Kap. 2 Der Marxsche Forschungsprozess

    1. Vom Menschen ausgehende Forschung

Eine Frage, die mich lange beschäftigte, war die nach den theoretisch-methodischen und methodologischen Ausgangspunkten meiner Forschung zur Subjektkonstruktion und –konstitution von Gewerkschaftsmitgliedern in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen. Daher geht es in diesem Kapitel darum, einen Forschungsprozess aus der Perspektive des historischen und dialektischen Materialismus als (philosophischen) Ausgangspunkt meiner Forschung zu entwerfen. Es ist dies die „erste Bezugsebene“ (Holzkamp) meiner Forschung.1

Subjekt, Individuum, Mensch; was ist ‚der’ Mensch und wie erforsche ich seine Konstruktion und Konstitution? Als wissenschaftlicher Marxist ging ich also zunächst bei Karl Marx auf die Suche. Nach vielem lesen fand ich in der Einleitung [zu den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“] (zit. Grundrisse) von 1857 im 3. Kapitel Die Methode der politischen Ökonomie. Marx schreibt:

„Wenn wir ein gegebenes Land politisch-ökonomisch betrachten, so beginnen wir mit seiner Bevölkerung, ihrer Verteilung in Klassen, Stadt, Land, See, den verschiednen Produktionszweigen, Aus- und Einfuhr, jährlicher Produktion und Konsumption, Warenpreisen etc.

Es scheint das richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsaktes ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung [als] falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn. Z.B. Lohnarbeit, Kapital etc. Diese unterstellen Austausch, Teilung der Arbeit, Preise etc. Kapital z.B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen, und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung des Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen. Der erste Weg ist der, den die Ökonomie in ihrer Entstehung geschichtlich genommen hat. Die Ökonomen des 17. Jahrhunderts z.B. fangen immer mit dem lebendigen Ganzen, der Bevölkerung, der Nation, Staat, mehreren Staaten etc., an; sie enden aber immer damit, daß sie durch Analyse einige bestimmende abstrakte allgemeine Beziehungen wie Teilung der Arbeit, Geld, Wert etc., herausfinden. Sobald diese einzelnen Momente mehr oder weniger fixiert und abstrahiert waren, begannen die ökonomischen Systeme, die von dem Einfachen, wie Arbeit, Teilung der Arbeit, Bedürfnis, Tauschwert, aufsteigen bis zum Staat, Austausch der Nationen und Weltmarkt. Das letzte ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode. Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und Vorstellung ist“ (MEW 42, 34f.).

Marx kritisiert hier das Vorgehen der Ökonomen seiner Zeit. Er macht zudem deutlich, dass eine Analyse nicht auf einen Teilaspekt gerichtet sein kann, sondern dass sie die „Einheit des Mannigfaltigen“ umfassen muss. In diesem Sinne wird aufsteigend das Subjekt als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (MEW 3, 6; s.u.) entwickelt. Für diese Arbeit heißt dies, dass das Subjekt in seinem dialektischen Verhältnis zu seiner Umwelt analysiert werden muss. In den Blick gerät so die gesellschaftstheoretische Ebene, als „zweite Bezugsebene“ (Holzkamp) meiner Forschung. Hier wird an die Kritik der politischen Ökonomie (zit. KpÖ) von Marx angeknüpft, um zu zeigen, dass die kapitalistische Gesellschaftsordnung zugleich eine bestimmte Rationalität des Handelns der Menschen vorgibt, wie auch bestimmte Subjektkonstitutionen vornimmt. Es wird auf gesellschaftstheoretischer Ebene gezeigt, dass die Gesellschaft in der die Menschen heute leben, eine Klassengesellschaft ist und somit die Lebensposition im Kapitalismus relativ determiniert ist. Dies wird im Fortgang der Arbeit konkretisiert. Ich bitte den / die LeserIn hier und an anderen Stellen um Geduld. Kurz: es geht darum, den konkreten Menschen in seiner konkreten Umwelt herauszuarbeiten. Daher wird seine Umwelt (verallgemeinert) sukzessive konkreter entwickelt.

Kritisierte Marx die Ökonomen seiner Zeit (s.o.), so formulierte er in ähnlicher Form in den Thesen über Feuerbach von 1845 (zit. ThF) eine Kritik, die er gegen Feuerbach richtete. Er schreibt in der ersten ThF:

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (dem Feurbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht spekulativ. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im ‚Wesen des Christenthums’ nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig jüdischen2 Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der ‚revolutionären’, der ‚praktisch-kritischen’ Tätigkeit“ (MEW 3, 5).

Marx kritisiert hier die idealistische Ablösung der Wissenschaft von den wirklichen Praxen der Menschen. Der Mensch bleibt hier spekulativ und abstrakt. Dieser muss jedoch begriffen und untersucht werden aufgrund seiner „[…]sinnlich menschliche[n] Tätigkeit[…]“ (ebd.). Es kann also nicht darum gehen, Wirklichkeit aus abstrakten Kategorien abzuleiten, sondern in den Blick geraten müssen die „praktisch-kritischen“ Tätigkeiten, denn nur so wird ihre (revolutionäre) Selbst- und Weltveränderung adäquat begriffen. Marx formuliert hier eine (relative) Kritik an Abstraktionen – denn diese besitzen ihre „[…]Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse[…]“ (ebd., 39) -, die die „[…]praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit[…]“ (MEW 3, 6) nicht begreifen und fassen können. Bei Frigga Haug wird dies zu einer Kritik am patriarchalen und „herkömmlichen Wissenschaftskanon“, der an einer „[…]Ableitung menschlicher Aktivitäten aus obersten Kategorien[…]“ (Haug, F. 1999a, 178) festhält und dabei Wissenschaft ohne die Erfahrungen und Praxen von Frauen betreibt. Eine feministisch orientierte Wissenschaft muss demnach ihren Ausgangspunkt in den wirklichen Praxen der Subjekte haben. Der ‚wirkliche Ausgangspunkt’ marxistischer Forschung ist nach den Grundrissen also die Analyse des Konkreten. Aber nicht eines „vorgestellten Konkreten“, sondern eines Konkreten, welches die „Einheit des Mannigfaltigen“ ist. Das heißt, ich finde es nicht unmittelbar empirisch vor, sondern es ist Ergebnis wissenschaftlicher Analyse. Marx schreibt im ersten Band des Kapitals (zit.K1) – bezogen auf die Erscheinungsform des Lohns als Wert der Arbeit -: „Solche Erscheinungsformen ‚[…] reproduzieren sich unmittelbar spontan, als gang und gäbe Denkformen […]’, das wesentliche Verhältnis dagegen ‚[…] muß durch die Wissenschaft erst entdeckt werden.’“ (Heinrich 2004, 95; Zitat im Zitat Marx: MEW 23, 564). Und im dritten Band des Kapital (zit. K3) schreibt Marx: „[…]und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge zusammenfielen[…]“ (MEW 25, 825). Hiermit ist zugleich die Begründung für wissenschaftliches Arbeiten gegeben, denn das empirisch Vorfindbare, oder dass im Alltagsverstand sich befindende Wissen, muss analytisch bearbeitet werden, um an das Wesen eines Sachverhaltes zu kommen. Die „Einheit des Mannigfaltigen“ ist das Ergebnis eines Prozesses der „Zusammenfassung“. Holzkamp kritisiert die bestehende Psychologie der 1970er Jahre dahingehend, dass sie das Einzelindividuum als das Konkrete bestimmt und die Gesellschaft als Abstraktion individueller Handlungen fasst. Er kritisiert, aus marxistischer Perspektive, dass in der herrschenden Psychologie nicht erkannt wird, dass die Konzeption des Einzelindividuums äußerst abstrakt ist, da sie von der „[…]konkreten historisch-gesellschaftlichen Lage[…]“ (Holzkamp 1972, 100) der Menschen abstrahiert.3 F. Haug und Holzkamp machen deutlich, dass die Unterscheidung abstrakt / konkret zentral ist für die unterschiedlichsten Ausprägungen und Weiterentwicklungen marxistischer Wissenschaft.

