Kap. 11 Forschungsdesign: Eingreifende qualitative Sozialforschung

Forschungsdesign: Eingreifende qualitative Sozialforschung

In diesem Kapitel gilt es eine mehrfach schwierige Aufgabe zu lösen bzw. im Rahmen dieser Arbeit gegenstandsadäquat zu klären. Zum einen konstatiert Morus Markard 1987 eine „Hegemonie des quantitativ-statistischen mainstreams“ (vgl. Markard 1988, 97)1, zum anderen konstatiert F. Haug aus feministischer Perspektive, dass bisherige Wissenschaft „männlich“ ist (vgl. Haug, F., 1999a, 44; Harding 1990), der mainstream also ein malestream ist. Das heißt, das empirische Forschung einerseits so gestaltet sein muss, dass Menschen nicht lediglich als Häufigkeitsverteilungen vorkommen und andererseits, dass die Erfahrung von Menschen, also auch und insbesondere von Frauen, berücksichtigt wird. Es geht wie F. Haug schreibt um eine „umfassende Destruktion und entsprechende Rekonstruktion aller bislang üblichen Verfahren, also auch der Methoden empirischer Forschung“ (Haug, F. 1999a, 59). Erweiternd läßt sich noch hinzufügen, dass Forschung so gestaltet sein muss, dass alle Geschlechter mit ihren Erfahrungen berücksichtigt werden, also auch bspw. Hermaphroditen usw.2 Es muss daher eine Forschungskultur entwickelt werden, in der sowohl die Reproduktion von Stereotypen, wie auch der Zweigeschlechtlichkeit vermieden wird. Hiermit grenze ich mich entschieden vom biologistischen Essentialismus ab (vgl. auch Gildemeister 2004, 220ff.). Mein Forschungsvorhaben ist kein originär feministisches. Dennoch orientiert es zum einen auf Frauenbefreiung (was es zu einem feministischen Forschungsvorhaben macht (vgl. Haug, F. 1994, 639)), aber eben auch auf Menschenbefreiung insgesamt, zum anderen arbeite ich nicht additiv, also ein Thema plus Frauenperspektive. Sondern es geht darum, Wissenschaft umzubauen; ein Paradigmenwechsel ist notwendig. F. Haug schreibt hierzu:

„Feministische Forschung ist angebunden an ein sozial-politisches Projekt; sie geht aus von Widersprüchen und Brüchen; sie verändert die Stellung der Wissenschaftlerinnen und die der Forschungs’objekte’; Disziplingrenzen werden geradezu systematisch überschritten; der Aufbau und die Funktion von Wissenschaften werden verschoben; vielfältige methodische Zugänge wechseln einander ab, bilden gewissermaßen ein methodisches Gitter oder eine Anordnung – Methode bleibt selbst in Entwicklung. Sowohl Gesellschaftsveränderung als auch Selbstveränderung sind impliziert.“ (Haug, F. 1994, 655f.)

Steht dies hier noch normativ dar, so wird dies im folgenden auf mehrfachen Ebenen begründet. Mein Forschungsvorhaben ist nicht an ein feministisches Befreiungsprojekt angebunden. Und auch die Frage, ob die derzeitigen deutschen Gewerkschaften ein solches sind, ist berechtigt. Dennoch verstehen diese sich als eine linke Gegenmacht, und somit sind sie ein mögliches Politikfeld eingreifender emanzipatorischer Forschung. Meine Forschung geht vom konkreten Menschen und seiner widersprüchlichen Vergesellschaftung aus. Ich konstituiere die Forschungsobjekte zu Subjekten und Mit-Forschenden, die sie logisch-historisch schon immer waren3. Auch ist in den bisherigen Kapiteln deutlich geworden, und wird in diesem Kapitel deutlich werden, wie unterschiedliche Theorien und Disziplinen ineinander spielen und helfen Wirklichkeit zu analysieren. Das Forschungsvorhaben ist orientiert auf Erweiterung von Handlungsfähigkeit und somit nicht bürgerlich-kontrollwissenschaftlich. Zudem werden die verwendeten Methoden gegenstandsadäquat begründet. Insofern nehme ich für mich in Anspruch den geforderten Paradigmenwechsel auf ein nicht originär feministisches Forschungsvorhaben umzusetzen.[Hier überlege ich eine bessere Formulierung]

Intersubjektivität zwischen Forscher und Mit-Forschenden

In der Begründung eigenen empirischen Vorgehens muss ich mich mit den vorherrschenden Auffassungen empirischer Forschung kritisch auseinandersetzen. Eine zentrale Forderung bürgerlicher Wissenschaft ist die nach der Objektivität von Forschung. Im ersten Kapitel habe ich deutlich gemacht, dass die Wissenschaft angetreten ist, die Kirche als sinnstiftende Institution abzulösen. Wissenschaftliche Beweisführung folgt rationalen Argumenten und widerspruchsfreier Theoriebildung. Dies soll wissenschaftlichen Aussagen die Beliebigkeit nehmen. Dem wird von bürgerlicher aber auch aus kritischer Perspektive entgegengehalten, dass Wissenschaft lebensnaher gestaltet sein soll. Im Kontext neoliberaler Wissenschaftsentwicklung ist die Rede von Praxisrelevanz und (ökonomischer) Nützlichkeit bzw. Verwertbarkeit, was zu einem Zurückdrängen kritischer und geisteswissenschaftlicher Forschung führt (vgl. Misbach 2002, 139). Die Frage ist nun, wie Objektivitätskriterien wissenschaftlich so zu fassen sind, dass die „wesentlichen und spezifischen Bestimmungen des Psychischen auf menschlichem Niveau“ (Holzkamp 1983, XX¸Herv.i.O.) wirklich erforschbar sind. Wesentlich ist hier einerseits die Erkenntnis, dass Menschen sich in eine vorgefundene Gesellschaft hineinentwickeln und dabei diese verändern, wodurch die Bedingungen, in denen sie ihr Leben verwirklichen, als in permanenter Veränderung begriffen werden müssen. Empirische Forschung muss also Entwicklungsprozesse erfassen können. Die Prozesshaftigkeit des Lebens fordert zudem auf, dieses hinsichtlich seiner Gewordenheit wie auch seiner aktuellen Ausformung hin zu erforschen. In Anlehnung an das Projekt Automation Qualifikation (PAQ) nenne ich dieses doppelte Vorgehen ein „strukturell-genetisches“ (vgl. PAQ 1980, 27; bei Holzkamp „historisch-genetisch“). Das heißt zweitens, dass die Selbstbewegung der Subjekte in ihrer aktuellen Ausformung im Kontext derzeit stattfindender gewerkschaftlicher Bildungsprozesse zu erforschen sind. Habe ich im Kapitel 4.4. die kategoriale Grundlegung aus kritisch-psychologischer Perspektive erarbeitet, also historisch-empirisch gearbeitet, so geht es jetzt darum, aktual-empirisch zu arbeiten. Holzkamp verdeutlich den Unterschied:

„Während also kategorial bestimmt ist, wie Bedeutungen/Bedürfnisse adäquat in ihrer Eigenart und ihrem Zusammenhang verstanden werden müssen, läßt sich die Frage, welche Bedeutungs-/Bedürfnis-Verhältnisse dieser Art nun jeweils jetzt und hier tatsächlich vorliegen, nur aktualempirisch beantworten. Während verschiedene ontogenetische ‚Prozeßtypen’ kategorial herauszuheben sind, ist der jeweils tatsächliche Ablauf von ontogenetischen Prozessen […] eine Angelegenheit der Aktualempirie. Ich kann zwar kategorialanalytisch zu klären versuchen, was Motivation ‚ist’ (d.h. wie sie gegenstandsgerecht wissenschaftlich zu bestimmen ist), aber nur aktualempirisch darüber Auskunft geben, ob und in welcher Weise ich gegenwärtig zur Abfassung dieses Textes ‚motiviert’ […] bin […]“ (Holzkamp 1985, 513; Herv.i.O.).

Dem Objektivitätskriterium wird aus kritisch-psychologischer Perspektive das Kriterium der Gegenstandsadäquatheit vorgeordnet. Denn die bürgerliche Wissenschaft in ihrer quantitativen Ausprägung, der Statistik, wie auch der qualitativen Ausprägung psychologischer Forschungssettings, ist nicht geeignet, die Selbstvergesellschaftung strukturell-genetisch zu erfassen. Um die Inadäquatheit bürgerlicher Methoden deutlich zu machen verwendet Holzkamp das Beispiel, dass ein Betrunkener, der im Dunkeln seinen Schlüssel verloren hat, diesen aber nur unter einer Laterne sucht, weil es dort heller ist. Das kritisch-psychologische „Kriterium der Gegenstandsadäquatheit schließt so eine radikale Kritik der Verabsolutierung der Objektivitätskriterien traditioneller Psychologie ein“ (Holzkamp 1983, XX). Das heißt, es kommt jetzt darauf an, Objektivitätskriterien zu entwickeln, die gegenstandsadäquat sind.

Ganz wesentlich ist es, den Menschen als Subjekt und damit als Ursprung von Veränderung und Verfügung gemeinsamer Lebensbedingungen anzusehen. Ein Kriterium gegenstandsadäquater Objektivität ist somit die Intersubjektivität intentional handelnder Subjekte. Die Beziehung der Intersubjektivität darf auch in der empirischen Forschung nicht unterschritten werden, da sonst die menschliche Spezifik in der Forschung nicht erfaßt wird. „D.h. also, daß in keiner Methodik diese Ebene der Intersubjektivität eliminiert oder unterschritten werden darf, d.h. daß auch die Beziehung zwischen Forscher und Erforschtem in dieser Beziehung der Intersubjektivität stattfindet“ (Holzkamp 1983, XX; Herv.i.O.). Hiermit grenze ich mich von dem Bedingtheitsmodell bürgerlicher Forschung ab, in dem die Subjekte der Forschung zu Forschungsobjekten werden, da die Forschenden die Bedingungen der Forschung setzen, unter denen dann die Beforschten agieren müssen. Im ersten Kapitel habe ich diesen kontrollwissenschaftlichen Charakter bürgerlicher Forschung herausgearbeitet, der uns hier auf methodologisch-empirischer Ebene wieder begegnet. Die Einseitigkeit bürgerlicher Forschung besteht dabei in der Reproduktion der herrschenden Abhängigkeitsverhältnisse durch empirische Forschung, denn der Mensch wird nur als bedingtes Wesen und nicht als SchöpferIn seiner/ihrer Lebensbedingungen erfaßt. In der bürgerlichen Empirie geht es stets darum, wie Menschen sich unter bestimmten Bedingungen verhalten. Aus kritisch-psychologischer Perspektive besteht jedoch immer eine intersubjektive Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten. Das heißt selbst eine gutgemeinte, auf Emanzipation gerichtete Forschung, kann die Subjektivität der Menschen zurücknehmen, wie z.B. wenn es um die Frage gewerkschaftlicher Schulung/Politisierung im Sinne gewerkschaftlicher Ziele geht. Holzkamp macht die Unmöglichkeit einer (gutgemeinten) kontrollwissenschaftlichen Frage aus befreiungstheoretischer Sicht deutlich:

Unter welchen Bedingungen entwickeln die Leute gewerkschaftliche Aktivitäten, Klassenbewußtsein, beteiligen sich am sozialistischen Aufbau, kommen zur selbständigen Wahrnehmung ihrer Interessen, schließen sich zu diesem Zweck zusammen etc.? Hier wird mithin der fortschrittlich gemeinte Inhalt der Förderung der kollektiven Selbstbestimmung der Individuen notwendig dadurch zurückgenommen, daß man nach den fremdgesetzten Bedingungen für diese Selbstbestimmung fragt. Es können hier (aufgrund der Struktur des methodischen Verfahrens) niemals die von den Individuen selbst zu schaffenden Bedingungen der Verbesserung ihrer Lebensmöglichkeiten gemeint sein, sondern immer nur Bedingungen, die ‚man’ für sie setzt, wobei in dem ‚man’ nicht eine Verallgemeinerung des Standpunktes der Betroffenen liegt, sondern eine implizite Verallgemeinerung des Standpunktes derer, die ‚für sie’ die Bedingungen setzen“ (Holzkamp 1985, 530; Herv.i.O.).

Auch F. Haug betont, dass jeder Versuch Menschen von einem Außenstandpunkt zu erziehen oder zu verändern die Perspektive einer gemeinsamen Weltveränderung zerstört, weil dieser Standpunkt kein allgemeiner ist, wodurch Führung und Herrschaft auf Dauer gestellt werden. Die Gesellschaft wird dadurch in zwei Teile sondiert (vgl. Haug, F. 2004, 63). Das heißt, dass meine Forschungsfrage keine kontrollwissenschaftliche sein darf! Denn meine Forschung erhält so den Auftrag diese Komplikation ins Forschungsmuster aufzunehmen.

Doch nicht nur in dieser qualitativen Form wird die Intersubjektivität in der bürgerlichen Forschung unterschritten, sondern auch in der quantitativen Form. Holzkamp macht deutlich, dass in der statistischen Häufigkeitsverteilung der Mensch ein „permanente Ausnahme“ ist. Entweder der Mensch weicht rechts oder links vom Mittelwert ab, dann fällt er quasi raus, oder er liegt zufällig in der Mitte. Die Plazierung auf der Gesamtverteilung ist unabhängig vom konkreten Subjekt. Je nach dem, wie die Forschung gestaltet ist, kann mal der eine, mal der andere Mensch ausgegrenzt werden. Mal bekommt jener eine Therapie oder ein Organ, mal eben nicht. Holzkamp schreibt:

„Entscheidend ist also, daß es von der Subjektwissenschaft aus prinzipiell keine Ausnahmen gibt, kein Mensch ist eine Ausnahme von irgendwas. In dem Moment, wo ich den Begriff der Ausnahme auf Menschen anwende, ist das zumindest latent inhuman, weil ich bestimmten Menschen nicht mehr die Qualität eines Menschen im vollen Sinne einräume“ (Holzkamp 1983, XX; Herv.i.O.).

Holzkamp kritisiert, dass bei statistischen Erhebungen es nicht um Menschen, sondern um Verteilungen geht, denn Wahrscheinlichkeitsaussagen ließen sich nicht über individuelle Menschen, sondern nur über Verteilungen machen.

Holzkamp verwirft jedoch nicht vollständig experimentell-statistische Verfahren. Mit dieser subjektwissenschaftlichen Abgrenzung können nämlich Sonderbedingungen benannt werden, unter denen experimentell-statistisch gearbeitet werden kann. Als Beispiel benennt Holzkamp, dass sich fremdbestimmte Verhältnisse in Häufigkeiten abbilden lassen. Das heißt die fremdbestimmte Seite der Handlungsfähigkeit müßte sich statistisch-experimentell abbilden lassen, zum Zwecke die Bedingungen der Fremdbestimmung aufzuheben. Wenn es also den Vorwurf gibt, ein Mann fällt einer Frau ständig ins Wort, so können wir dies experimentell-statistisch erheben. In dem Moment, wo das Problem zuerst aufgewiesen und dann gelöst wird, fällt die Anwendungsvoraussetzung für Statistik weg. Sie ist also allenfalls eine Zwischenform der empirischen Forschung. Das PAQ sieht eine weitere Möglichkeit statistischer Forschung. Mit Statistiken lassen sich Aktualitäten erheben, von denen dann Veränderungen wahrnehmbar sind. Also indem „konstant gesetzt wird, was selber zum Bleiben auffordert, gewinnt man erst die Möglichkeit, die Veränderung auch als Veränderung wahrzunehmen“ (PAQ 1980, 34; Haug, F. 1994 b, 315f.). Zugleich macht das PAQ deutlich, dass die Aktualitäten, also die in Statistiken fixierte Seite, immer nur das sistierte, also unterbrochene, Alte ist, es aber darauf ankommt Neues zu erforschen. Und ich als Forscher lege dabei Kriterien fest, nach denen ich das Neue als historischen Prozeß bestimmen kann (vgl. auch Meinefeld 2004, 273). Diese Entscheidungen sind jedoch nicht, wie im Konstruktivismus von Werner Meinefeld, beliebig, wie ich weiter unten anhand von Holzkamp hinsichtlich des „wissenschaftlichen Dezesionismus“ deutlich machen werde.

Im Kriterium der Intersubjektivität ist zugleich die Frage nach dem Verhältnis von mir als Forscher zu den Beforschten und vice versa enthalten. Dies darf kein kontrollwissenschaftliches sein, denn dadurch wird die menschliche Spezifik nicht hinreichend berücksichtigt. Unbedingte methodische Voraussetzung für meine empirische Forschung ist es daher von einem gemeinsamen Interesse von mir als Forscher und den Beforschten auszugehen. Dies nicht als moralische oder politische Forderung, sondern als eine Notwendigkeit welche sich aus der Forderung nach gegenstandsadäquater Forschung ergibt. Holzkamp schreibt: „Wir können keine Forschung realisieren, wenn die Betroffenen nicht voll begriffen haben, um was es für sie geht und mit dieser Forschung selber den Anspruch verbinden, ein Stück Lebensmöglichkeiten für sich zu schaffen“ (Holzkamp 1983, XX). Holzkamp wendet hier einen Gedanken, wie ich ihn im Kapitel 4.4. hinsichtlich einer gemeinsamen Lernproblematik, als Voraussetzung gewerkschaftlichen Lernens, mit Holzkamp erarbeitet habe, auf empirische Forschung an. Da die von mir beforschten Subjekte sich freiwillig zu den gewerkschaftlichen Bildungsseminaren angemeldet haben, liegt zumindest rudimentär eine gemeinsame Lernproblematik unter ihnen vor. Da ich 4 Tage lang gemeinsam mit ihnen im Seminar gearbeitet habe, dürfte deutlich geworden sein, dass es mir um eine gemeinsame Erweiterung unser aller Lebensmöglichkeiten geht. Aus meiner teilnehmenden Beobachtung heraus läßt sich festhalten, dass, neben „neue Leute kennenlernen“, „Kontakte knüpfen“, „Urlaub haben“, „Spaß haben“ auch das Interesse am Seminargegenstand als Teilnahmemotiv genannt wird. Dabei wird der Seminargegenstand als praxisrelevant und somit handlungserweiternd eingestuft. Auf dieser Stufe noch nicht voll begriffen ist die gemeinsame Lernproblematik (vgl. Brodesser 2005 b, XXX) und die Gemeinsamkeit mit mir als Forscher. Anders als bürgerliche ForscherInnen, die alles und jeden mit einem Fragebogen beforschen zu können glauben, muss ich den intersubjektiven Rahmen erst herstellen. Das heißt zu beginn der Gruppendiskussion, die Freitags vormittags stattfinden soll4 bzw. im Laufe der teilnehmenden Beobachtung, wenn ich die TeilnehmerInnen frage, wer sich an der Gruppendiskussion beteiligen möchte, muss es darum gehen ein Prozess in Gang zu bringen, in dem die Beforschten bereit sind, mit mir eine Gruppendiskussion zu machen, in Antizipation einer erweiterten Handlungsfähigkeit durch diesen Forschungsprozess. Das heißt, es wird erkannt, dass durch diese Gruppendiskussion, der anschließenden Auswertung und Publikation tendenziell die Möglichkeit besteht, sich im je konkreten Feld handlungsfähiger zu bewegen. Es geht also um einen Prozess „metasubjektiver Verallgemeinerbarkeit“. Holzkamp spricht von einem Qualifizierungsprozeß, der die Beforschten in die Lage versetzt zu Mitforschern zu werden. Also partiell die Differenz zwischen Wissenschaftssubjekt und betroffenen Subjekten aufgehoben wird (vgl. Holzkamp 1985, 543). Mit anderen Worten, beide sollen füreinander reale KommunikationspartnerInnen werden. In der Perspektive Holzkamps heißt dies auch, dass die Methoden in der Hand der Betroffenen liegen (ebd.). Dies würde in meinem Fall voraussetzen, dass ich das Seminar (mit einem Co-Teamer) leite und subjektwissenschaftliche Begriffe gemeinsam mit den TeilnehmerInnen erarbeite, wodurch erst die volle Erfassung einer gemeinsamen Lernproblematik möglich wäre. Dies ist im Rahmen meiner Forschung und meines Zeitrahmens nicht zu leisten und in den Gewerkschaften noch nicht hegemoniefähig. Dies würde zudem die Gefahr beinhalten, in eine Gegenüberstellung Teamer / TeilnehmerInnen zu geraten, die in der Gruppendiskussion reproduziert würde. Die TeilnehmerInnen sind für mich ExpertInnen ihrer je konkreten Praxis und werden auch als solche von mir angesprochen. Es geht also nicht darum Meinungen abzurufen und sie auf ihre Verteilung hin zu analysieren, sondern die Subjekte sind als Menschen zu fassen, die in der Lage sind, ihre Lebens- und Arbeits-Problematiken zu erkennen und zu lösen.

„Entsprechend sind die in die Untersuchung einbezogenen Personen nicht als lebendige Datenspeicher, sondern als Problemlöser aufzufassen und anzusprechen. Insbesondere dort, wo die Arbeitenden eher als Betroffene denn als aktiv Eingreifende im Arbeitsprozeß angetroffen werden, sind sie durch die Erhebungsmethoden nicht wie ein Inventar von Reaktionen oder Reflexen zu behandeln, die durch geschickte Stimulierung auszulösen wären, und dergestalt noch ein zweites Mal zu passivieren“ (PAQ 1980, 42).

Holzkamp verwendet häufig den Begriff „Betroffene“, welcher abzulehnen ist, da er Menschen nicht in ihrem vollen Subjektcharakter anspricht. Im weiteren werde ich daher den Begriff Mit-Forschende verwenden, denn es geht darum gemeinsam Handlungsfähigkeit zu erweitern, voneinander zu lernen und (gemeinsam(e)) Widersprüche zu bearbeiten. Durch die Konstitution der Forschungssubjekte zu Mit-Forschenden ist zugleich ein wesentliches Kriterium feministischer Forschung erfüllt, denn auch diese entwickelt die Frauen zu Mit-Forscherinnen (vgl. Haug, F. 1999 a, 66). Mit der Herausarbeitung der Forschungssubjekte als (Mit-) Forschende ist auch das Täuschungsproblem, als Hauptproblem bürgerlicher Forschung, subjektwissenschaftlich gelöst. Denn die Subjekte sind nun nicht mehr Objekte in einer blackbox, wo die ForscherInnen nicht wissen, was die Objekte denken, oder Forschung so gestaltet wird, dass ‚alle’ Störbedingungen beseitigt werden und die Subjekte gezwungen sind, bedingt kausal zu handeln. Die Mit-Forschenden haben keine Notwendigkeit sich „instruktionswidrig“ zu verhalten und mich als Forscher zu täuschen. Holzkamp betont, dass die Frage der Täuschung nicht ausgeschlossen ist, aber keine andere ist, als die Täuschung der Mit-Forschenden durch mich. Dennoch ist meine Ausgangsbedingung durch das gemeinsame Forschungsinteresse der Erweiterung von Handlungsfähigkeit „entscheidend günstiger“ als in der bürgerlichen Forschung (vgl. Holzkamp 1983, XX). Wesentlich dabei ist, dass das zu untersuchende Problem nicht nur mein Problem ist, nur meiner Frage und meinen persönlichen Zielen (s.u.) geschuldet ist, sondern auch eines der Mit-Forschenden ist. Es muss in Kooperation mit den Mit-Forschenden als deren Problem/Frage/Widerspruch formulierbar sein (vgl. Holzkamp 1985, 544f.).

Auch Morus Markard macht deutlich, dass die Subjekte als Mit-Forschende anzusehen sind (Markard 2000, Absatz 29), macht aber zudem deutlich, dass nicht die Subjekte Gegenstand der Forschung sind, sondern die Welt wie sie das Subjekt erfährt. Im Kapitel über Wygotski und Holzkamp habe ich herausgearbeitet, dass Widersprüche im Psychischen subjektiver Niederschlag der Widersprüche der Welt sind. Somit sind Denkwidersprüche nur als Realwidersprüche zu begreifen und zu beseitigen. Markard schreibt:

„Wenn Theorien der Selbstverständigung der Subjekte dienen, dann ergibt sich daraus methodisch, dass Menschen nicht Gegenstand der psychologischen Forschung sind, dass sie nicht ‚beforscht’ werden, sondern dass sie – zusammen mit den psychologischen Professionellen – auf der Forschungsseite stehen. Die Selbstcharakterisierung unseres Ansatzes als einer ‚Psychologie vom Standpunkt des Subjekts’ ist also nicht metaphorisch, sondern wörtlich gemeint. Gegenstand der Forschung ist nicht das Subjekt, sondern die Welt, wie das Subjekt sie – empfindend, denkend, handelnd – erfährt“ (Markard 2000, Absatz 18).

Das heißt es geht in meiner Empirie darum, gemeinsam mit den Mit-Forschenden sich der widersprüchlichen Vergesellschaftung bewußt zu werden, darin die ideologischen Machtkämpfe zu erkennen, auch wie Gramsci schreibt „ein Inventar zu erstellen“, und sich somit handlungsfähiger zu machen. Wesentlich, auch für meine Auswertungsmethode, ist die Erkenntnis, dass individuelle Erfahrungen in gesellschaftlichen Denkformen gemacht werden (vgl. Markard 2000, Absatz 19). Holzkamp konkretisiert die einzeltheoretisch-aktualempirische Forschung. Diese dient nun dem Zweck, dass das Subjekt seine alltäglichen Vorbegriffe, „durch die hindurch“ es seine Welt erfaßt, reflektiert. Es geht nun um das Bewußtmachen eigener/kollektiver Verkürzungen, Mystifizierungen Reduzierungen des eigenen lebenspraktischen Realitätsbezuges vor dem Hintergrund der Bestimmungen personaler Handlungsfähigkeit. Der eigene Weltbezug und die Beziehung zu anderen Menschen wird nun auf die darin liegenden Handlungsnotwendigkeiten hin untersucht und für je mich faßbar. Holzkamp schlußfolgert: „Die Auseinandersetzung mit den entwickelten subjektwissenschaftlichen Kategorien hätte so einer Selbstverständigung gedient, deren Art und Ausmaß nicht nach allgemeinen Kriterien einzeltheoretisch-aktualempirischer Forschung, sondern allein am Kriterium meiner eigenen Lebenspraxis beurteilbar ist“ (Holzkamp 1985, 517). Diese Forderung Holzkamps ist im Rahmen meiner Forschung nicht einzulösen. Statt dessen biete ich den Mit-Forschenden meine Analyse ihrer Praxis als Möglichkeit an, diese besser zu begreifen. Optimaler wäre eine Auswertung der Gruppendiskussionen mit den Mit-Forschenden, da hierdurch eine gemeinsame Lernpraxis entwickelt würde. Ich hoffe jedoch sehr darauf, dass es eine Rückmeldung der Mit-Forschenden auf meine Veröffentlichung geben wird. Relativierend ist hier leider hervorzuheben, dass sowohl meine wissenschaftliche Sprache, mein Abstraktionsgrad wie auch die Zeitdifferenz zwischen Erhebung und Veröffentlichung eine beiderseitige Weiterentwicklung erheblich erschwert, aber dennoch nicht unmöglich ist. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Ergebnisse meiner Forschung von organischen Intellektuellen in den Gewerkschaften eingebracht werden. Holzkamp schreibt:

„Dennoch tritt in einem solchen Selbstklärungsprozeß ‚Allgemeines’ zutage, indem hier meine scheinbar bloß individuelle Befindlichkeit durch ‚kategoriale’ Analyse in ihren allgemeinen Zügen als Befindlichkeit von Menschen in ‚solcher’ gesellschaftlich-historischen Lage, aus der sich ‚solche’ Handlungsmöglichkeiten, damit auch Möglichkeiten gemeinsamer Erweiterung der Verfügung über ‚unsere’ Lebensbedingungen ergeben, durchdrungen ist […]“ (Holzkamp 1985, 517f.).

Holzkamp macht damit deutlich, dass obwohl meine Forschung subjektwissenschaftlich angelegt ist, diese geeignet ist, die soziologische und politologische Frage nach der Hegemonie im Neoliberalismus (bezogen auf meinen kleinen empirischen Teil der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit) nachgehen zu können. Denn die individuelle Umgehensweise mit Widersprüchen verweist auf allgemeine Umgehensweisen von Menschen in „solcher“ gesellschaftlich-historischen Lage. Die „historisch-empirische“ und „aktual-empirische“ Analyse zielt darauf ab, ausgehend vom eigenen Alltagsverstand und dem der Mit-Forschenden, zu untersuchen, wie, durch die gelebten Widersprüche hindurch, hegemoniale und herrschende Verhältnisse in widerständig-gebrochener Form reproduziert werden, wodurch wir uns subaltern konstituieren. Die Untersuchungsperspektive ist dabei, subjektwissenschaftlich begründet, auf Erweiterung und Verallgemeinerung von Handlungsfähigkeit und kollektiver Veränderung eigener Praxis gerichtet und somit perspektivisch auf eine Brechung herrschender und hegemonialer Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft.5

Relevanz der Forschung

Im vorigen Kapitel ging es um die Entwicklung neuer Objektivitätskriterien. Ein Kriterium war die Intersubjektivität zwischen Forscher und Mit-Forschenden, da hier einzig die gegenstandsadäquate Spezifik menschlicher Entwicklung berücksichtigt ist.

