationsforderungen ergeben sich aus der objektiven Analyse der destruktiven Kräfte des Kapitalismus, die zu einer permanenten Prekarisierung der Lebensverhältnisse führen. Die negative Dynamik kapitalistischer Vergesellschaftung für das reale Leben und die Entideologisierung eines zentralen bürgerlichen Begriffs, der der Freiheit, macht Marx deutlich, wenn er in den Grundrissen schreibt: „Daher andrerseits die Abgeschmacktheit, die freie Konkurrenz als die letzte Entwicklung der menschlichen Freiheit zu betrachten; […] Es ist eben nur die freie Entwicklung auf einer bornierten Grundlage – der Grundlage der Herrschaft des Kapitals. Diese Art der individuellen Freiheit ist daher zugleich die völligste Aufhebung aller individuellen Freiheit und die völlige Unterjochung der Individualität unter gesellschaftlichen Bedingungen, die die Form von sachlichen Mächten […] annehmen. Die Entwicklung dessen, was die freie Konkurrenz ist, ist die einig rationelle Antwort auf die Verhimmlung derselben durch die Middle-class-Propheten oder die Verteufelung durch die Sozialisten“ (MEW 42, 545 nochmal nachgucken, ob die Quelle stimmt). Comte weißt der Soziologie die Aufgabe zu, die neue Ordnung nach der französischen Revolution wieder herzustellen. Hiermit löst sie die traditionelle Herrschaft und ihre Legitimationsbegründungen ab. Negt beschreibt dies als eine „Faszination der Ordnung“ die sich über die gesamte bürgerliche Soziologie legte, und worin die spezifische wissenschaftliche Absicherung der Legitimation der Herrschaft der bürgerlichen Klasse deutlich wird (vgl. Negt 1974, II). Hegel zeigte auf, dass an ein und dem selben Ort Ordnung und Un-Ordnung herrschen. Und Bertholt Brecht beginnt seine Flüchtlingsgespräche zunächst damit, den Leser und die Leserin in eine positive Verwendung des Ordnungsbegriffs zustimmend einzubinden, um anschließend die Perversion von Ordnung im Nationalsozialismus deutlich zu machen und damit den bürgerlichen Ordnungsbegriff zu zerstören. Der ordentlichste Mensch ist ein KZ-Aufseher, der seine Häftlige auspeitscht, dass die Peitschenhiebe ein Muster ergeben, welches sich mit einem Millimetermaß ausmessen lässt. Brecht pointiert, dass es nirgends mehr Ordnung gibt, als beim Gefängnis oder beim Militär. Für den neoliberalen Vordenker Friedrich von Hayek geht es ganz zentral um eine „spontane Ordnung“; diskursanalytisch knüpft er hier an die positive Konnotation des Ordnungsbegriffes an. Brecht zerstört kritisch den Ordnungsbgriff, wenn er die extremsten Ausprägungen verdeutlicht; Hayek will, keineswegs kritisch, die Menschen dazu zwingen, sich bestimmter allgemeingültiger Verhaltensregeln unterzuordnen, um die „spontane Ordnung“ des Marktes nicht zu gefährden, wodurch diese Ordnung totalitär wirkt. Kritische WissenschaftlerInnen sollten sich von der „Faszination der Ordnung“ also nicht einfangen lassen, denn sie ist trügerisch und nur auf den ersten Blick zustimmungsfähig. Der Soziologe Don Martindale schrieb, die Soziologie sei die „konservative Antwort“ auf die Bewegung des Sozialismus. An dieser Stelle kann vorweggenommen werden, dass dies auch für Bereiche der Psychologie (Massenpsychologie und Sozialpsychologie) so gesehen wird, wie man in einem Journal von 1899 bei Charles A. Ellwood nachlesen kann. Dieser schreibt: „Wenn die Sozialpsychologie die Vollkommenheitsstufe erreicht hat, in der sie eine Doktrin sozialer Verbesserung oder einer ‚sozialen Teleologie’ hervorbringen kann, tritt möglicherweise eine andere Person neben den Sozialisten, die genau weiß, was sie für die Verbesserung der Gesellschaft tun will; diese Person wird der Sozialpsychologe sein“ (Ellwood zitiert nach Markard 2005, 7). Deutlich wird, dass es sich bei der Herausbildung der Soziologie nicht rein um einen Fortschritt von Erkenntnismethoden, als Fortschreiten von Rationalität usw. handelt, sondern dass diese, wie auch andere Wissenschaftsdisziplinen von Anfang an in gesellschaftliche Kämpfe eingebunden sind (vgl. hierzu auch die wissenschaftstheoretischen Untersuchungen Thomas Samuel Kuhn’s zu wissenschaftlchen Revolutionen in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen). Bei Comte finden wir den Gedanken, dass Wissenschaft sich als nützlich für gesellschaftliche Bedürfnisse erweisen soll. Dies ist eine Postulat welches heute, im Zuge der neoliberalen Hegemonie, radikal umgesetzt wird. Kritische Wissenschaft wird massiv aus den Hochschulen gedrängt10. Kennzeichen einer positiven Soziologie, nach Comte, ist die Bewährung im Gegenwärtigen und nicht die Parteiergreifung für eine zukünftige Gesellschaft. Negt schreibt hierzu: „Die Aufklärung, die mit dem Begriff ‚positiv’ ursprünglich noch verbunden ist, löst sich demzufolge nicht durch eine Abweichung von den grundlegenden Prinzipien der positiven Philosophie auf, sondern gerade durch deren konsequente Entfaltung im Comtschen Denken schlägt sie schließlich in eine