Paul Lafargue fasst die Marxsche Arbeitsweise wie folgt zusammen:

„[…]er (Marx; R.B.) sah nicht bloß die Oberfläche, er drang ins Innere ein, er untersuchte alle Bestandteile in ihren Wirkungen und Rückwirkungen aufeinander; er isolierte jeden dieser Teile und verfolgte die Geschichte seiner Entwicklung. Dann ging er vom Ding auf seine Umgebung über und beobachtete die Wirkungen der letzteren auf das erstere und umgekehrt; er ging zurück auf die Entstehung des Objekts, auf die Wandlungen, Evolutionen und Revolutionen, die es durchgemacht und drang schließlich bis zu seinen entferntesten Wirkungen vor. Er sah nicht ein einzelnes Ding für sich und an sich, ohne Zusammenhang mit seiner Umgebung, sondern eine ganze komplizierte, in steter Bewegung begriffene Welt“ (Lafargue 1988, 199).

Die wissenschaftlich richtige Methode ist also die Analyse des Konkreten, um in diesem die Mannigfaltigkeit darzustellen. (nachfolgende Grafik aus Altvater 1999, 12)

Bis hierher weiß ich also, wie der Forschungsprozeß vonstatten geht, nicht jedoch wo ich anfangen soll.

Als Ausgangspunkt der Forschung benennt Marx die „wirklichen Individuen“.

„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar“ (MEW 3, 20).

Problematisch wird diese empirische Konstatierbarkeit, wenn man, Marx folgend, anerkennt, dass es einen Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung gibt. Mit anderen Worten, das Beobachtbare mir nicht zugleich auch sein Wesen preisgibt. Problematisch wird dies auch vor dem Hintergrund der konstruktivistischen Wende in den Sozialwissenschaften. Als Grundsatz gilt jetzt das „[…]logische Primat des Theoretischen[…]“ (Holzkamp 1972, 92). Demnach kann man nicht von Daten zu Theorien aufsteigen, sondern Theorien sind den Daten vorgeordnet.4 Nicht erst seit der Erkenntnis von Vornamen Duhem / Quine ist das Verhältnis von Theorie und Empirie umstritten. Demnach werden empirisch ermittelte Daten als durch die Theorie und die Forschungsinstrumente des Forschers / der Forscherin determinierte Daten analysiert. Mit anderen Worten: für jeden empirisch ermittelten Tatbestand sind mehrere funktionell äquivalente theoretische Erklärungen möglich. Das bedeutet für dieses Arbeit, dass die Empirie so gestaltet sein muss, dass sie zumindest die Möglichkeit beinhaltet, die Theorien durch die empirisch gewonnen Ergebnisse zu verändern, zu kritisieren oder zu verwerfen. Das Verhältnis von Theorie und Empirie ist entscheidend für den Zugang zur Realität ist (vgl. auch F. Haug 1997), andererseits die Empirie aber auch so angelegt sein muss, dass sie geeignet ist, die widersprüchlichen Praxen der Subjekte zu erfassen.

Rosa Luxemburg wendet sich, aus marxistischer Perspektive, gegen die Empirie. Eduard Bernstein und Karl Kautsky sind bei ihr „empirische Flachköpfe“ (Werke, Bd. I/2, 138). Im Zentrum ihrer wissenschaftlichen Methode steht die Theorie. Ähnlich wie Marx es mit den Berichten der Fabrikinspektoren machte, greift Luxemburg auf bereits erhobene Daten zurück und verschiebt den Kontext, so dass sie damit kritisch-politisch arbeiten kann.5 Es ist also keineswegs unumstritten mit der Empirie, das heißt mit den wirklichen Menschen anzufangen.

Bei der Analyse der „Einheit des Mannigfaltigen“ beginnen Marx und Engels in der Deutschen Ideologie (zit. DI) von 1845/46 mit der „[…]natürlichen Existenz lebendiger menschlicher Individuen“ (MEW 3, 20). Da diese körperlich und lebendig sind, stehen sie in einem gegebenen Verhältnis zur Natur, auf die sie zum Selbsterhalt – wie jeder Organismus – angewiesen sind. Ihre Unterscheidung vom Tier beginnt mit der Produktion ihrer Lebensmittel: „Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst“ (ebd., 21). Das heißt, Menschen sind auf eine bestimmte Weise produktiv tätig und gehen darin gesellschaftliche und politische Verhältnisse ein. Aufgabe einer marxistischen Wissenschaft muss es sein, „[…]in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikationen und Spekulationen aufzuweisen“ (MEW 3, 25). Das Aufdecken und Überwinden der Mystifikationen ist bei Marx Kritik. Michael Heinrich schreibt zum Kritikbegriff im Kapital: „Kritik zielt darauf ab, das theoretische Feld (d.h. die ganz selbstverständlichen Anschauungen und spontan sich ergebenden Vorstellungen) aufzulösen, dem die Kategorien der politischen Ökonomie ihre scheinbare Plausibilität; die ‚Verrücktheit’ der politischen Ökonomie soll deutlich werden“ (Heinrich 2004, 32f.).

Bis hierher wurde deutlich, dass die Menschen, um ihr Leben zu reproduzieren, produzieren müssen und dadurch Verhältnisse zueinander eingehen. Dabei müssen die Verhältnisse jeweils historisch-konkret untersucht werden. Die Analyse der konkreten Verhältnisse ist Gesellschaftsanalyse. In Abgrenzung zum homo oeconomicus der klassischen Ökonomie und ihrem daraus abgeleiteten Gesellschaftsverständnis6 schreibt Marx in den Grundrissen: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen“ (MEW 42, 189). Bei Joachim Hirsch ist Gesellschaft lediglich der Ort an dem die kapitalistischen Individuen zu ihrer Gemeinschaftlichkeit finden (vgl. Hirsch 1996, 37)7. Marx verwendet den Gesellschaftsbegriff nicht positiv als Ort der Gemeinschaftsbildung, sondern als Strukturbegriff, der Verhältnisse ausdrücken kann. Dies bildet die Basis des in dieser Arbeit verwendeten Gesellschaftsbegriffs. Die Produktion des Lebens ist von Anfang an eine dialektische, denn die Menschen reproduzieren nicht nur ihre physische Existenz, sondern zugleich eine bestimmte „Lebensweise“. Marx und Engels schreiben: „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie“ (ebd., 21). Hier greifen sie auf einen Gedanken zurück, den Marx schon in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844 (zit. Manuskripte) formulierte. Er schreibt, dass es ein menschliches Verhältnis nur geben kann, wenn das Verhältnis Ausdruck des Willens und Ausdruck des „[…]wirklichen individuellen Lebens […]“ (MEW 40, 567) ist. Das heißt, nur wenn der Mensch sein Leben bejaht, liebt, vertraut, sich künstlerisch usw. entwickelt und er seine Liebe usw. auch zurückbekommt, nur dann wird der Mensch ein glücklicher sein (vgl. ebd.).8 Marx macht in den Manuskripten, unter humanistischen Vorzeichen, deutlich, worin das „Menschliche“ liegt und wie es sich zur Lebensweise verhält:

„Für den ausgehungerten Menschen existiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern nur ihr abstraktes Dasein als Speise; ebensogut könnte sie in rohster Form vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nahrungstätigkeit von der tierischen Nahrungstätigkeit unterscheide. Der sorgenvolle, bedürftige Mensch hat keinen Sinn für das schönste Schauspiel; der Mineralienkrämer sieht nur den merkantilischen Wert, aber nicht die Schönheit und eigentümliche Natur des Minerals; er hat keinen mineralogischen Sinn; also die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens, sowohl in theoretischer als praktischer Hinsicht, gehört dazu, sowohl um die Sinne des Menschen menschlich zu machen als um für den ganzen Reichtum des menschlichen und natürlichen Wesens entsprechenden menschlichen Sinn zu schaffen“ (MEW 40, 542). In den Grundrissen schreibt Marx: „Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabeln und Messer gegeßnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt“ (MEW 42, 27).

Mit anderen Worten: Nur wenn der Mensch sich den ganzen Reichtum aneignen kann, kann er sich wahrhaft menschlich re-produzieren9. Marx und Engels benennen als „[…]erste geschichtliche Tat[…]“ (MEW 3, 28) die Erzeugung von „[…]Essen, Trinken, Wohnung, Kleidung[…]“ usw. Es ist dies die „[…]Voraussetzung aller Menschengeschichte[…]“ (ebd., 20). Bezogen auf die Geschichtsschreibung, muss Forschung also von den „[…]Aktionen der Menschen[…]“ (ebd.) ausgehen, also von der Produktion ihrer Lebensmittel und somit ihres Lebens. Marx und Engels beschreiben in der DI den Übergang von der Phylo- zur Ontogenese (vgl. ebd.); ein Forschungsfeld welches in den 1970er Jahren die Kritische Psychologie, in Anknüpfung an die kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie, weiterführte. Durch die „erste geschichtliche Tat“ der Menschen werden zugleich neue Bedürfnisse geweckt. Deutlich wird, dass Marx und Engels einen weitreichenden Produktionsbegriff haben. Wer Marx und Engels nur aus den ökonomischen Untersuchungen des Kapitalismus kennt, kann hier leicht zu Verkürzungen neigen. Sie nehmen hier die individuelle wie auch die gattungsmäßige Re-Produktion in den Blick, denn das dritte wesentlich historische Moment ist die Schaffung neuen Lebens, der Beginn der Geschlechterverhältnisse.10 Sie denken also nicht (nur) an die im Lohn-Arbeitsprozess stehenden und mehrwertproduzierenden Menschen. Deutlich wird, dass marxistische Wissenschaft mit den konkreten Individuen und der Art und Weise ihrer Re-Produktion beginnen muss. Marx und Engels halten fest:

„Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor; aber dieser Individuen, nicht wie sie in der eignen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d.h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind“ (MEW 3, 25).

Die Individuen gehen zum einen vorgefundene gesellschaftliche und politische Verhältnisse ein, zum anderen modifizieren sie diese auch. Es sind die Umstände die die Menschen machen, vica versa (vgl. ebd., 38). Dies hat eine doppelte Bedeutung. Zum einen die Seite der Menschlichkeit (s.o.) die Ludwig Feuerbach 1866 in seinem Essay Über Spiritualismus und Materialismus übernahm und als Grundlage des Materialismus formulierte: „Materialismus die einzig solide Grundlage der Moral“ (GW 11, 53). In seiner Schrift zur Moralphilosophie 1868-1869, welche von K. Grün erstmals 1874 als Nachlaß herausgegeben wurde, schreibt Feuerbach:

„Wo nicht die Bedingungen zur Glückseligkeit gegeben sind, da fehlen auch die Bedingungen der Tugend. Die Tugend bedarf eben so gut der Körper Nahrung, Kleidung, Licht, Luft, Raum. Wo die Menschen aufeinander gepresst sind, wie z.B. in den englischen Fabriken und Arbeiterwohnungen, wenn man anders Schweineställe Wohnungen nennen kann, wo ihnen selbst nicht der Sauerstoff der Luft in zureichender Menge zugetheilt wird – man vergleiche hierüber die wenigstens an unbestreitbaren Thatsachen interessanter, aber auch schauerlichster Art reiche Schrift von K. Marx: ‚das Kapital’ – da ist auch der Moral aller Spielraum genommen, da ist die Tugend höchstens nur ein Monopol der Herren Fabrikbesitzer, der Kapitalisten. Wo das zum Leben Nothwendige fehlt, da fehlt auch die sittliche Nothwendigkeit. Die Grundlage des Lebens ist auch die Grundlage der Moral. Wo du vor Hunger, vor Elend keinen Stoff am Leibe hast, da hast du auch in deinem Kopfe, deinem Sinne und Herzen keinen Grund zur Moral. […] – nur die Glückseligkeit, die mit dem Genusse des Nothwendigen, was freilich auch relativ, je nach dem Standpunkt der Menschheit verschieden ist, nach gethaner Arbeit verbundene Glückseligkeit, nur diese ist es, welche im Grossen und Ganzen die Menschen vom Laster und Verbrechen abhält. Wollt ihr daher der Moral Eingang verschaffen, so schafft vor allem die ihr im Wege stehenden materiellen Hindernisse weg! Alles aber, was mit der nothwendigen, mit dem menschlichen Leben identischen Glückseligkeit im Widerspruche steht, das steht auch der Tugend im Wege und mit ihr im Widerspruch“ (Grün II, 285f.).11

Weiter oben wurde herausgearbeitet, dass nur die Möglichkeit der vollen Aneignung des Reichtums der je historisch-konkreten Gesellschaftsformation den Menschen zu einem Menschen macht. Doch es geht nicht nur um die Überwindung von Hunger und Durst, also um die physische Existenz als menschliche, sondern wie Marx deutlich macht, ist die Überwindung der Bedürftigkeit notwendige Voraussetzung zur Entwicklung der Künste usw. Wie Feuerbach schreibt, hat das materielle Leben auch Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen, auf ihr Glück. Dies scheint zunächst eine Plattitüde zu sein. Wenn wir uns jedoch ansehen, wie Menschen im 21. Jahrhundert gezwungen sind zu leben, so wird die Plattitüde sehr real. Deutlich wird, dass der pauschale Idealismus-Vorwurf gegen Feuerbach so nicht haltbar ist.