Der subjektwissenschaftliche Forschungsprozess besteht nun darin, auf dieser Basis des intersubjektiven Verständigungsrahmens zu Objektivierungen zu gelangen. Diese Objektivierungen können sich aus subjektwissenschaftlicher Perspektive nur auf die je für mich gegebenen Bedingungen und Behinderungen je meiner Handlungsfähigkeit beziehen. Die Grundfrage im Forschungsprozess besteht darin, wie es mir gelingt eine bestimmte Forschungspraxis zu realisieren, in der die Mit-Forschenden Kenntnis darüber erlangen können, unter welchen Bedingungen eine praktische Verfügungserweiterung möglich ist, denn dies ist theoretisch ihre Motivation, sich in einen gemeinsamen Forschungsprozess zu begeben. Da mir die zeitlichen und finanziellen Ressourcen fehlen, einen (längerfristigen) Forschungs- und damit Lernprozeß (vgl. zum Forschungs- als Lernprozeß auch PAQ 1980, 30) zu initiieren, beschränkt sich mein Forschungsarrangement zunächst darauf die eigene Verhaftetheit in widersprüchlichen, die eigene Handlungsfähigkeit blockierenden, Denkformen zu erarbeiten. Das heißt, meine empirische Forschung ist lediglich ein Schritt in Richtung auf praktische Verfügungserweiterung. Das Durchdringen von Widersprüchen ist jedoch eine Grundbedingung für die Erweiterung von Handlungsfähigkeit (vgl. Brodesser 2005 c).

Als Forscher kann ich den Mit-Forschenden, durch meine Analyse, Begriffe zur Verfügung stellen, mit denen sie ein Stück an Verfügungserweiterung in ihrer je konkreten Fragestellung bekommen können. Mit begreifenden Begriffen ist es möglich die historisch-konkrete Gesellschaftsformation adäquat zu erfassen und somit die eigene und kollektive Lebenspraxis im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen. Die Durchdringung der herrschenden Gesellschaft und darin eingeschlossen der eigenen Mit-Tätigkeit an ihrem Bestehen, eröffnet Möglichkeiten bewußten eingreifenden Handelns in verallgemeinerter Perspektive. Die Begriffe der Kritischen Psychologie sind analytische Begriffe. Mit ihnen soll für die Mit-Forschenden, ausgehend von ihren Alltagspraxen „das darin liegende Verhältnis zwischen Notwendigkeiten/Möglichkeiten erweiterter gemeinsamer Weltverfügung, damit Angstüberwindung etc. einerseits und den historisch bestimmten Behinderungsbedingungen, durch welche die Realisierung dieser Notwendigkeiten und Möglichkeiten eingeschränkt ist, andererseits durchschaubar“ (Holzkamp 1997, 129) werden. Wodurch gleichzeitig „indem an der jeweils gegenwärtigen eigenen Lage die Widersprüchlichkeit zwischen deren Wirklichkeit und der Möglichkeit erweiterter Weltverfügung fassbar wird, für die Betroffenen die Überwindung von Ausgeliefertheit und Angst in Richtung auf bewusste und gemeinsame Selbstbestimmung der eigenen Lebensverhältnisse erkennbar und lebenspraktisch realisierbar werden“ (Holzkamp 1997, 129).

Holzkamp benennt den Vorteil dieses Forschungsprozesses:

„D.h. also, indem ich selber diesen Prozeß vollziehe, werden die Bedingungen reflektiert, unter denen er möglich ist, und dies in einer verallgemeinerten Form. Diese ganze Sache ist eine Art Einheit von Praxis und Erkenntnisgewinn“ (Holzkamp 1983, XX).

Mit anderen Worten, es wird ein reflektierender Lernprozess initiiert, der es möglich macht, die Bedingungen unter denen ich lebe zu erkennen, wie auch die darin liegenden Handlungsmöglichkeiten bzw. dem Handeln eine bestimmte Richtung zu geben (vgl. hierzu Kapitel 4.8.). Meine Forschung ist also eine Forschung für die Praxis der Mit-Forschenden und anderen darüber hinaus. Sie ist zugleich eine partizipative Forschung, da sie die Forschungssubjekte zu Mit-Forschenden macht, wie auch eine eingreifende Forschung, da die Mit-Forschenden und ich als Forscher am (relativen) Ende des Forschungsprozesses andere sind, als zu Beginn. Holzkamp nennt diese Forschungspraxis eine „kontrolliert-exemplarische“. Sie ist die subjektwissenschaftliche gegenstandsadäquate Form des Kriteriums der Verallgemeinerung. Sie ist kontrolliert und exemplarisch, da sie ein Forschungsarrangement ist; sie ist zugleich jedoch nicht nur Forschungs- sondern auch Lebenspraxis, da sie einen Erkenntnisgewinn erlaubt.

Die Entwicklung der Forschung als Forschung für die Mit-Forschenden führt zur Frage der eigenen Motivation. Nach Fritz Schütze kann die Offenlegung der eigenen Motivation die Mit-Forschenden bewegen, in den gemeinsamen Forschungsprozess einzusteigen. Uwe Flick (2004 b) unterscheidet hier zwischen persönlichen Zielen, das ist in meinem Fall die Anfertigung einer Dissertation, praktischen Zielen und allgemeinen Forschungszielen. Letztere sind bei mir die Lust an wissenschaftlicher Arbeit, die Lust und die Notwendigkeit die eigene Vergesellschaftung zu begreifen, um handlungsfähiger zu werden, wie auch eine politische – gewerkschaftliche Bildungspraxis nach links zu verschieben. Dies ist aus meiner Perspektive notwendig, da der Kapitalismus zwar menschliche Existenzen zerstört, nicht aber gesetzmäßig sich selbst. Dazu bedarf es gemeinsamer Anstrengungen und durchdringender Praxen. Im Kapitel 4.3. habe ich den Vorschlag Engeströms aufgenommen, einerseits direkt zu den „professionellen Praktikern“, also den TeamerInnen gewerkschaftlicher Seminare, zu sprechen, und zudem die TeilnehmerInnen der Seminare dazu zu bewegen, sich selbst als Mit-Forschende zu sehen und in ihren Kontexten dadurch Handlungsfähigkeit zu erweitern. Zugleich schlägt Engeström vor, sich an soziale Bewegungen, die dieses Problem betrifft zu richten (vgl. Engeström 1999, 47). In meinem Fall sind es die Gewerkschaften in die ich im Rahmen meiner Mitarbeit in Teamendenarbeitskreise (TAK), wie auch über Publikationen zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit eingreife. Regine Gildemeister plädiert aus feministischer Perspektive für eine Einheit von Frauenforschung und sozialer Bewegung und begreift diese als „aktivierende Sozialforschung“ (Gildemeister 2004, 214). Verfolgt wird also in feministischer und kritischer Perspektive ein Verfahren der Einheit von Theorie und Praxis. Meine praktischen Ziele hängen eng mit meinen „allgemeinen Forschungszielen“ zusammen. Für F. Haug ist eingreifende Forschung angebunden an ein „Befreiungsprojekt“ (vgl. Haug, F. 1994 b, 317). [Die Frage ist nun, sind die Gewerkschaften ein solches? Da es in diesem Kapitel um empirische Sozialforschung geht, kann die Antwort hier sehr knapp ausfallen. Die in der Bundesrepublik Deutschland derzeit existierenden Gewerkschaften sind – anders zu bewerten ist die Freie ArbeiterInnen Union (FAU) – kein „revolutionäres Subjekt“ (Marx), da sie systemimmanente und damit herrschaftsstabilisierende Politik machen. Noch nicht stimmig ausgearbeitet] Nichts desto trotz habe ich sie als Forschungsfeld ausgesucht, da ich zum einen selbst Lohnarbeiter war und zum anderen, weil ich, wie aus der bisherigen Arbeit deutlich wurde, der Auffassung bin, dass die in Gewerkschaften zusammengeschlossenen LohnarbeiterInnen diejenigen sind, die tagtäglich den Widerspruch von Kapital und Arbeit leben (müssen) und ihn reproduzieren. Diese alltägliche Konfrontation mit dem Widerspruch birgt ein Widerstandspotential in sich, welches sich auf vielfältige Art zeigt, von Formen der Arbeitszurückhaltung bis Formen der Identifikation als bspw. „Tischler“, der/die mit eigener Hände Arbeit was schafft, wodurch sich u.a. von den „Kapitalisten“ abgegrenzt werden soll. Ich sehe GewerkschafterInnen und LohnarbeiterInnen jedoch nicht als einzige Kraft an, von denen Veränderungen bis hin zur Aufhebung des Kapitalismus ausgehen können. Ein weiteres Merkmal von eingreifender Forschung nach F. Haug ist die „[…]Veränderung der Erforschten durch Einbezug als Forschungssubjekte[…]“ (Haug, F. 1994 b, 317). Dieses Kriterium wird in dieser Arbeit erfüllt. Als kritischer Forscher habe ich, zunächst wie jeder andere Mensch, wie deutlich wurde, meine eigene Befindlichkeit und Handlungs(un)fähigkeit in meiner einmaligen Erscheinungsform innerhalb meines eigenen konkret-einmaligen intersubjektiven Rahmens der Selbstverständigung mit meinen Mit-Forschenden (vgl. Holzkamp 1985, 541). Für mich bedeutet dies, dass zu Beginn der Gruppendiskussion bzw. an dem Punkt, an dem ich Freiwillige für das Sample suche, meine persönlichen und wissenschaftlichen Motivationsgründe für die Forschung offen legen muss. Hierbei gilt es, trotz anderer Alltagspraxen und evtl. anderer Bildungsstände, einen „metasubjektive Verallgemeinerung“, also einer gegenseitigen Verständlichkeit der Handlungsgründe herzustellen. Holzkamp schreibt:

„Die wissenschaftliche Objektivierung kann hier also nur eine solche des intersubjektiven Verständigungsrahmens sein: Der Verständigungsrahmen selbst muß durch die Forschungsaktivität in Richtung auf die wissenschaftliche Nachprüfbarkeit/Geltungsbegründung/Verallgemeinerbarkeit der Forschungsresultat, also […] sozusagen auf ein Niveau wissenschaftlicher ‚Metasubjektivität’, die die intersubjektive Beziehung zwischen Forscher und Betroffenem einschließt und übersteigt, entwickelbar sein“ (Holzkamp 1985, 541; Herv.i.O.).

Dabei ist die wissenschaftliche Objektivierung nicht vom zu erkennenden Gegenstand unabhängig, wie in der bürgerlichen Forschung.

Subjektwissenschaftliche Verallgemeinerbarkeit

Die zu beantwortende Frage ist nun, kann es vom Standpunkt des Subjekts aus, also vom Einzelfall, eine Verallgemeinerbarkeit geben? (vgl. Markard 1993)

Markard macht deutlich, dass Induktionsschlüsse (unbeschadet pragmatischer Anwendung) logisch unhaltbar sind (vgl. Markard 1993, 31). Karl Raimund Popper hat nachgewiesen, dass die „Verifikation von Hypothesen“, wie sie der „logische Empirismus“ betreibt, logisch unhaltbar ist, da sich logisch keine Gründe anführen lassen „[…] warum sich der Vorhersagewert einer Hypothese in dem Maße erhöhen soll, in dem sich die Hypothese in der Vergangenheit empirisch bestätigt hat“ (Holzkamp 1972, 85). Es ist also unlogisch von Einzelfällen auf Allgemeines zu schließen. Holzkamp geht in der GdP historisch-genetisch vor, denn es geht ihm darum Strukturen zu begreifen. Holzkamp nimmt das Beispiel eines Schimpansen: Wenn es einen Schimpansen gibt, der Sprechen kann, dann reicht dieser eine aus, um Aussagen über die Spezies Schimpanse hinsichtlich des Sprechens zu machen. Also „[…]in dem Moment, wo man die Struktur begriffen hat, von der aus der Einzelfall jetzt zu beurteilen ist, kann man verallgemeinern auf alle Individuen mit der gleichen Struktur, weil man diese Strukturaussage auf eine andere Art und Weise begründen können muß als durch die Analyse selber“ (Holzkamp 1983, XXX). Dabei können die zu begreifenden Strukturen bspw. der genetische Prozeß aber auch kapitalistische Produktionsbedingungen sein. Bezogen auf meinen Forschungsgegenstand heißt das, dass es darum geht die Möglichkeitsverallgemeinerungen herauszuarbeiten. Also, wenn ein Mit-Forscher, eine Mit-Forschende durch den Forschungs- und Lernprozess in einer spezifischen Situation handlungsfähiger geworden ist, so ist diese Möglichkeit auch allen anderen Mit-Forschenden in gleicher Situation gegeben. Dies ist die logische Form der Möglichkeitsverallgemeinerung. Zu dieser logischen Form kommt jetzt jedoch das Moment der konkreten Lebensbedingungen hinzu. Es geht jetzt also um eine Verallgemeinerbarkeit „auf bestimmte typische Grundsituationen menschlicher Handlungsmöglichkeiten“ (Holzkamp 1982, XXX). Die Analyse sozialer Muster und nicht einzelner Menschen ist auch eine Forderung feministischer Forschung (vgl. Gildemeister 2004, 220). Worin besteht jetzt die subjektwissenschaftliche Fassung des Verallgemeinerbarkeitskriteriums? Holzkamp schreibt:

„Und die Verallgemeinerung besteht jetzt darin, daß jeweils in diesem Prozeß der exemplarischen Praxis der Betroffene selber entscheiden muß, welche Möglichkeiten der Verfügungserweiterung er in diesem speziellen Fall hat, und wenn er selber diese Möglichkeiten hat, dann wird von da aus erstmal hypothetisch die Aussage formuliert, daß jeder unter diesen Bedingungen dieselben Möglichkeiten haben muß, sonst sind es keine Möglichkeiten“ (Holzkamp 1983, XXX, Herv.i.O.).

Die typische Grundsituation kann als spezifisches Verhältnis von Möglichkeiten und Behinderungen und somit als Möglichkeitstyp analysiert also ausgewertet werden. Das heißt, in meinen Gruppendiskussionen werden Widersprüche diskutiert, ob es sich dabei um je meine Widersprüche handelt, müssen die Mit-Forschenden je für sich klären. Wenn die Mit-Forschenden diese Widersprüche nicht als die ihrigen erkennen, gibt es zwei Möglichkeiten, die eine ist diese Verneinung auf eine evtl. darin enthaltene Blockade, also als Abwehmechanismus, zu prüfen, die zweite Möglichkeit ist mit den Mit-Forschenden neue Widersprüche zu erarbeiten und zu durchdringen. Wobei ich befürchte, dass mir dies in der kurzen Zeit einer Gruppendiskussion nicht gelingen wird, sondern nur in einem längeren Forschungsprozess möglich wäre. Dieser Möglichkeitstyp läßt sich durch die Hinzunahme weiterer je konkreter Behinderungs- und Realisierungsbedingungen konkretisieren. Holzkamp macht deutlich, dass es nicht unendlich viele Möglichkeiten des Umgehens mit spezifischen Situationen gibt. Das heißt, die Aussagen der Mit-Forschenden nähern sich einander an. Dies ist ein Verfahren wie es die grounded theory verwendet. Jedoch zum einen ein theoriegeleitetes Verfahren, zum anderen lediglich ein Verfahren, welches zum Zwecke der Verallgemeinerung angewandt wird und nicht als Verfahren zur Erhebung wie in der grounded theory. Nach Holzkamp ist es wesentlich, dass jede und jeder Mit-Forschende die Möglichkeit hat, den Forschungsprozess aufs Neue zu öffnen, wenn neue Bedingungen und Behinderungen auftauchen. Dies ist im Rahmen der Gruppendiskussion nicht möglich, wohl aber im Rahmen selbstorganisierter kollektiver Lern- und Forschungsprozesse, die sich aus meiner Art von Forschung ergeben können. Der Einzelfall ist also in dieser Fassung eine Spezifikation eines Möglichkeitstyps. Anders als in der bürgerlichen Forschung sind hier Störbedingungen als besondere Bedingungen in der Empirie voll enthalten und müssen nicht ausgeschaltet werden. Mit anderen Worten wird der je konkrete Einzelfall, also meine je konkrete Situation auf allgemeine Bestimmungen hin untersucht, wodurch je meine Vermitteltheit zur Welt erkennbar wird. Holzkamp macht die Besonderheit dieses Vorgehend deutlich:

„Also beides: ich durchdringe meinen privaten Einzelfall auf die allgemeinen Bestimmungen aufgrund einer gesellschaftlichen Konfliktsituation, die ich verarbeite im Verhältnis zu meiner spezifischen Form von Verarbeitung, die aber wiederum auch nicht zufällig ist, sondern als individuelle Form sich asymptotisch mit anderen annähert, je mehr Inhaltsreichtum und je mehr Konkretheit an Bestimmungen in diesem Konzept des Möglichkeitstyps drin ist. Und damit kommt man auch zu Verallgemeinerungen wissenschaftlicher Art, wo ein ganz anderes Modell dahintersteckt, nämlich das Allgemeine, was in jeder individuellen Lebenstätigkeit steht aufgrund der Allgemeinheit der objektiven Bedingungen, unter denen wir leben, und nicht das Verallgemeinerte im Sinne von Durchschnittswerten von Häufigkeitsverteilungen“ (Holzkamp 1983, XXX; Herv.i.O.).

Es ist dies die eine Seite, die meine empirische Forschung leisten kann. Also dass die Mit-Forschenden von ihren Widersprüchen aus die darin liegenden allgemeinen Bestimmungen erkennen. Die zweite Seite, die in den allgemeinen Bestimmungen deutlich wird, wie auch in den typischen Formen der Widerspruchsbearbeitung ist die Sichtbarmachung hegemonialer Vergesellschaftungsmuster. Hierdurch werden diese einer kritischen Bearbeitung zugänglich. Deutlich wird, dass es bei meiner empirischen Forschung nicht um die vielen verschiedenen Menschen und evtl. statistischer Verteilungen geht, sondern wie auch die Analyse der Individualitätsform in Kapitel 4.7. gezeigt hat, Menschen sich in bestimmte Individualitätsformen hineinentwickeln. Meine empirische Forschung untersucht die subjektiven Möglichkeitsräume der Mit-Forschenden hinsichtlich einiger ausgewählter Widersprüche und ihre Umgangsweise damit. Den Unterschied zur Variablenpsychologie macht Holzkamp deutlich, wenn er schreibt:

„Eine solche ‚Möglichkeitsverallgemeinerung’ hat nun aber eine gänzlich andere Struktur als etwa die ‚variablenpsychologische’ Verallgemeinerung auf der Ebene bloßer ‚Fakten’: Sofern ich nämlich meine empirisch vorfindliche subjektive Befindlichkeit in Richtung auf die genannten Bestimmungen des ‚subjektiven Möglichkeitsraums’ durchdrungen habe, kann ich diese Befindlichkeit/Handlungsfähigkeit als Verhältnis zwischen allgemeinen gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten und meiner besonderen Weise ihrer Realisierung, Einschränkung, Mystifikation etc. begreifen“ (Holzkamp 1985, 548; Herv.i.O.).

Besonders hervorzuheben ist, dass es durch diese Form der eingreifenden Sozialforschung für die Subjekte möglich wird, das je konkrete Verhältnis zur Welt zu erkennen und dadurch eine Erweiterung von Handlungsfähigkeit und somit eine höhere Lebensqualität zu erreichen. In der Theorie Engeströms geht es, wie ich herausgearbeitet habe, mit der empirischen Forschung darum, Zyklen des expansiven Übergangs zu „kollektiv beherrschten Reisen durch die Zone der nächsten Entwicklung zu machen“ mit dem Ziel ihnen tertiäre und sekundäre Instrumente an die Hand zu geben, ihre je konkreten Tätigkeitssysteme qualitativ zu verändern (vgl. Engeström 1999, 305). Die Verallgemeinerung empirischer Forschung ergibt sich aus der Erkenntnis, dass die Subjekte über reale Beziehungen miteinander vermittelt sind, und es sich somit um gemeinsame gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten handelt. „Mit einer solchen ‚theoretischen’ Verallgemeinerung ist dabei zwingend auch die Perspektive der ‚praktischen Verallgemeinerung’ unserer Handlungsmöglichkeiten gesetzt“ (Holzkamp 1985, 549; Herv.i.O.). Subjektwissenschaftliche Verallgemeinerung bedeutet also nicht das Wegabstrahieren von Bedingungen auf eine simple Wenn-Dann Handlungsweise, sondern um das Begreifen von Unterschieden „als verschiedne Erscheinungsformen des gleichen Verhältnisses“ (Holzkamp 1985, 549; Herv.i.O.). Anknüpfend an das Kapitel zu den Individualitätsformen und den Cultural Studies bezieht sich meine Forschung auf die typischen Bedeutungskonstellationen in ihrer über die eigene Lage- und Positionsspezifik hinausgehenden realhistorischen neoliberalen Vergesellschaftungsform. Auf diese konkrete Problemstellung hin sind die subjektwissenschaftlichen, wie auch die anderen erarbeiteten Begriffe hin, aktualempirisch zu konkretisieren und zu verallgemeinern. Es ist dies eine subjektwissenschaftliche Frage nach dem Umgang mit Widersprüchen, eine hegemonietheoretisch-politologische Frage nach der Zustimmungsfähigkeit zu (politischen) Projekten und eine kulturwissenschaftliche Frage nach der Erforschung menschlicher Praxen in widersprüchlichen Verhältnissen. Hierin steckt zugleich die Frage nach der alltäglichen Reproduktion von Gesellschaft, welche Ende der 1970er Jahre vom Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) untersucht wurde. Meine empirische Forschung geht zudem hinein in das Forschungsfeld Ideologietheorie, wie ich es in Kapitel 6 erarbeitet habe, da es um die Analyse ideologischer Vergesellschaftung geht.

Wissenschaftlichkeit subjektwissenschaftlicher Aktual-Empirie

Ich höre ganz laut mein Über-Ich welches im Studium und insbesondere im Kurs empirische Sozialforschung gebildet wurde. Es schreit in den Wörtern: Subjektivismus und unwissenschaftliche Forschung. Markard arbeitet heraus, dass die Bestimmung von „Wissenschaftlichkeit“ immer methodologisch ansetzen muss. Daher begann mein Forschungsdesign auch mit einer methodologischen Kritik an den bürgerlichen Wissenschaftspraxen, da diese den Menschen nicht als „Intentionalitätszentrum“ (Holzkamp) fassen können.

Im ersten Kapitel habe ich die bürgerliche Kritik von Schell, Hill und Esser am Konstruktivismus Holzkamps angesprochen. Wenn es bei Holzkamp historisch-genetisch um die „Überwindung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse geht“, so handelt es sich aus der Perspektive der genannten AutorInnen um „normative Fragmente des Marxismus“. Es ginge Holzkamp nicht mehr um die Übereinstimmung von Theorie und Realität6, sondern nur darum, wissenschaftliche Unterstützung oder Verhinderung gesellschaftlicher Zustände zu leisten. Und auch der Rückbezug des Objektivitätskriteriums auf die Verallgemeinerbarkeit und Relevanz für die Forschungssubjekte ist aus ihrer Perspektive unwissenschaftlich, da nicht wissenschaftliche Kräfte Maßstab der Objektivität sind; sie kritisieren die „außerwissenschaftliche Legitimation“ (vgl. Schnell u.a. 1992, 103ff.). Gemessen an ihren Kriterien ist meine Forschung wissenschaftliche Blasphemie.

Das heißt, ich muss an dieser Stelle an meine begründete Parteilichkeit des ersten Kapitels anknüpfen und dies methodologisch fundieren. Holzkamp stellt die Frage:

„Liegt nicht vielmehr ein unaufhebbarer Widerspruch darin, daß hier Subjektivität ‚objektiviert’ werden soll, bzw. daß auf dem Niveau meiner intersubjektiven Beziehung zum anderen mein Umgang mit ihm gleichzeitig den Kriterien von auf Objektivität gerichteter strenger Forschung zu unterwerfen wäre?“ (Holzkamp 1985, 534).

Holzkamp hält gerade die Identifizierung von Wissenschaftlichkeit unter Ausklammerung der Frage nach den Forschungsinhalten und –interessen für unwissenschaftlich. Denn diese Ausklammerung ist Ausdruck reduzierter Rationalität wissenschaftlicher Forschung. Aufgrund der vorgeblichen Politik-Abstinenz wird Wissenschaft wehrlos gegen politischen Mißbrauch ihrer Denkansätze und Forschungsresultate (vgl. Holzkamp 1972, 76f.).7 So betreuen PsychologInnen „bombenwerfende Killer in Angriffskriegen“, optimieren Folter oder formulieren in rechtswissenschaftlich-psychologischen Gutachten ökonomisch-soziale Probleme in personal-psychologische um (vgl. Markard 2000, Absatz 3; Misbach 2002, 138). Diese „reduzierte Rationalität“ (Holzkamp) ist nicht dem Unvermögen oder der Intention bestimmter Forschenden geschuldet, sondern bestimmten wissenschaftstheoretischen Sichtweisen bürgerlicher Wissenschaft (vgl. Holzkamp 1972, 78). Holzkamp kritisiert die bürgerliche Formbestimmtheit bei der Deutung subjektiver Erfahrungen als den Versuch des „Sich-selbst-an-den-Haaren-aus-dem-Sumpf-Ziehens“. Statt dessen hat sich aus subjektwissenschaftlicher Kategorialanalyse ergeben, „daß ‚mein’ subjektiver Standpunkt zwar der Ausgangspunkt meiner Welt- und Selbsterfahrung, aber damit keine unhintergehbare bzw. ‚in sich’ selbstgenügsame Letztheit ist“ (Holzkamp 1985, 538). Denn der Standpunkt des Subjekts wird durch eine „[…]logisch-historische Rekonstruktion weder eliminiert noch reduziert, sondern ‚ich’ finde mich dabei […] bewußt und wissenschaftlich reflektiert an der ‚Stelle’ im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang wieder, an der ich faktisch ‚schon immer’ stand“ (Holzkamp 1985, 538). Deutlich wird, dass somit der Standpunkt des Subjekts die Berücksichtung objektiver Bedingungen einschließt. Ausgeschlossen wird aber die bürgerliche „Bedingtheit“, da von meinen Verfügungsmöglichkeiten abgesehen wird (vgl. Holzkamp 1985, 539). Die bürgerliche Forschung hat keine wissenschaftlich begründeten Mittel mit denen sie die Frage nach der Relevanz ihrer Forschung klären kann. In neoliberalen Zeiten scheint hier ökonomische Nützlichkeit und Verwertbarkeit der einzige Maßstab für Relevanz zu sein. Weiter oben habe ich in der Diskussion um die Verallgemeinerbarkeit subjektwissenschaftlicher Forschung herausgearbeitet, dass Induktionen logisch unhaltbar sind. Vor dem Hintergrund des Kriteriums wissenschaftlicher Relevanz stellt Holzkamp fest, dass im „naiven Empirismus“ die Forschenden als „passive Registratoren“ dem Untersuchungsgegenstand sein Geheimnis per Beobachtung entlocken wollen. Die Forschenden können dementsprechend nur Wirklichkeit verdoppelnd wiedergeben, nicht aber die Frage nach der Relevanz ihrer Forschung gegenstandsadäquat ausweisen (vgl. Holzkamp 1972, 80f.). Aus der Perspektive des naiven Empirismus ist politisch motivierte Forschung unwissenschaftlich. Hält Holzkamp den naiven Empirismus durch den „logischen Empirismus“ für überwunden, so zeigt ein Blick in ein aktuelles Handbuch qualitativer Sozialforschung, dass er in der grounded theory weiterlebt. Bruno Hildenbrand schreibt:

“Bei seinen Forschungen nimmt Anselm Strauss den Ausgangspunkt nicht bei theoretischen Vorannahmen, die es zu überprüfen gilt. […] Theoretische Konzepte, die in einer Untersuchung entwickelt werden, werden im Zuge der Analyse von Daten entdeckt und müssen sich an den Daten bewähren – andere Kriterien gibt es nicht“ (Hildenbrand 2004, 33; Herv.i.O.).

Also naiver Empirismus pur. Der logische Empirismus gibt das Primat der Erfahrung des naiven Empirismus auf, da die Forschenden immer schon theoretische Konzeptionen hat und somit Selektionsprinzipien im Kopf hat durch die er/sie auswählt, was von allem zu Beobachtbaren beobachtet werden soll. Da die Forschenden entscheiden, was sie beobachten wollen, ist es unzulässig Erfahrungen induktiv zu verallgemeinern. Bei der Überprüfung der Wahrscheinlichkeit von Hypothesen im logischen Empirismus bleibt die Frage der Relevanz der Forschung und den Interessen der Forschenden rationaler Kontrolle entzogen (vgl. Holzkamp 1972, 84). Holzkamp spricht in diesem Zusammenhang von der „Unsinnigkeit einer bloß formalen, methodenbezogenen Wissenschaftslehre“ (ebd.). Das Poppersche Falsifikationsprinzip verweist die Entscheidung darüber, was beforscht werden soll „in das Reich des Irrationalen“. Holzkamp schreibt: „Die Frage, welche von allen möglichen Theorien über reale Verhältnisse formuliert werden sollen, nach welcher Werthierarchie das Untersuchenswürdige aus allem grundsätzlich Untersuchbaren ausgewählt werden muß, ist von Poppers Theorie her nicht diskursiv zu diskutieren, sondern bleibt im Bereich des Irrationalen“ (Holzkamp 1972, 88).