vernunftlose, geistfeindliche Anbetung des Gegebenen um, der gegenüber der dem ‚Gesetz des Herzens’ (Hegel) unterworfene Verstand das Recht der kritischen Prüfung verliert“ (ders. 1974, 13). In dieser „Anbetung des Gegebenen“ ist die „Ordnungswissenschaft“ nicht in der Lage die Triebkräfte der Veränderung zu benennen. Sie kommen ihr nicht in den Blick bzw. erscheinen lediglich als Störung der herrschenden Ordnung. Ein Instrumentarium ihrer Einhegung und Kanalisierung wird daraufhin entworfen, wie bspw. der Diskurs um die sog. „Politikverdrossenheit“ mit der Suche nach Fremdmotivierung zur politischen Aktivierung der Verdrossenen zeigt, anstatt die Verweigerung an der Ausübung bürgerlich-parlamentarischer Wahlpflichten als Ausdruck für die subjektiv als irrelevant empfundenen Pflichten, vor dem Hintergrund zunehmend prekärer Arbeits- und Lebenserhältnisse zu sehen. Negt konstatiert: „Als lediglich ordnende Disziplin kann sie sich mit phantasiereichen Ordnungsprinzipien im bestehenden Macht- und Herrschaftsgefüge bewegen“ (ders., 1999, 12). Der aktuelle Wissenschaftsdiskurs behauptet, nicht zuletzt nach dem Wegfall der sog. „Systemkonkurrenz“, es mit einer radikal gewandelten Gesellschaft zu tun zu haben, so dass kritische, nach den erkenntnisleitenden Interessen fragende, Wissenschaft mit ihren spezifischen „[…]Methoden- und Begriffswerkzeuge[n] unter keinen Umständen mehr verwendbar[…]“ (ebd., 13) erscheint. Was bis dahin „harter Gegenstand“ von Gesellschaftskritik und eingreifender Veränderung war, „[…]wird in der Phase der postmodernen Verabschiedungen kaum noch als bearbeitbares, also umgestaltbares Material wahrgenommen“ (ebd., 16). So kritisiert bspw. Jürgen Ritsert, dass innerhalb der Diskussion um die Frage, ob es Klassen gibt oder nicht, soziale Diskrepanzen nicht aus der Welt, sondern lediglich aus dem Blickwinkel postmoderener Soziologie verschwinden (vgl. Ritsert 1998, 133). Die Tragweite dessen macht Paul Nolte 2001 in einem Zeit-Essay deutlich, wenn er darauf hinweist, dass den PolitikerInnen, und ich füge hinzu, auch den main- und malestream SozialwissenschaftlerInnen, das Bewusstsein dafür fehlt, in welcher Gesellschaft wir alle leben. Die Begriffe zum Erkennen dieser Gesellschaft werden systematisch zerstört und Erfahrung und Geschichte gleich mit ausgelöscht. Ehemals kritische „Substanzbegriffe“ werden über Bord geworfen. Die Begriffe „[…]Herrschaft, Macht, Entfremdung und Selbstentfremdung verschwinden aus dem Spektrum einer soziologischen Ordnungswissenschaft, die nur noch zur Klärung jener Begriffe und Formeln beitragen möchte, die in der Gesellschaft ohnehin umlaufen“ (ebd., 18). Den vorläufigen Sieg der bürgerlichen Wissenschaft faßt Negt wie folgt zusammen: „Die postmodernen Denker haben nahezu alle Kategorien, die dem Begreifen des gesellschaftlichen Ganzen dienten, Totalität, Dialektik, kollektives Gedächtnis, Arbeit und Produktion porös gemacht und auf den Kehrichthaufen der Geschichte geworfen“ (ebd., 19). Aus feministischer Perspektive müssen die von Negt angeführten kritischen Begriffe mindestens um die Begriffe „Ungleichheit“, „Frauenunterdrückung“ und „Frauenunterwerfung“ erweitert werden (vgl. Haug, F. 1999a)11. Christiane Leidiger kritisiert die Aussonderung der Begriffe „Unterdrückung“ und „Widerstand“, da sie dem herrschenden Begriffsgeschmack nicht mehr treffen. In ihren politik-theoretischen Überlegungen zu Unterdrückung und Widerstand macht sie sich für die Begriffe Hetereosexismus und Zwangsheterosexualität als Analyse politischer Institutionen stark, um Herrschaft und Unterdrückung in den Geschlechterverhältnissen benennen und analysieren zu können. Heterosexismus ist dabei die Benennung eines konkreten Herrschaftsverhältnisses und Zwangsheterosexualität die Kategorie mit der die politische Institution theoretisch und empirisch gefasst werden kann (vgl. Leidiger 2002, 51f.). Ritsert spricht von einer letztlich „kontroversenarmen Soziologie“ in der sich eine „Dentalchirurgie“ durchsetzt, welche die Soziologie zahnlos dastehen lässt und der die Zähne, in Form von Fragen nach sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit, herausgebrochen wurden, weil es sich um „Wertungen“ handeln könnte (vgl. Ritsert 1998, 147). Diese Arbeit versteht sich auch als eine „progressive Rückerinnerung“ (Keiler). Denn theoretisch veraltetes und praktisch gescheitertes lastet wie ein „Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ (MEW 8, 115). Wie Frigga Haug in meinem Studium immer sagte: „Ralf, so kannst Du doch nicht wirklich denken.“ Und das gerade, wenn ich dachte, ich hätte eine Theorie verstanden, dann war es doch nur eine, die sich im gesellschaftlichem und theoretischem Kampfe mit einer anderen befand. Marx beschreibt den harten Kampf und die vielen Niederlagen auf dem Weg der Befreiung in Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Rosa Luxemburg knüpft hieran an, wenn sie schreibt:

„Gigantisch wie seine Aufgaben [die des Proletariats, R.B.] sind auch seine Irrtümer. Kein vorgezeichnetes, ein für allemal gültiges Schema, kein unfehlbarer Führer zeigt einem die Pfade, die es zu wandeln hat. Die geschichtliche Erfahrung ist seine einzige Lehrmeisterin, sein Dornenweg der Selbstbefreiung ist nicht bloß mit Irrtümern gepfalstert. Das Ziel seiner Reise, seine Befreiung hängt davon an, ob das Proletariat versteht, aus seinen Irrtümern zu lernen. […] Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung“ (GW 4, 53).12

Lernprozesse werden existentielle Voraussetzung für das Subjekt, wie für die Organisation (bspw. die Gewerkschaften) in der es tätig ist. Luxemburg wendet sich gegen eine zentralisierte Führung. Sie hebt statt dessen die Bedeutung eines geschulten Proletariats hervor, welches durch seine Tätigkeit sich selbst verwirklicht. Festgehalten werden kann zum einen, dass zur Selbstbefreiung eine „progressive Rückerinnerung“ notwendig ist, gewerkschaftliche Lernprozesse also stets historisch und materialistisch sein müssen. Zum anderen, dass Theorien auf ihren Kontext hin untersucht werden müssen, um überholtes in der Geschichte zu lassen und brauchbares in einen aktuellen Kontext zu stellen. Hieraus ergeben sich mehrere Fragen und Probleme. Zum einen erscheint es mir notwendig, tragende Gedanken marxistischer WissenschaftlerInnen hier relativ ausführlich darzustellen, und sie dabei selbst, vermittelt über Zitate, ‚sprechen’ zu lassen. Es ist dies also ein wissenschaftspolitischer und wissenschaftshistorischer13 Ansatz, denn es geht darum, Theorien gegen die vor-herrschende Fetischisierung der Verhältnisse zu retten. Doch es kann nicht nur darum gehen Altes zu bewahren, sondern es muss auch gezeigt werden, inwieweit die Begriffe heute noch Handwerkszeug kritischer Analyse sind und wo sie der historisch-konkreten Gesellschaftsformation nicht mehr adäquat sind. Zudem muss die historisch-konkrete Gesellschaftsform, wie im nachfolgenden Kapitel ausgeführt wird, als Konkretion zunächst herausgearbeitet werden. Das heißt, in einem ersten Schritt geht es darum analytische Begriffe bereitzustellen, sie anzuordnen, methodologische Fragen zu klären, um sie in einem nächsten Schritt mit den konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen zu konkretisieren. Dabei ist Begriffsarbeit ein Voranschreiten vom alltäglichen Vorwissen und alltäglichen Erfahrungen hin zu einer „Überwindung von Vordergründigkeiten, Scheinhaftigkeiten, Parzellierungen in Richtung auf die Explikation der wirklichen, wesentlichen Zusammenhänge“ (Holzkamp 1976, 21). In einem dritten Schritt wird diese theoretische Vorarbeit anhand eigener aktual-empirischer (Holzkamp) Forschung geprüft und durch diese Praxis weiterentwickelt. Zum Verhältnis von Theorie und Empirie machen Marx und Engels in der Deutschen Ideologie (zit. DI) klar, dass Abstraktionen lediglich ordnende Funktion haben, dass es aber stets um das Studium der wirklichen Lebensbedingungen geht. Mit diesem Studium wird gleichzeitig die „spekulative Philosophie“ überwunden und Wissenschaft wird zur „positiven“ Wissenschaft. Sie schreiben:

„Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammenfassung der allgemeinsten Resultate treten, die sich aus der Betrachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese Abstraktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert. Sie können nur dazu dienen, die Ordnung des geschichtlichen Materials zu erleichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten. Sie geben aber keineswegs, wie die Philosophie, ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtlichen Epochen zurechtgestutzt werden können. Die Schwierigkeit beginnt im Gegenteil erst da, wo man sich an die Betrachtung der Ordnung des Materials, sei es einer vergangenen Epoche oder der Gegenwart, an die wirkliche Darstellung gibt“ (MEW 3, 27).

Max Horkheimer formulierte, in seiner Antrittsrede am Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main, die unterschiedlichen Wirklichkeitsbegriffe der Sozialphilosophie als eine „Verlegenheit“, die dazu führt, dass unterschiedliche wissenschaftliche Theorien auf „Glaubensakte“ reduziert werden. Horkheimers Antwort auf die Krise der Sozialphilosophie ist nicht eine konstruktivistische oder hermeneutische, sondern eine, heute würde mensch sagen, interdiziplinäre. Denn er fordert dazu auf, interdisziplinär den aufs „Große zielenden philosophischen Fragen anhand der feinsten wissenschaftlichen Methoden zu verfolgen“ (Horkheimer XXX, 9?), wobei die Theorie so offen sein muss, sich vom Fortgang der (empirischen) Studien beindrucken und verändern zu lassen.

Bevor ich dieses Kapitel abschließe, werde ich mit Holzkamp deutlich machen, wie die vor-herrschende Wissenschaft nicht nur, wie oben beschrieben, den Blick auf das gesellschaftliche Ganze verliert, kritische Begriffe über Bord schmeißt und die gesellschaftlichen Kräfte ausblendet und somit den derzeitigen Herrschafts-Zustand naturalisiert, sondern zudem noch Begriffe entwirft durch die die historisch-konkreten Menschen kontrolliert und vereinzelt werden.

Kritische Psychologie

In seinem 1983 gehaltenen Vortrag Der Mensch als Subjekt wissenschaftlicher Methodik an der 1. internationalen Ferienuniversität Kritische Psychologie in Graz legt Holzkamp dar, dass die traditionelle Psychologie experimentell arbeitet, ihre Begriffe jedoch nicht hinterfragt. Dies führt dazu, dass ein Experiment lediglich zeigen kann, ob ein Zusammenhang zwischen a und b besteht, nicht jedoch ob die Begriffe tauglich sind. Für Holzkamp ergibt sich daraus die Frage, wo kommen die Begriffe her und wodurch bekommen sie ihre Wissenschaftlichkeit? Seine Antwort: Die Begriffe sind tradierte Begriffe, Begriffe des Alltagsverstandes und der Beobachtung. Eine ähnliche These stellt Antonio Labriola 1898 auf, wenn er scharfsinnig feststellt:

„Mit der Psychologie ist nicht zu spaßen. Ich wüßte nicht in wenigen Worten zu sagen, wieviel von ihr zu den Prämissen der Ökonomie gehören soll. Ich bin aber sicher, daß die meisten psychologischen Begriffe, die Hedonisten und Nicht-Hedonisten der Ökonomie unterjubeln, irgendwie ausgeklügelt und nicht wissenschaftlich fundiert, als seien sie aus der Umgangssprache wie zufällig herausgegriffen und nicht kritisch abgewogen[…]“ (Labriola 1974, 429; Herv.i.O.).

Und auch Negt stellt ähnliches bei postmodernen Begriffsverwendungen fest. Nach Holzkamp stellt dies einen ungeheuren „Mangel“ dar:

„Unserer Annahme nach ist das ein ungeheurer Mangel und zwar deswegen, weil das, was in den Untersuchungen überhaupt passieren würde, von den Grundbegriffen abhängt, und wenn die also beliebig sind, dann ist im Grund das, was da experimentell untersucht wird, auch beliebig. Nicht die Ergebnisse, die sind nicht beliebig, aber in dem, was man untersucht. Was bedeutet das, welche Relevanz hat das, in welchem Zusammenhang ist das zu sehen, was da untersucht wird? Die Frage ist eigentlich nicht behandelbar, wenn man diese Frage nach der Entstehung und der Berechtigung der Grundbegriffe nicht auch dazustellt“ (Holzkamp 1983,XX Seite bzw. html).