Zum anderen zeigen Marx und Engels in der DI den Aspekt der Selbst-Erzeugung des Menschen in und durch Vergesellschaftung. Der Mensch ist demnach jeweils historisch-konkret zu untersuchen. Im ersten Band des Kapital (zit. K1) verweist Marx auf die „[…]in jeder Epoche historisch modifizierte Menschennatur[…]“ (MEW 23, 907, Fn. 870). Notwendig ist eine Analyse von Produktivkraftentwicklung, Industrie und Austausch (vgl. MEW 3, 30). Ausgehend von den wirklichen Menschen, wird der Blick ausgeweitet auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in denen diese Leben, die sie wiederum aber auch selbst „modifizieren“. Diese Vorgehensweise grenzt sich ab, von einem linearen Top-down Denken, welches Ideologie als Prozess der Herrschenden denkt, welche ohne Widerstand in die Köpfe der Subalternen einfließt; wendet sich gegen ein Denken, wo Frauen Opfer des Patriarchats sind usw. Legt man den Ausgangspunkt in die Subjekte, so nimmt man ihre Alltagspraxen und die Art und Weise ihrer (Selbst-)Vergesellschaftung in den (zunächst vorgefundenen) herrschenden Verhältnissen in den Blick.

Marx pointiert die vorliegenden Gedanken in seiner 6. Feuerbachthese.

„Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen:

1. von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu fixieren, und ein abstrakt – isoliert – menschliches Individuum vorauszusetzen.

2. Das Wesen kann daher nur als ‚Gattung’, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefaßt werden.“ (MEW 3, 6)

Es ist das “ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse” welches für einen heftigen Disput unter ‘MarxologInnen’ geführt hat. So ist in der Auslegung von Adam Schaff „[…]der Mensch als Gattung und als Individuum, das ein Exemplar dieser Gattung ist, ein Resultat, ein Produkt der historischen Entwicklung[…], also ein gesellschaftliches Produkt“ (Schaff 1965, 87). Schaff verkürzt hier das Subjekt auf ein Resultat gesellschaftlicher Bedingungen und blendet dadurch die Fähigkeit der Subjekte ihre Umwelt aktiv mitzugestalten aus (vgl. Holzkamp 1985, 346). Denkt Schaff das „Ensemble“ hier undialektisch, also lediglich als Produkt der historischen Entwicklung, so ist der Mensch bei Erich Fromm „[…]das Rohmaterial, das als solches nicht verändert werden kann, ebenso wie die Struktur des Gehirns seit Beginn der Geschichte die gleiche geblieben ist. Jedoch ändert sich der Mensch tatsächlich im Lauf der Geschichte, er entwickelt sich, er transformiert sich, er ist das Produkt der Geschichte, und da er seine Geschichte macht, ist er sein eigenes Produkt“ (Fromm 1988, 35; Herv.i.O.). Der Mensch wird hier zwar dialektisch gedacht, jedoch verbleibt Fromm auf der vor-wissenschaftlichen Stufe des frühen Marx der Manuskripte. Vor-wissenschaftlich da hier der Mensch abstrakt gefasst wird und sein Wesen zwar im historischen Prozess hat; die ökonomischen Kategorien hingegen lediglich auf seine aktuelle Ausprägung wirken (vgl. Sève 1973, 66). Lucien Sève schreibt: „Bis 1844 sah Marx das menschliche Wesen wohl bereits in seinem historisch-sozialen, mit der Arbeit verbundenen Charakter, faßte es aber in der Hauptsache noch in Gestalt des ‚Gattungsmenschen’, das heißt einem noch abstrakten Individuum innewohnend, also in vorwissenschaftlicher Gestalt“ (ebd., Fn. 6, 67). Nach Sève ist die Individualität den Verhältnissen gegenüber nachgeordnet. „Die 6. These zieht also einen hochbedeutsamen Unterschied zwischen den objektiven menschlichen Wesen und der Form der Individualität. Sie gibt an, daß die Individualität im Vergleich zur objektiven gesellschaftlichen Basis zutiefst sekundär ist“ (ebd., 68). Für Sève ist das der Ausgangspunkt einer marxistischen Theorie der Individualität. Er löst hier jedoch das „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ wieder auf. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind bei ihm lediglich der „reale Grund“ des menschlichen Wesens. Der Blick wird so verschoben von dem konkreten Individuum auf die Analyse der „gesellschaftlichen Verhältnisse“. Diese Verschiebung nehmen auch Friedrich Steinfeld; Hans Laufenberg und Herbert Seidel vor, wenn sie Marx mit den Worten zitieren: dass die „[…]analytische Methode, [die ist; R.B.] die nicht von dem Menschen, sondern der ökonomisch gegebenen Gesellschaftsperiode ausgeht“ (Laufenberg u.a. 1974, 146, Herv.i.O.; MEW 19, 371). Auch in dieser ökonomistischen Form wird die 6. ThF verkürzt und vor-wissenschaftlich gedacht. Denn sie gehen von einem abstrakten Menschen und nicht vom konkreten Menschen als dem „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ aus. Louis Althusser wendet sich in Das Kapital lesen I12 ebenfalls gegen die Subjektorientierung bspw. der DI, denn er schreibt:

„Die Geschichte wird so zur Transformation einer menschlichen Natur, die dennoch das eigentliche Subjekt der sie verändernden Geschichte bleibt. So führte man die Geschichte in die menschliche Natur ein, um die Menschen zu Mitakteuren der geschichtlichen Auswirkungen zu machen, deren Subjekte sie doch sein sollen; aber – und das ist der entscheidende Punkt – man hat damit auch die Produktionsverhältnisse, die sozio-politischen und ideologischen Beziehungen auf historisierte ‚menschliche Beziehungen’, d.h. auf zwischenmenschliche, intersubjektive Beziehungen reduziert“ (Althusser 1972, 188).

Diese Kritik muss einerseits ernst genommen werden, andererseits beschreibt Marx selbst in den Manuskripten die Selbst-Entfremdung des Menschen. Demnach entsteht diese im wirklichen Verhältnis zu anderen Menschen. Er produziert aber mit der entfremdeten Arbeit zugleich fremde und feindliche Mächte; mit seiner Produktion produziert er zugleich den/die Nicht-ProduzentIn (vgl. MEW 40, 519).

„Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine um so wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu. Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware, und zwar in dem Verhältnis, in welchem sie überhaupt Waren produziert.

Dies Faktum drückt weiter nichts aus als: Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. Das Produkt der Arbeit ist die Arbeit, die sich in einem Gegenstand fixiert, sachlich gemacht hat, es ist die Vergegenständlichung der Arbeit. Die Verwirklichung der Arbeit ist ihre Vergegenständlichung. Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung“ (MEW 40, 511f.).