Popper hat den Wahrheitsanspruch von Wissenschaft radikal zurückgewiesen. Und Holzkamp macht deutlich, dass das „Wozu“ wissenschaftlicher Forschung in den bisherigen Konzeptionen nicht rational ausweisbar ist. In den Sozialwissenschaften hält sich hartnäckig die Forderung Max Webers nach einer „Wertfreiheit“ der Wissenschaft. Kurt Lenk schreibt: „Das Bekenntnis zum Pluralismus der Werte und der bewußte Verzicht, als Wissenschaftler wertsetzend zu wirken, gehören zum Grundcharakter aller Weberschen Aussagen“ (Lenk 1993, 992). Weber begründet seine Haltung wie folgt:

„Und fühlt er [der Professor; R.B.] sich zum Eingreifen in die Kämpfe der Weltanschauungen berufen, so möge er das draußen auf dem Markt des Lebens tun: in der Presse, in Versammlungen, in Vereinen, wo immer er will. Aber es ist doch etwas allzu bequem, seinen Bekennermut da zu zeigen, wo die Anwesenden und vielleicht Andersdenkenden zum Schweigen verurteilt sind [im Hörsaal; R.B.]“ (Weber 1995, 37).

Es geht Weber nicht um „Kathederprophetie“, sondern um „intellektuelle Rechtschaffenheit“ (vgl. Weber 1995, 45). Nach Weber läßt sich die Entscheidung, ob eine Handlung verwerflich oder billigenswert ist, niemals für alle Menschen treffen, sondern nur für das eigene Verhalten (vgl. Lenk 1993, 992). Holzkamp verwirft jeden herrschaftlichen Standpunkt. So hat Wissenschaft nicht das Recht gegen den Willen der Subjekte sich in ihr Leben einzumischen (vgl. Holzkamp 1990 a, 12). Aber anders als Weber ist damit keine Wertfreiheit von Wissenschaft gemeint. Denn mit Hilfe der subjektwissenschaftlichen Kategorien läßt sich die Selbstschädigung von Handlungen und Verhaltensweisen in einer Bedingungs-/ Begründungsanalyse aufweisen. Richtig ist, dass die Analyse nicht für alle Menschen, sondern für je mich gilt. Für Weber aber wird damit ein Rückzug der Wissenschaft aus dem Leben der Menschen begründet. Aus der Analyse der bürgerlichen Gesellschaft kommt er zu dem Schluß, dass es keine allgemeingültigen Werte mehr gibt. Eine These die in postmodernen Theorien gerne vertreten wird. Aus dem entstanden Kampfplatz um Werte will Weber die Wissenschaft heraus halten (vgl. Lenk 1993, 993). W.F. Haug erteilt „[…]der Vorstellung, es könne wissenschaftlich erhabene, aller schmutzigen Anbindung an reale Verhältnisse entledigte Theorien geben, eine Absage. Immer beziehen sich Theorien auf gesellschaftliche Wirklichkeit, sei es, dass sie vorhandene Verhältnisse festigen und unterstützen, sei es, dass sie sie verändern wollen. In diesem Sinn sind alle Theorien parteilich. Ihre Wissenschaftlichkeit hängt davon ab, wie sehr sie dieses Verhältnis reflektieren und erkennen“ (W.F. Haug zitiert nach Haug, F. 2004, 58). Meine gesamte Arbeit ist diesem wissenschaftlichen Kriterium verpflichtet und klärt schon zu Beginn den eigenen Standpunkt und reflektiert ihn in den unterschiedlichen Kapiteln auf unterschiedlichen Ebenen, denn stets gilt es, an passenden Stellen, begründet deutlich zu machen, wo und wie ich mich vom malestream abgrenze. Hiermit ist auch das Kriterium der Nachprüfbarkeit angesprochen, welches im nächsten Unterkapitel diskutiert wird. Da in der empirischen Sozialforschung ein bestimmter Ausschnitt und Zugang zur Wirklichkeit zu bestimmen ist, wird die Frage des Auswählens zum Erkenntnisproblem. In die Diskussion gerückt wird so die skizzierte Frage von Interesse vs. Wertfreiheit. „Die Fragen spitzen sich zu zur Kritik der Sozialwissenschaften“ (Haug, F. 1994 b, 297).

Holzkamp bezeichnet es als „wissenschaftstheoretischen Dezisionismus“, wenn der „individuelle Forscher“ als undurchdringbare Letztheit aufgefaßt wird, d.h. Theorie und letztendlich sogar empirische Daten als persönliche Entscheidung des Forschers bzw. der Forscherin angesehen werden, wie dies im Konstruktivismus der Fall ist (vgl. Holzkamp 1972, 102; vgl. Meinefeld 2004, 273). Hierdurch entzieht sich jedoch das Aufnehmen und Ausbauen von Forschungsansätzen, wie überhaupt jede Forschungsauswahl der rationalen Diskussion, so auch bei Weber. Als Ausweg benennt Holzkamp die Umkehrung von Abstrakt und Konkret in den Subjektvorstellungen bürgerlicher Psychologie. Im zweiten Kapitel habe ich deutlich gemacht, dass das Subjekt nicht abstrakt und a-historisch zu fassen ist, sondern stets konkret als „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Dies gilt auch, wie im dritten Kapitel deutlich wurde, aus feministischer Perspektive (vgl. Gildemeister 2004, 219). Erinnern wir uns kurz an Holzkamps Analyse zu diesem erkenntnistheoretischen Problem der bürgerlichen Psychologie: „Es ist kennzeichnend für die bestehende bürgerliche Psychologie, daß hier der ‚Mensch’, auf den sich die theoretischen Aussagen beziehen, zwar als konkreter Gegenstand der empirisch-psychologischen Forschung ‚erscheint’, tatsächlich aber nicht als lebendiger Mensch in je konkreter gesellschaftlich-historischer Lage, sondern eben als jenes ‚abstrakt-isolierte’ Individuum, das keinesfalls etwas ‚empirisch’ Gegebenes, sondern eben bloßes Gedankending ist, behandelt wird“ (Holzkamp 1972, 103). Da hierdurch eine Hineinverlagerung der Theoriebildung in das abstrakte Subjekt vorgenommen wird, erscheint die Auswahl der Forschenden für Begrifflichkeiten wie „Intelligenz“, „Begabung“ usw. irrational, denn es kann nicht ausgewiesen werden, warum den Forschenden gerade diese Begriffe „eingefallen“ sind, warum sie diese Konzeptionen verwenden und warum andere Forschende andere Konzeptionen und Begriffe interessant finden. Holzkamp macht deutlich, „[…]daß die Psychologie, sofern sie das abstrakte Gedankending, ‚isoliertes Individuum überhaupt’, mit dem lebendigen, konkreten Menschen, dem ihr Interesse zu gelten hat, verwechselt, nicht nur ihren Gegenstand verfehlen muß, sondern auch den gedanklichen Zusammenhang und die Relevanz psychologischer Theorie niemals rational ausweisen kann“ (Holzkamp 1972, 107). Holzkamp kann stringent nachweisen, dass die a-historische Wissenschaftsvorstellung verhindert, das Subjekt als konkretes zu erfassen. Durch das Aufweisen von Exhausionen (Störbedingungen) wird dem Subjekt zudem seine Lebendigkeit genommen. Weiter oben habe ich deutlich gemacht, dass meine Forschung gerade diese Lebendigkeit der Subjekte voll berücksichtigt. Holzkamp schlussfolgert: „Auf diese Weise ist das organismische System der bürgerlichen Psychologie, in dem der konkrete historische Mensch zum abstrakt-isolierten Individuum umgefälscht ist, immanent völlig unangreifbar, da es sozusagen per definitionem gar keine empirische Daten geben kann, die diesem System widersprechen“ (Holzkamp 1972, 110; Herv.i.O.). Das heißt, die Verkehrung von abstrakt und konkret in der bürgerlichen Forschung führt dazu, dass die Forschenden ihre historisch-gesellschaftliche Situation und Standortgebundenheit nicht wissenschaftlich reflektieren können. Holzkamp zieht folgendes Fazit:

„Nur durch die Überwindung der dezisionistisch-organismischen Konzeptionen des eingeengten bürgerlich-psychologischen Bewußtseins und die totalisierende Einbeziehung des menschlichen ‚Gattungswesens’ als Produkt seiner Selbsterzeugung auf einer bestimmten Stufe gesellschaftlicher Arbeit ist die Sicht auf den Forscher wie die Vpn. [Mit-Forschenden; R.B.] als konkrete, lebendige Menschen frei und kann so die Frage nach der inhaltlichen Relevanz psychologischer Forschung für eben diese Menschen überhaupt diskutiert werden“ (Holzkamp 1972, 111; Herv.i.O.).

Somit ist der Rahmen für die Relevanzbestimmung meiner Forschung, wie im zweiten Kapitel auch deutlich wurde, notwendigerweise die konkret historisch-gesellschaftliche Situation, die ich als Neoliberalismus herausgearbeitet habe.

Und in dieser historisch-konkreten Gesellschaftsform des Neoliberalismus ist aus kritischer Perspektive eine Wissenschaft zu entwickeln, die für die Subjekte relevant ist. Eine Wissenschaft die dabei Wege zur Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung aufzeigt und so politisch-alltägliche Praxen ermöglicht und zur Grundlage hat (vgl. Haug, F. 19999 a, 52). Ähnlich argumentiert auch der Konstruktivismus mit dem Begriff der Viabilität. Damit ist gemeint, dass wissenschaftliche Erkenntnisse dem Subjekt ein Überleben in seiner konkreten Umwelt ermöglichen soll, also praxis- bzw. lebensrelevant sein soll (vgl. Flick 2004 a, 163; Fn. 2). Der bei mir verwendete Wissenschaftsbegriff beinhaltet zugleich einen völlig anderen Geschichtsbegriff als den der Wissenschaftslogik. Denn die Wirklichkeit wird, wie in der Kritischen Theorie, als eine veränderbare und sich verändernde Handlungswelt aufgefaßt. Diese besitzt eine geschichtliche Dimension, welche anders als in der Objektwelt der Naturwissenschaften, im strengen Sinne keine Wiederholungen kennt. Es handelt sich bei Geschichte um einen ununkehrbaren Prozeß. Die zu analysierenden Gesetzmäßigkeiten sind keine ewigen, im Sinne der Naturwissenschaft, sondern historische von den in der Geschichte wirkenden Kräfte abhängige Gesetzmäßigkeiten (vgl. Lenk 1993, 1014). Wenn Geschichte sich nicht wiederholt, also Gesellschaft sich durch die in ihr wirkenden gesellschaftlichen Kräfte prozesshaft verändert, wie ist dann das Kriterium der Nachprüfbarkeit wissenschaftlicher Forschung zu erfüllen?

Kriterium der Nachprüfbarkeit

In der Perspektive bürgerlicher Wissenschaft ist das Kriterium der Nachprüfbarkeit / Intersubjektivität ein Kriterium welches wissenschaftliche Objektivität gewährleisten soll (vgl. Radnitzky 1992, 402). Aus subjektwissenschaftlicher Perspektive kann dieses Kriterium der Nachprüfbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse nur in der Analyse der je eigenen Befindlichkeit und Handlungsfähigkeit mit den Bestimmungen des subjektiven Möglichkeitsraums bestehen (vgl. Holzkamp 1985, 556). Die Nachprüfbarkeit empirischer Forschung beinhaltet so nicht eine identische Reproduktion der Forschungssituation, in der Absicht zu gleichen Ergebnissen zu kommen, sondern weitere Studien sind als Entwicklung des Forschungsgegenstandes anzusehen (vgl. auch Merkens, H. 2004, 290). Weiter oben habe ich deutlich gemacht, dass alle Mit-Forschende den Forschungsprozess aufs Neue öffnen können.

Doch auch bürgerliche Vorstellungen von Intersubjektivität sind nicht vollends zu verwerfen. So formuliert Hans Merkens die Notwendigkeit, Kriterien der eigenen Forschung offen zu legen, Entscheidungen deutlich zu machen, damit andere ForscherInnen bei gleicher Vorgehensweise zu einem ähnlichen Resultat gelangen können bzw. das Vorgehen einer rationalen Kritik unterworfen werden kann (vgl. Merkens, H. 2004, 286). Meine Gruppendiskussionen und teilnehmenden Beobachtungen sind nicht wiederholbar, da alle Subjekte aus der Situation als andere herausgehen, als sie zu Beginn waren. Auch Ines Steinke macht deutlich, dass eine identische Replikation qualitativer Forschung aufgrund der begrenzten Standardisierbarkeit, bei mir handelt es sich bspw. um je konkrete kontextbezogene Widerspruchsfragen, unmöglich ist (vgl. Steinke 2004, 324). Nichts desto trotz gibt es ähnliche, typische Möglichkeitsräume, die mit den gleichen Verfahren untersucht werden können. Meine Diskursanalysen der Texte zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit lassen sich wiederholen, da sie als Veröffentlichungen jeder und jedem (theoretisch) zugänglich sind. Eine rationale Kritik an meiner Forschung ist insofern möglich, da ich vom ersten Kapitel an, meine Vorgehensweise begründe. Die von ihm geforderte Offenlegung der Fallauswahl, des Gate-Keepers (also wie ich in das empirische Feld hinein gekommen bin bzw. wer mir dabei geholfen hat) und der Freiwilligkeit der Mit-Forschenden, beschreibe ich weiter unten.

Als Kriterien der Nachprüfbarkeit werden genannt:

  • Dokumentation des Vorverständnisses

  • Dokumentation der Erhebungsmethoden und des Erhebungskontextes

  • Dokumentation der Transkriptionsregeln

  • Dokumentation der Daten

  • Dokumentation der Auswertungsmethoden

  • Dokumentation der Informationsquellen (also wörtliche Äußerungen, teilnehmende Beobachtung usw.)

  • Dokumentation von Entscheidungen und Problemen und

  • Dokumentation der eigenen (Güte-)Kriterien (vgl. Steinke 2004, 324f.).

Mein Vorverständnis habe ich hinsichtlich der Parteilichkeit und der Theoriegeleitetheit meiner Forschung deutlich gemacht. Die Erhebungsmethoden und –kontexte werden weiter unten erklärt und begründet, ebenso die Transkriptionsregeln, Daten und Auswertungsmethoden. Hierbei werde ich auch auf die Informationsquellen in Wahrung der Anonymität eingehen. Wie mehrfach deutlich wurde, werden (Richtungs-) Entscheidungen und verwendete Theorien begründet, hergeleitet und hinsichtlich ihrer Gegenstandsadäquatheit eingeführt. Dies umfaßt ebenso die Benennung (eigener) kritisch subjektwissenschaftlicher Forschungskriterien. Somit erfülle ich mit meinem Forschungsdesign alle Kriterien und ermögliche dadurch den Lesenden und Mit-Forschenden die Nachvollziehbarkeit meiner Forschung.

Mit dieser Form von „reflektierter Subjektivität“ (Steinke) ist zugleich ein Kriterium intersubjektiver Nachvollziehbarkeit der bürgerlich qualitativen Sozialforschung erfüllt. Mein gesamter Forschungsprozess ist durch eine Selbstbeobachtung begleitet. In dieser Selbstbeobachtung fordere ich mich immer wieder auf, mein Beharren auf kritisch-marxistischer Forschung zu hinterfragen. Denn ich teile die Kritik der Anarchisten an Marx, Engels und Co hinsichtlich ihrer Reproduktion von Herrschaft durch das Setzen auf eine kommunistische Partei und einen verwaltenden Staat. Auch gilt mir ihre Kritik am ‚Elphenbeinturm-Marxismus’ als Mahnung. Ich setze dieser Kritik eine gelebte Einheit von Theorie und Praxis entgegen. Mein Verhältnis zu den Mit-Forschenden schätze ich als gut ein. Ich werde als Wissenschaftler in ihrer Praxis wahrgenommen. Wenn über mich, in meiner Abwesenheit, gesprochen wird, und mein Name vergessen wurde, so wird mein Wissenschaftlersein als Kennzeichnungsmerkmal verwand. Die Art und Weise meines marxistischen Eingriffs wird als angenehm empfunden, da ich auf eine wenig dogmatische Art von Zeit zu Zeit das „M-Wort“ (Marx bzw. marxistische Theorieansätze) einfließen lasse. Zur „reflektierten Subjektivität“ gehört es auch, persönliche Voraussetzungen zu reflektieren. Zu marxistischen Theorien bin ich erst sehr spät im Studium gekommen, und bin daher durch bürgerliche Theorieansätze (bspw. mehrere Kurse zu Max Weber) und einem Unbehagen, dass darin die bestehenden Herrschaftsverhältnisse entweder als Relikt der Geschichte, als Idealtypen behandelt wurden oder gar nicht vorkamen. Erst mit der Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie und später mit Marx, F. und W.F. Haug und Holzkamp wurde es mir möglich die erlebte Herrschaft zu begreifen. Qualitativ empirisch habe ich zunächst textanalytisch gearbeitet und dann im Rahmen eines Forschungsprojektes auch Einzelinterviews und Gruppendiskussionen durchgeführt und ausgewertet. Zwei Probleme sehe ich in meiner empirischen Forschung. Zum einen muss ich innerhalb von 4 Tagen Widersprüche im Rahmen meiner teilnehmenden Beobachtung erkennen und diese dann in eine Widerspruchsfrage packen. Da ich noch relativ wenig Erfahrung habe, stellt dies eine große Herausforderung für mich dar. Einen Plan B habe ich bisher nicht. Zum anderen habe ich wenig Erfahrung in der Auswertung von Gruppendiskussionen. Die viel geforderte kollektive Auswertung geht im Rahmen meiner als Einzelforschung angelegten Dissertation nicht. So dass ich mich hier ganz auf meine diskursanalytischen Fähigkeiten verlassen muss. Nichts desto trotz werden Teile dieser Arbeit immer wieder von FreundInnen gegengelesen. Anlaß mich mit dem Thema gewerkschaftlicher Bildungsarbeit zu befassen war ein gewerkschaftliches Seminar zu Medien, wie diese Bilder machen und Wirklichkeitswahrnehmung. Der Teamer kommt aus einem kritisch-politischen Kontext und war wegen seines Engagements auch inhaftiert. Das Seminar jedoch kam fast vollständig ohne kritische Inhalte aus. Ich hatte erwartet mich mit historischen Forderungen nach der Enteignung des Axel Springer Verlages beschäftigen zu können, die Frage der Retouschierung von Bildern, wie bspw. in der Ausstellung „Bilder die lügen“ oder einer Medienkulturanalyse aus der Perspektive Kritischer Theorie. Statt dessen wurde viel in Arbeitsgruppen gearbeitet, am Computer gesurft, Ergebnisse vorgestellt und, weil wir ja alle so liberal sind, unkritisch und gleichwertig nebeneinander gestellt. Im Großen und Ganzen ging es eher um die Förderung kommunikativer Kompetenzen der Teilnehmenden. Ich war also sehr enttäuscht. Ich beschloß also in gewerkschaftliche Bildungsarbeit einzugreifen und diese nach links zu verschieben. Ich besuchte zunächst weiter Seminare um meine „sozialen Kompetenzen“ zu erweitern und um methodisches Handwerkszeug zu erlernen. Auf einem dieser Seminare lernte ich dann eine Jugendbildungsreferentin kennen. Mit ihr zusammen teamte ich mein erstes Seminar und arbeitete fortan im Teamendenarbeitskreis mit. Dies war zugleich mein „Feldeinstieg“ in mein empirisches Feld und meine teilnehmende Beobachtung begann. Dieser Feldeinstieg ist ein Kriterium eingreifender Sozialforschung, die als Bedingung hat, dass ForscherInnen und Mit-Forschende zusammen arbeiten und je nach Kontext auch zusammen leben (vgl. Haug, F. 1994 b, 309). Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit ist ein Bestandteil wissenschaftlicher Intersubjektivität. Dadurch werde ich als Forscher als „Intentionalitätszentrum“ (Holzkamp) von meinen Mit-Forschenden wahrgenommen. Ich bin also nicht diese undurchdringbare Letztheit, wie in der bürgerlichen Forschung. Das Kriterium der Intersubjektivität wird somit von mir kritisch reartikuliert.

Verhältnis von Theorie zu Empirie

Bevor ich meine konkrete aktual-empirische Forschung entwickele und begründe, ist es notwendig, das Verhältnis von Theorie und Empirie zu klären. Ein Blick in ein aktuelles Handbuch zur qualitativen Sozialforschung zeigt eine deutliche Hegemonie der grounded theory. Meinefeld schreibt: „Obgleich auch in der qualitativen Methodologie die Tatsache theoriegeleiteter Wahrnehmung nicht in Frage gestellt wird, lehnt man hier überwiegend die Formulierung von Ex-ante-Hypothesen ab[…]“ (Meinefeld 2004, 266). Mit anderen Worten, Hypothesen, welche im Vorfeld formuliert werden, werden im malestream qualitativer Forschung abgelehnt. Hierdurch soll eine vorab Festlegung der Forschenden vermieden werden, um eine größtmögliche Offenheit der Forschung zu gewährleisten. Dies geht soweit, dass sogar zu einer Suspendierung des Vorwissens aufgerufen wird (vgl. Meinefeld 2004, 266). Die TheoretikerInnen der grounded theory „[…]fordern hier ausdrücklich, der Forscher möge sich von allem Vorwissen frei machen und sogar auf die vorgängige Lektüre theoretischer und empirischer Arbeiten zu seinem Themenbereich verzichten, um seinem Forschungsfeld möglichst unvoreingenommen gegenübertreten zu können“ (Meinefeld 2004, 268). Wie ich weiter oben in der Diskussion um den naiven Empirismus und den logischen Empirismus deutlich gemacht habe, nehmen die Forschenden ihre Welt immer schon in Begriffen wahr. Empirische Forschung kann daher niemals mit theorieunabhängiger Erfahrung beginnen. Deutlich wird zudem, dass nicht von einer Einheit von Forschenden und Mit-Forschenden ausgegangen wird und auch scheint mensch sich hier nicht in einer gemeinsamen Welt zu befinden, sondern dieser tritt der Welt gegenüber. Es wird also ein Standpunkt außerhalb eingenommen. In der grounded theory steckt ein weiteres Problem. Gramsci verweist darauf, dass der Alltagsverstand sich aus historisch veraltetem und Versatzstücken modernster Wissenschaft zusammensetzt, daher ein Inventar erstellt werden muss, um auf kohärente Weise zum aktuellsten Stand vorzudringen. In der grounded theory können die Forschenden nicht auf bisher erarbeitetes Wissen zurück greifen, noch dieses weiterentwickeln. Sie sind gezwungen das Rad jeweils neu zu erfinden und damit evtl. auch die Fehler, welche in der bisherigen Forschungsgeschichte in dem Themenfeld begannen wurde zu wiederholen. Werner Meinefeld macht also zurecht darauf aufmerksam, dass die grounded theory nicht anerkennt, dass allein die erste Konstitution von Daten bereits eine aktive Entscheidung der Forschenden ist und auf ihren Forschungsinteressen und Vorverständnissen aufbaut. (vgl. Meinefeld 2004, 269). Er kommt zu dem Schluss: „Die in der qualitativen Methodologie gelegentlich zu findende Idealisierung der ‚Unvoreingenommenheit’ des Forschers und der Vorstellung einer ‚direkten’ Erfassung der sozialen Realität sind somit erkenntnistheoretisch nicht zu halten“ (Meinefeld 2004, 269).

Meine Arbeit begann mit einer Klärung des eigenen Standpunktes und somit der parteilichen Perspektive auf mein Forschungsfeld. Im Anschluss daran habe ich, entsprechend des Holzkampschen Vorgehens (vgl. Holzkamp 1985, 27ff.), den philosophischen und gesellschaftstheoretischen Ausgangspunkt als erste und zweite Bezugsebene meiner Forschung dargestellt. Es ist dies die Darstellung des marxschen Forschungsprozesses in seiner anthropozentrischen Lesart. Notwendig war anschließend die Begründung der strukturellen Einbeziehung der feministischen Perspektive in meine Forschung. Daran schloß sich die dritte Ebene der Kategorialanalyse Holzkamps an meinen Entwicklungsgang an. Ich habe also von Anfang an die Theorie der Empirie vorgeordnet.

Nach Holzkamp unterscheiden sich Kategorien und Einzeltheorien nicht hinsichtlich ihres Empiriebezugs. Denn es sind beide empirisch fundierte Konzepte. Der Unterschied liegt darin, dass Kategorien historisch-empirisch und Einzeltheorien aktual-empirisch zu fundieren sind. In der subjektwissenschaftlichen Forschung sind dabei die Kategorien die Grundbegriffe, „[…] die die unvermeidlichen Grundvorstellungen davon repräsentieren, was man an der empirischen Realität überhaupt wahrnehmen kann, was man aus deren unendlicher Vielfalt hervorhebt“ (Markard 1988, 101; vgl. auch Holzkamp 1985, 509). Markard macht deutlich, dass weder quantitative noch qualitative Forschung, in ihrer bürgerlichen Form, Begründungen für Kategorien geben können. Er kommt zu dem Schluß: „Aktualempirische Methoden können keine Kriterien für den Erkenntniswert ‚qualitativ’ geschöpfter Theorien liefern. Diese Kriterien sind grundsätzlich nur auf einer der aktualempirischen vorgelagerten Ebene zu diskutieren[…]“ (Markard 1988, 102). Die Offenheit, Naivität und theoretische Flexibilität bürgerlicher Forschung ist illusionär und öffnet Tür und Tor diese Offenheit durch bürgerliche Ideologie zu füllen und sich damit also an die herrschenden Verhältnisse anzupassen (vgl. Markard 1988, 103).

Die subjektwissenschaftlichen Kategorien bilden aber keine Deduktionsgrundlage für Einzeltheorien. Sie stellen ein analytisches Instrumentarium dar, mit welchem in den alltäglichen und wissenschaftlichen „Vorbegriffen“ enthaltene Kategorialbezug in seinem Verhältnis zur Aktualempirie auf den Begriff zu bringen und in allen Konsequenzen für den Forschungsprozess zu entwickeln ist (vgl. Holzkamp 1985, 515). Mit anderen Worten sollen die den Gegenstand determinierenden Kategorien, methodisch ausweisbar, auf den „Vorbegriffen“ beruhen (vgl. Teo 1993, 190). Dabei werden die Vorbegriffe in einem dialektischen Verfahren aufgehoben. Die Kategorien determinieren zwar den empirischen Ausschnitt, nicht aber die Theorien und Methoden. Auf der Basis derselben Kategorien kann es unterschiedliche Theorien geben. Somit ist die Subjektwissenschaft als ein offenes wissenschaftliches System qualifiziert (vgl. Teo 1993, 190).

Bis hierher habe ich also das Verhältnis von Kategorie und Einzeltheorie, von Kategorie und Methode (s.o.) sowie von Kategorie und empirischen Ausschnitt geklärt. Eine Grundfrage kritischer Sozialwissenschaft ist die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Empirie, denn es ist die Frage nach den menschlichen Praxen, die Verhältnisse schaffen, welche wiederum als ebensolche Praxen zu bestimmen sind (vgl. Haug, F. 1994 b, 307). Der komplizierte marxsche Forschungsauftrag, wie ich ihn im zweiten Kapitel entwickelt habe, „[…]schlägt vor, die Bedingungen als von Menschen gemachte, also als veränderbare und historisch zu rekonstruierende zu untersuchen; die Menschen als Gestalter ihrer Leben subjektiv, von ihrem Denken, Fühlen und Wollen her zu fassen, wenngleich diese Lebensgestaltung wiederum durch die von Menschen erzeugten Umstände vielfältig fremd und verstellt sind“ (Haug, F. 2004, 57). F. Haug macht deutlich, dass dieser Forschungsprozess von vornherein die Disziplingrenzen von Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Biologie und Naturwissenschaft überschreitet. Doch wie können Theorien einerseits kritisch auf Realität bezogen werden und andererseits aus ihr gewonnen werden? Holzkamp macht die Dialektik mit dem Verhältnis von Kategorien zu Theorien deutlich. F. Haug sieht hierin zudem die Frage nach dem Verhältnis von Intellektuellen und „den übrigen Menschen“ gestellt (vgl. Haug 1997, 28). Dieses Verhältnis habe ich im bisherigen Gang der Darlegung meines Forschungsdesigns als Verhältnis Forscher/ Mit-Forschende diskutiert und im Kapitel zu Gramsci als Verhältnis von organischen Intellektuellen und politischer Bewegung. Die Notwendigkeit der Aktualempirie, denn aus den Kategorien weiß ich noch nichts über die konkrete Beschaffenheit meines Forschungsgegenstandes, bedeutet also für mich den Zugang zur Wirklichkeit. „Aber was wirklich ist, ist umstritten“ (Haug, F. 1997, 28). Diese Wirklichkeit stellt sich mir als Herausforderung des Begreifens, aber auch des Umdenkens. Die Aktualempirie stellt sich mir dar als ein theoriegeleiteter Ordnungsprozess der chaotischen Vielfalt der Wirklichkeit. Der Leitfaden zur Anordnung der Daten bildet einerseits die Kategorialanalyse, andererseits, wie im zweiten Kapitel deutlich wurde, die Begriffe zur Erfassung der Produktionsweise in ihrer konkreten Ausprägung (Kapitel 8). Rosa Luxemburg schreibt zur marxschen Empirie: „[…]erst als er [Marx] den Ariadnefaden des historischen Materialismus in der Hand hatte, fand er durch das Labyrinth der alltäglichen Tatsachen der heutigen Gesellschaft den Weg zu wissenschaftlichen Gesetzen ihrer Entwicklung und ihres Untergangs“ (Luxemburg, Gesammelte Werke 1/2, 140f.; zitiert nach Haug, F. 1994 b, 303). Dabei muss der Leitfaden aber auch entsprechend der aktualempirischen Ergebnisse verändert werden (vgl. Haug, F. 1994 b, 301).