Aus dieser Feststellung heraus ergibt sich für die Kritische Psychologie die Aufgabe erstmals wirklich wissenschaftliche Begriffe für die Psychologie zu erarbeiten. Die Kritische Psychologie ist demnach keine Spezialdisziplin innerhalb der Psychologie oder eine bestimmte Schule, sondern ein grundlegender Paradigmenwechsel in dem erstmals wissenschaftliche Begriffe in der Psychologie entwickelt und kategorial angeordnet werden. Sie ist somit die Antwort auf eine dritte Krise: Die Krise der Psychologie. Was kritisiert nun Holzkamp genau an der traditionellen Psychologie? Holzkamp spricht in diesem Vortrag über die Gemeinsamkeiten der Begriffe der traditionellen Psychologie und geht nicht auf unterschiedliche Richtungen ein. Er stellt fest: „Diese Gemeinsamkeit, wenn man sie auf einen einfachen Nenner bringen will, ist die Annahme der unmittelbaren Abhängigkeit des Verhaltens der Individuen von ihren Umwelt-Bedingungen. Leontjew hat das mal Unmittelbarkeitspostulat genannt“ (Holzkamp 1983, XX). Hierauf bin ich weiter oben schon einmal kurz eingegangen. Was heißt dies nun konkret? In der traditionellen Psychologie werden die Menschen zwar nicht immer rein isoliert, sondern auch im Kontext ihrer unmittelbaren Umgebung analysiert, aber die „Vermittlung“ ihres individuellen Lebens gerät aus dem Blick. Das heißt, die Menschen reagieren nicht nur auf ihre Umwelt, sondern ihre „individuelle Reproduktion“ ist über die „gesamtgesellschaftliche Produktion“ vermittelt. Hierauf wird im Kapitel zu Holzkamp noch tiefer eingegangen. Die Lebens-Umwelt der Menschen wird nicht als produzierte, sondern als natürliche aufgefaßt. Holzkamp sagt: „So, und dabei ist also ein Aspekt wichtig, daß das eine Doppelbeziehung ist: die Menschen schaffen einmal Lebensverhältnisse und gleichzeitig existieren sie unter diesen Lebensverhältnissen. Der Mensch ist sowohl Produzent seiner Lebensbedingungen, er ist diesen aber auch unterworfen“ (Holzkamp 1983, XX). Und diese erste Seite, also die Produktion und Reproduktion, bleibt in der traditionellen Psychologie ausgeblendet. Holzkamp formuliert als zentrale Kritik der Kritischen Psychologie: „Also das ist sozusagen unsere zentrale Kritik an diesem Unmittelbarkeitspostulat, daß hier der Mensch nur als unter Bedingungen stehend aufgefaßt wird, aber die Wechselbeziehung zwischen dem Menschen als Produzent der Lebensbedingungen und einem Individuum, das auch wieder unter von Menschen produzierten Bedingungen steht“ (Holzkamp 1983, XX). Es geht also um die Totalität von Gesellschaft, um die „verschiedenartigsten Abhängigkeitsverhältnisse“ (Labriola) in denen wir (also auch ich als Forscher stehe nicht außerhalb) uns befinden. Holzkamp macht deutlich, dass eine Kritik die lediglich darauf abzielt die Gesellschaft mit in die Analyse hineinzunehmen zu kurz greift. Denn die Kritik der Kritischen Psychologie trifft in gewisser Weise ebenso auf die bürgerliche Soziologie wie auch auf die Psychologie zu, denn diese begreifen den Menschen lediglich als verhaftet in seiner Umwelt. Es ist nicht so, dass sie Umwelt gar nicht berücksichtigen. Jedoch ist die Gesellschaft stets vorgegeben, das Subjekt ist demnach stets irgendwelchen Normen, Bedingungen und Strukturen unterworfen. Die Frage, wie sich das Subjekt da hineinentwickelt und wie es fähig und motiviert ist „[…]am Prozeß der Schaffung der [eigenen; R.B.] Lebensbedingungen teilzunehmen[…]“ (Holzkamp 1983, xxx) fällt in der bürgerlichen Wissenschaft weg. Und das sind die Fragen dieser Arbeit, denn es geht um die ideologische Selbst- und Fremd-Vergesellschaftung von Gewerkschaftsmitgliedern. Also die Frage danach, wie sie die aktuellen Transformationsprozesse in den angebbaren Bedingungen mitgestalten. Im Rahmen einer solchen Arbeit kann nie die gesamte Bevölkerung untersucht werden. Daher liegt der empirische Ausschnitt auf Gewerkschaftsmitgliedern. Diese sind insofern besonders relevant, da sie die Machtbeziehungen, welche in der Mehrwertproduktion mit ihrer Beziehung zu politisch-ideologischen Strukturen, alltäglich erfahren, leben und verändernd reproduzieren. An dieser Stelle sei schon darauf hingewiesen, dass die Tätigkeit der Menschen, ihre Alltagspraxen, stets beides sind: Wiederholung und Neuerschließung (vgl. Hörning 2004, 33). Eine Materialisierung dieser Machtbeziehung ist der Betrieb als ein Ort der „Abpressung von Mehrarbeit und der Ausübung dieser Machtbeziehungen“ (Poulantzas 2002, 65). Kritisch-psychologisch ist dabei der Betrieb ein Ensemble von Bedeutungsstrukturen, also eine sinnlich-praktisches „Arrangement von vergegenständlichten sachlich-sozialen Handlungsmöglichkeiten, -beschränkungen und –widersprüchen“ (Holzkamp 1995, 346). Zusammengefaßt liegt also die Relevanz des Forschungsvorhabens in der alltäglichen Reproduktion von Macht- und somit Klassenbeziehungen begründet. Zusätzlich zu den oben genannten Kriterien für Begriffe hält Holzkamp fest: „So, nun also ist klar, daß unsere Grundkategorien nun so beschaffen sein müssen, dass sie nicht diesem Unmittelbarkeitspostulat verfallen, sondern diesen Zusammenhang zwischen Existieren unter Bedingungen und Produzieren derselben herstellen“ (Holzkamp 1983, XX).