Das heißt, der Mensch ist zwar zum einen Subjekt seiner Geschichte, zum anderen aber schafft er zugleich (nicht-)intentionale Strukturen und Verhältnisse die ihm eine historisch bestimmte Handlungsrationalität nahe legen. Ausgangspunkt der Analyse muss demnach jedoch das handelnde Subjekt bleiben, denn es sind nach Marx und Engels die „wirklichen Individuen“ die Geschichte machen und sich Selbst-(re)-produzieren (vgl. hier auch Maiers XXX, 117). Konstanze Wetzel knüpft an diesen Gedanken an, wenn sie als Erkenntnisinteresse historischer MaterialistInnen die Wechselwirkung von sozialen Triebkräften und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten benennt: „Weil es die Menschen sind, die die Geschichte machen, ist für den historischen Materialismus die Wechselwirkung von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und den sozialen Triebkräften von entscheidendem Erkenntnisinteresse“ (Wetzel 1981, 52). Doch es ist nicht nur die Frage nach der Wechselwirkung, wie Wolfgang Maiers deutlich macht, sondern es ist die Frage des Verhältnisses von Individual- zu Klassensubjekt.13

„Durch die ganze theoretische Entwicklung des historischen Materialismus zieht sich die Frage nach dem Subjekt des objektiven Geschichtsprozesses, und die Richtung der in den einzelnen Etappen gelieferten Antworten ist eindeutig: Diese zielen auf einen Subjektbegriff jenseits der Antinomie von ‚Robinson’ und ‚Leviathan’, d.h. der Abstraktheit des ungesellschaftlich-geschichtslosen Einzelnen wie der Abstraktheit einer unabhängig von den Menschen bestehenden, über ihnen stehenden, ihnen als bloßen Gliedern ihrer Bewegung diktierenden Gesellschaft. Es geht um einen historischen Subjektbegriff in konkreter Identität von Individual- und Klassensubjekt: um die wirklichen empirischen Individuen, deren Handeln geschichtliche Tragfähigkeit gewinnt, insoweit es sich zum Handeln des historischen Klassensubjekts zusammenschließt, anders: weil und insoweit ihre individuelle Subjektivität sich konkret-historisch als Moment gesellschaftlicher Subjektivität potenziert“ (Maiers XX, 117).

Problematisch an Maiers ist die Annahme eines historischen Klassensubjekts. Die Pluralität geschichtlicher und geschichtemachender Bewegungen werden bei Maiers entnannt, wodurch ideologisch die marxistische Arbeiter(innen)bewegung als einziges „revolutionäres Subjekt“ (Marx) agiert. Nichts desto trotz ist es diese Fragestellung, die für diese Arbeit Wichtigkeit hat, denn es geht um die Frage, wie GewerkschafterInnen Geschichte machen; mit anderen Worten geht es um ihre Handlungen und ihre Handlungsfähigkeit. Anders als bei Maiers, bei dem die Bedingungen der Vergesellschaftung entnannt werden, werden diese hier notwendigerweise mit untersucht.

Die Dialektik in der Mensch und Natur untersucht werden müssen beschreibt Feuerbach 1851 in Vorlesungen über das Wesen der Religion. In einer konsequent materialistischen Geschichtsauffassung schreibt er, dass das, was der konkrete Mensch ist, er nur ist durch die Orte und Menschen usw. mit denen er im Zusammenhang steht (vgl. GW 6, 184ff.); also das „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Georgij Walentinowitsch Plechanow erarbeitet im Rekurs auf Feuerbach die Dialektik der Analyse von Natur und Mensch. Peter Keiler fasst Plechanow zusammen:

„Dabei wird, ohne das Plechanow dies offen ausspricht, zugleich auch deutlich, dass eine von den Grundpositionen Feuerbachs ausgehende Psychologie des gesellschaftlichen Menschen auf der einen Seite und Gesellschaftstheorie im marxschen Sinne auf der anderen Seite in einem eigentümlichen Verhältnis wechselseitigen Aufeinanderverweisens stehen, dergestalt, dass einerseits der historische Materialismus und die Kritik der politischen Ökonomie als die i.e.S. gesellschaftstheoretische Grundlage der Psychologie des gesellschaftlichen Menschen im Sinne Feuerbachs fungieren, andererseits die im Sinne Feuerbachs konsequent durchgeführte Psychologie des gesellschaftlichen Menschen den Schlüssel zur psychologischen Dimension des historischen Materialismus liefert“ (Keiler 1999, 56).

Dies widerspricht nicht der oben aufgeführten Auffassung die Analyse vom tätigen Subjekt aus zu betreiben, sondern erweitert den Gedankengang und löst den vermeintlichen Gegensatz, entweder von der Kritik der politischen Ökonomie (KpÖ) auszugehen oder vom Individuum, dialektisch auf. In Über Spiritualismus und Materialismus macht Feuerbach 1866 deutlich, „[…]daß man vom Subjekt, vom Ich ausgehen müsse, da ja ganz offenbar das Wesen der Welt, die und wie sie für mich ist, nur von meinem eigenen Wesen, meiner eigenen Fassungskraft und Beschaffenheit überhaupt abhängt, die Welt also, wie sie mir Gegenstand, unbeschadet ihrer Selbständigkeit, nur mein vergegenständlichtes Selbst ist“ (GW 11, 171; Herv.i.O.; vgl. Keiler 1999, 46ff.).

Für Holzkamp ist die 6. und 7. ThF „[…]die entscheidende Voraussetzung für die Konzeption einer kritisch-emanzipatorischen Psychologie“ (Holzkamp 1972, 101). Er kritisiert die herrschende Psychologie und ihren Dualismus von Natur und Gesellschaft sowie Individuum und Gesellschaft. Diese werden stets als Entitäten betrachtet. In Anknüpfung an die ThF muss dies zurückgewiesen werden, denn der Mensch ist kein von der Natur unabhängiges Naturwesen. Marx spricht in diesem Zusammenhang von der „Einheit des Menschen mit der Natur“ (MEW 3, 43). Er macht deutlich, dass es sich bei Mensch und Natur nicht um „[…]zwei voneinander getrennte ‚Dinge’[…]“ (ebd.) handelt, sondern der Mensch sich in und durch die Natur verwirklicht. Zum Übergang von der Ontogenese zur Phylogenese des Menschen schreibt Marx:

„Er (Feuerbach, R.B.) sieht nicht, wie die ihn umgebende sinnliche Welt nicht ein unmittelbar von Ewigkeit her gegebenes, sich stets gleiches Ding ist, sondern das Produkt der Industrie und des Gesellschaftszustandes, und zwar in dem Sinne, daß sie ein geschichtliches Produkt ist, das Resultat der Tätigkeit einer ganzen Reihe von Generationen, deren jede auf den Schultern der vorhergehenden stand, ihre Industrie und ihren Verkehr weiter ausbildete. Ihre soziale Ordnung nach den veränderten Bedürfnissen modifizierte. Selbst die Gegenstände der einfachsten ‚sinnlichen Gewißheit’ sind ihm nur durch die gesellschaftliche Entwicklung, die Industrie und den kommerziellen Verkehr gegeben. Der Kirschbaum ist, wie fast alle Obstbäume, bekanntlich erst vor wenig Jahrhunderten durch den Handel in unsre Zone verpflanzt worden und wurde deshalb erst durch diese Aktion einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Zeit der ‚sinnlichen Gewißheit’ Feuerbachs gegeben“ (MEW 3, 43).