Aktualempirie befindet sich in einem mehrfachen Kampffeld. Zum einen wird heftig über den Wirklichkeitsbegriff selbst diskutiert, des weiteren ist es die Frage des Zugangs zur umstrittenen Wirklichkeit. Drittens die Frage der Auswertung und Deutung ihrer Ergebnisse. F. Haug kommt zu dem Schluss: „Empirische Daten sprechen […] nicht für sich, sie sind Momente in einem Kampffeld, das hegemonial von der herrschenden Klasse besetzt ist“ (Haug, F. 1997, 32; Haug F. 1994 b, 303). Hiermit wird sogleich das Feld der Ideologiekritik geöffnet, welches sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit zieht und im 6. Kapitel ausführlich behandelt wurde. Nach dem Verständnis von Marx hat Empirie nichts mit Erfahrung zu tun, sondern mit einer Erfahrung, welche durch eine bestimmte Kritik hindurchgegangen ist. Daher bedarf Aktualempirie immer einer Ideologiekritik (vgl. Haug, F. 1994 b, 301). Die Auswertung meiner Aktualempirie wird auch eine ideologiekritische sein. Theodor W. Adorno warnt davor, Daten naiv zu erheben, denn diese wären „[…]allesamt wie Eisenpfeilspäne ausgerichtet im deformierenden Kräftefeld spätkapitalistischer Verhältnisse. Erhebe man sie in dieser Zugerichtetheit, so verfestigen die so gewonnen Daten noch einmal die sie erzeugenden Verhältnisse“ (Haug, F. 1994 b, 310).

Dargelegt habe ich, dass die Frage der Aktual-Empirie diejenige nach dem Zugang zur Wirklichkeit ist. Und das dieser Zugang umkämpft ist und ideologiekritisch dekonstruiert werden muss. Im zweiten Kapitel habe ich mit Marx und Engels herausgearbeitet, dass Forschung vom wirklichen Leben der Menschen ausgehen muss. Denn da, „[…] wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen“ (MEW 3, 27). Ausgangspunkt sind also die Alltagspraxen der Menschen, ihr wirkliches Leben. Aber diese sind nicht, wie Marx und Engels schreiben, einfach „[…] auf rein empirischem Wege konstatierbar[…]“ (MEW 3, 20), denn der Zugang zur Wirklichkeit ist umkämpft8. In ideologiekritischer Perspektive rückt in den Blick, „[…]was von den Verhältnissen, von Gesellschaft, von den Einzelnen wie wahrgenommen, mit Bedeutung versehen und ins eigene Leben eingebaut wird“ (Haug, F. 1999 a, 66; Herv.i.O.). Die Alltagspraxen der Subjekte sind zugleich Ausgangs- als auch Reflexionspunkt einer Wissenschaft vom Subjektstandpunkt aus. Empirie hat es also nicht einfach mit den Alltagspraxen zu tun, sondern mit einer, die durch eine bestimmte Kritik hindurchgeht. Empirie bedarf also immer auch einer Ideologiekritik (vgl. Haug, F. 1994 b, 301). Denn einerseits sind die Alltagspraxen der Subjekte „vordergründig-harmonisierend“ und „herrschaftsverschleiernd“, andererseits befindet sich diese Form der Wirklichkeitswahrnehmung im Widerspruch zur antagonistischen Klassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. Holzkamp 1972, 117f.).9 Aus der Perspektive Luxemburgs nimmt Forschung ihren Ausgangspunkt bei den erfahrenen Widersprüchen in den Alltagspraxen der Subjekte, mit dem Ziel diese zunächst herauszuarbeiten, um sie dann den Subjekten zur Bearbeitung zur Verfügung zu stellen (vgl. Haug, F. 1999 a, 47). F. Haug schreibt:

„Die empirische Forschung setzt mithin an bei einem Konflikt, sucht die begriffliche Fassung auf und reartikuliert die unterschiedlichen Erfahrungen, die im Begriff zusammengefaßt sind, und von denen er abstrahiert. Sie zeigt die Abstraktion als spezifischen Macht- und Verschiebungsakt und den Begriff als materielle Gewalt, mit dem die ursprünglichen Akteurinnen schlecht leben können. Der befreiende Vorschlag muß eine andere Begriffs- und Praxisstrategie sein“ (Haug 1999a, 62).

In dieser hier vorgestellten Aktual-Empirie ist der „Konflikt“ ein spezifischer, durch teilnehmende Beobachtung herauskristallisierter, Widerspruch, welcher in einem gewerkschaftlichen Bildungsseminar von einer/einem Teilnehmer/Teilnehmerin geäußert wurde bzw. sich im Laufe der teilnehmenden Beobachtung als Widerspruch zusammensetzen läßt. Bspw. wenn A Montags die Aussage macht „Jeder ist sich selbst am nächsten.“ und Mittwochs von sich gibt: „Gemeinsam sind wir stark.“ So ließe sich dies in einer Gruppendiskussion in eine Widerspruchsfrage packen und wäre als zu diskutierender Widerspruch von der Gruppe zu bearbeiten. Möglich ist auch einen Widerspruch aus unterschiedlichen TeilnehmerInnen zusammenzusetzen. Dies bietet sich an, wenn im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung festgestellt wird, dass ein spezifischer Widerspruch in der Gruppe besteht aber nicht thematisiert wird. Dann wäre dies eine weitere Form, Widersprüche den Subjekten als zu bearbeitende zur Verfügung zu stellen. Als ein darin liegendes theoretisches Problem formuliert F. Haug die Schwierigkeit einerseits von den Subjekten auszugehen, sie zum Sprechen und zum Forschen zu bringen und „[…]zugleich damit einen Fragerahmen so zu gestalten, dass es den einzelnen möglich wird, sich selbst zu widersprechen“ (Haug, F. 2004, 70; Herv.i.O.). Mit anderen Worten, zum einen gibt es, auch wenn die Subjekte Mit-Forschende sind, die Schwierigkeit diese zum sprechen zu bringen, denn die Situation der Gruppendiskussion ist für alle zunächst befremdlich. Des weiteren müssen die Widersprüche so formuliert sein, dass die Subjekte diesen nicht als individuellen Denkfehler erleben, die Schuld bei sich suchen, sich als unfähig oder inkonsequent erleben. Drittens, muss die Gruppendiskussion so gestaltet sein, dass die Subjekte innerhalb der Diskussion ihre Meinung auch ändern können.

In der ganzen Arbeit kamen Widersprüche in ihrer unterschiedlichen Verwendungs- und Abstraktionsform vor. Da es hier um Aktual-Empirie geht, ist es notwendig die unterschiedlichen Arten von Widersprüchen herauszuarbeiten.

Aktual-Empirie als Widerspruchsbearbeitung

Widersprüche

Lange trieb mich die Frage um: Was sind Widersprüche? Dies, da ich feststellte, das WissenschaftlerInnen den Begriff unterschiedlich besetzen und selbst unterschiedliche Ebenen damit ansprechen. Um also Widerspruchsfragen entwickeln zu können, musste ich mir Klarheit über den Begriff verschaffen.

Zunächst einmal lassen sich drei Bedeutungen des Begriffs Widerspruch unterscheiden. Zum einen der logische bzw. kontradiktorische Widerspruch, demzufolge bspw. Theorien in sich widerspruchsfrei zu formulieren sind. Diesen Maßstab legt Holzkamp zu Recht an Theoriebildung an, da sonst Theorien völlig beliebig wären. Also „es regnet“ und „es regnet nicht“ widersprechen sich und wären in einer Theorie ein Zeichen das „irgend etwas nicht stimmt“ (Kallscheuer 1986, 710). Zweitens gibt es den realen Widerspruch, wie bspw. der Widerspruch von Kapital und Arbeit. Die Rede ist hier nicht von einem logischen Widerspruch, sondern von einem Antagonismus welcher nur durch Klassenkämpfe aufhebbar ist. Anders als Otto Kallscheuer halte ich es für falsch, von einem Konflikt zw. Kapital und Arbeit auszugehen. Der Widerspruch liegt bspw. auf einer ganz anderen Ebene als ein Beziehungskonflikt oder ein Grenzkonflikt. Diese lassen sich zumindest theoretisch als Konflikt lösen, nicht aber der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Dieser ist nur durch Klassenkämpfe aufhebbar. Eine dritte Form von Widersprüchen sind geistige und soziale Widersprüche, wie bspw. der Widerspruch von „subjektiven Sinn“ und „objektiver Bedeutung“. Anders als diese Dreiteilung nahelegt, sind diese drei Formen in der Realität vielfach aufeinander bezogen und gebrochen. Im Rahmen meiner Aktual-Empirie kommt es mir einerseits auf logische Denkwidersprüche an, anderseits aber auch darauf, ob geistige Widersprüche erkannt werden und darauf wie beide sich auf reale Widersprüche beziehen bzw. analytisch beziehen lassen.

Für Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling ist der Widerspruch das Element, welches zur Handlung bewegt. Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist es „das zur Entwicklung treibende Moment des Geschehens“ (Eisler-Begriffe Bd. 2, 738). In der materialistischen Weiterführung der Hegelschen Dialektik bezieht diese sich u.a. auf die Einsicht in die Unzulänglichkeit des abstrakten und a-historischen Denken. An dieser Stelle sehen wir, wie diese Arbeit vom dialektischen Denken durchzogen ist, denn in den unterschiedlichen Kapiteln, einschließlich diesem (Ober-)kapitel, wird sich abgegrenzt von leeren Abstraktionen, von a-historischen Begriffen. Ich verschiebe stets die Fragen auf die Prozesshaftigkeit also auf das Gewordensein einschließlich der darin liegenden Kräfteverhältnisse. Versucht wird, das Subjekt als „Ensemble der gesellschaftlichen Bedingungen“ historisch-konkret zu erfassen und seine reale Selbst-Vergesellschaftung als Einheit der Gegensätze, als Widerspruch zwischen Handlungserweiterung und Selbstunterwerfung nicht nur theoretisch zu fassen, sondern auch aktual-empirisch auszuweisen. Meiner Konzeption der Arbeit ist also eine Wissenschafts- und (empirische) Methodenkritik inhärent, die dem historisch-dialektischen Materialismus Rechnung trägt. Jindrich Zeleny faßt dies wie folgt zusammen:

„Materialistisch gedeutete dialektische Begriffe ‚W[idersprüche]’ und ‚Einheit der Gegensätze’ orientieren auf das Studium der wirklichen Prozesse in ihrer jeweiligen Eigentümlichkeit, auf das Aufsuchen ‚der eigentümlichen Logik des eigentümlichen Gegenstandes’ (MEW 1, 296) im Bewußtsein, daß die eigentümlichen Gegenstände-Prozesse jeweils Glieder des selbstbeweglichen Gesamtzusammenhanges der Wirklichkeit sind“ (Zeleny XXX, 860).

In der materialistischen Dialektik sind Widersprüche die Selbstbewegung in der sich (menschliches) Leben vollzieht. Im Kapitel zur Widerspiegelungstheorie habe ich deutlich gemacht, dass Denkwidersprüche eine (umgearbeitete) Widerspiegelung der realen Bewegung der Gesellschaft ist.

Johann Friedrich Herbart hebt hervor, das Begriffe im Widerspruch zu eigenen Erfahrungen stehen können. Eisler fasst den Begriff Widerspruch wie folgt:

„Widerspruch (antilegein, antiphasis, contradictio) ist das (unlogische) Verhältnis zweier Urteile, Sätze zueinander, wonach das eine eben dasselbe von ebendemselben in ebenderselben Beziehung verneint, negiert, was durch das andere behauptet, bejaht, gesetzt wird. Auch Begriffe können, als Elemente von (möglichen) Urteilen einander widersprechen[…]. Widerspruch ist vom (realen) Gegensatz […] zu unterscheiden, ersterer ist nur im Reden und Denken, letzterer kann auch in der Wirklichkeit sein. Dass das Denken sich nicht widersprechen solle, sagt der Satz vom Widerspruche […]“ (Eisler-Begriffe Bd. 2, S. 737).

Im Anschluss an Holzkamp unterscheide ich nicht zwischen Widerspruch und Gegensatz, da Denkwidersprüche auf Realwidersprüche verweisen, vice verca. Marx grenzt sich von Feuerbach ab, der die sinnlich-wirkliche Welt als Idee begreift. Widersprüche sind bei Marx daher „wirkliche Extreme“ (MEW 1, 292) die nicht miteinander vermittelt werden können, sie schließen einander aus.

Anders als Marx, der im K1 zwischen „platten Widersprüchen“ und dialektischen Widersprüchen im Sinne Hegels unterscheidet, und lediglich letzteren eine große Bedeutung beimißt (vgl. MEW 23, 623), sind für mich gerade erstere Ausgangspunkt, da es sich hierbei um die offensichtlichste Form hegemonialer Vergesellschaftung handelt.

Alltagsverstand

In Kapitel 4 habe ich Weltaneignung als Lernprozess anhand von Wygotski, Leontjew, Séve und Holzkamp sowie eine Vorstellung davon, wie Subjektkonstruktionen, -konstitutionen und –formierungen sich entwickeln, dargestellt. Kapitel 8 analysierte die derzeitigen sozioökonomischen Transformations- und Hegemoniebildungsprozesse, Klassenfragmentierungen im Neoliberalismus sowie die ideologischen Formen in die hinein sich die Subjekte vergesellschaften.

Die Kernfrage der Empirie ist keine rein (kritisch-) psychologische oder soziologisch-politikwissenschaftliche. Mit Hilfe der Aktual-Empirie will ich der Frage der ideologischen Vergesellschaftung nachgehen. Hierzu werden die Subjekte mit Widerspruchsfragen konfrontiert. Die Umgangsweise mit diesen Widersprüchen gibt Auskunft über die widersprüchliche Besetzung des Alltagsverstandes. Mittels der Diskursanalyse als Methode können Aussagen hinsichtlich ihrer diskursiven Zusammensetzung analysiert werden. Bei der Arbeit mit Widerspruchsfragen handelt es sich um eine Form der eingreifenden Sozialforschung (s.o.), dies, da den Subjekten durch dieses dialektische Verfahren ein „Sprungbrett“ (Engeström) bereitgestellt wird, zu einer nächst höheren Stufe der Erkenntnis zu kommen.

Ausgangspunkt für die Analyse ideologischer Vergesellschaftung ist Gramsci, der einen anleitet das dialektische Verhältnis von Alltagspraxen und ideologisch-kultureller Realitätsverarbeitung zu untersuchen. Das Subjekt ist bei Gramsci direkt eingebunden in Hegemoniekämpfe10. Ein widersprüchliches Bewusstsein wirkt als Blockade der Handlungsfähigkeit in diesen Kämpfen. Gramsci spricht von der „Widersprüchlichkeit des Bewusstseins [die] keinerlei Handlung erlaubt, keinerlei Entscheidung, keinerlei Wahl, und einen Zustand moralischer und politischer Passivität hervorbringt“ (GH 6, H. 11, § 12, 1384). Aus subjekttheoretischer Perspektive wird dieser Zustand als „Leid, Losreißung, eben als Krise deren Ausgang ungewiss ist“ (Haug, F. 2003, 259) erfahren. In Anlehnung an F. Haug ist die Gruppendiskussion als Krisenarrangement zu begreifen. Denn alte Denkformen, Denkformen in denen sich die Subjekte (relativ) wohl fühlten und wie selbst verständlich drin bewegten, werden jetzt in Frage gestellt. Darin liegen neue Möglichkeiten der Selbst-Befreiung. Aber dieser Entwicklungsprozess ist ein krisenhafter. Gelernt wird durch Krisen hindurch (vgl. Haug, F. 2004, 62 u. 64).

Wie erklärt Gramsci sich die Widersprüchlichkeit des Bewusstseins, die unbearbeitet zu Passivität und Leid führt?

Der wichtigste Paragraph hierzu ist § 12 in Heft 11 des 6. Bandes der kritischen Gesamtausgabe der Gefängnishefte. Gramsci beginnt mit einer Entthronisierung der Philosophie. Sie ist bei ihm nicht eine „pedantische“ und „professorale“ Sache, sondern alle Menschen sind Philosophen. In jedem / jeder ist Philosophie enthalten:

„1. in der Sprache selbst, die ein Ensemble von bestimmten Bezeichnungen und Begriffen ist und nicht etwa nur von grammatikalisch inhaltsleeren Wörtern; 2. im Alltagsverstand und gesunden Menschenverstand; 3. in der Popularreligion und folglich auch im gesamten System von Glaubensinhalten, Aberglauben, Meinungen, Sicht- und Handlungsweisen, die sich in dem zeigen, was allgemein ‚Folklore’ genannt wird“ (GH 6, H. 11, § 12, 1375).

Gramsci spricht hier zunächst die Sprache an. Diese enthält, wie er später ausführt, „Elemente einer Weltauffassung und einer Kultur“ (ebd., 1377) und erlaubt es, Aussagen hinsichtlich ihrer größeren oder geringeren Komplexität der Weltauffassungen hin zu untersuchen. Die von mir durchgeführten Gruppendiskussionen werden diskursanalytisch hinsichtlich der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Aussagen geprüft. Der Alltagsverstand (senso commune) ist bei ihm eine Kollektivbezeichnung, denn er ist Produkt historischen Gewordenseins. Und es ist dieses Gewordensein, welches nach Marx zu untersuchen ist. Der „gesunde Menschenverstand“ (buon senso), wie Gramsci den Alltagsverstand auch bezeichnet, da er die „Probleme des Alltagslebens als eigenständiges Moment der praktischen Klugheit [ernst nimmt], zumal Begriffe wie Klassenbewußtsein oder ‚richtiges’ und ‚falsches’ Bewußtsein sich als unzureichend erwiesen haben“ (Jehle 1994, 166), gibt dem Handeln eine bestimmte Richtung und verdient es „[…]entwickelt und einheitlich und kohärent gemacht zu werden“ (GH 6, H. 11, § 12, 1379). Die Richtung die Gramsci angibt, ist die der „Überwindung der tierischen und elementaren Leidenschaften“ durch eine Konzentration auf die „eigenen rationalen Kräfte“ (ebd.). Satz streichen/kritisieren (freudianisch, triebunterdrückerische Argumentation) Im Anschluss an die Kritische Psychologie ist hier ebenso von der „Begründetheit“ (Holzkamp) der Aussagen auszugehen und diese zu analysieren, offen zulegen und kritisch zu hinterfragen. Als dritten Punkt fordert Gramsci auf, sich den Meinungen, Sichtweisen, dem Aberglauben usw. zuzuwenden. Mit Hilfe der Diskursanalyse wird untersucht, wie sich diese Diskursebenen zueinender Verhalten.

Gramsci stellt im Folgenden eine entscheidende Frage:

„[…] ist es vorzuziehen, ‚zu denken’, ohne sich dessen kritisch bewußt zu sein, auf zusammenhanglose und zufällige Weise, das heißt, an einer Weltauffassung ‚teilzuhaben’, die mechanisch von der äußeren Umgebung ‚auferlegt’ ist, und zwar von einer der vielen gesellschaftlichen Gruppen, in die jeder automatisch von seinem Eintritt in die bewußte Welt an einbezogen ist, […] oder ist es vorzuziehen, die eigene Weltauffassung bewußt und kritisch auszuarbeiten und folglich, im Zusammenhang mit dieser Anstrengung des eigenen Gehirns, die eigene Tätigkeitssphäre zu wählen, an der Hervorbringung der Weltgeschichte aktiv teilzunehmen, Führer seiner selbst zu sein und sich nicht einfach passiv und hinterrücks der eigenen Persönlichkeit von außen den Stempel aufrücken zu lassen?“ (ebd., 1375).

Gramsci knüpft hier an Marx und seine Erkenntnis, die er in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte formulierte, an. Marx spricht hier von einer Geschichte, die vorgefunden, gegeben und überliefert den Menschen gegenübertritt (vgl. MEW 8, 115). Bleibt Marx beim Beklagen der Ängstlichkeit und der Beschwörung der Geister der Vergangenheit, als Kritik an der Haltung der Menschen, stehen, so wendet Gramsci den Gedanken produktiv: die Menschen müssen den „Alp“ (Marx) der auf den Gehirnen lastet, kritisch in einer frei gewählten Tätigkeitssphäre bearbeiten. Hinzu kommt bei Gramsci der Aspekt der Hegemonie, denn es sind Gruppen, in die der Mensch hineingeboren wird, und diese ringen um Hegemonie. Holzkamp zeigt in seiner Analyse des Übergangs von der Phylo- zur Ontogenese, dass der Mensch sich in Richtung ‚Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen’ entwickelt11. Die gramscianische Passivität muss nach Holzkamp widersprüchlicher gedacht werden: nämlich als restriktive Handlungsfähigkeit; mit anderen Worten als widersprüchliches, aktives Einrichten in den Verhältnissen. In den Blick rücken so die „Selbstregulationsprozesse“ durch welche sich die Subalternen, aufgrund der objektiven Verhältnisse, aber durch ihr eigenes Handeln, sich „quasi automatisch“ in dem ihnen zugewiesenen gesellschaftlichen Platz einbinden (vgl. Holzkamp 1976, 285). Deutlich wird, dass sich hier eine subjekttheoretische, hegemonietheoretische und eine kulturwissenschaftliche Frage miteinander vermischen12. Untersucht wird, wie die Subjekte sich die gesellschaftlichen Lebensbedingungen aneignen in der Perspektive wachsender Handlungsfähigkeit. „Die Richtung der Bewegung ist dabei bestimmbar aus dem Kampf, den die treibenden Kräfte gegen die sie beengenden Umstände führen“ (Haug, F. 1994 b, 315). Mit Holzkamp und Gramsci ist hier ein nicht-normativer Standpunkt der Kritik formuliert. Meine Empirie nimmt diese Emanzipationsrichtung als Maßstab der Kritik auf. Die Gruppendiskussionen werden nach der Emanzipationsperspektive bzw. der Selbst-Blockade von Handlungsfähigkeit hin analysiert. Diese beiden Kategorien sind nichts den Subjekten äußerliches, sondern entsprechen ihrer Entwicklungsmöglichkeit. Ebenso dienen sie nicht der Kategorisierung von Menschen, sondern der Analyse von je spezifisch-konkreten Handlungsentscheidungen in je spezifisch-konkreten Verhältnissen.

Gramsci geht von der „Zerrissenheit des Alltagsverstandes in einer widersprüchlichen Gesellschaft“ (Haug, F. 1994, 152f.) aus. Jeder Mensch ist „Masse-Mensch“, denn man gehört immer zu irgendeiner Gruppe. Mit dieser Gruppe verhält man sich konformistisch. Gramsci stellt die Frage: „von welchem geschichtlichen Typus ist der Konformismus, der Masse-Mensch, zu dem man gehört?“ (GH 6, H. 11, § 12, 1376). Hiermit eröffnet er eine historische Perspektive um zugleich zu zeigen, dass die eigene Persönlichkeit auf bizarre Weise zusammengesetzt ist, da sie “Elemente des Höhlenmenschen und Prinzipien der modernsten fortgeschrittensten Wissenschaft” (ebd.) enthält. Die Frage ist: wie ist die eigene Persönlichkeit zusammengesetzt? Dies ist kein individuelle Frage, sondern eine gesellschaftlich-historische. Es gilt eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Bewusstsein zu beginnen, den abgelaufenen Geschichtsprozess zu rekapitulieren und sich zu vergegenwärtigen, welche Spuren sich wie im Bewusstsein festgesetzt haben. Da diese Spuren im Alltagsverstand „ohne Inventarvorbehalt“ enthalten sind, plädiert Gramsci dafür, ein solches Inventar am Anfang zu erstellen (vgl. ebd.). Als Forscher kann ich nicht dieses Inventar für andere erstellen, aber mit Hilfe der Diskursanalyse erhoffe ich mir Auskunft über die „Unendlichkeit von Spuren“ zubekommen, die im Alltagsverstand der Mit-Forschenden enthalten sind. Die Unendlichkeit der Spuren sind für mich Diskurse, die mit Hilfe der Diskursanalyse entziffert werden können. Da diese Ausdruck gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse sind (vgl. GH 11, § 56, 1471), lassen sich auch Schlüsse auf Hegemoniebildungsprozesse und die Wirkungsmächtigkeit von Ideologien ziehen.

Ausgangspunkt der Empirie ist also der Alltagsverstand als „eigenständiges Moment praktischer Klugheit“ (Jehle). Die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse findet ihre Entsprechung in der Widersprüchlichkeit des Alltagsverstandes. Um die Handlungsfähigkeit zu verallgemeinern ist eine Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse notwendig.

„Im Zuge der Entstehung verselbständigter gesellschaftlicher Strukturen und Erhaltungssysteme […] bilden die Produktions- und Reproduktionsprozesse, ikonischen und diskursiven Symbolwelten und darin liegenden gesellschaftlichen Denkformen eine eigene umfassende Synthese: So sieht sich das Individuum den gesamtgesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen in ihren verschiedenen Aus- und Anschnitten stets als in sich gegliederten Verweisungszusammenhängen gegenüber: Diese muß es in seinem Lebensinteresse soweit individuell erfassen, daß es subjektiv begründet über seine Lebens- und Entwicklungsbedingungen verfügen, d.h. subjektiv handlungsfähig werden kann“ (Holzkamp 1995, 188).

Gramsci denkt sich die „Synthese“ und die „in sich gegliederten Verweisungszusammenhänge“ widersprüchlich. Holzkamp geht hierauf an dieser Stelle nicht ein. An anderer Stelle bezieht er sich auf „Lernbemühungen“ im Zusammenhang von Selbstblockierung. Hier spricht er von „Gebrochenheiten, Inkonsequenzen, Halbheiten“ (Holzkamp 1995, 246). Diese müssen erst rekonstruiert werden, bevor sie reflektiert werden können; mit Gramsci, also ein Inventar erstellt werden. Bedeutungsstrukturen werden vom Subjekt zunächst vorgefunden und stellen „potentielle Lerngegenstände“ dar (vgl. Holzkamp 1995, 208). Willis macht die Notwendigkeit der Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse deutlich. Er unterscheidet zwischen „partieller Durchdringung“ als das spontane Erkennen der Klassenstruktur durch die Menschen und „wirklicher Durchdringung“ als zielgerichteten Prozess.13 Das spontane Erkennen ist aber nicht total, sondern nur aspekthaft und ausschnittweise und wirkt als Beschränkung auf die Menschen zurück (vgl. Haug 1987, 203). Beschränkung meint dabei all die Alltagspraxen, in denen die herrschenden Strukturen reproduziert und nicht abgelehnt oder umgestürzt werden (vgl. Willis 1979, 252). Das heißt eine „partielle Durchdringung“ der gesellschaftlichen Verhältnisse ist aus subjektwissenschaftlicher Perspektive selbstschädigend. Neben der Zusammensetzung des Alltagsverstandes in Form gruppen- und klassenspezifischer Diskursfragmente ist hiermit eine weiteres Auswertungskriterium benannt: den Grad der Durchdringung. Holzkamp spricht hier von einem „Fortschreiten von (relativer) Flachheit zu wachsender Tiefe des Gegenstandsaufschlusses“, verallgemeinert formuliert er dies als „Durchdringung der Unmittelbarkeitsverhaftetheit der Erfahrung in Richtung auf die Erfassung immer vermittelterer gesellschaftlicher Bedeutungsstrukturen“, es ist dies eine „Bewegung von der Unmittelbarkeit zur Vermitteltheit des Weltzugangs“ (Holzkamp 1995, 221). Für die Auswertung der Empirie heißt dies, je umfassender und kohärenter Welt in den Aussagen gedacht wird, um so handlungsfähiger sind die Subjekte.

Es reicht aber nicht ein Inventar zu erstellen, sich daran zu machen die Welt kohärent und als ganzes zu durchdringen. Leontjew problematisiert das Auseinanderfallen von „subjektivem Sinn“ und „objektiver Bedeutung“. Die Tatsache, dass subjektiver Sinn und objektive Bedeutung auseinanderfallen, bleibt dem Menschen „in seiner Selbstbeobachtung verborgen“ (Leontjew 1973, 248). Leontjew bringt das Beispiel der Treibjagd.14 Der Mensch nimmt an der Jagd teil, obwohl er bspw. in diesem Augenblick nicht hungrig ist. Dies da er die objektive Bedeutung (individuelle und kollektive Lebenserhaltung) der Jagd kennt; Holzkamp würde sagen, er antizipiert das Ziel. Subjektiver Sinn kann aber beispielsweise auch der Drang nach Geltung sein, der durch erfolgreiche Jagd symbolisiert wird. Für die Durchdringung bedeutet dies, dass das, was ich als Subjekt möchte, nicht identisch sein muss mit der gesellschaftlichen Bedeutung. Holzkamp geht hingegen in seinem Beispiel von „Schönbergs Orchestervariationen als Lernproblematik“ von einer Identität von individuellem Sinn und gesellschaftlicher Bedeutung aus, indem er annimmt die gesellschaftliche Bedeutung stellt die Möglichkeit der „verallgemeinerten gesellschaftlichen Lebenszusammenhänge“ (Holzkamp 1995, 217) dar, über die das Subjekt die Verfügung erlangen möchte. Hierdurch verbaut er sich die Möglichkeit zu erkennen, das Subjekte die sich z.B. für Gender Mainstreaming einsetzen (subjektiver Sinn – Geschlechtergerechtigkeit) objektiv zu einem neoliberalen Umbau der Geschlechterverhältnisse beitragen.

Engeström verbindet die historisch-konkreten Widersprüche mit dem Handeln der Subjekte.