Bis hier her kritisiert Holzkamp also die Unmittelbarkeitsverhaftetheit der bürgerlichen Wissenschaft und ihre Begriffe, da sie nicht geeignet sind, die Vergesellschaftungsprozesse wissenschaftlich zu fassen. Holzkamp führt jedoch noch eine weitere Kritik an, nämlich dass die Begriffe der bürgerlichen Psychologie nicht „gegenstandsadäquat“ sind. Aus der Perspektive der Kritischen Psychologie muss gesichert sein, dass die jeweilige Forschung mit adäquaten Methoden durchgeführt wird. Adäquat ist Forschung, zum einen, wenn sie den kategorialen Bestimmungen entspricht, zum anderen, wenn sie das Moment der „Verfügung der Menschen über ihre Lebensbedingungen“, und nicht nur ihre Bedingtheit, erfassen kann. Holzkamp macht klar, dass die bürgerliche Psychologie ihre Experimente so gestaltet, das die beforschte Person keinerlei Einfluß auf die Rahmenbedingungen hat, und dass viel Energie darauf verwendet wird sog. „Störbedingungen“14 aus dem Forschungsprozess zu eliminieren. Holzkamp stellt fest: „Und damit ist auch klar, daß in diesem ganzen methodischen Modell implizit eine Bestätigung der bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse drin ist, und deswegen haben wir also dieses Konzept Kontrollwissenschaft genannt“ (Holzkamp 1983, XX; Herv. R.B.). Hier reproduziert sich auf psychologischer Ebene die bestehende Ordnung der Gesellschaft.15 Gegen dieses bürgerliche Objektivitätsverständnis, kommt es nun darauf an, Objektivitätskriterien zu entwickeln, die dem Gegenstand adäquat sind. Nicht unterschritten werden darf, das „Moment der Intersubjektivität“, also dass der bzw. die ForscherIn selbst mit im Forschungsprozeß drin steckt. Ein Außenstandpunkt bedeutet immer eine kontrollwissenschaftliche Perspektive einzunehmen. Demnach ist es wichtig, dass ich mich selbst mit meiner Motivation in der Forschung reflektiere und mich frage, was sowohl für die Betroffenen wie auch für mich aus der Forschung herauskommen soll. Daraus ergibt sich ein weiterer wichtiger Punkt. Die Begriffe dürfen keine Kontrollbegriffe sein. Als solche benennt Holzkamp bspw. (bezogen auf die pädagogische Wissenschaft) Begriffe wie ‚Frechheit’, ‚Trotz’, ‚Bockigkeit’, ‚Faulheit’, ‚Albernheit’ usw. Aus der Perspektive der Kritischen Psychologie müssen es also Begriffe für die Betroffenen sein; Begriffe mit denen sie ihre Handlungsproblematik begreifen und dadurch verändern können. Daher ist es „[…]entscheidend, daß bei diesen subjektwissenschaftlichen Forschungen unbedingt das gemeinsame Interesse der Betroffenen, nämlich sowohl des Forschers wie der Betroffenen, daß dieses gemeinsame Interesse an einem Stück Verfügungserweiterung unbedingte methodische Voraussetzung ist“ (Holzkamp 1983, XX). Hierzu ist es notwendig die beforschten Subjekte, notfalls, zu qualifizieren, um sie als MitforscherInnen beteiligen zu können. Dies geht aber nur, wenn die Forschung auch im Interesse der Beforschten ist. Und hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zur bürgerlichen Psychologie, denn dort ist es die Frage danach, wie ich Menschen dazu bringe, das zu tun, was sie tun sollen (s.o. die Anmerkung zur Politikverdrossenheit). Rainer Schnell, Paul B. Hill und Elke Esser kritisieren in ihrem Buch Methoden empirischer Sozialforschung die Aufgabe „herkömmliche[r] Ansprüche der Wissenschaft“ (dies. 1992, 104) durch Holzkamp und seine Hinwendung zu einer „außerwissenschaftlichen Legitimation“. Die Forderungen nach „Überwindung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse“ usw. werden von ihnen aus dem Zusammenhang gerissen und als „normative Fragmente des Marxismus“ abqualifiziert. Sie konstatieren: „Nicht mehr die Übereinstimmung von Theorie und Realität ist ausschlaggebend, sondern die ‚wissenschaftliche’ Unterstützung oder Verhinderung von gesellschaftlichen Zuständen“ (ebd., 105). Deutlich wird hier, dass die AutorInnen den marxistischen Praxisbegriff nicht verstanden haben. Ebenso bleibt die Kritik an der Verdoppelung von Wirklichkeit durch die bürgerliche Wissenschaft ausgeblendet. Auch wird der eigene Klassenstandpunkt nicht reflektiert. Wodurch es zum irrigen Festhalten an wissenschaftlicher Neutralität kommt.