Dass Marx hier Feuerbach ungerechtfertigt kritisiert, machen meine obigen kurzen Ausführungen deutlich.14 Der Mensch schafft sich seine Natur selbst. Natur und Gesellschaft sind die Form, in der der Mensch sein Leben realisieren muss. Hierbei muss stets die konkrete gesellschaftlich-historische Form ihrer Lebensrealisierung untersucht werden (vgl. Holzkamp 1972, 101).

Fassen wir den „[…]geniale[n] Keim der neuen Weltanschauung[…]“ (MEW 21, 264), wie es Engels formulierte und womit er die ThF lobte, zusammen. In der DI überwinden Marx und Engels ihre vor-wissenschaftliche Phase. Die Frage, die Schaff aufwirft, ist die der zwei Marxismen: also die Trennung zwischen dem sog. jungen und den reifen Marx. Schaff macht deutlich, dass die neue Wissenschaftlichkeit ein enormer Fortschritt ist. Konnte man in der Frühphase den Marxismus noch als moralisches Postulat begreifen und ihm andere Postulate und Werte gegenüberstellen, ist er jetzt gestützt auf „objektive Gesetzmäßigkeiten“ (vgl., Schaff 1965, 25). Ich folge Schaff’s Analyse dahingehend, dass wir es hier nicht mit zwei unterschiedlichen „Anschauungssystemen“ zu tun haben, sondern dass Marx eine „Kontinuität [in] der Grundthese des Systems“ beibehält. Nichts desto trotz haben wir es nicht mit denselben Anschauungen zu tun (vgl. ebd., 36). Schaff kommt zu dem Schluss:

„Es bleibt […] nur eine vernünftige Proposition: Die erste Phase ist genetisch mit den späteren verbunden, weil in ihr die Probleme geboren werden, deren Lösung das ganze spätere Schaffen gewidmet ist. […] Wenn dem so ist […], dann besitzt unsere These wichtige heuristische Bedeutung, da sie gestattet, die Gedanken des reifen Marx richtig zu verstehen, die ihren ganzen Reichtum und ihren wesentlichen Sinn nur enthüllen, wenn sie von den Ideen der Jugendzeit Marxens, den Ideen der philosophischen Anthropologie durchleuchtet werden“ (ebd.).

Ausgehend von seinen anthropologischen Ausführungen, die wir auch in der DI finden, bestimmen Marx und Engels den konkreten Menschen als Ausgangspunkt der Forschung. Es ist seine Leiblichkeit, die ihn zur Produktion seines Lebens und seiner Lebensmittel führt. Hierzu geht er notwendigerweise Verhältnisse ein: Produktions- und Geschlechterverhältnisse. Da der Mensch kein abstrakter, in allen historischen Gesellschaftsformationen gleicher Mensch ist, und auch nicht losgelöst von der Natur, muss dieser als „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ untersucht werden. Also in der Art und Weise wie der konkrete Mensch sein Leben in den bestehenden Verhältnissen realisiert und diese dabei aber auch verändert und sich somit selbstverändert. Dies fasst Marx in der 2. ThF zusammen, mit der er die Frage nach dem Zusammenhang von Denken und „gegenständlicher Wahrheit“ als scholastische Frage, da sie von „[…]der Praxis isoliert[…]“ (MEW 3, 5) ist, kritisiert. In der 3. ThF macht Marx den Zusammenhang von Veränderung der Verhältnisse und Selbst-Veränderung deutlich:

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.

Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden“ (MEW 3, 5f.).

Wolfgang Fritz Haug interpretiert die These als Kritik am „[…]Edukationismus einer über die Gesellschaft ‚erhabenen’, materialistisch aufklärerischen Elite zugunsten des ‚als revolutionäre Praxis’ gefaßten ‚Zusammenfallens des Aenderns der Umstände u. der menschlichen Thätigkeit od. Selbstveränderung’“ (Haug, W.F., 404). Das heisst Marx grenzt sich hier gegen eine Bevormundung durch Intellektuelle ab. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird mit Holzkamp gezeigt, dass „Erziehung zu..“ aus kritisch-psychologischer Perspektive nur Widerstand gegen Erziehung hervorruft, da diese als Fremdbestimmung daherkommt. Mit Antonio Gramsci wird im Fortgang der Arbeit das Verhältnis Intellektuelle und politische Bewegung in den Blick genommen. Wesentlich an obiger These ist die Notwendigkeit der Selbstveränderung, denn diese verändert zugleich auch die Verhältnisse in denen der Mensch lebt. Zwei wichtige Punkte sind in der These enthalten. Zum einen die notwendige Einsicht, dass jeder Mensch mit-verantwortlich ist für den Zustand der Welt und ihrer Verhältnisse. Zum anderen, dass Befreiung immer Selbst-Befreiung ist. F. Haug sieht in dieser Erkenntnis die Verbindung von persönlichen Fragen mit denen des gesellschaftlichen Eingreifens und der politischen Umgestaltung (vgl. Haug, F. 1999, 179).

    1. Kapitalistische Produktionsweise, Subjektkonstitution und Handlungsfähigkeit

In diesem Kapitel geht es darum, in aller Kürze, die Grundstruktur der kapitalistischen Produktionsweise (kPw) zu skizzieren und darin den Widerspruch von Kapital und Arbeit herauszuarbeiten. Dies ist wichtig, um zu sehen, wie die historisch-konkrete Grundlage der menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten im Kapitalismus beschaffen ist.

In einer ersten Strukturanalyse wird das verborgene gesellschaftliche Verhältnis hinter der Ware analysiert: die Wertform. So hat eine Ware nicht per se einen Tauschwert, sondern erst in Relation zu einer anderen Ware. Diese Formanalyse wird weiterentwickelt bis hin zur Geldform, in der sich das „wahre Gemeinwesen“ ausdrückt. In diesem Austauschprozess ist Arbeit die aktive Form der Vergesellschaftung. Sie bildet ihre materielle Substanz. Der Wert steht somit nicht nur in Relation, sondern hat auch eine Substanz: eine doppelte Existenz des Werts. Somit wird die Formanalyse des Werts zu einer Strukturanalyse der Vergesellschaftung. Da nicht die Waren sich selbst zu Markte tragen, drückt sich hierin ein gesellschaftliches Verhältnis aus. Daher steht im 2. Kapitel des K1 auch die Handlung im Vordergrund. Die Subjekte sind nach Marx in gesellschaftlichen Strukturen gefangen und agieren als „Charaktermasken“. Der Fetischcharakter einer warenproduzierenden Gesellschaft fällt als Sachzwang auf sie zurück. Dieser zwingt die Menschen zu einem funktionalen Verhalten. Der Geldstandart (Muschelgeld, Viehgeld) entspringt den funktionalen Erfordernissen der jeweiligen Geldform. In der Funktionsanalyse – als Weiterentwicklung der Formanalyse – im 3. Kapitel untersucht Marx die Geldfunktionen. Diese bringen ihrerseits gesellschaftliche Institutionen hervor. Die Besonderheit der Marxschen Analyse besteht in einem Ineinander von Struktur-, Handlungs- und Funktionsanalyse. Des weiteren kommt Marx so schrittweise zum Kern: zum Kapital. Dies ist für das historische Begreifen der Besonderung und Herausbildung der kPw notwendig. Denn es findet eine doppelte Vergesellschaftung durch Arbeit und Geld statt (Geld als soziales Verhältnis / und Arbeit als Wertsubstanz) (vgl. Altvater 1999, 56f.).