„Die Theorie des expansiven Lernens impliziert einen radikalen lokalen Standpunkt. Die fundamentalen gesellschaftlichen Beziehungen und Widersprüche einer bestimmten sozioökonomischen Formation, und damit die Möglichkeiten einer qualitativen Veränderung, sind in jeder einzelnen Tätigkeit dieser Gesellschaft gegenwärtig. Und umgekehrt bestehen die mächtigsten, unpersönlichsten gesellschaftlichen Strukturen aus lokalen Tätigkeiten, die von konkreten menschlichen Wesen mit Hilfe vermittelnder Artefakte ausgeübt werden, selbst wenn sie in Büros auf den höchsten Etagen der Politik und der Vorstandsebene stattfinden und nicht in Werkhallen und an Straßenecken. In diesem Sinne ist es vielleicht nützlich zu versuchen, die Gesellschaft eher als Netzwerk mit vielen Schichten und Ebenen miteinander verbundener Systeme von Tätigkeiten zu betrachten und weniger als eine Pyramide rigider Strukturen, die von einem einzigen Machtzentrum abhängen“ (Engeström 1999, 17).

Er verweist darauf, dass in jeder einzelnen Tätigkeit die Widersprüche einer konkreten Formation gegenwärtig sind. Und ebenso darauf, dass jede Tätigkeit die Möglichkeit einer Transformation der Verhältnisse beinhaltet. Problematisch allerdings ist die Ableitung aller Widersprüche aus dem fundamentalen Widerspruch (primärer Widerspruch) der Arbeitsteilung: Dem zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Auch wenn dies ein grundlegender Widerspruch der kapitalistischen Vergesellschaftung ist, so gibt es auch Widersprüche die hieraus nicht ableitbar sind. Aus diesem primären Widerspruch heraus konstruiert Engeström eine Hierarchie von Widersprüchen, die er jedoch nicht entwickelt. Hierdurch bleibt der Zusammenhang zum primären Widerspruch spekulativ (vgl., ebd., 99). Engeström arbeitet vier Widerspruchsebenen heraus: (Engeström 1999, 99f.)

1) Primärer Widerspruch als innerer Konflikt zwischen Tauschwert und Gebrauchswert. Dieser ist „innerhalb der konstitutiven Komponente der zentralen Tätigkeit“.

2) Sekundärer Widerspruch als hierarchische Arbeitsteilung welche hinter dem aktuellen Möglichkeiten die der aktuelle Stand der Produktivkräfte erlaubt zurückstehen. Sie liegen zwischen den Bestandteilen der zentralen Tätigkeit.

3) Tertiäre Widersprüche entstehen, wenn kulturell höher entwickelte Formen der zentralen Tätigkeit sich im Widerspruch zum dominanten Motiv (Beispiel: sielen wollen und lernen müssen) befindet. Dies ist die Ebene zwischen Motiv/Gegenstand der herrschenden Form der zentralen Tätigkeit und dem Gegenstand/Motiv der kulturell höher entwickelten Form.

4) Quartäre Widersprüche sind Konflikte zwischen der zentralen Tätigkeit und den „Nachbartätigkeiten“.

Mit diesen vier Ebenen stellt Engeström ein sequentielles Analyseraster zur Analyse der „Zone der nächsten Entwicklung“ (Leontjew) zur Verfügung. In meinem Kontext interessant ist die Analyse des primären Widerspruchs der modernen Arbeitstätigkeit: der Widerspruch zwischen der „unbenannten Fabrik“ auf der einen Seite und der Strategie der „qualifizierten Produktion“ auf der anderen Seite. Als objektive Entwicklungslinie sieht er, die Tendenz die gesamte Arbeitstätigkeit in die Hände der Menschen zu legen (Engeström 1999, 120).

Verwendete Methoden eingreifender Sozialforschung: Auswahl, Durchführung, Auswertung

Welches sind nun meine Aufgaben als Forscher? An dieser Stelle sei zunächst an das Kapitel 4.3. zu Engeström erinnert. Dieser schlägt als ersten Schritt expansiver Entwicklungsforschung die teilnehmende Beobachtung vor. Als zweiten Schritt schlägt er vor, sich die konkreten Tätigkeitssysteme der Menschen anzusehen.

Sample

An dieser Stelle ist die Frage: Wie habe ich die Samples ausgewählt? Weiter oben habe ich, in Abgrenzung zur Statistik, deutlich gemacht, dass es bei der Zusammenstellung der Samples nicht um Mit-Forschende mit statistisch verbreiteten Häufigkeiten gehen kann. Denn es sind „reale Kooperationsverhältnisse“ zwischen mir und den Mit-Forschenden im konkreten Bereich gewerkschaftlicher Bildungsarbeit (vgl. hierzu auch Holzkamp 1985, 563).

Bei der Auswahl der Samples kamen zunächst zwei Komponenten ins Spiel: der Zufall und die Zugänglichkeit. Schon vor Beginn des hier vorgestellten Forschungsprozesses habe ich regelmäßig gewerkschaftliche Bildungsseminare besucht. Während des Forschungsprozesses freundete ich mich auf einem Seminar mit einer Jugendbildungsreferentin an, mit der ich zusammen teamte und die mich in einen Teamendenarbeitskreis (TAK) einführte. Zum anderen wurde ich über eine Mailingliste der Hans-Böckler-Stiftung auf einen weiteren TAK aufmerksam, in dem ich dann auch mitarbeitete. Diese Zufälle beeinflußten also auch die Zugänglichkeit zu meinem Forschungsfeld.

Im Forschungsfeld wurde ich i.d.R. als wissenschaftlicher Mit-Teamer (s.o.) angesehen. In beiden TAK’s habe ich mich „geoutet“, also bekanntgegeben, wozu ich derzeit forsche und dass Beobachtungen aus den TAK’s in meine Arbeit einfließen. Dies heißt jedoch nicht zwangsläufig, dass alle TeamerInnen davon Kenntnis hatten, da nicht immer alle auf allen Treffen anwesend sind. Die TAK’s bestehen aus ca. 25 TeamerInnen mit z.T. alternierender Teilnahme an Treffen und Weiterbildungsveranstaltungen. Die TeamerInnen leiten Seminare in unterschiedlicher Häufigkeit. Ein Teil finanziert dadurch das Studium, es gibt welche, die im Erwerbsprozeß stehen und gesetzlich eine Woche pro Jahr zum Teamen freigestellt werden müssen und auch anders motivierte TeamerInnen. Das Alter ist dabei sehr gemischt. Von 18 bis 45 ist alles vertreten. Zum Teil bewegen sich die TeamerInnen schon lange aktiv in gewerkschaftlichen Kontexten.

Teilnehmende Beobachtung

In der Ethnographieforschung wurde die Methode der teilnehmenden Beobachtung entwickelt. Diese Methode ist geeignet um das Handeln der Menschen in ihren Alltagspraxen aktual-empirisch untersuchen zu können. Durch meine teilnehmende Beobachtung war es mir also möglich, mich längerfristig mit gewerkschaftlicher Bildungspraxis vertraut zu machen. So wurden die Alltagspraxen der im gewerkschaftlichen Bildungsbereich Tätigen mit ihren eingelagerten Wissensbestände und –formen, ihre Interaktionen und ihre Diskurse meiner aktual-empirischen Forschung zugänglich. Engeström schreibt:

„In bezug auf (a) [den Einblick in den Diskurs; R.B.] besteht die Aufgabe des Forschers darin, die Notlage und den primären Widerspruch unter der Oberfläche der Probleme, Zweifel und Ungewißheiten zu erfassen, wie sie von denen erfahren werden, die Ausführende der Tätigkeit sind. Dies kann durch umfassende Lektüre der internen und öffentlichen Diskussion in bezug auf die Tätigkeit erreicht werden, durch teilnehmende Beobachtungen, Diskussionen mit Menschen, die diese Tätigkeit involviert sind, oder Experten-Erfahrungen über sie besitzen u.ä.“ (ebd., 294f.; Herv. R.B.)

Weiter oben habe ich deutlich gemacht, dass ich meine Mit-Forschenden als ExpertInnen ihrer Praxen sehe. Meine Forschung geht von ihren Widersprüchen aus und ist, neben meinen oben beschriebenen persönlichen Motiven, auch für die Mit-Forschenden gemacht. Indem ich die Erfahrungen der Mit-Forschenden zum Ausgangspunkt meiner Forschung mache, orientiere ich mich am Grundprinzip der Cultural Studies: dem erfahrungsorientierten Forschen (vgl. Lindner 2004, 69). Wesentlich ist den Cultural Studies die Forschung aus der Sicht der AkteurInnen zu betreiben. Dies aber nicht, um in der Art und Weise der Hermeneutik beim Sinnverstehen stehen zu bleiben, sondern um die Systemstruktur der Welt als Resultat menschlicher Praxen mit unbeabsichtigten Folgen (Widerspruch von subjektiven Sinn und objektiver Bedeutung) analysieren zu können und dabei den Blick auf die eigene Reproduktion der Subalternität zu richten. Es geht, in ihrer Perspektive, um das Verständnis ihrer kulturellen Praxen. Willis kritisiert die bisherige ethnographische Forschung, da sie sich häufig in der Lebenswelt der Protagonisten ‚verlieren’. Dabei bleibt unberücksichtigt, wie sich diese Lebenswelt zum übergreifenden System kapitalistischer Vergesellschaftung und Produktionsweise verhält. Notwendig ist daher noch andere Quellen in die Untersuchung zu integrieren. (vgl. Lindner 2004, 70) Dies wird im nächsten Kapitel unter Diskursanalyse weiter ausgeführt. Deutlich wird, dass es nicht lediglich um Beobachtung an sich geht, sondern um theoriegeleitetes Beobachten. Zum Verhältnis von alltäglicher Wahrnehmung und wissenschaftlicher Beobachtung schreibt Holzkamp: „Die alltägliche Wahrnehmung, soweit sie ‚beobachtende’ Tätigkeit ist […] kann als Übergangsstadium zur wissenschaftlichen Beobachtung aufgefaßt werden.“ (Holzkamp 1976, 32; Herv.i.O.) Holzkamp fordert also indirekt auf, die eigene Wahrnehmung zu reflektieren. Zusammengefaßt: die teilnehmende Beobachtung ist theoriegeleitet und reflektiert.

Christian Lüders verweist auf weitere Kritikpunkte: Der Methode der teilnehmenden Beobachtung mangelt es sowohl an einer systematischen Begründung und Verfahrensausarbeitung wie auch an einem klaren methodologischen Profil (vgl. Lüders 2004, 385). Aus der Perspektive des malestreams führt die teilnehmende Beobachtung zur unübersehbaren Vielfalt, die jedes Bemühen um Standardisierung ins Leere laufen läßt (vgl. Lüders 2004, 393). Allerdings ist dies eine Kritik, welche aus einer nicht gegenstandsadäquaten und kontextunabhängigen Perspektive formuliert wird. Die Kritik formuliert Lüders wie folgt:

„Das Bemühen, kontextunabhängige methodologische Regeln zu formulieren, wurde de facto in jedem Forschungsprojekt konterkariert, weil es offenbar vor allem das situationsangemessene Handeln des Beobachters, sein geschulter Blick und seine Fähigkeiten, heterogenes Material zu einer plausiblen Beschreibung zu verdichten, waren, an denen sich die Qualität von Studien entschied“ (Lüders 2004, 388).

Wie ich oben dargelegt habe, ist eine Entwicklung von solcherart methodischen und methodologischen Regeln unwissenschaftlich, da sie ihren je konkreten Gegenstand verfehlen muss. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung kann in einem weiten Sinne als „flexibel kontextbezogen“ (Lüders) verstanden werden. Denn sie ist milieu- und situationsabhängig. Da es sich bei meiner Forschung um „reale Kooperationsverhältnisse“ (Holzkamp) handelt, ist meine Forschung von einem „radikalen Kontextualismus“ geprägt, wie er auch in den Cultural Studies vorherrscht. Denn es geht nicht nur darum kontextbezogen zu forschen, sondern auch darum zu einer Veränderung eigener Kontexte beizutragen und somit uns allen Wissen zu erarbeiten, mit dem wir die Prozesse der Re-Produktion unserer Kontexte besser verstehen können (vgl. Winter 2004, 208).

In der teilnehmenden Beobachtung gibt es unterschiedliche Phasen. Zunächst die Phase der Problemdefinition. Im Anschluss an ein, unerwartet herrschaftsunkritisches, gewerkschaftliches Seminar (s.o.), tauchte bei mir die Frage nach den Formen der Reproduktion eigener Subalternität auf. Aus emanzipatorischer Perspektive ist somit die Problemstellung: Wie greife ich als kritischer Sozialwissenschaftler in Prozesse der Selbstunterwerfung ein? Hierbei ist Selbstunterwerfung wohlgemerkt ein dialektischer Prozess von Befreiung und Unterordnung.15 Im Anschluss an diese Phase folgte die Phase der Kontaktaufnahme. In meinem konkreten Fall war es die Teilnahme an mehreren gewerkschaftlichen Seminaren mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Meine teilnehmende Beobachtung begann somit schon vor dem eigentlichen Forschungsprozess. War dies zunächst mehr Teilnahme als Beobachtung, so konzentrierte ich mich im eigentlichen Forschungsprozess auf beides. Der intensive Feldeinstieg begann mit dem Kontakt zu einer Jugendbildungsreferentin und dem teamen von Seminaren. Lüders spricht als nächste Phase die „Etablierung einer Feldrolle und ihre Aufrechterhaltung“ an. Wie oben beschrieben wurde ich als Wissenschaftler der teamt wahrgenommen: Kompetent, kritisch und irgendwie etwas außenstehend und mit einer abstrakteren Sprache versehen. Die nächste Phase, die gewissermaßen parallel läuft, ist die Phase der Erhebung und Protokollierung von Daten. Zuerst begann ich also während der Seminarteilnahme auffällige Punkte mitzuschreiben, entwarf dann eine Art Raster, um die Mitschriften und somit den Blick zu pointieren. Ich mußte aber feststellen, dass dies im Rahmen gewerkschaftlicher Seminare kein gangbarer Weg war. Zum einen war ich Teilnehmer, und als solcher war ich ‚Teamplayer’ und beteiligte mich an Diskussionen und Gruppenarbeiten. Hierdurch war eine stringente Verschriftlichung von zu Notierendem nicht möglich. Zum anderen wollte ich keine außenstehende Sonderrolle, bspw. mit einem Stuhl in der Ecke, einnehmen, der den Seminarablauf von außen betrachtet. Denn die weiter oben vorgestellte eingreifende Sozialforschung lebt und arbeitet mit den Mit-Forschenden (vgl. Haug, F. 1994 b, 309). Dies ist auch der Kern der Begründung der teilnehmenden Beobachtung aus ethnographischer Perspektive:

„In Abhebung zu Erinnerungen, Meinungen und Beschreibungen, die Befragte in Interviews, Gesprächen und Diskussionen äußern, also in Abhebung von Rekonstruktionen über Erfahrungen, Erlebnisse und Ereignisse setzt Ethnographie auf die Teilnahme und den Mitvollzug gegenwärtiger kultureller Ereignisse […]“ (Lüders 2004, 391).

Die nächste Phase ist der Ausstieg aus dem Feld. In meinem Fall wird meine Biographie zeigen, ob und wie ich das Feld, welches mein derzeit selbstgewähltes politisches Praxisfeld ist, verlasse. Die Phase der Auswertung und Veröffentlichung der Ergebnisse ist eine schwierige, da die teilnehmende Beobachtung bei mir mit anderen Methoden verknüpft wird.

Die teilnehmende Beobachtung begann bei mir zunächst sehr breit. Ich besuchte gewerkschaftliche Seminare zu unterschiedlichen Themen und Methoden gewerkschaftlicher Arbeit. Im weiteren Verlauf meiner Untersuchung fokussierte ich meine Beobachtungen auf den Jugendbildungsbereich bei ver.di und dem DGB. In einer weiteren Phase der Beobachtung wird mein Blick konkretisiert auf die spezifischen Widersprüche eines konkreten Seminars. Dies wird in der konkreten Vorbereitung zur Gruppendiskussion geschehen.

Im folgenden muss noch geklärt werden, wie ich mich im Feld verhalten habe. Dies um eine größtmögliche Transparenz in meine aktual-empirische Forschung hineinzubringen. Zunächst ist die Frage zu beantworten, wie ich Vertrauensbeziehungen im Feld aufgebaut habe. Vor dem Studium war ich als Angestellter im Großhandel tätig. Schon früh habe ich mich dort arbeitsrechtlich engagiert. Auch während dem Studium habe ich an gewerkschaftlichen Seminaren teilgenommen. Mit anderen Worten, mein Habitus kann sich dem gewerkschaftlichen Feld angleichen. Durch meine Gewerkschaftserfahrung kann ich zudem aus der Praxis sprechen und ihre Probleme nachvollziehen. Ich werde also als jemand wahrgenommen, der mit ihnen um die Probleme im Erwerbsleben weiß, als Praktiker und als marxistischer Wissenschaftler. Die meisten konnten mit meiner marxistischen Reflexion ihrer und der gewerkschaftlichen Praxis umgehen. Probleme hatte ich meist mit überzeugten Reformisten. Ein alter Streit, den jeder/jede kennt, die sich in linken Gruppierungen oder Gewerkschaften bewegt. Im zu großen Engagement im Feld der teilnehmenden Beobachtung liegt eine mögliche Fehlerquelle, denn die Forschung wird dann undistanziert parteiisch. Die Lebens- und Denkgewohnheiten werden dann vom Forscher unreflektiert übernommen. Es fehlt die notwendige Distanz. Dies war bei meinen Beobachtungen jedoch nicht der Fall, da ich aufgrund meiner marxistischen Perspektive ein kritisches Verhältnis zu den reformistischen Praxen der meisten meiner Mit-Forschenden habe. Ganz wesentlich ist und wahr das „Herumhängen“ (Lindner) im gewerkschaftlichen Feld und die vielen informellen Gesprächen mit anderen Aktiven. Der Zugang zum Feld wahr relativ leicht. Die Gewerkschaften sind hier sehr offen gestaltet. An Seminaren können i.d.R. GewerkschafterInnen wie Nicht-GewerkschafterInnen teilnehmen. Und auch die Mitarbeit in den TAK’s ist offen, meist sogar sehr unverbindlich. Der offene Zugang stellte die Weichen für ein offenes Umgehen mit meinen Mit-Forschenden. Wie oben angedeutet, hatten nicht alle Beteiligten Kenntnis von meiner Forschungsarbeit, so dass meine teilnehmende Beobachtung zwar offen war, aber für diejenigen, die davon keine Kenntnis hatten, ist es eine verdeckte Beobachtung ihrer Praxen.

Am Anfang habe ich mir während den Seminaren Notizen gemacht. Dies war jedoch, wie oben beschrieben nicht durchgängig möglich und erwies sich im weiteren Verlauf als unpraktikabel. Ich habe keine Wortprotokolle angefertigt, sondern mir kurze Notizen nach den Tagen oder Seminaren gemacht. Auffallendes habe ich mir gemerkt und in Veröffentlichungen reflektiert. Im strengen Sinne habe ich mich nicht an die Standards des ethnographischen Schreibens gehalten, welches davon ausgeht, dass Beobachtetes nachträglich niedergeschrieben und Erinnertes protokolliert wird. Da es aber, wie oben beschrieben keine eigentliche Standardisierung gibt, auch nicht was in Protokolle wann reinzuschreiben ist, ist mein eher lockeres Umgehen mit meiner teilnehmenden Beobachtung gerechtfertigt, da sie sich am Kontext orientierte.

Für die teilnehmende Beobachtung habe ich keine technischen Geräte verwendet, sondern als Teamer oder Seminarteilnehmer mitgearbeitet. In der Beobachtung habe ich mich zuerst auf das Verhältnis von LohnarbeiterIn zu sog. ArbeitgeberIn und Gewerkschaften zum bürgerlichen Nationalstaat konzentriert, da ich mich bis zum Beginn dieser Forschung sehr viel mit der Regulationstheorie auseinandergesetzt habe. Die Perspektive hat sich dann auf die Widersprüche bei den TeilnehmerInnen und die auf der Ebene des Alltagsverstandes sich befindende gewerkschaftliche Bildungsarbeit verschoben.

Gruppendiskussion

Methodologie widerspruchzentrierter Gruppendiskussionen

In meiner aktual-empirischen Forschung stellt die Gruppendiskussion die Methode dar, mit der es tendenziell möglich ist, ein „Sprungbrett“ zur „Zone der nächsten Entwicklung“ bereit zu stellen.

Bevor ich die Methode der Gruppendiskussion hier kritisch vorstelle, ist es notwendig nochmals auf Widersprüche einzugehen. Bisher ist zweierlei geleistet worden. Zum einen wurde in der historisch-empirischen Forschung genetisch und formationsspezifisch Widersprüche herausgearbeitet. Zum anderen wurde in diesem Kapitel der Begriff Widerspruch sowie seine Bedeutung für die historisch-materialistische Forschung konkretisiert.

Holzkamp benennt als Möglichkeit und Notwendigkeit kritisch-emanzipatorischer Forschung die Herausarbeitung der Unterscheidung zwischen „Wesen“ und „Erscheinung“. Es ist für ihn die Unterscheidung zwischen den Alltagspraxen und der konkreten objektiven Gesellschaftsformation. Dies ist zugleich die wissenschaftstheoretische Voraussetzung für die Bestimmung der inhaltlichen Relevanz kritisch-psychologischer Forschung und als solche gegenüber dem positivistischen Standpunkt zwingend auszuweisen (vgl. Holzkamp 1972, 115). Da die konkrete Gesellschaftsformation zwar je subjektiv vermittelt ist, aber nicht im Subjektiven aufgeht, sondern durch das Subjekt hindurch erfahren und gelebt wird, ist eine dialektische Herangehensweise notwendig.

Als einen grundlegenden Widerspruch bürgerlicher Vergesellschaftung arbeitet Holzkamp die „Tauschwert-Charakteristik“ heraus.16 Holzkamp schreibt:

„Demnach wird der Widerspruch, daß in der Tauschwert-Charakteristik von Dingen etwas sinnlich nicht unmittelbar Gegebenes als sinnlich wahrnehmbar erscheint, in der Wahrnehmungstätigkeit faktisch ausgeklammert: Der objektive Widerspruch ist subjektiv nicht repräsentiert. – Welche Eigenarten der Wahrnehmungsfunktion sind es nun, durch welche hier die objektive Widersprüchlichkeit nicht zu subjektiven Erfahrung werden kann? Offenbar ‚lernt’ das Individuum im Prozeß der Aneignung von Gegenstandsbedeutungen den ‚Wert’ bzw. ‚Preis’ eines Dinges ist an Gebrauchswert-Bestimmungen dieses Gegenstandes festzumachen, daß ‚Wert’ und ‚Preis’ scheinhaft-unmittelbar zu Momenten von gebrauchswertbedingten Gegenstandsbedeutungen, die sich in sinnlich wahrnehmbaren figural-qualitativen Merkmalen des Dinges ausdrücken werden hier auf eine Weise ‚Vehikel’ für die ‚sinnlich-übersinnlichen’ Tauschwert-Charakteristika benutzt, durch welche die Widersprüchlichkeiten unsichtbar bleiben, der Schein der wirklich-dinglichen Beschaffenheit des ‚Wertes’, der sich im Preis ausdrückt, immer wieder hergestellt und befestigt wird. Dies kann – allgemein gesehen – nur dadurch geschehen, daß die Wirklichkeitsmomente, die objektiv im Widerspruch miteinander stehen, durch die Wahrnehmung so voneinander isoliert sind, daß der Zusammenhang zwischen ihnen nicht erfaßbar wird, womit auch der Widerspruch nicht sinnlich erkannt werden kann“ (Holzkamp 1976, 213f.; Herv.i.O.).

Holzkamp fasst hier eine Menge wichtiger Punkte zusammen. Ausgangspunkt seines Denkens ist die marxsche Erkenntnis, dass alle Wissenschaft überflüssig wäre, „[…]wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge zusammenfielen[…]“ (MEW 25, 825). Holzkamp arbeitet heraus, dass diese Charakteristik an den Gegenständen nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Der objektive Widerspruch subjektiv nicht repräsentiert ist. Er fragt nun nach den Eigenarten der menschlichen Wahrnehmungsfunktion. Gelernt wird im Alltag, dass der Preis einer Ware sich am Gebrauchswert festmacht. Die bürgerliche Ökonomie erklärt das in schulischen Wirtschaftsstunden in etwa wie folgt: Du hast saftig grünes Gras und deine Kühe haben gute Lebensbedingungen und geben viel Milch, mehr als du brauchst. Deine Nachbarin 50 km weiter hat gute Ackerbaubedingungen und mehr Korn geerntet als sie braucht. Dann geht ihr auf den Markt und setzt einen Preis fest je nachdem wie wichtig euch das andere Gut ist, also welchen Gebrauchswert es für euch hat. Und so verhandelt ihr den Preis. Holzkamp macht deutlich, dass die realen Unterschiede, also die „figural-qualitativen Merkmale“ den Schein des unterschiedlichen Wertes / Preises einer Ware begründen. Der Zusammenhang von Gebrauchswert und Tauschwert wird im Bewußtsein auseinadergerissen, wodurch der Widerspruch sinnlich nicht erkannt wird. Mit der Folge, dass die kapitalistische Spezifik, der Tauschwert und die kapitalistische Preisbildung nicht durchdrungen wird. Auch wenn dies im Kapitel 2 in der Formanalyse herausgearbeitet wurde, so ist es an dieser Stelle notwendig dies nochmals darzustellen, damit auch LeserInnen, die in marxistischer Theorie nicht bewandert sind, den Gedankengang nachvollziehen können. Wenn wir von dem ursprünglichen Tausch zur kapitalistischen Produktion gelangen, so ist der „Kostpreis“ einer Ware zusammengesetzt aus dem konstanten Kapital (Wert der verbrauchten Produktionsmittel) und dem variablen Kapital (Lohn der Ware Arbeitskraft). Wird auf dem Markt ein höherer Preis als der Kostpreis erzielt, so ist dies der Profit des Unternehmers, der Unternehmerin. Bis hier hin würden bürgerliche Ökonomen noch folgen und so wird es auch in den Schulen gelehrt und ideologisiert. Aber anders als in der Analyse des Mehrwertes wird nun der erzielte Preis auf das vorgeschossene Gesamtkapital statt auf den Wert der Ware Arbeitskraft bezogen. Der Mehrwert drückt den Überschuss des durch den/die LohnarbeiterIn produzierten Neuwertes über den Wert der Ware Arbeitskraft aus. Der Profit hingegen bezeichnet den Überschuss des Werts der Ware der über den Verbrauch der Teile des vorgeschossenen Kapitals hinausgeht. (vgl. Heinrich 2004, 140ff.) Marx macht den Unterschied deutlich und verweist zugleich auf den Eingang ins Bewusstsein:

„Im Mehrwert ist das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit bloßgelegt; im Verhältnis von Kapital und Profit, d.h. von Kapital und dem Mehrwert, wie er einerseits als im Zirkulationsprozeß realisierter Überschuß über den Kostpreis der Ware, andrerseits als ein durch sein Verhältnis zum Gesamtkapital näher bestimmter Überschuß erscheint, erscheint das Kapital als Verhältnis zu sich selbst, ein Verhältnis, worin es sich als ursprüngliche Wertsumme von einem, von ihm selbst gesetzten Neuwert unterscheidet. Daß es diesen Neuwert während seiner Bewegung durch den Produktionsprozeß und den Zirkulationsprozeß erzeugt, dies ist im Bewußtsein. Aber wie dies geschieht, das ist nun mystifiziert und scheint von ihm selbst zukommenden, verborgnen Qualitäten herzustammen“ (MEW 25, 58).

Diese Mystifikation hat eine andere zur Voraussetzung. Nämlich die, dass der Lohn die Bezahlung des Wertes der Arbeit ist und nicht die der Arbeitskraft. Deutlich wird, dass Widersprüche als Einheit des Gegensätzlichen verstanden werden, niemals „[…]möglicher Bestandteil der Wirklichkeit, soweit sie primär sinnlich erfaßbar ist[…]“ (Holzkamp 1976, 333; Herv.i.O.) sind. Denn sie sind in der Wahrnehmung nicht als solche erkennbar. Dadurch werden sie auch nicht als Wirklichkeit erkannt. Statt dessen werden Widersprüche als „subjektiver“ Mangel der Wahrnehmungsweise interpretiert.