Auf der 2. internationalen Ferienuniversität Kritische Psychologie 1984 in Fulda kommt Holzkamp zu einem vernichtenden Urteil über die bürgerliche Psychologie, m.E. auch zu verallgemeinern auf die bürgerliche Wissenschaft, wenn er sagt:

„In der genannten Selbstverständlichkeit zeigt sich nämlich, daß hier in Denken und Handeln die in dieser Gesellschaft herrschenden Gedanken und Praxen bewußtlos und blind reproduziert werden. Dies bedeutet nicht nur, daß hier die Oberflächensicht des in der Unmittelbarkeit stehenden Alltagsdenkens verdoppelt wird, sondern auch, daß die Unterdrückungsverhältnisse und deren Mystifikation in der bürgerlichen Gesellschaft sich ‚hinter dem Rücken’ in solchen Theorien und der dadurch eingeleiteten Praxis durchsetzen müssen. Ich kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Unserer Auffassung nach gehören nicht nur alle psychologischen Alltagstheorien […] zu dem geschilderten Typ von Theorien, sondern im Prinzip auch alle wissenschaftlichen und wissenschaftlich gemeinten Theorien, soweit sie im Rahmen und in den Schranken der traditionellen bürgerlichen Psychologie entwickelt wurden. Gleichviel wie man die hier vorliegenden Versuche der Verwissenschaftlichung von Theorien bestimmen und beurteilen möchte, in einem wesentlichen Punkt unterscheiden sie sich nicht von diesen Alltagstheorien[…]: Sie reproduzieren nämlich wie diese unreflektiert das Denken und die Praxis in den Formen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie enthalten und befestigen damit quasi verdoppelnd die Oberfläche der bürgerlichen Lebensverhältnisse und die darin liegenden Herrschaftsstrukturen und Mystifikationen“ (Holzkamp 1986, 92f.; Herv.i.O.).

Dies ist zugleich das Fazit dieses Kapitels, denn Holzkamp faßt hier die wesentlichen Kritikpunkte zusammen, wie ich sie anhand von Marx, Heinrich, Lefèbvre und Negt erarbeitet habe.

1 Auf anhieb fällt mir jedoch keine Arbeit bürgerlicher WissenschaftlerInnen ein, die begründen, warum sie bspw. nicht materialistisch arbeiten. Eine Reflexion über ihre politischen und methodologischen Voraussetzungen findet m.E. nicht statt. Diettrich bennet hier zwei Gründe für die fehlende Offenlegung des Erkenntnisintreesses und des Vorverständisses bürgerlicher WissenschaftlerInnen: 1) Vorherrschende Theoriegebäude sind herrschend, theoretisch und durch ihren gesellschaftlichen Einfluss und bedürfen, aus ihrer Perspektive, keiner Begründung mehr. 2) Bürgerliche WissenschaftlerInnen positionieren sich auf das Postulat der Wertfreiheit und politischer Neutralität, ohne jedoch zu erkennen, dass sie Teil des Klassenkampfes um eine vielfälltige Hegemonie sind. (vgl. Diettrich 1999, 16, Fn. 6)

2 Klaus Holzkamp verwendet 1976 lieber den Begriff „gnoseologisch“, als Synonym für Erkenntnistheorie (Wissenschaftstheorie) und Epistemiologie, da er diesen Begriff für philosophisch am wenigsten vorbelastet hält (vgl ders., 22, Fn. 2).