Nachdem Marx im 1. Abschnitt des K1 die Gesellschaftlichkeit des Werts von der einfachen Wertform, über die entfaltete Wertform, zur allgemeinen Wertform bis hin zur Geldform entwickelt hat, untersucht er im 2. Abschnitt die Verwandlung von Geld in Kapital. Ganz wesentlich ist hier, dass die Zirkulationsfigur Geld –Ware – (mehr) Geld nur verstanden werden kann, wenn der Produktionsprozess mit in die Analyse hineingenommen wird. Marx geht hier zunächst auf die Bestimmung dessen ein, was er unter Arbeitskraft bzw. Arbeitsvermögen versteht. Er schreibt: „Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert“ (MEW 23, 181). In dieser Definition ist die Form der Arbeitskraft definiert. Im weiteren konkretisiert er ihren Inhalt in der kPw. Hierbei arbeitet er zunächst den spezifischen Unterschied des Lohnarbeiters zu historisch früheren Arbeitskraftformen heraus. Hierbei kann sein Vorgehen als Maßstab genommen werden, um heutige Transformationen der Ware Arbeitskraft analytisch und wissenschaftlich zu fassen.15

„Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Ware auf dem Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der Warenaustausch schließt an und für sich keine andren Abhängigkeitsverhältnisse ein als die aus seiner eignen Natur entspringenden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Ware nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eignen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein. Er und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer, nur dadurch unterschieden, daß der eine Käufer, der andre Verkäufer, beide also juristisch gleiche Personen sind. Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, daß der Eigentümer der Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer in eine Ware. Er als Person muß sich beständig zu seiner Arbeitskraft als seinem Eigentum und daher seiner eignen Ware verhalten, und das kann er nur, soweit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend, für einen bestimmten Zeittermin, zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überläßt, also durch ihre Veräußerung nicht auf sein Eigentum an ihr verzichtet“ (MEW 23, 181f.).

Hier spricht Marx zwei wesentliche Punkte an. Zum einen die Leiblichkeit des Individuums, welches zum Selbsterhalt eine Reproduktionszeit benötigt. Und somit dem Geldbesitzer nicht 24 Stunden zur Verfügung steht. Zum anderen deuten sich hier schon die Kämpfe um die Arbeitszeit an.

„Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware vorfinde, ist die, daß ihr Besitzer, statt Waren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existiert, als Ware feilbieten muß.

Damit jemand von seiner Arbeitskraft unterschiedne Waren verkaufe, muß er natürlich Produktionsmittel besitzen, z.B. Rohstoffe, Arbeitsinstrumente usw. Er kann keine Stiefel machen ohne Leder. Er bedarf außerdem Lebensmittel. Niemand, selbst kein Zukunftsmusikant, kann von Produkten der Zukunft zehren, also auch nicht von Gebrauchswerten, deren Produktion noch unfertig, und wie am ersten Tage seiner Erscheinung auf der Erdbühne, muß der Mensch noch jeden Tag konsumieren, bevor und während er produziert. Werden die Produkte als Waren produziert, so müssen sie verkauft werden, nachdem sie produziert sind, und können die Bedürfnisse des Produzenten erst nach dem Verkauf befriedigen. Zur Produktionszeit kommt die für den Verkauf nötige Zeit hinzu.

Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen“ (ebd., 183).

Nachdem Marx die fremdbestimmte Arbeit herausgearbeitet hat, erarbeitet er hier die juristische Voraussetzung für den Kapitalismus: den doppelt freien Lohnarbeiter oder Proletarier. Er stellt fest, dass aus dem Äquivalententausch kein Mehrwert entsteht. Daher muss der Geldbesitzer eine Ware finden, die die Eigenschaft besitzt selbst Quelle von Wert zu sein. Diese Ware ist das Arbeitsvermögen bzw. die Arbeitskraft. Die historische Entwicklung des doppelt freien Lohnarbeiters analysiert Marx im 24. Kapitel, indem es um die ursprüngliche Akkumulation geht. Wichtig ist hier, der Zusammenhang von Ökonomie und Recht. Deutlich wird hierbei, dass die Ökonomie nie einzeln betrachtet wird, sondern immer kontextuell untersucht werden muß. In neueren Diskussionen wird dies in Begriffen wie „eingebettet“ / „embedded“ formuliert. Die Freiheit des Lohnarbeiters hat eine doppelte und widersprüchliche Seite, es handelt sich um eine ‚positive’ und um eine ‚negative’ Seite. Auf der einen Seite wird der Arbeiter befreit aus feudalen Abhängigkeitsstrukturen, andererseits muss er sich im Kapitalismus als Ware verkaufen.16 Mit dieser Kritik am Doppelsinn der Freiheit, erarbeitet Marx den historisch-strukturellen Widerspruch des Handelns in Lohnarbeitsverhältnissen: die Subjekte sind rechtlich-formal gleich, frei von Produktionsmitteln und daher gezwungen sich als Arbeitskräfte zu verkaufen und Mehrwert zu produzieren, wodurch sich jedoch der Widerspruch reproduziert und verschärft (vgl. Langemeyer 2004, 72). In den Manuskripten schreibt Marx über die beschränkte Sicht bürgerlicher Ökonomen, die immer nur die Ware Arbeitskraft sehen und den Menschen aus den Augen verlieren. Dabei benennt er zugleich auch die Folgen dieser Blickverkürzung und –reduzierung auf die Ökonomie: Armut, Krankheit, Kriminalität.

„Es versteht sich von selbst, daß die Nationalökonomie den Proletarier, d.h. den, der ohne Kapital und Grundrente, rein von der Arbeit und einer einseitigen, abstrakten Arbeit lebt, nur als Arbeiter betrachtet. Sie kann daher den Satz aufstellen, daß er ebensowohl, wie jedes Pferd, soviel erwerben muß, um arbeiten zu können. Sie betrachtet ihn nicht in seiner arbeitslosen Zeit, als Mensch, sondern überläßt diese Betrachtung der Kriminaljustiz, den Ärzten, der Religion, den statistischen Tabellen, der Politik und dem Bettelvogt“ (MEW 40, 477).

Marx spricht den Gegensatz von Kapital und Arbeit an: den strukturellen Antagonismus des Kapitalismus. Der Klassenkampf zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist beginnt mit dem Kapitalverhältnis (MEW 23, 451). Gleichzeitig werden auch unterschiedliche Interessen benannt: bspw. kauft der Geldbesitzer die gesamte Arbeitskraft, der Arbeiter hingegen kann quantitativ nur soviel Arbeit leisten, als sie ihm selbst nicht schadet, da er sie jeden Tag aufs Neue verkaufen muss, sie muss also reproduzierbar bleiben (s.o.). Marx betont weiterhin, dass es „Formationen der gesellschaftlichen Produktion“ gibt, diese werden auch als Gesellschaftsformation bezeichnet17. Diese sind keineswegs naturgegeben, sondern gesellschaftlich veränderbar und Ergebnis der historischen Entwicklung der Produktivkräfte.