Formulierte Holzkamp 1972 die Aktual-Empirie noch als „Empirie zweiter Art“ und schlug eine „kontrolliert-exemplarische Praxis“ vor (vgl. Holzkamp 1972, 129ff.), so entwickelte er seine Vorstellungen aktual-empirischer Forschungspraxis weiter. 1973 konkretisierte er diese als „denkpsychologische Erkundungsexperimente“ (vgl. Holzkamp 1976, 214f.). Diese waren noch nicht vom Standpunkt des Subjekts aus formuliert und wurden meines Wissens auch in späteren Werken nicht wieder aufgenommen. In gewisser Weise knüpft meine aktual-empirische Forschung an diesen Vorschlag an und entwickelt ihn zugleich subjektwissenschaftlich weiter. Ziel dieser Experimente war es die Versuchspersonen, wie er sie damals bezeichnete, schrittweise zu der Einsicht zu bringen, dass der Tauschwert ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt und nicht mit dem Gebrauchswert identisch ist. Die Trennung des sinnlichen und übersinnlichen Charakters der Ware sollte denkpsychologisch herausgearbeitet werden. (vgl. Holzkamp 1976, 214f.) Methodisch kann aus seinem Entwurf forschungsleitend festgehalten werden:

„Mit solchen Erkundungsexperimenten könnte zweierlei erreicht werden: Einmal wäre durch inhaltsanalytische Auswertung der jeweiligen Begründungsversuche der Vpn. (als ‚abhängige Variablen’) ein erster Aufschluß darüber zu gewinnen, durch welche unbewußten Interiorisierungs-Mechanismen die genannten objektiven Widersprüchlichkeiten im vordergründig-alltäglichen Denken der Menschen nicht repräsentiert sind, so daß der Schein des Wertes als einer unmittelbar sinnlichen Warengemeinschaft auch nicht ‚durch seinen Begriff hindurch‘ als solcher erkannt werden kann; weiter wäre zu eruieren, über welche ‚Verarbeitungstechniken’ die Individuen, wenn sie unausweichlich mit den objektiven Widersprüchlichkeiten konfrontiert sind, zur Rechtfertigung ihrer eigenen Sichtweise verfügen, womit Aufschluß über bestimmte Momente der Subjektivität des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft erlangt werden könnte etc. – Zum anderen hätten derartige Experimente selber einen ‚aufklärerischen’ Aspekt, indem bei den Vpn. bestimmte Denkanstöße gesetzt würden, die zu einer Erkenntnis der Widersprüche und Einsicht in die wahre Natur des Tauschwertes der Waren beitragen könnten (wobei hier natürlich nicht der einzelne Fall, sondern die Entwicklung der Verfahren zur Förderung derartiger Einsichtprozesse wichtig wäre)“ (Holzkamp 1976, 216; Herv.i.O.).

Hervorzuheben ist, dass solche Art Forschung geeignet ist, Auskunft über die widersprüchliche Selbstvergesellschaftung der Subjekte in eingreifender Perspektive zu bekommen. Sie ist daher meinem Untersuchungsfeld gegenstandsadäquat. Des weiteren geht es darum den Alltagsverstand aufzubrechen und zu reflektieren. Problematisch ist es jedoch die Subjekte zu einer „Rechtfertigung ihrer eigenen Sichtweise“ bringen zu wollen. Impliziert dies doch einen Standpunkt des Besserwissens und eine Defensiv- bis hin zur Blockade- und Abwehhaltung bei den Subjekten. Statt dessen nehme ich sie als ExpertInnen ihrer Lebens- und Arbeitspraxen wahr und versuche in einem „realen Kooperationsverhältnis“ gemeinsam Auskunft über die Denk- und Realwidersprüche zu bekommen und dabei eigene Widersprüche gleich mit zu reflektieren. Holzkamp bezeichnet diese „denkpsychologischen Erkundungsexperimente“ als „Widerspruchs-Experimente“ (vgl. Holzkamp 1976, 216f.).

Holzkamp schlägt vor die „unabhängigen Variablen“ dadurch einzuführen, indem die Subjekte mit objektiven Widersprüchen konfrontiert würden. Die Versuchspersonen müßten sich dann auf oberflächlich einleuchtende Erkenntnisse festlegen, welche aber objektiv widersprüchlich sind. Durch die isolierte Auffassung des Widerspruchs, wird dieser von den Subjekten nicht erfahren. Im Anschluss daran werden die Subjekte mit ihren eigenen widersprüchlichen Aussagen konfrontiert, so dass entweder eine oder beide Aussagen falsch sein müssen. Es wird also eine doublebind-Situation hergestellt, wodurch expansiv gelernt werden kann. Die „abhängigen Variablen“ bestehen dabei in den Deutungen, mit denen die Versuchspersonen auf die Konfrontation mit ihren Widersprüchen reagieren. „Der Forschungszweck besteht hier darin, die ‚Eliminierungs’-Mechanismen aufzuhellen, die zur Verkennung des Widerspruchs im alltäglichen Denken führen, und die ‚Bewältigungs-Techniken’ zu erfassen, mit denen explizit aufgewiesene gesellschaftliche Widersprüche so ‚eingeordnet’, uminterpretiert, etc. werden, daß Konsequenzen für die eigene Gesellschaftserkenntnis und Lebenspraxis nicht entstehen[…]“ (Holzkamp 1976, 217; Herv.i.O.). Auch für das PAQ ist die Widerspruchsetzung Ausgangspunkt ihrer Forschung (s.o.). Engeström schreibt zur empirischen Arbeit mit Widersprüchen: „Das letztendliche Ziel der Analyse besteht nicht darin, einfach die inneren Widersprüche und die Entwicklungslogik der Tätigkeit für den Forscher deutlich zu machen. Das Ziel besteht darin, die Teilnehmenden, die potentiellen Subjekte der Tätigkeit, selbst mit dem sekundären Widerspruch zu konfrontieren. Die Analyse fungiert in anderen Worten als Hebamme, die den Doublebind zur Welt bringen, oder wenigstens die vorweggenommene Idee des Doublebind in Form eines intensiven begrifflichen Konflikts. Dies kann dadurch erreicht werden, daß man die Teilnehmer die Analyse durch ihre eigenen Handlungen rekonstruieren läßt. Eine solche Rekonstruktion findet typischerweise auf der Grundlage von ausgewählten und komprimierten Materialien statt wie auch von Aufgaben, die eine Debatte zwischen den Teilnehmern mit sich bringen“ (Engeström 1999, 297). In meinem konkreten Fall erfolgte eine intensive theoretische Vorarbeit auf wissenschaftlichen und gewerkschaftlichem Terrain. Die Rekonstruktion wird allerdings nicht auf Grundlage der Materialien geschehen, sondern aufgrund der teilnehmenden Beobachtung, wodurch die Widersprüche zu Widersprüchen der je konkreten Gruppe werden. Neben dem direkten aufklärerischen Eingreifen ist es möglich durch eine spätere inhalts- bzw. diskursanalytische Auswertung der Experimente zu immer gezielteren Hypothesen hinsichtlich der Widerspruchsverarbeitung im Kapitalismus gelangen. Holzkamp will anscheinend die doublebind-Situationen so sehr verschärfen, dass es faßt den Anschein hat, er will die Subjekte mit Zwang sich selbst aufklären lassen. Dies wäre eine Interpretation der folgenden Textstelle:

„Der mit dem Forschungszweck verbundene praktische Zweck besteht darin, Verfahren zu erproben, mit denen den Vpn. schrittweise das ‚Ausweichen’ vor den jeweils ausgewiesenen gesellschaftlichen Widersprüchen auf eine Weise verwehrt wird, die sie der Erkenntnis der wirklichen Ursachen der Widersprüche soweit näher bringt, daß konkretes gesellschaftspolitisches Wissen auf angemessenere Weise denkend rezipiert werden kann“ (Holzkamp 1976, 217; Herv.i.O.).

Das dies aus subjektwissenschaftlicher Perspektive nicht der richtige Weg ist, müßte aus der bisherigen Arbeit deutlich geworden sein. Er entwickelt ein Stufenmodell für ein Widerspruchs-Experiment welches seinen Ausgangspunkt im Alltagsverstand der Menschen hat. Die zweite Stufe enthält Zwischenschritte in denen die Menschen allmählich an den Widerspruch herangeführt werden sollen. Die Zwischenschritte konkretisiert Holzkamp als „Intensivbefragungen“, was meines Erachtens einem in die Enge drängen der Subjekte gleichkommt. Es geht um die Analyse der subjektiven Widerspruchselimination. In einer dritten Phase könnten didaktische Mittel erprobt werden, mit denen der Widerspruch adäquater zu begreifen ist (vgl. Holzkamp 1976, 229f.). Dies erinnert an empirische Verfahren, wie sie um 1833 herum in England durchgeführt wurden. Dort wurden erstmals Kreuzverhöre, als Konfrontation mit Widersprüchen, als methodisches Verfahren eingesetzt (vgl. Haug, F. 1994 b, 300).

Holzkamp schlägt vor, dass aus dem Ergebnis der Untersuchungen Unterrichtsmaterial erstellt werden könnte „[…]in welchem durch die Verbindung zwischen Konfrontation mit Widersprüchen und Information über gesellschaftliche Tatsachen gesellschaftstheoretische Einsichten gefördert werden, die nicht so leicht durch die scheinhaften Evidenzen der gesellschaftlichen Oberflächengestalt immer wieder zurückgenommen werden können“ (Holzkamp 1976, 216f.). Durch „planvolles Widerspruchsetzen“ und „stufenweise standardisierte[n] Informationen“ soll die Durchdringung der Verhältnisse gefördert werden (vgl. Holzkamp 1976, 219f.). Dies könnte durchaus auch ein gewerkschaftspolitisches Ergebnis der hier vorgestellten Forschung sein. Allerdings sehe ich eher die Möglichkeit dies als Wissen den organischen Intellektuellen zur Verfügung zu stellen. Zum einen, um dies als Methode für die gewerkschaftliche Bildungspraxis weiterzuentwickeln, zum anderen um sich mit existierenden Widersprüchen und ihrer Verarbeitung auseinandersetzen zu können. In der Bildungspraxis sollte nämlich stets an den realen Lernproblematiken der TeilnehmerInnen angesetzt werden (vgl. Brodesser 2005 b, XXX).

Wie sehr Holzkamp noch mit eigener kontrollwissenschaftlicher Praxis, in emanzipatorischer Absicht, ringt, wird deutlich, wenn wir uns ansehen, was er zum Realitätsgehalt der Experimente schreibt, denn hier argumentiert er subjektwissenschaftlicher als an anderen Stellen:

„In derartigen Experimenten wäre nichts vorgetäuscht oder fingiert. Die widerspruchssetzenden Daten müßten stets aus der konkreten gesellschaftlichen Realität stammen und jeder Nachprüfung standhalten. Nur so wäre eine Loslösung der experimentellen Situation von der wirklichen gesellschaftlichen Lage der Vpn. zu vermeiden und der Forschungszweck zu erfüllen. – Die theoretischen und methodischen Probleme der hier angeregten Experimentierweise werden sich erst nach den ersten wirklich durchgeführten Untersuchungen genauer bestimmen und klären lassen“ (Holzkamp 1976, 217).

Dies entspricht meinem Vorgehen. Ich werden meine Mit-Forschenden 4 Tage in ihrer Lernpraxis begleiten und sie teilnehmend beobachten. Hierdurch erarbeite ich mir die „widerspruchsetzenden Daten“. Da es sich um ihre „Daten“, also Widersprüche, handelt, ist ein wesentlicher Motivationsgrund gegeben. Voraussetzung für eine erfolgreiche Durchführung widerspruchsgeleiteter Gruppendiskussionen ist aber die annähernd adäquate Durchdringung gesellschaftlicher Verhältnisse durch mich als Forscher (vgl. Holzkamp 1976, 228). Die Widerspruchs-Anordnung ist notwendig, da hierdurch den Subjekten Ergebnisse zur Verfügung gestellt werden, mit denen sie ihre Praxen besser begreifen können. Die Zerrissenheit des Alltagsverstandes als Widerspiegelung einer widersprüchlichen Gesellschaft ist somit der gramscianische Ausgangspunkt der Widerspruchs-Anordnung. F. Haug schreibt: „Es ist notwendig, dass die einzelnen sich aus solch unlebbarer Zersetzung und Inkohärenz herausarbeiten und sich selbst erkennende und also handlungsfähige Personen werden. Gramsci nennt das ‚dem eigenen Handeln eine bewusste Richtung’ geben“ (Haug, F. 1994 a, 153). Aus feministischer Perspektive ist das Aufbrechen der blockierenden Widersprüche wichtig, um der Spaltung der Frauen entgegenzuwirken, und die Mächte herauszuarbeiten, welche sie handlungsunfähig machen (vgl. Haug, F., 1994 a, 161). Eine Notwendigkeit also, die eigentlich alle Subjekte betrifft.

F. Haug macht deutlich, dass Widerspruchs-Anordnungen nur in Gruppendiskussionen Sinn machen. Denn die Arbeit an alltäglichen Deutungsmustern braucht ein Kollektiv, eine Gruppe „[…]da anders weder der herrschende gesunde Menschenverstand als solcher, noch gegenläufige Erfahrungen und auch nicht die notwendige Phantasie mobilisiert werden können“ (Haug, F. 1999 a, 200). Hervorzuheben ist die Bedeutung kollektiven Lernens.17 Max Miller schlägt vor, entgegen umgekehrter Behauptungen, individuelle Lernprozesse „[…]als ein Derivat kollektiver Lernprozesse zu betrachten“ (Miller 1986, 222). Für Miller gibt es zwei Gründe, die ihn zu seiner Theorie führen. Zum einen die ontogenetische Hypothese, dass erst kollektives Lernen den Lern- und Erkenntnisprozess ermöglicht, der dann in individuellen Argumentationen in systematischer, reflexiver und expliziter Form umgewendet wird. Zum anderen die analytische Überlegung, „[…]daß individuelle Argumentationen danach streben, dem Ideal einer kollektiven Argumentation möglichst nahezukommen[…]“ (Miller 1986, 223). Das heißt, dass Lern- und Erkenntnisprozesse, die sich in den Argumentationen darstellen, innerhalb der sozialen Gruppen entwickelt werden und somit die Erkenntniserweiterung, die ich durch das Aufdecken von Widersprüchen erhoffe, nicht bei den einzelnen Subjekten stattfindet, sondern in der Gruppe selbst. Holzkamp macht mit seinen Begriffen „relatives Lernen“ und „fundamentales Lernen“ die Bewegungs- und Lernrichtung des Subjekts deutlich. Dabei bezieht er sich auf der einen Seite auf Miller, grenzt sich zum anderen aber auch von ihm ab, wenn er schreibt:

„Miller expliziert diese Unterscheidung im Rahmen seiner ‘argumentationslogischen’ Analysen: Seiner Auffassung nach ist das Weiterlernen auf einem jeweils gegebenen Argumentationsniveau, also das ‘relative Lernen’, stets dann grundsätzlich nicht mehr möglich, wenn die Lernenden dabei in einen ‘Selbstwiderspruch’ involviert sind. Ein solcher ‚Selbstwiderspruch’ entsteht nach Miller […] dadurch, daß auf der einen Seite im Lernprozeß neue Aussagen aufscheinen, die mir wegen ihrer offensichtlichen argumentativen Triftigkeit, empirischen Wahrheit oder ‚praktischen’ Richtigkeit nicht bestritten werden können (also zum ‚kollektiv Geltenden’ gerechnet werden müssen), daß aber auf der anderen Seite diese Aussagen mit anderen Aussagen, die für die Argumentationsweise auf dem gegebenen Niveau konstitutiv sind, in einem Widerspruch stehen. Da gemäß diesem Widerspruch eine bestimmte Aussage sowohl gilt als auch nicht gilt, bricht hier notwendig die Argumentation auf diesem Niveau zusammen; es ist also ein ‚fundamentaler’ Lernschritt in Richtung auf ein logisch bzw. strukturgenetisch ‚höheres’ Argumentationsniveau unausweichlich, durch welchen der Widerspruch aufgehoben ist. Wir fassen […] im Rahmen unseres Konzeptes der ‚Handlungsbegründungen’ die Unterscheidung zwischen ‚relativem’ und ‚fundamentalem Lernen’ allgemeiner: Der ‚Lernwiderspruch’, der zum Übergang von ‚relativem’ zu ‚fundamentalem Lernen’ zwingt, ist dabei global charakterisiert als Blockierung von ‚Handlungsfähigkeit’ aufgrund der Unvereinbarkeit zwischen der subjektiv ‚begründeten’ Notwendigkeit ‚lernender’ Erweiterung der Bedingungsverfügung/ Lebensqualität und den dabei auf dem bestehenden Niveau angewandten ‚Lernprinzipien’. Solche Unvereinbarkeiten müssen nicht die diskursive Form von Widersprüchen zwischen Aussagen haben, sondern können etwa auch in den Funktionsformen ‚praktischer’, ‚motorischer’ etc. Lernprozesse enthalten sein (wobei deren Überwindbarkeit indessen die ‚Bewußtmachung’ voraussetzt […]). Millers ‚Selbstwiderspruch’ erscheint somit als ein Sonderfall derartiger Unvereinbarkeiten bei Lerngegenständen/ -dimensionen argumentativen Konfliktlösens und damit Erkenntnisgewinns – wobei die dadurch bestimmte Handlungsfähigkeit als Verwickeltheit in eine Widerspruch allerdings ihre ‚dramatischste’ Erscheinungsform annimmt“ (Holzkamp 1997, 179).

Holzkamp macht, wie auch F. Haug deutlich, dass Lernen ein krisenhafter Prozess ist, es kann nicht weitergelernt werden, wie gehabt, sondern ich muss neue Prinzipien entwickeln oder finden (durch Sprungbretter – Engeström), eine neue Zone der Entwicklung (Wygotski) ansteuern, um die eigene Blockade zu überwinden. Die Frage ist nun, warum soll ein Subjekt sich überhaupt mit seinen Widersprüchen auseinandersetzen? Max Miller hat hier „[…]überzeugend auf die konstituierende Bedeutung kollektiver Lernprozesse für das Zustandekommen der ‚Selbstwidersprüche’ verwiesen: Der Umstand, daß ich neue Tatsachen bzw. Argumente anerkennen muß, die mit meinem je ‚Vorgelernten’ in Widerspruch stehen, ist demnach nur daraus begreiflich, daß diese in einem gemeinsamen Argumentationsprozeß vom jeweils anderen, der meine Position nicht teilt, vorgebracht werden. Indem dabei gleichzeitig die Freiheit von Widersprüchen als Basis jeglichen Argumentierens von mir anerkannt wird, also eine grundsätzliche Gemeinsamkeit zwischen mir und dem argumentativen Gegner, ist der fundamentale Lernfortschritt trotz bzw. gerade wegen widersprechender Auffassungen hier ein Ergebnis kollektiven Lernens“ (Holzkamp 1997, 192f.). Bei Holzkamp ausgeblendet werden hier unterschiedliche Machtstrukturen, es scheint als ginge er von einem „herrschaftsfreien Diskurs“ im Sinne Jürgen Habermas’ aus.

Auch Jean Piaget macht, worauf Wygotski hinweist, darauf aufmerksam, dass durch „echten Streit“, durch „echte Diskussion“ die Notwendigkeit besteht sein Denken zu begründen und auch die anderen als Intentionalitätszentren (Holzkamp) wahrzunehmen. Solche „echten Diskussionen“ regen das logische Denken an und sind auch die erste Form des Denkens, welches später internalisiert als „innerer Streit“ fortgeführt werden kann (vgl. Keiler 1999, 68). Dabei kann sowohl der „innere Streit“, wie auch die Gruppendiskussion zu einer persönlichen Krise führen. Unter forschungsethischen Gesichtspunkten formuliert Christel Hopf die Forderung nach „Vermeidung von Schädigung“ der Forschungsobjekte (vgl. Hopf 2004, 589ff.). Diesem ethischen Kriterium kann ich gegenstandsadäquat begründet nicht gerecht werden. Jedoch wissen meine Mit-Forschenden (begrenzt) worauf sie sich einlassen. Zum „Krisenarrangement“ von eingreifender widerspruchsetzender Forschung schreibt F. Haug: „Diese Verschränkung, dass die Fessel zugleich Geborgenheit ist, macht das Befreiung als Katastrophe gelebt werden kann, wie wenn die Staudämme brechen. Das Zerbrechen der alten Formen bringt Möglichkeiten, die ergriffen werden können, nicht die Befreiung selbst. Ich habe diese Art der Anordnung und Analyse des Entwicklungsprozesses ‚Krisenarrangement’ genannt“ (Haug, F. 2004, 62). Und es ist diese Antizipation von Entwicklung und Befreiung, welche einen weiteren Motivationsgrund für die Teilnahme an der Gruppendiskussion aus subjektwissenschaftlicher Perspektive darstellt. Den Entwicklungsgang des Lernens durch Widerspruchsbearbeitung beschreibt Holzkamp wie folgt:

„Im Denkvollzug muß die Möglichkeit gesucht werden, eine neue Ebene der denkenden Wirklichkeitsverarbeitung zu erreichen, indem Widersprüchlichkeiten, die zunächst als ein die Erkenntnis behinderndes Moment des Denkens selbst erschienen, als im Denken erfaßte widersprüchliche Wirklichkeit zum Gegenstand des Denkens gemacht zu werden. Das Denken muß hier insofern eine neue Distanz zu sich selber gewinnen, als es vermeintlich zu eliminierende logische Widersprüche seines eigenen Vollzuges sich als zu begreifende Realwidersprüche, die im Denken lediglich Niederschlag gefunden haben, gegenüberstellt. Damit wird ein jeweils übergeordneter Ansatz begreifenden Erkennens erlangt; es gilt nun, den Widerspruch als einen objektiven gesellschaftlichen Widerspruch seinen wesentlichen Zügen nach gedanklich zu reproduzieren. Der Widerspruch ist dann als objektiver Widerspruch ‚auf den Begriff gebracht’, wenn es gelungen ist, den objektiven Charakter des Widerspruchs als eines Momentes gesellschaftlicher Wirklichkeit gedanklich widerspruchsfrei zu erfassen“ (Holzkamp 1976, 387; Herv.i.O.).

In den Gruppendiskussionen muss also von mir als Gruppendiskussionsleiter versucht werden, durch Eingriffe meine Mit-Forschenden zu dem Gedanken zu bewegen, dass ihre Denkwidersprüche auf Realwidersprüchen beruhen. Interessant wird es sein, den Umgang damit zu studieren. In diesem Stadium der Forschung gehe ich davon aus, dass dies ein Prozess sein wird, der lediglich am Rande im konkreten Gruppendiskussionsverfahren eine Rolle spielen wird und eher bei einer anschließenden Publikation die Möglichkeit besteht in diesem Punkt zur begreifenden Erkenntnis vorzudringen.

Methode widerspruchszentrierter Gruppendiskussionen

Mit F. Haug und Piaget habe ich die Bedeutung von Gruppen oder Kollektiven für das subjektive Lernen herausgearbeitet. Werner Mangold’s Theorie der „informellen Gruppenmeinungen“ bildet ein weiteres Argument für die Verwendung von Gruppendiskussion zur Analyse der Widerspruchsverarbeitung. „Informelle“ Gruppenmeinungen sind Meinungen, die sich in „[…]alltäglichen, direkten, relativ spontanen Kommunikationen[…]“ ausgebildet haben (vgl. Mangold 1960, 59). Erinnert sei hier auch an das Kapitel zu Gramsci. Zentral ist hier einerseits die Kategorie des Alltagsverstandes, aber auch die These des Menschen als Masse-Mensch. Gramsci schreibt: „Durch die eigene Weltauffassung gehört man immer zu einer bestimmten Gruppierung, und genau zu der aller gesellschaftlichen Elemente, die ein- und dieselbe Denk- und Handlungsweise teilen. Man ist Konformist irgendeines Konformismus, man ist immer Masse-Mensch oder Kollektiv-Mensch“ (GH 11, § 12, 1376).18

Mangold betont zudem den Vorteil, dass durch Gruppendiskussion ein größerer Bereich verschiedener Reaktionsweisen erfaßt werden kann, als dies in einem Einzelinterview möglich wäre. Denn ich habe es nicht nur gleichzeitig mit mehreren Mit-Forschenden zu tun, sondern diese regen einander auch zu detaillierten Meinungsäußerungen an. „Eine Diskussion liefere daher mit weniger sachlichem und personellem Aufwand soviel Material wie mehrere Einzelbefragungen. Unter diesem Aspekt bieten sich Gruppendiskussionen an als rasch anwendbares und wenig kostspieliges Instrument[…]“ (Mangold 1973, 229f.). Dies ist ein nicht ganz unwichtiges Element bei einer Arbeit, die von mir als Einzelperson durchgeführt wird. Ein weiterer Vorteil liegt in der Annahme, dass in Gruppendiskussionen „tieferliegende“ Bewußtseinsinhalte zur Disposition stehen, da Argumente rational begründet werden müssen. Sie stehen also nicht lediglich als schnell geäußerte Tatsachenaussagen im Raum, sondern als immer wieder begründete. Mangold hebt hervor, dass Gruppendiskussionen zum Abbau psychischer Kontrollen beitragen und somit auch spontane, erregte und unkontrollierte Äußerungen im Raum zur Disposition stehen (vgl. Mangold 1973, 230). Er führt an, dass Meinungen in Gruppen gebildet werden und daher Gruppendiskussionen näher am Alltag der Menschen sind. So dass sich in Gruppendiskussionen untersuchen läßt, wie diese Meinungsbildung von statten geht. Dies ist jedoch nicht mein Anliegen. Mir geht es um Verarbeitungsweisen und darum, die Diskurse zu entziffern, also das Inventar zu erstellen.

Mangold verweist auf Untersuchungen die zeigen, dass sich Meinungen im Gruppendiskussionsprozess angleichen. Er stellt die Hypothese auf, „[…]daß in sozial homogen zusammengesetzten Diskussionsgruppen informelle Gruppenmeinungen sich manifestieren können, die nicht erst in der Diskussionssituation selbst entstehen, sondern sich bereits im Alltag solcher Gruppen ausgebildet haben und in die Diskussion ‚mitgebracht’ werden“ (Mangold 1973, 240). Dies ist für die Untersuchung von herrschenden Diskursen in den Köpfen eine gute Voraussetzung. Und auch die soziale Homogenität ist in gewerkschaftlichen Seminaren i.d.R. gegeben. Mangold macht die Rolle der Medien in der Produktion kollektiver Denkmuster deutlich: „Viele Informationen, Interpretationen, Reaktionsschemata werden durch Massenmedien vermittelt, was ebenfalls dazu beiträgt, die Gruppenmeinungen informeller Kommunikationsgruppen gleicher sozialer Struktur zu vereinheitlichen. Vielfach schlagen sich auch ‚offizielle’ Maßstäbe und Ansichten in informellen Gruppenmeinungen nieder“ (Mangold 1973, 244). Dies ist für mich wichtig, denn in der Gruppendiskussion spiegeln sich nun die angeeigneten Bedeutungsmuster und Diskurse ihres (gewerkschaftlichen) Habitus wieder, wodurch verallgemeinerbare Aussagen möglich werden. Diese Untersuchungen sind aus meiner interdisziplinären Perspektive von großer Bedeutung.

„Die Ermittlung solcher Gruppenmeinungen ist […] soziologisch von großer Bedeutung: sie kennzeichnen das geistige und emotionale Klima, in dem die Angehörigen bestimmter sozialer Gruppen zu relevanten Sachverhalten Meinungen und Einstellungen sich aneignen und kollektiv zu ihrer Umwelt Stellung nehmen. Obzwar in diesen Gruppenmeinungen, dem überragenden Einfluß von Massenmedien bei der Vermittlung von Informationen entsprechen, ‚offizielle Meinungen’ in starken Maße sich niederschlagen, sind sie von diesen doch scharf zu unterscheiden. Ihr Medium ist das alltägliche informelle Gespräch zwischen Menschen wesentlich gleicher sozialer Situation, die miteinander sich zu identifizieren vermögen; sie erheben den Anspruch, anzugeben, wie ‚man’ als Angehöriger bestimmter Gruppen ‚die Lage sieht’, welche Erfahrungen, Interessen, Erwartungen, Ansichten, Urteile und Emotionen ‚man’ etwa ‚als kleiner Mann’, ‚als Bauer’, oder ‚als Arbeiter’ gemeinsam hat, wie Informationen, Interpretationen und Appelle ‚eigener’ oder ‚fremder’ offizieller Instanzen aufzunehmen sind. Sie sind im informellen Kollektiv verbindlich, fungieren als Maßstäbe für die Richtigkeit bestimmter Anschauungen“ (Mangold 1960, 109).

Mangold hebt also hervor, dass mit der Methode der Gruppendiskussion es möglich ist, die dialektische Aneignung von herrschenden Denkmustern zu analysieren. Also nicht nur der marxsche Gedanke, dass die herrschende Meinung immer die Meinung der Herrschenden ist, sondern ihre Umarbeitung in die eigene Praxis und in die eigene Peergroup. Jedoch dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei nicht lediglich um Meinungen handelt, sondern dass diese aus der Stellung zu den Produktionsmitteln beruhen. Marx und Engels schreiben in der DI „Die Klasse, die die Mittel der materiellen Produktion zur Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind“ (MEW 3, 46).

Sowohl die Methodologie als auch die Einzeltheorien stützen also den Grundgedanken der Gruppendiskussion, der besagt, dass viele subjektive Bedeutungsstrukturen in sozialen Zusammenhängen so stark eingebunden sind, dass sie nur in Gruppendiskussionen erhoben werden können.