3 Vgl. hierzu kritisch Krätke 1998, 53.

4 Dies verweist auch auf die Endlichkeit von marxistischer Theoriebildung, denn die Theorien haben nur Gültigkeit insofern sie gesellschaftliche Fragestellungen ihrer Epoche wissenschaftlich fassen können und einer Lösung/ Überwindung/ Aufhebung zuführen können.

5 Klopffechter waren Handwerksburschen, die sich für Geld herumbalgten. Bei Klopffechterei handelt es sich um unfruchtbare Spitzfindigkeiten von Gelehrten.

6 Rechtfertigung einer Lehre.

7 Siehe hierzu auch Elmar Altvater: „[…]von Anfang des bürgerlichen Zeitalters an gibt es den keineswegs ‚feinen Unterschied‘ zwischen haves and have-nots, die Grundlage der Akkumulation von Wohlstand und Reichtum und der gesellschaftlichen Verbreitung der sozialen Unterschiede in gegensätzliche Klassenlagen“ (Altvater 1991, 73). Zu diesem Zeitpunkt der Argumentation ist lediglich der strukturelle Antagonismus den die kapitalistische Produktionsweise produziert und zu ihrer Bedingung hat angesprochen. Im Kapitel zu Hegemonie und Gegen-Hegemonie wird dargelegt, dass der strukturelle Antagonismus nicht zwangsläufig antagonistische Interessen hervorbringt, sondern dass in der „Unmittelbarkeitsverhaftetheit“ (Holkamp) von einem Allgemeininteresse gesprochen werden kann. Die Subjekte sind im Kapitalismus, obwohl strukturell individualisiert, miteinander vermittelt. Ein individueller Beitrag zur Systemerhaltung scheint subjektiv funktional zur individuellen Reproduktion, wodurch der strukturelle Antagonismus auf der unmittelbaren Ebene nicht als solcher wahrgenommen wird, sondern lernend aufgeschlossen werden muss. Herzu im Verlauf der Arbeit mehr.

8 Im Unter-Kapitel zur Widerspiegelungstheorie komme ich auf diesen Aspekt und den Aspekt der Totalität der Welt zurück.

9 Nach der Spaltung in eine sozialistische Sowjetunion und in westliche Demokratien analysiert Gramsci, im Westen, einen Übergang vom Bewegungs- zum Stellungskrieg. In diesem wird nicht mehr vorwiegend militärisch gekämpft, sondern alle Fraktionen kämpfen um die Vorherrschaft in den Köpfen der Menschen.

10 Siehe Kapitel 11.

11 Siehe Kapitel 3.

12 In einem kritischen Rückblick darf die Pervertierung der notwendigen Selbstkritik im Stalinismus nicht entnannt werden. Wolfgang Leonhard beschreibt in Die Revolution entlässt ihr Kinder den Effekt der organisierten Selbstkritik: „Heute, auf diesen ersten Kritik- und Selbstkritik-Abend zurückschauend, fällt es mir nicht mehr schwer, das System zu erkennen. Harmlose, nebensächliche, völlig unpolitische Aussprüche wurden ins Riesenhafte vergrößert und verzerrt, so dass charakterliche Eigenschaften und politische Konzeptionen erkennbar schienen. Danach wurden diese (nie formulierten) politischen Konzeptionen mit (ebenfalls nie ausgeführten) politischen Handlungen gleichgesetzt und schließlich die grauenhaften Konsequenzen vor Augen geführt“ (Leonhard 1990, 275). Dies ist ausdrücklich nicht gemeint, wenn es um Selbstkritik, Selbstschädigung und adäquate Erkenntnis geht! Die Folgen für den Menschen und seine Peer-group beschreibt Leohnhard wie folgt: „Die erste Selbstkritik hatte nicht nur mich, sondern auch die anderen Schüler unserer Gruppe verändert. Wir waren ernster und vor allem vorsichtiger in unseren Äußerungen geworden. Die stürmischen Begrüßungen, freien Erzählungen, jubelnden Ausrufe unterblieben. Wir Jüngeren, die wir damals zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, benahmen uns wie gesetzte, alte Parteifunktionäre, dieihre Worte ruhig und überlegt wählten. [Übrigends ein noch heute in Parteien aller Coleur zu beobachtendes Phänomen, R.B..]“ (ebd., 282).

13 Wobei hier angemerkt werden muss, dass mir die entsprechende Ausbildung fehlt, um adäquat wissenschaftshistorisch zu arbeiten. Nichts desto trotz ist dieser Aspekt im Subtext enthalten.

14 Das kritische Menschen innerhalb der „Ordnungssoziologie“ Störfaktoren sind, habe ich weiter oben formuliert.

15 Vgl. hierzu Negts Kritik an der Ordnungssoziologie.

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