Mangold benennt aber auch Probleme des Gruppendiskussionsverfahrens. Er führt an, dass Gruppendiskussionen höhere Anforderungen an die Bereitwilligkeit und Aktivität stellen, als andere Verfahren. In meinen Gruppendiskussionen sehe ich dieses Problem nicht. Die Mit-Forschenden entscheiden sich aus einer antizipierten Perspektive heraus freiwillig für die Teilnahme an der Gruppendiskussion. Mangelndes Interesse schließe ich somit als Problem aus. Und auch der Aufwand sich am Interviewort einzufinden ist äußerst gering; die Mit-Forschenden sind ja in der Tagungsstätte. Sie müssen sich weder Zeit ‚freischaufeln’ noch ihre Anreise zur Gruppendiskussion organisieren und finanzieren. Einzig, die Trennung von der Mit-Arbeit mit den anderen TeilnehmerInnen, deren Seminar regulär weiterläuft, ist für eine Zeit unterbrochen. Als weiteres Problem benennt Mangold die mögliche ungleichmäßige Beteiligung der Mit-Forschenden am Diskussionsprozess. Die „Schweigerquote“ läßt sich jedoch reduzieren. Er schlägt kleine Diskussionsgruppen von 6-10 Mit-Forschenden vor. Diesen Vorschlag greife ich auf und setze ihn um. Er schlägt zudem eine soziale Homogenität vor, da so Barrieren wegfallen, die bspw. vorhanden sind, wenn ‚Vorgesetzte’ und ‚Untergebene’ gemeinsam in einem Gruppendiskussionsprozess sind. Die Frage die sich mir stellt, ist die nach den Geschlechterverhältnissen. Ich werde keine geschlechtsspezifische Gruppendiskussionen durchführen. Zum einen, da dies eine Essentialisierung von Geschlechtern beiinhalten würde. Zum anderen, da dies eine „doing gender“ –Praxis wäre, die die bestehenden Unterschiede reproduziert. Statt dessen sehe ich es hier als meine Aufgabe als Gruppendiskussionsleiter, wenn nötig, steuernd und ausgleichend einzugreifen, evtl. dies selbst als Widerspruch von gemeinsamen Interessen bei gleichzeitiger Spaltung zu thematisieren. Mangold macht die Ambivalenz des Problems homogener/inhomogener Gruppen deutlich: „Zwar wird darauf verwiesen, daß ein gewisser Grad von Inhomogenität Diskussionen belebe und intensiviere, mit dem Erfolg, daß mehr Aspekte zur Sprache kämen, diese detaillierter, ‚von allen Seiten’ erörtert würden. Jedoch geht man in solchen Gruppen unter Umständen von zu verschiedenen Bezugssystemen aus, als daß man sich wirklich noch gegenseitig anregen könnte; man versteht manche Argumente der anderen nicht, das Interesse erlahmt, man fühlt sich leicht übergangen und zieht sich zurück“ (Mangold 1973, 233). Da ich es mit relativ homogenen Gruppen zu tun habe, ist auch aus forschungspragmatischer Perspektive die Zusammensetzung gerechtfertigt. Ein weiteres Problem sind die sozialen Kontrollen während des Gruppendiskussionsprozesses. Die Mit-Forschenden wollen gegenseitig akzeptiert werden und mit ihrer Meinung nicht alleine stehen. Aber auch die unterschiedlichen Diskussionskulturen, wenn vorhanden, können ein Problem sein. Es besteht die Möglichkeit, dass abweichende Meinungen und/oder ‚Außenseiter’ mundtot gemacht oder argumentativ bedrängt werden. Möglich ist ein ins Wort fallen, weil mensch nicht bereit ist andere ausreden zu lassen. Auch wenn mir solche Verhaltensweisen aus der Praxis bekannt sind, kann ich im Sinne einer self-fulfilling prophecy19 vorwegnehmen, dass in den Gewerkschaften eine relativ gute Diskussionskultur besteht, die meist auch vorab in einen sog. „Seminarvertrag“ von den TeilnehemerInnen gemeinsam vereinbart wird. Darin können z.B. Punkte stehen wie einander ausreden lassen, nur Sach- und keine Personenkritik usw. Weiter oben habe ich dargelegt, dass es sich bei Gruppendiskussionen um nicht identisch wiederholbare Prozesse handelt. Das schließt ein, dass die Mit-Forschenden in einer anderen Gruppenzusammensetzung, bei einem anderen Diskussionsleiter, einer anderen Diskussionsleiterin, anders diskutieren werden. Dies Problem der Wiederholbarkeit und somit Vergleichbarkeit stellt sich insbesondere bei widerspruchszentrierten Gruppendiskussionen, denn der Umgang mit Widersprüchen, die Konfrontation mit Widersprüchen, kann das eigene Weltbild ins Wanken bringen, die Persönlichkeit in die Krise führen. Mangold benennt „informelle Standards“, welche auf der Befindlichkeitsebene liegen, und die ebenfalls als krisenbehaftet sind:

„Informelle Standards kommen ins Spiel, die je nach der sozialen Stellung der einzelnen variieren und definitive Barrieren errichten. Immer wieder – und kaum überprüfbar – mögen einzelne Teilnehmer den Eindruck haben, daß bestimmte Einfälle oder Empfindungen den Bereich des Zumutbaren überschreiten, daß sie von den Gesprächspartnern doch als unpassend, etwa unmoralisch, unkultiviert oder als politisch gefährlich empfunden werden könnten. Andererseits mag der Zwang, sich unter allen Umständen den Gesprächspartnern gegenüber als ‚aufgeklärt’ zu erweisen, manchen Teilnehmer zur Widergabe oder Bestätigung von Ansichten und Erfahrungen veranlassen, die er in einer ‚neutralen’ Situation nicht geäußert hätte“ (Mangold 1973, 234).

Da es sich bei den von mir geleiteten Gruppendiskussionen um Diskussionen mit Mit-Forschenden handelt, die sich einander kennen, die in einer Woche ein Diskussionskultur erworben haben, sehe ich dieses Problem als zwar real aber regulierbar an. Zudem werde ich versuchen mit den Mit-Forschenden zu vereinbaren, dass das Diskutierte den Raum nur anonymisiert verläßt. Mit anderen Worten, ich sichere ihnen Anonymität bei Auswertung und Publikation zu, und sie sichern sich gegenseitig Anonymität beim Erzählen über die Gruppendiskussion zu. Natürlich gibt es das Problem der subjektiven Anpassung an die vor-herrschende Meinung, den Wunsch von anderen anerkannt zu werden, nicht mit seiner/ihrer Meinung alleine dastehen zu wollen oder gar für blöd gehalten zu werden. Mangold geht sogar davon aus, dass sich Meinungen im Gruppendiskussionsprozess einander angleichen. Für die Auswertung können hier evtl. Rückschlüsse auf Hegemoniebildungsprozesse, also auf die Zustimmung und somit Teilhabe und Teilnahme an Hegemonie gezogen werden. Wobei es mir, wie geschrieben, um Diskurse und nicht vorwiegend um tiefenpsychologische oder kognitionspsychologische Aspekte in der Auswertung geht. Lothar Herberger stellte in einer Untersuchung fest, dass 2/3 der „Schweiger“ in einer Gruppendiskussion eine abweichende Meinung vom dominierenden Sprecher hatten. Dies kann ich in meinem Rahmen nicht eruieren. Denn für eine individuelle Nacherhebung, die darauf abzielen müßte, dies zu erheben, fehlen mir sämtliche Ressourcen. Aber auch das Unterordnen unter vor-herrschende Meinungen, gibt ja einen Aufschluß über Zustimmungsprozesse. Mit anderen Worten, Gruppendiskussionen eignen sich meine Frage nach der Widerspruchsverarbeitung, wie auch nach der Reproduktion von Unterordnung und Zustimmung zu analysieren.

Meine widerspruchszentrierte Gruppendiskussion ist ein kontextnahes Verfahren. Mit diesem Verfahren soll zum einen der Umgang mit Widersprüchen untersucht werden. Des weiteren geht es um die Analyse der Zustimmungsfähigkeit zu vor-herrschenden und hegemonialen Diskursen sowie um die Perspektive der eigenen Unterwerfung unter hegemoniale Prozesse bei gleichzeitigem emanzipatorischem Umarbeitungsprozess. Die Forschungsfrage der Subjektkonstruktion und –konstitution wird also durch diese doppelte und ineinander verschränkte Fragestellung beantwortet werden. Denn es ist die Frage nach der eigenen Subjektkonstruktion, nach der eigenen Handlungsfähigkeit und der eigenen Unterwerfung sowie die Frage der gesellschaftlichen Konstitution dieser Subjektkonstruktion des sich in Bildungsprozessen bewegenden, sich selbst-aufklärenden Gewerkschaftsmitglieds. Also bspw. die Frage, ob sich ein kritisches kollektives Subjekt konstituiert. Ich habe herausgearbeitet, dass die Methode gegenstandsadäquat und geeignet ist, dieser Fragestellung nachzugehen. Dabei gehe ich von der Voraussetzung aus, dass die TeilnehmerInnen Mit-Forschende, im oben definierten Sinne, sind und daher bereitwillig, fair und ehrlich miteinander diskutieren. Anders als bei Andreas Witzel, der vorschlägt zuerst eine Gruppendiskussion durchzuführen, um einen ersten Überblick über Meinungsinhalte zu bekommen, und dann in einem zweiten Schritt Einzelinterviews, werde ich ausschließlich Gruppendiskussionen, aus oben angeführten Gründen, durchführen (vgl. Witzel 2000). Ein wesentliches Merkmal meiner widerspruchszentrierten Gruppendiskussionen ist ihre Problemzentrierung auf gruppenrelevante und somit auch gesellschaftlich relevante Widersprüche. Ein weiteres Merkmal ist die Prozessorientierung in einem doppelten Sinne. Einerseits mache ich meinen Forschungsprozess und seine Vorannahmen transparent, zum anderen ist es möglich die Veränderung, Angleichung von Einstellungen und Diskursen, also den Diskussionsprozess, zu untersuchen. Hierdurch wird auch eine relative Offenheit meiner Aktual-Empirie gewährleistet. In der Perspektive des „Problemzentrierten Interviews“ (PZI) schreibt Witzel:

„Indem die Befragten ihre Problemsicht ‚ungeschützt’ [denn sie begeben sich in ein Vertrauensverhältnis zum Interviewer; R.B.] in Kooperation mit dem Interviewer entfalten, entwickeln sie im Laufe des Gesprächs immer wieder neue Aspekte zum gleichen Thema, Korrekturen an vorangegangenen Aussagen, Redundanzen, und Widersprüchlichkeiten. Redundanzen sind insofern erwünscht, als sie oft interpretationserleichternde Neuformulierungen enthalten. Widersprüchlichkeiten drücken individuelle Ambivalenzen und Unentschiedenheiten aus[…]“ (Witzel 2000, Absatz 6).

Anders als Witzel fasse ich wie dargelegt Widersprüche als gesellschaftliche auf, die zu inneren Widersprüchen des Subjektes werden. Daher bietet sich auch eine diskursanalytische Auswertung an.

Wie läuft nun die widerspruchszentrierte Gruppendiskussion ab? Zuerst werde ich rechtzeitig einen freien Raum organisieren, damit die Gruppendiskussion ungestört durchgeführt werden kann. Im Laufe der Woche (eher in der zweiten Hälfte) wird das freiwillige Sample, also die freiwilligen Mit-Forschenden, zusammengestellt. Dafür ist es notwendig, den potentiellen Mit-Forschenden zu erläutern, wie und zu welchen Zweck die Gruppendiskussion durchgeführt wird. Den (potentiellen) TeilnehmerInnen wird Anonymität im doppelten Sinne zugesichert (s.o.). Ich werde zudem erklären, dass es notwendig ist, ein Aufnahmegerät zu verwenden. Die TeilnehmerInnen müssen mit der Aufnahme der Gruppendiskussion einverstanden sein. Die eigentliche Gruppendiskussion beginnt mit einem „Ankommen“ in der Situation. Die Mit-Forschenden werden begrüßt, ich werde mich für die Teilnahmebereitschaft bedanken und versuchen ein Klima herzustellen, welches so entspannt ist, „[…]dass Menschen darin ohne Befürchtungen die unterschiedlichsten Aspekte ihrer Person und ihrer Lebenswelt zeigen können. Die zentrale Aufgabe des Interviewers in den ersten Minuten des Interviews ist die Öffnung der Bühne, damit die beteiligten Personen ihre Rollen finden können“ (Hermanns 2004, 363; Herv.i.O.). Dies ist, in anderen Begrifflichkeiten und von einer anderen Theorie her ausgedrückt, meine erste und wichtigste Aufgabe. Harry Hermanns betont die Notwendigkeit als Forscher selbst Ruhe und Zuversicht auszustrahlen. Zu einem guten Gesprächsklima gehört es auch, den Mit-Forschenden die Angst und die Hemmungen vor dem Aufnahmegerät zu nehmen.

Die Gruppendiskussion beginnt mit der Ableitung der ersten Widerspruchsfrage. Ich werde also darlegen, wie dieser Widerspruch und in welchem Kontext im Laufe der Woche aufgetaucht ist. Dann werde ich diesen auf den Punkt bringen. Zu dem Umgang mit Widersprüchen bei Bertholt Brecht schreibt F. Haug:

„Er positioniert die beiden Erfahrungen so, dass die friedliche Koexistenz, die sie bislang gleichzeitig möglich zu machen scheinen, gestört wird. Die so mit widersprüchlicher Erfahrung Konfrontierten müssen eine Entscheidung treffen. Dies zu tun bedingt, sich der Wirklichkeit anzunähern, dass man sie besser begreift. Unterstellt ist also, dass es Erfahrungen gibt, die gegenüber anderen Erfahrungen den wirklichen Zusammenhängen näher kommen und damit zugleich die alten Erfahrungen in ihrem Geltungsbereich außer Kraft setzen könnten“ (Haug, F. 2004, 65).

Die Formulierung des Widerspruchs darf dabei nicht akademisch abstrakt sein, sondern sollte möglichst in der Sprache der Mit-Forschenden formuliert sein. Wichtig ist, dass Forschungsfragen keine Widerspruchs-Diskussionsfragen sind! Im Abstand von ca. 20 Minuten, oder wenn es sich aus dem Diskussionsverlauf ergibt, wird von mir ein nächster Widerspruch in die Diskussion eingeführt. Die Projektgruppe Automation Qualifikation (PAQ) benennt ein dialektisches Problem, vom Aufgreifen vorhandener Widersprüche und Eingreifen in die Diskussion, wenn sie schreibt: „Es müssen situationsgebunden allgemeinere Forschungsfragen in konkret bezogene Interviewfragen umgesetzt werden und umgekehrt müssen die von den Interviewten eingebrachten Informationen laufend unter dem Gesichtspunkt ihrer möglichen theoretischen Bedeutung beurteilt und auch bewertet werden“ (PAQ 1980, 50). Insgesamt werde ich ca. 3-4 Widersprüche zur Diskussion stellen, um einen Zeitrahmen von ca. 90 Minuten nicht zu überschreiten, da erfahrungsgemäß die Konzentration und Aufmerksamkeit dann stark nachläßt.

Im Diskussionsprozess wird es folgende Phasen geben:

  • Phase der Orientierung
  • Phase der Anpassung, also die Artikulation einer „informellen Gruppenmeinung“
  • Phase der Vertrautheit. In ihr werden auch Argumente vorgebracht, die zuvor evtl. als zu brisant angesehen wurden. Vielleicht bringen sich hier auch vermehrt die „SchweigerInnen“ ein.
  • Abklingen der Diskussion. Dies ist die Phase in der ich, im besten Falle (der schlechteste wäre die Beendigung einer Diskussion nach ca. 20 Minuten, um zum nächsten Widerspruch zu kommen) einen neuen Widerspruch in die Diskussion einbringe oder den Gruppendiskussionprozess beende.

 

Welche Aufgaben habe ich als Diskussionsleiter? Als Diskussionsleiter sorge ich für einen formal geregelten Ablauf der Gruppendiskussion. Hierzu gehört auch das Bedienen des Aufnahmegerätes wie das Benennen von Decknamen während der Diskussion. Zunächst muss also ein positives Gesprächsklima hergestellt werden, danach eine Diskussion durch einen Diskussionsanreiz in Form einer ersten Widerspruchsfrage generiert werden. In die zunächst freie Diskussion greife ich bspw. mit weiteren Reizargumenten ein. Hierbei ist der konfrontative Eingriff mit dem erforderlichen Fingerspitzengefühl auszuführen. Dies damit sich die Mit-Forschenden nicht rechtfertigen müssen und „in die Enge gedrängt fühlen“, obwohl es ja gerade notwendig ist, den Widerspruch zuzuspitzen. Also quasi den „roten Faden“ wieder aufzunehmen. Hierbei ist es notwendig über die erforderliche Kompetenz zu verfügen, wann ein Eingriff sinnvoll ist. Denn darin liegt die Gefahr eines dominierenden Kommunikationsstils, evtl. sogar mit suggestiven Fragen. Aus der Perspektive des malestream ist es i.d.R. das Ziel die Einflüsse des Interviewers, der Interviewerin zu reduzieren, damit die Befragten unverstellt und unbeeinflußt ihre Meinungen artikulieren können. Das PAQ macht jedoch deutlich, dass ein solches Ziel eine Fiktion ist: „Denn auch ein Nicht-Eingriff ist ein Eingriff“ (PAQ 1983, 203). Und weiter: „Da das Interview nur zustande kommt, weil es einen Interviewer gibt, läßt sich der Interviewer nicht eliminieren“ (ebd.). Sie kommen zu dem Urteil: „[…]daß gerade die Form, in der sich der Forscher am weitesten zurücknimmt, stark manipulativ ist“ (dies., 204). Manipulativ ist diese Form, da ein „zweites Bedeutungssystem“ hinter der Diskussion entsteht, in welchem die Mit-Forschenden nach Orientierungspunkten suchen, was ich denn über das Gesagte denke. Möglich ist also, dass sich die Diskussion nach angenommenen Erwartungen strukturiert. Daher gibt es nur die Alternative: mein eigenes Wirken im Gruppendiskussionsprozess zu begreifen und zu theoretisieren. Grundsätzlich ist die ganze Gruppe Adressat meiner Eingriffe. Für diese ist eine an die Gesprächspsychotherapie angelehnte Zurückspiegelung von Aussagen hilfreich. Sie erfordert aber ein hohes Maß an eigener Selbstreflexion. Zudem können klärende Verständnisfragen, aus einer Haltung absichtlicher Naivität, Alltagsverständlichkeiten aufbrechen. Also bspw. die Frage: Was meinst Du damit? Kannst Du dafür eine Beispiel geben? Wichtig ist, die Mit-Forschenden immer wieder zu Deutung zu veranlassen. Bevor jedoch neue Themen aufgegriffen oder ein neuer Widerspruch eingeführt wird, sollte immanenten (Nach-)Fragen und Themen der Vorrang eingeräumt werden. Die Nachfragen sollen dabei kurz und leicht verständlich sein, um den Diskussionsprozess nicht zu unterbrechen. Insgesamt gilt jedoch den Mit-Forschenden möglichst viel Raum einzuräumen, damit sie sich in der Diskussion entfalten können. Witzel schlägt vor, dass sich der Interviewer im „Andock-Verfahren“ durch die Diskussion begibt.

Mangold ergänzt die Gruppendiskussion um eine soziale Wahrnehmung. Diese wird, in der Sprache der VertreterInnen des PZI, in einem Postscript festgehalten. D.h. im Anschluss an die Gruppendiskussion wird eine soziale Wahrnehmung schriftlich festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt unklar ist, ob es evtl. Fördertöpfe gibt, um eine zweite Person als Beobachter/Beobachterin für die Gruppendiskussion zu finanzieren. Zur Aufgabe des Beobachters, der Beobachterin schreibt Mangold:

„Der Beobachter wurde den Teilnehmern als Assistent des Diskussionsleiters vorgestellt, der zur Erleichterung der Transkription des Tonbandes die Decknamen der Sprecher und Zwischenrufer notiere und – für einen ersten Überblick – in Stichworten den Diskussionsablauf festhalte[…]. Die Aufmerksamkeit des Beobachters galt in erster Linie Folgenden Aspekten:

1. Aktualität, Relevanz, emotionale Besetztheit, der zur Sprache kommenden Themen. Indices: Lebhaftigkeit der Beteiligung (Zwischenrufe, Wortmeldungen, Nicken etc.); Aufmerksamkeit der Zuhörer (Sitzhaltung, Gesichtsausdruck etc.); emotionale Qualität (Lautstärke, Gesichtsausdruck etc.).

2. Identifizierung des Geltungsbereichs der Gruppenmeinung innerhalb der Diskussionsgruppe: ganze Gruppe, bestimmte Untergruppen (z.B. ein Thema nur für eine Untergruppe relevant, oder verschiedene Untergruppenmeinungen), oder es reden nur Einzelne ohne kollektive Resonanz.

3) Inhaltliche Charakterisierung der Gruppenmeinung (zur Erleichterung der späteren Analyse der Protokolle, im Sinne erster Hinweise).

4) Auftreten, Stärke und Wirkungen sozialer Kontrollen in der Diskussion, zum Beispiel offizielle Kontrollen (man zögert, sich ‚deutlich’ auszudrücken, man zieht sich zurück, man versichert sich zunächst der Reaktion des Diskussionsleiters, ist ihm zugewandt), oder informelle Kontrollen (ein Teilnehmer, der eine von der Gruppenmeinung abweichende Meinung äußert, wird beispielsweise aggressiv zurechtgewiesen und paßt sich an, indem er auf die Seite der Gruppenmeinung zurückschwenkt – oder verstummt“ (Mangold 1960, 120f.).

Soziale Wahrnehmung

Die soziale Wahrnehmung ist Teil der Gruppendiskussion und somit Teil der Aktual-Empirie. Am Besten ist es, wenn diese von einer zweiten Person vorgenommen und festgehalten wird. Da ich so frei bin, die Gruppendiskussion zu moderieren und begründet einzugreifen, nachzufragen usw. Die soziale Wahrnehmung ist in der eigenen Person zu schreiben, da es um eine subjektive Wahrnehmung des Gruppendiskussionsprozesses geht. Sie ist zudem am gleichen Tag zu schreiben, da die eigene Emotionalität bewußt in die Wahrnehmung mit einfließen soll und nicht das Überschlafene und aller Emotionalität bereinigte wissenschaftliche Extrakt. Das ist aber nicht Subjektivismus pur, sondern stets ist das eigene Subjekt des/der Wahrnehmenden zu reflektieren. Die widersprüchliche Anforderung an den/die Wahrnehmende ist eigene Emotionalität und gleichzeitig reflektierte Distanz und Analyse der abgelaufenen Prozesse in der Niederschrift. Die soziale Wahrnehmung berücksichtigt, zusätzlich zu den Aspekten von Mangold, noch die Frage nach der Auswahl des Gruppendiskussionsortes. Wie war das Raumklima usw. Denn der Raum ist quasi die Bühne auf der das interpersonelle Drama der Gruppendiskussion spielt. Diese Analogie von Hermanns verbildlicht die Gruppendiskussion, verweist aber zugleich auf die Wirklichkeitsperspektive bürgerlicher Wissenschaft, in der Personen nach „Regieanweisungen“ handeln, also nicht als „Intentionalitätszentren“ (Holzkamp) wahrgenommen werden. Ein weiterer Aspekt ist die Frage: Warum stellt sich eine Person so und nicht anders dar? Was versucht Person X für eine Botschaft zu vermitteln und wie macht der-/diejenige das. Dies ist die Kernfrage der sozialen Wahrnehmung, denn es geht um die Interaktion der Einzelnen Mit-Forschenden zu mir und den anderen. Eine weitere Frage ist die der Inszenierung des sozialen Geschehens und wie es sich durch meine Eingriffe verändert. Dies ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Selbstreflexion und –kritik zur Beurteilung und Transparenz des Gruppendiskussionsprozesses geht. Daran schließt sich die Frage an, wann und wo es gelungene Eingriffe gab, und wie ich im Anschluss daran weitergearbeitet habe. Hierdurch wird in die zunehmende Erfahrung als Diskussionsleiter ein reflektorisches Lernmoment hineingenommen, welches wichtig ist für weitere Gruppendiskussionen.

Also neben der eigenen Weiterentwicklung als Diskussionsleiter dient die soziale Wahrnehmung der Transparenz des Diskussionsprozesses sowie der Reflektion des Prozesses und der Aussagen hinsichtlich der Interaktion der Mit-Forschenden in einem gegebenen Raum.

Diskursanalyse

In meiner Aktual-Empirie hat die Diskursanalyse eine zweifache Anwendung. Zum einen habe ich diskursanalytisch Texte zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit ausgewertet, und so, entsprechend dem Vorschlag von Engeström, einen ersten Einblick in die gewerkschaftlichen Diskurse bekommen. Zum anderen dient mir die Diskursanalyse als Auswertungsmethode zur Auswertung der durchgeführten Gruppendiskussionen.

Bevor ich auf die Diskursanalyse selbst zu sprechen komme, noch ein paar kurze Anmerkungen zur Transkription, welche der Auswertung der Interviews voran geht. Nach Sabine Kowal und Daniel C. O’Connell wird unter Transkription „[…]die graphische Darstellung ausgewählter Verhaltensaspekte von Personen, die an einem Gespräch […] teilnehmen“ (Kowal; O’Connell 2004, 438) verstanden. Hierbei gibt es unterschiedliche Methoden. Wird bei der Transkription bspw. die Länge der Aus- und Einatmung mittranskribiert, so wird bei der Deskription lediglich „EINATMEN“ notiert. Die Transkription hat folgenden Zweck: „In der Transkription wird also der Versuch gemacht, Merkmale des Gesprächsverhaltens so zu verschriften, dass eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen dem Verhalten und seiner Notation auf dem Papier besteht“ (Kowal; O’Connell 2004, 438). Bevor also die Aufnahme verschriftet wird, stellt sich die Frage: Was will ich transkribieren? Hier wird unterschieden zwischen verbalen, prosodischen, parasprachlichen oder außersprachlichen Aspekten. Dies richtet sich nach der Zielsetzung der Fragestellung. Bei der prosodischen Transkription werden bspw. Sprechpausen, Betonung, Intonation, Dehnung und Lautstärke festgehalten. Zu den parasprachlichen Merkmalen gehört bspw. Lachen, Seufzen, Atmen. Außersprachliche Merkmale sind bspw. Blickzuwendungen, Gesten, Applaus usw. In meiner Aktual-Empirie, sind sie in einer nicht detaillierten Variante Teil der sozialen Wahrnehmung. Für die Transkription ist wichtig, dass nicht mehr transkribiert wird, als analysiert wird (vgl. Kowal; O’Connell 2004, 443). Wesentlich für meine Analyse ist die Kennzeichnung von Gesprächspausen, evtl. Seufzern oder ähnliches, da dies Rückschlüsse auf Denkpausen, Denkschwierigkeiten usw. zuläßt. Aber auch Lachen ist wichtig, da dies auch ein Verlegenheitslachen sein kann und als solches evtl. Rückschlüsse auf den Umgang mit Widersprüchen zuläßt. Pausen werden wie folgt notiert: (.). Lachen usw. als ((Lachen)) gekennzeichnet. Die Transkription wird wie folgt formatiert. Jede/r GesprächsteilnehmerIn beginnt in einer neuen Zeile. Bspw.

A: […][…][…][…]

B: […][…][…][…] usw.

Die Zeilen werden durchnumeriert. So dass Zitate mit Zeilennummer und Gruppendiskussion 1, 2 usw. zitiert werden. An den zu treffenden Entscheidungen bei der Transkription wird deutlich, dass auch diese eine Konstruktion ist, und der Transparenz bedarf.

Ich werde nach dem Standardorthographie-Verfahren transkribieren. Hierbei orientiere ich mich an den Normen geschriebener Sprache. „Sie vernachlässigt aber zugleich die Besonderheiten der gesprochenen Sprache wie die Auslassung einzelner Laute (Elision) oder die Angleichung aufeinander folgender Laute (Assimilation)“ (Kowal; O’Connell 2004, 441). Da Dialekte und Milieusprache bei mir keine Rolle spielen, ist dieses Verfahren geeignet.

Nachdem nun transparent gemacht wurde, wie ich transkribiere, komme ich zur Auswertungsmethode der Diskursanalyse.

Vom Diskursverständnis her orientiere ich mich an der Kritischen Diskursanalyse20 von Siegfried Jäger. Denn diese berücksichtigt, anders als beim Diskursverständnis von Jürgen Habermas, gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse. Habermas hingegen denkt sich Diskurs als eine Interaktion ohne Herrschaft. Aus herrschafts- und ideologiekritischer Perspektive bedarf es einer Methode die die Transkription in die realen gesellschaftlichen Kämpfe rückübersetzt (vgl. PAQ 1980, 52). Dies ist bspw. mit der traditionellen Soziolinguistik, die primär quantifiziert, quasi eine statistische Zusammenfassung des symbolischen Materials durch geschulte CoderInnen vornimmt, nicht leistbar (vgl. Jäger 1993, 51; PAQ 1980, 52).

Da die Diskursanalyse die zentrale aktual-empirische Methode dieser Arbeit ist, ist es notwendig, diese ausführlich darzustellen. Denn eine zentrale Kritik ist die der Seriosität also Wissenschaftlichkeit der Methode. Denn es ist die Frage nach der Nachvollziehbarkeit ihrer Analyse. An dieser Stelle muss zunächst herausgearbeitet werden, welche Funktion Sprache bei der Vergesellschaftung hat.

Holzkamp entwickelt die Sprache als eine Kommunikationsnotwendigkeit, welche sich aus der kooperativen Lebensgewinnung heraus entwickelt. Er schlußfolgert: „Die Entstehung der ‚Sprache’ ist eine wesentliche psychische Voraussetzung für die schließliche Dominanz des gesellschaftlich-historischen Prozesses gegenüber dem phylogenetischen Prozeß, da sie in die Entstehung ‚gesellschaftlicher’ Verkehrsformen notwendig eingeschlossen ist[…]“ (Holzkamp 1985, 222). Doch sie ist nicht nur Notwendigkeit und Voraussetzung für neue Weisen materieller Lebensgewinnung, sondern zugleich benötigen alle Gesellschaftsmitglieder Sprache (verbal / nonverbal) um in ihrer je konkreten Gesellschaft zu überleben (vgl. Jäger 1993, 71). Beim gegenwärtigen Stand der Wissenschaft ist davon auszugehen, dass sich Sprache erst innerhalb des psychischen Menschwerdungsprozesses herausgebildet hat. Hierbei ist die Entwicklung der Sprache an die Tätigkeit und Gegenständlichkeit des Menschen gebunden.21 Holzkamp schreibt:

„Der Übergang von der bloßen sozialen Koordination zur Kooperation bei der Herstellung bzw. dem Gebrauch von Werkzeugen schließt zunächst generell eine Kommunikation im Nahbereich ein, da man hier nicht mehr nur über das Suchen oder Verneiden lose miteinander koordiniert ist, sondern durch die Bezogenheit auf den jeweils gleichen Arbeitsprozeß bzw. –gegenstand in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft zusammenwirkt“ (Holzkamp 1985, 224f.; Herv.i.O.).

Holzkamp beschreibt wie die „inhaltliche Differenziertheit“ der Sprache sich aus der Funktionalität bei der Erledigung komplexer wechselseitiger Aktivitäten entwickelt. Die Frage ist nun, wie Sprache ihre „Darstellungsfunktion“ übernimmt und „gesellschaftlich verallgemeinert wird“. Die zunehmend komplexen Aufgaben erfordern eine Differenzierung der „Arbeitsmittel-Bedeutungen“ zwischen wesentlichen und unwesentlichen Merkmalen. Holzkamp schreibt: „Die damit explizierte, im Arbeitsprozeß notwendig mitvollzogene realabstraktive Heraushebung wesentlicher gegenüber unwesentlichen bzw. zufälligen Bedeutungsmomente verdeutlicht schon die der kooperativ-vergegenständlichenden Form der materiellen Lebensgewinnung selbst inhärente ‚praktische Begriffsbildung’“ (Holzkamp 1985, 226f.; Herv.i.O.). Holzkamp arbeitet heraus, dass eine adäquate Antizipation der in den praktischen Begriffen repräsentierten wesentlichen Bestimmungen allgemeiner Gebrauchszwecke notwendig ist für eine erfolgreiche Kommunikation und Kooperation. Die Loslösung der Kommunikation von der konkreten Tätigkeit ist dabei die unerläßliche Bedingung für die Dominanz der gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform. Es ist gerade diese relative Verselbständigung von Sprache, gegenüber den praktischen Begriffen, die die Voraussetzung zur Entstehung eigener „Symbolwelten“ in Form gesellschaftlicher Sprach- und Denkformen sowie ihrer ideologischen Verkehrung möglich macht (vgl. Holzkamp 1985, 229). Und es sind diese Symbolwelten, welche sich in Diskursen widerspiegeln und analysiert werden können. Ich habe hiermit also funktions-genetisch aufgewiesen wie Sprache und kollektive Tätigkeit, damit das sprachliche vergesellschaftete Subjekt zu verstehen ist. Mit Holzkamp und Leontjew wird deutlich, dass die Trennung zwischen geistiger und körperlicher Tätigkeit nicht aufrecht erhalten werden kann. Mit Gramsci habe ich herausgearbeitet, dass jeder Mensch ein Philosoph ist, da er sich in Diskursen bewegt. Diese sind nicht beliebig, sondern jeder Mensch ist zugleich Konformist irgendeines Konformismus, wie Gramsci schreibt. Doch dieser Konformismus ist in sich widersprüchlich. Und genau hier kann Diskursanalyse ansetzen: an der Herausarbeitung und Identifizierung einzelner Diskurse und ihrer Unvereinbarkeiten.

Bevor ich auf die Kritische Diskursanalyse zu sprechen komme, um im Anschluss daran ein kritisch-diskursanalytisches Auswertungsraster für meine Diskursanalyse zu entwerfen, muss an dieser Stelle, nachdem ich herausgearbeitet habe, wie Sprache und Alltagspraxen funktions-genetisch zusammengehören, herausgearbeitet werden, wie Diskurse mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen zusammenhängen. In einem nicht subjektorientierten Vorgehen, arbeitet Foucault dies sehr gut heraus.

Foucault setzt bei der Bestimmung des Diskurses „[…]voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen“ (Foucault 1991, 10f.). Mensch kämpft somit um und mit dem Diskurs um Macht „deren man sich zu bemächtigen versucht“ (Foucault 1991, 11). Zur Wirkungsweise des Diskurses schreibt Foucault: „Der Diskurs befördert und produziert Macht; er verstärkt sie, aber er unterminiert sie auch, er setzt sie aufs Spiel, macht sie zerbrechlich und aufhaltsam“ (Foucault 1998, 122). Foucault macht deutlich, dass es nicht auf der einen Seite den Diskurs der Macht gibt und auf der anderen Seite den Widerstands-Diskurs. Denn die „[…]Diskurse sind taktische Elemente oder Blöcke im Feld der Kräfteverhältnisse: es kann innerhalb einer Strategie verschiedene und sogar gegensätzliche Diskurse geben; sie können aber auch zwischen entgegengesetzten Strategien zirkulieren, ohne ihre Form zu ändern“ (Foucault 1998, 123). Foucault beschreibt einen Wandel des wahren Diskurses von einem Diskurs dessen Aussage qua Tradition als wahr galt, hin zu einem Diskurs, dessen Aussage als wahr gelten musste. Der Diskurs wurde institutionalisiert und durch Institutionen verteilt, wodurch er auf andere (ältere) Diskurse Druck und Zwang ausübt. Foucault hierarchisiert Diskurse: es gibt vergängliche, kurzzeitige Alltagsdiskurse und ursprüngliche Diskurse (religiöse, juristische, literarische und wissenschaftliche). Er schreibt: „Es ist immer möglich, dass man im Raum eines wilden Außen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven ‚Polizei’ gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muss. Die Disziplin ist ein Kontrollsystem der Produktion des Diskurses. Sie setzt ihr Grenzen durch das Spiel einer Identität, welche Form einer permanenten Reaktualisierung der Regeln hat“ (Foucault 1991, 25; Herv.i.O.). Hier bezieht sich Foucault auf Episteme. Diese sind die Wissensform einer jeweiligen Epoche. In der jeweils konkreten Gesellschaft „[…]ist die Beziehung zwischen den wahrnehmbaren Dingen (Wahrnehmungsraum) und dem, was über sie ausgesagt, d.h. gewußt werden kann (Sprachsystem), auf eine je spezifische Weise kodiert. […] Die E[pisteme] bilden die Gesamtheit der Grundkodierungen einer Epoche“ (Koch 1994, 176, vgl. Foucault 1997, 24f.). In Die Ordnung der Dinge verwendet Foucault den Begriff der Episteme zu „Charakterisierung einheitlicher Denkmuster und Konfigurationen einer Kultur“ (Bublitz 2001, 38). Seit der Archäologie des Wissens wird dieser Begriff durch den des Dispositivs ersetzt. Foucault untersucht die zu einer bestimmten Zeit vorfindbaren „Richtigkeiten“, denn sie sind die Legitimationskriterien für das wahre Wissen einer Epoche (vgl. Dörfler 2001, 92). Foucault befragt nicht das Subjekt nach der Aussage, sondern er fragt danach, warum dieses Subjekt das sagt, was es sagt, und er sucht nach den Bedingungen der Aussage des Subjektes. Wie ich mit Holzkamp deutlich gemacht habe, grenze ich mich von dieser strukturalistischen Analyse ab. Statt dessen rücken bei mir die Subjekte und ihre Produktion kollektiver Deutungsmuster ins Zentrum der Analyse. Mit Thomas Dörfler kann kritisch festgehalten werden, dass Foucaults „Diskursanalyse […] also nach den Bedingungen der Möglichkeiten der Aussagen [fragt], und nicht nach denen von Subjekten“ (Dörfler 2001, 94; Herv.i.O). Bei Foucault ist die Diskursanalyse auf die Erforschung diskursiver Praktiken und Erkenntnisbedingungen jenseits rationaler Akteure gerichtet (vgl. Dörfler 2001, 101). Wie ich mit Holzkamp herausgearbeitet habe, ist jedoch von einem rationalen Subjekt auszugehen. In die gleiche Richtung argumentiert Jäger, wenn er schreibt: „Foucault geht von einem Dualismus zwischen Diskurs und Wirklichkeit aus. Foucault übersieht hierbei, daß die Diskurse und die Welt der Gegenständlichkeiten bzw. Wirklichkeiten substantiell miteinander vermittelt sind und nicht unabhängig voneinander existieren“ (Jäger 2001, 76). Da Foucault Diskurse nicht als Arbeit / Tätigkeit fasst, kommt er in der Vermittlung von Subjekt / Objekt nicht weiter (vgl. Jäger 2001, 79).

Festgehalten werden kann, dass Diskurse institutionelle Machtpraktiken und Wissensformen miteinander verbinden (vgl. Bublitz 2001, 29). Dabei liegt die Machtwirkung der Diskurse in der Herstellung einer spezifischen Ordnung der Dinge. Foucault geht davon aus, dass Diskurse dem Sozialen vorgängig sind. Das Soziale bildet dabei die fließende Variable der Diskurse. Holzkamp macht jedoch deutlich, dass Sprache/Diskurse nicht von der Subjektentwicklung zu trennen sind, sondern in einem gemeinsamen Prozess entstehen. Erst seit Die Ordnung der Dinge verwendet Foucault den Diskursbegriff. Hier ist er aber ein Synonym für die klassischen Episteme seit René Descartes (vgl. Geisenhanslüke 2001, 62; Waldenfels 1991, 284).

Foucault benennt vier methodische Grundsätze: 1. Das Prinzip der Umkehrung; ein Überfluss des Diskurses ist eher als Zeichen seiner Verkappung zu sehen. 2. Das Prinzip der Diskontinuität; d.h. Diskurse müssen als diskontinuierliche Praxis verstanden werden. Eine Praxis in der es zu Überschneidungen, manchmal aber auch zu Berührungen kommt, Praktiken, die einander aber auch ignorieren und ausschließen können. 3. Das Prinzip der Spezifizität; hier geht Foucault von der Annahme aus, dass es keine prädiskursive Vorsehung gibt, nach der man die Welt nur noch zu entschlüsseln braucht.22 Den Diskurs fasst er als einen Gewaltakt auf, der die Welt einer Regelhaftigkeit unterwirft. 4. Das Prinzip der Äußerlichkeit; demnach muss mensch nicht zum inneren Kern des Diskurses vordringen, sondern zu den äußerlichen Möglichkeitsbedingungen, um die Regelhaftigkeiten und die Entfaltung der Macht zu untersuchen (vgl. Foucault 1991, 34f.). Zu zwei Perspektiven einer Diskursanalyse schreibt Foucault: „Die Kritik analysiert die Prozesse der Verknappung, aber auch der Umgruppierung und Vereinheitlichung der Diskurse; die Genealogie untersucht ihre Entstehung, die zugleich zerstreut, diskontinuierlich und geregelt ist“ (Foucault 1991, 41). In der Diskursanalyse müssen sich kritische und genealogische Beschreibungen abwechseln, stützen und ergänzen (vgl. Foucault 1991, 43). Die Welt des Diskurses ist dabei nicht als zweigeteilt zwischen dem zugelassenen und dem ausgeschlossenen oder dem herrschenden und dem beherrschten Diskurs zu verstehen. Denn sie ist „[…]als eine Vielfältigkeit von diskursiven Elementen, die in verschiedenartigen Strategien ihre Rolle spielen können, zu rekonstruieren“ (Foucault 1998, 122).

Mit Achim Geisenhanslüke kann zur foucaultschen Diskursanalyse festgehalten werden: „Von einem kohärenten Begriff des Diskurses, der als Leitfaden einer Theorie der Diskursanalyse dienen könnte […] kann nicht die Rede sein“ (Geisenhanslüke 2001, 62). Differenzierter geht hier Siegfried Jäger vor. Von Foucault übernehme ich seine Charakterisierung des Diskurses als kontrollierte, selektierte, organisierte und kanalisierte Praxis der Machtgewinnung. Also die Perspektive auf Diskurse im Kampf um die Hegemonie in der Zivilgesellschaft.

Jäger unterscheidet, in Anlehnung an Jürgen Link, zwischen Spezialdiskursen, welche sich differenzieren lassen in naturwissenschaftliche, humanwissenschaftliche und „interdiskursiv dominierte Spezialdiskurse“, wie bspw. Theologie und Philosophie, sowie ein Interdiskurs, als „stark selektives Allgemeinwissens“ bestehend u.a. aus den Spezialdiskursen. Dieser entspricht dem Alltagsverstand bei Gramsci. Des weiteren kann ein Gegendiskurs identifiziert werden. Insgesamt legt Jäger, in Anlehnung an Foucault und Link, eine Kritische Diskurstheorie vor, die Diskurse in ihrer Verknüpfung mit Machtstrukturen analysieren kann. Es geht nun um die Analyse des „Kampfes der Diskurse“ als Kampf hegemonialer vs. widerständischer Diskurse (vgl. Jäger 1993, 152ff.). Diskurse sind also Werkzeuge im Kampf um die Hegemonie in der Zivilgesellschaft und somit zugleich ideologisch besetzt. Wenn es gelingt die Bedeutungsmuster und –strukturen in den Texten aufzudecken, dann gelingt es auch die in der Sprache angelegte Macht der Ideologie herauszukristallisieren (vgl. Parker 2004, 551). Mit anderen Worten, eine Kritische Diskursanalyse beschränkt sich nicht auf Sprache an sich, sondern auf die Vermittlung mit der je historisch konkreten Gesellschaftsformation und ihrer Kämpfe. Wesentlich ist zudem die Erkenntnis, dass sich Gesellschaft über diskursive Praxen konstituiert wie auch den Diskurs konstituiert. Die Frage ist nun, wie produzieren Diskurse soziale Effekte? Dies läßt sich m.E. mit der widerspruchszentrierten Gruppendiskussion für den hier analysierten Bereich aufzeigen. Da Diskurse soziale Praxen sind, ist selbst die Auswertung eine Form eingreifender Sozialforschung, da sie ihrerseits, mit der Publikation, in Diskurse eingreift und Diskurse aufgreift, reartikuliert und reformuliert. In der hier vorgestellten Perspektive ist Sprache also sozial konstitutiv, in dem Sinne das soziale Identitäten gebildet werden, und sozial bestimmt. Sprache reproduziert so einerseits gesellschaftliche Strukturen, andererseits wird sie aber auch durch die Kämpfe verändert. In einer Kritischen Diskursanalyse stehen die Fragen nach Macht und Ideologie im Mittelpunkt. Hannelore Bublitz macht jedoch die weiterentwickelte Aufgabenstellung der Diskursanalyse gegenüber der Ideologietheorie deutlich, wenn sie schreibt: „Anders als ideologiekritische Analyse rekurriert Diskursanalyse jedoch nicht auf ein hinter den Erscheiungsweisen der Dinge verborgenes Wesen und eine dort angesiedelte Wahrheit(sordnung). Sie fragt vielmehr nach den historischen Entstehungsbedingungen der Ordnung der Dinge und situiert diese in Machtverhältnissen.“ (Bublitz 2003, 14). Bublitz verkennt hier den im Kapitalismus herrschenden Widerspruch von Wesen und Erscheinung, der eine Begründung für marxistische Wissenschaftlichkeit ist. Jäger definiert Diskurs wie folgt:

„Ich schlage vor, Diskurs von vornherein als geregelt zu definieren: Fasse ich Diskurs als den ‚Fluß von Text und Rede bzw. von Wissen durch die Zeit’, dann ist davon auszugehen, daß der Diskurs immer schon mehr oder minder stark strukturiert und also ‚fest’ und geregelt (im Sinne von konventionalisiert bzw. sozial) ist“ (Jäger 1993, 153).

Dies lässt sich als ein Effekt von kontingenten Machtfraktionen analysieren.

Zur Aufgabenstellung eines Diskursanalytikers schreibt Ian Parker: „Diskursanalytiker untersuchen Texte, und zwar im Hinblick auf deren Aufbau, auf deren Funktion in unterschiedlichen Kontexten und auf deren Widersprüchlichkeiten“ (Parker 2004, 546). Kommen wir daher zum Analyseraster meiner Diskursanalyse. Zu fragen ist zunächst nach dem Inhalt des Textes und danach auf welches Wissen und sprachlichen Hintergründe der Text basiert. Hier geht es also zunächst um die hermeneutische Erschließung des Textes. Die Perspektive wird verändert, wenn die Textproduktion in den Focus gerät. Beide zusammen (Textverstehen und Textproduktion) hängen vom kulturellen Kontext der Diskurse ab. Bei der Analyse der Textproduktion – , welche bewußt und unbewußt ablaufen kann, wobei viel dafür spricht diese als bewußt zu charakterisieren, da die publizierten Texte zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit i.d.R. von akademischen Menschen geschrieben werden, welche um die Konstruktion, Dekonstruktion und Wirkung ihrer Texte wissen, – rücken die argumentativen Strategien der VerfasserInnen bzw. der Mit-Forschenden in den Blick. Die Perspektive auf die Textproduktion grenzt sich von Foucault ab, der Menschen lediglich als „Diskursträger“ ansieht und somit nicht als aktive ProduzentInnen.

In Diskursen werden kollektive Symbole aufgegriffen und in neuer Form re-artikuliert. Kollektive Symbole sind solche Symbole die allen Menschen eines kulturellen Zusammenhangs unmittelbar einleuchten, da sie Bestandteil des Alltagsverstandes sind. Um dies analysieren zu können, rückt die Frage nach den Bildbrüchen (Katachresen) in die Perspektive der konkreten Auswertung. Die Verknüpfung von kollektiven Symbolen lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: So ist es bspw. eine Terrorwelle, die in einer Art Tsunami, über uns kommt. Dieses Krebsgeschwür des Terrorismus kann man mit chirurgischer Kriegsführung bekämpfen. Also, es ist einmal eine Art Naturgewalt, ein anderes Mal wird eine medizinische Symbolik verwendet usw. Diese kollektiven Symboliken werden aufgegriffen, ihrem ursprünglichen Kontext entfremdet und zu (politischen) Zwecken re-artikuliert. Link bezeichnet diese Verkettung als eine „synchrones System von Kollektivsymbolen“ (Sysykoll), welches als Alltagswissen für den Durchblick in der Gesellschaft sorgt. So wissen wir zwar nichts über den medizinischen Krebs, aber verstehen sofort die Bedeutung das der Terror der Krebs der Gesellschaft ist (vgl. Jäger 1993, 162). Das Sysykoll bildet den „Kitt der Gesellschaft“. Hier schließt sich der Kreis zur Ideologietheorie und Kulturkritik. Denn mit einer Kritischen Diskursanalyse steht die Frage nach der ideologischen Vergesellschaftung und ihrer Herrschafts(re)produktion im Mittelpunkt der Auswertung. Doch dies nicht in einem idealistisch verstandenen Sinn, denn Diskurse sind immer kontextuell an Praxen gebunden. Und es ist somit die Frage danach, wo Diskurse materiell vorhanden sind. Deutlich wird, dass mich Diskurse als Indizes für eine Herrschaftsanalyse interessieren. Dies benennt zugleich die Grenzen meiner Auswertung und den Zeitpunkt, an dem mit der Analyse aufgehört werden kann. Nämlich dann, wenn die Herrschafts(re)produktion herausgearbeitet wurde.

Welche Perspektiven und Fragen sind für meine Auswertung wichtig und können als Analyseraster gelten?

  1. Was ist die zentrale Botschaft des Textes? Hier geht es um die Herausarbeitung der thematischen Sachverhalte, die Motive und Perspektiven aus denen heraus diese diskutiert werden.
  2. Wie werden Diskurse und Kollektivsymboliken miteinander verknüpft?
  3. Welche Katachresen gibt es und wie werden sie eingesetzt?
  4. Welche Gleichstellungen und Verkettungen gibt es, und worauf verweisen sie? (Also bspw. die Aufzählung, die ich im Buch Psychologie für Fachoberschulen herausgegeben von Hermann Hobmaier Auflage Datum gefunden habe: „Wir sehen keine Menschen, sondern Lehrer, Schüler, Fußballer, Bankbeamte, Politiker, Frauen, Franzosen, Deutsche, Juden, Neger.“ Für kritische LeserInnen erübrigt sich hier jeder Kommentar.)
  5. Wie wird mit Argumenten umgegangen?
  6. Welche Meinungsverschiedenheiten gibt es? Hieran kann analysiert werden ob und welche Ansichten sich im Verlauf des Textes durchsetzen, evtl. lassen sich Diskurse kategorisieren.
  7. Gibt es Leerstellen im Text, Schweigen? Leerstellen sind bspw. ein Hinweis darauf, an welchen Stellen die LeserInnen den Sinn selbst herstellen sollen. Eine Aufgabe zwischen den Zeilen zu lesen, denn es geht in den Texten i.d.R. nicht darum die LeserInnen zu bevormunden, sondern sie in ihrer Selbsttätigkeit anzusprechen. Die Texte sind daher latente Formen der (politischen) Einflussnahme.
  8. Je nach Diskurs – Gibt es eine Opfer-Täter Vertauschung?
  9. Wie werden Kritikelemente aufgenommen und evtl. entschärft?
  10. Welche Gegensatzpaare werden im Text gebildet? (Beispiel: Männer/Frauen – InländerInnen/AusländerInnen usw.)
  11. Wer sind die AkteurInnen im Text, sind diese aktiv oder passiv. Kommen Subjekte überhaupt vor?
  12. Mit welchen Begriffen arbeitet der Text?
  13. Wie arbeiten die TextproduzentInnen mit Sprache, Gefühlen und Widersprüchen?
  14. Es ist also auch die Frage nach den Konnotationen in Sprache und Begriffen. Welche Assoziationen schwingen im Text mit?
  15. Welche Denotationen gibt es? Also welche Dinge werden außerhalb ihrer Selbst angesprochen?
  16. Mit welchen Spaltungen und Mengenbildungen wird gearbeitet?
  17. Wie reartikulieren und reformulieren sie Diskurse?
  18. Wie fügen die TextproduzentInnen nicht zusammengehörige Diskurse zusammen?
  19. Welche Diskursstränge komponieren sie?
  20. Wie werden unterschiedliche Themen miteinander verknüpft?
  21. Sprechen sie von oben oder von unten?
  22. Wie werden machtstabilisierende und machtunterminierende Subjekte durch widersprüchliche Bedeutungen konstituiert?
  23. Was wird im Text entnannt? Eine Entnennung kann auch eine Nennung sein, so z.B. wenn in einem Satz Frauen drin vorkommen, aber ansonsten nicht, so sind diese zwar genannt aber dennoch entnannt.
  24. In welchem Kontext wurden die Diskurse generiert und in welchen werden sie im Text gestellt?
  25. An welche Hoffnungen wird angeknüpft?
  26. Wer wird wie „angerufen“ (Althusser)?
  27. Welche Verkehrungen des Diskurses gibt es?
  28. Welche kulturellen Elemente werden aufgenommen?
  29. Welche Abwehmechanismen tauchen im Text auf? Holzkamp benennt hier z.B. die „Beispiel-Nennungen“ (Holzkamp 1976, 231)
  30. Welche anschaulichen Gewißheiten werden angesprochen, wodurch ein funktionales „Sich-Einrichten“, „Sich-Abfinden“ und „Sich-Zurechtfinden“ begünstigt wird? (vgl. Holzkamp 1976, 283)
  31. Welche Problemverschiebungen, bspw. auf einzelne Individuen wie den Kapitalisten, werden vorgenommen?
  32. Wie wird mit Widersprüchen umgegangen? In der Auswertung der Gruppendiskussionen ist herauszuarbeiten wie in der Diskussion objektive Widersprüchlichkeiten subjektiv eingeebnet und Unvereinbarkeiten in ihren Bestimmungsmomenten isoliert und damit unerkennbar gemacht werden. Hierdurch wird den Zufälligkeiten und Beliebigkeiten subjektiver Welterfahrung der objektiven und strukturellen, und damit gesellschaftlich-gesetzmäßigen Zusammenhängen, sekundär eine Geordnetheit und Geschlossenheit aufgeprägt (vgl. Holzkamp 1976, 221).
  33. Wie werden sie eliminiert? Holzkamp schreibt dazu: „Der Forschungszweck besteht hier darin, die ‚Eliminierungs’-Mechanismen aufzuhellen, die zur Verkennung des Widerspruchs im alltäglichen Denken führen, und die ‚Bewältigungs-Techniken’ zu erfassen, mit denen explizit aufgewiesene gesellschaftliche Widersprüche so ‚eingeordnet’, uminterpretiert, etc. werden, daß Konsequenzen für die eigenen Gesellschaftserkenntnis und Lebenspraxis nicht entstehen[…]“ (Holzkamp 1976, 216f.). Ähnlich F. Haug: „Eine der wichtigsten Strategien […] ist die Eliminierung von Widersprüchen. Alles, was in die eindeutige Präsentation unseres Selbst nicht paßt, wird ausgeblendet zugunsten eines möglichst einheitlichen Bildes von uns, für uns und für andere“ (Haug 1999a, 208).

 

Diese Forschungsfragen lassen sich, in Anlehnung an Bertolt Brecht, zusammenfassen in der Frage nach der Art und Weise in der die ProduzentInnen das Netz auswerfen, mit denen sie die LeserInnen einfangen wollen.

1 Die 1987 konstatierte Hegemonie existiert weiterhin (trotz eines Booms qualitativer Forschung), wie ein Blick in sozialwissenschaftliche Stellenanzeigen zeigt.

2 Zur Kritik der Zweigeschlechtlichkeit vgl. Kapitel 3.

3 „Der Standpunkt des Subjekts wird also durch eine solche logisch-historische Rekonstruktion weder eliminiert noch reduziert, sondern ‚ich’ finde mich dabei […] bewußt und wissenschaftlich reflektiert an der ‚Stelle’ im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang wieder, an der ich faktisch ‚schon immer’ stand“ (Holzkamp 1985, 538).

4 Dies wird i.d.R. so sein, denn viele Wochenseminare beginnen Sonntag abend oder Montag morgen und gehen bis Freitag mittag. So dass ich 4 Tage eine teilnehmende Beobachtung durchführe, um Widersprüche zu notieren, die Freitag morgen Gegenstand der Gruppendiskussion sein sollen.

5 Zum Verhältnis von Erkenntnis und Umsetzung schreibt Holzkamp: „Die gesellschaftliche Möglichkeit begreifender Erkenntnis des Wesens bürgerlicher Lebensverhältnisse bedeutet gleichzeitig die Notewendigkeit des Wirklichwerdens einer solchen Erkenntnis als bestimmendes Moment gesellschaftlicher Lebenstätigkeit, weil nur in von begreifender Erkenntnis geleitete Praxis gesellschaftlicher Verhältnisse gemäß dem Allgemeininteresse entwickelt und umgestaltet werden können“ (Holzkamp 1976, 362; Herv.i.O.).

6 Es ist mir völlig unverständlich, wie mensch bei einer Durchsicht der Schriften Holzkamps zu so einer falschen Schlussfolgerung kommen kann.

7 Auf den inhärenten kontrollwissenschaftlichen Ansatz, der Herrschaftsverhältnisse unbewußt(?) reproduziert, habe ich schon mehrfach hingewiesen.

8 Vgl. auch meine Kritik daran im zweiten Kapitel.

9 Vgl. hierzu auch das Kapitel 4.8. zu Gramsci.

10 Vgl. Kap. 4.8.

11 Vgl. Kap. 4.4.

12 Vorausgesetzt das disziplinäre Denken wird als Prämisse akzeptiert.

13 Vgl. Kap. XXX

14 Vgl. Kap. 4.2.

15 Vgl. Kap. Cultural Studies

16 Vgl. die Formanalyse in Kap. 2.

17 Vgl. Kap. 4.4.

18 An anderer Stelle unterscheidet Gramsci zwischen Masse-Mensch und Kollektiv-Mensch. Der Masse-Mensch ist zusammenhanglos, wohingegen der Kollektiv-Mensch eine geschichtliche Tat vollbringen kann. Mit Marx gesprochen ein „revolutionäres Subjekt“ ist.

19 Übers.: sich selbst erfüllende Prophezeiung.

20 Jäger hat einen anderen Kritikbegriff, als er in dieser Arbeit verwendet wird. Jäger schreibt: „Es wird sich zeigen, daß hier mindestens zwei Ebenen von Bedeutung sind: Diskursanalyse kann insofern kritisch sein, als sie verdeckte Strukturen sichtbar macht (die man dann kritisieren kann oder auch nicht). Sie wird aber im eigentlichen Sinn erst dann kritisch, wenn sie mit begründeten moralisch-ethischen Überlegungen gekoppelt wird. Hier wird es um die Frage gehen, ob es möglich ist, einen nicht willkürlichen ethisch-moralischen Standpunkt einzunehmen. Es geht mir also um die Entwicklung eines integrierten theoretischen und methodologischen sozialwissenschaftlich-linguistischen Ansatzes für Gesellschaftstheorie und Gesellschaftsanalyse“ (Jäger 1993, 19). Im ersten kapitel habe ich einen nicht-normativen Standpunkt der Kritik erarbeitet, der nach wie vor gilt. Zu gute halten muss ich Jäger, dass er nach einem nicht willkürlich-moralischen Standpunkt sucht. Dies verweist aber zugleich auf ein Unverständnis menschlicher Lebensgewinnung, obwohl er sich an der Tätigkeitstheorie von Leontjew orientiert. Zur menschlichen Lebensgewinnung vgl. Holzkamp 1985.

21 Vgl. Kap. 4.

22 Foucault grenzt sich damit gegen den naiven Empirismus ab (s.o.).

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