„Eins jedoch ist klar. Die Natur produziert nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der andren bloße Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dies Verhältnis ist kein naturgeschichtliches und ebensowenig ein gesellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischen Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion“ (ebd., 183).

In dieser Arbeit wird der Übergang von der Gesellschaftsformation des Fordismus zum Neoliberalismus unter einer handlungs- und subjektorientierten Gewerkschaftsperspektive analysiert. Auffallend ist, dass Marx hier zunächst am bürgerlichen Rechtsverständnis der Freiheit und Gleichheit festhält. Im Weiteren wird jedoch deutlich, wie er den Kapitalisten und den Arbeiter konstruiert.

Marx betont, dass die Menschen sich nur als Repräsentanten von Ware gegenüberstehen. Sie sind bei ihm Träger ökonomischer „Charaktermasken“, also Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse (vgl. ebd., 99f.). Das heißt, dass sie ökonomisch determiniert sind und lediglich Rollen einnehmen, die ihnen die ökonomische Logik abverlangt. Die Rollen ändern sich, ob sie Verkäufer – Käufer oder Gläubiger – Schuldner sind. Da ein Käufer auch kaufen kann, ohne vorher zu bezahlen, da er lediglich Repräsentant von Geld ist, findet eine „Formveränderung“ der Charaktere statt. Es entstehen Gläubiger und Schuldner (vgl. ebd., 149f.). In dieser Formveränderung wird aus dem Verhältnis Käufer – Verkäufer ein „minder gemütliches“ Verhältnis Schuldner – Gläubiger, wodurch sich auch die Handlungslogiken der Menschen verändern.

Den Kapitalisten konstruiert Marx als geldgieriges Subjekt, welches mit einem „[…]absoluten Bereicherungstrieb[…]“ ausgestattet ist (vgl. ebd., 618). Er ist bei ihm ein „[…]Fanatiker der Verwertung des Werts[…]“ (ebd.). Jedoch ist dieser Trieb kein angeborener18, wie der Begriff nahe legt, sondern er wird dem Kapitalisten durch die Notwendigkeit der Akkumulation als äußeres Zwangsgesetz aufgeherrscht, wodurch dieser als Kapitalist konstituiert wird. In den Manuskripten unterscheidet Marx kleine und große Kapitalisten und beschreibt zudem ihr Verhältnis zueinander, ihre Konkurrenz, die bis zum Ruin des Kapitalisten führt, einen Teil von ihnen zu Proletariern macht, aber auch zur gesellschaftlichen Sprengkraft wird (vgl. MEW 40, 492, 489f.; vgl. auch MEW 23, 235 u. 777). Marx beschreibt, wie die Maschinerie die Arbeiter gegeneinander ausspielt (vgl. MEW 23, 424). Hier verobjektiviert er einen Sachverhalt der logisch nur aus der Handlung des Kapitalisten erfolgen kann.

Als Proletarier bezeichnet Marx jemanden, der ein kapitalproduzierender Lohnarbeiter ist, und der aufs Pflaster geworfen wird „[…]sobald er für die Verwertungsbedürfnisse des ‚Monsieur Kapital’ überflüssig ist“ (ebd., 642; Anm. 70). Bevor die Subjektkonstruktion Proletarier herauskristallisiert wird, aus aktuellem Anlaß eine Anmerkung zur Erwerbslosigkeit. Sie ist für Marx eindeutig mit Leiden verbunden (ebd., 454). In heutigen Diskursen wird dieses Leiden negiert. Wer heute erwerbslos ist, ist faul und unwillig, so der herrschende Diskurs. Marx spricht hier Menschen an, die auf die Strasse geworfen werden. Er verwendet hier die Begriffe Surpluspopulation, Surplus-Arbeiterbevölkerung und industrielle Reservearmee (ebd., 658ff.). Die unterste Schicht, in dieser „Sphäre des Pauperismus19“ bildet das eigentliche „Lumpenproletariat“. Dieses besteht aus drei Kategorien: Arbeitsfähige, Waisen und Pauperkinder sowie Verkommene, Verlumpte, Arbeitsunfähige (ebd., 673). Für die bürgerlichen Ökonomen entsteht dieses Lumpenproletariat aus dem „ökonomischen Sündenfall“. Es ist aus ihrer Perspektive der Teil des Proletariats, welcher faulenzt und alles verjubelt (ebd., 741). Auf der anderen Seite konstruieren sie eine fleißige, intelligente und sparsame Elite (ebd.). So kommt Marx zufolge die bürgerliche Ökonomie zur Legitimation der Trennung von Arbeit und Kapital, aber auch Hand- und Kopfarbeit. (vgl. Brodesser 2005, XXX)

Der Arbeiter ist bei Marx beides: Charaktermaske und Widerständler in einem. Das Verhältnis beider Seiten zueinander bleibt ungeklärt. Auf der einen Seite ringt das Kapital ständig mit der „Insubordination“20 der Arbeiter (vgl. ebd., 389). Denn je geschickter die Lohnarbeiter sind, desto launenhafter sind sie. Andererseits sind sie der Spielball der Ökonomie: „Die Arbeiter werden[…]fortwährend repelliert und attrahiert, hin- und hergeschleudert, und dies bei beständigem Wechsel in Geschlecht, Alter, Geschick der Angeworbenen“ (ebd., 477). Marx betont an den unterschiedlichsten Stellen, dass die Arbeiter beständig ihre eigene Unterdrückung reproduzieren. Ihnen kommt hier, im Gegensatz zum Kapitalisten, ein aktives Moment zu. Dieses ist einerseits verwunderlich, anderseits aus seiner Perspektive politisch notwendig, denn er sieht die Arbeiterklasse als das „revolutionäre Subjekt“ welches die Menschheit vom Kapitalismus zum Sozialismus führt.

„Der Arbeiter selbst produziert daher beständig den objektiven Reichtum als Kapital, ihm fremde, ihn beherrschende und ausbeutende Macht, und der Kapitalist produziert ebenso beständig die Arbeitskraft als subjektive, von ihren eigenen Vergegenständlichungs- und Verwirklichungsmitteln getrennte abstrakte, in der bloßen Leiblichkeit des Arbeiters existierende Reichtumsquelle, kurz den Arbeiter als Lohnarbeiter“ (ebd., 596; vgl. auch 649).

Der Lohnarbeiter ist derjenige, „der sich freiwillig zu verkaufen gezwungen ist“ (ebd., 793). Er befindet sich an der „goldnen Kette“ (ebd., 646) des Kapitals. Marx spricht in den Manuskripten die Selbst-Befreiung des Lohnarbeiters an, macht aber auch deutlich, dass er sich im Kapitalismus systembedingt selbst als Arbeiter reproduziert. Ein Widerspruch, der wie ein „Alp“ auf den LohnarbeiterInnen lastet.

„Der Nichtarbeiter tut alles gegen den Arbeiter, was der Arbeiter gegen sich selbst tut, aber er tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den Arbeiter tut“ (MEW 40, 522). „Der Arbeiter produziert das Kapital, das Kapital produziert ihn, er also sich selbst, und der Mensch als Arbeiter, als Ware, ist das Produkt der ganzen Bewegung“ (ebd., 523).

Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist die nach der Art und Weise sowie dem alltäglichen Umgang mit dieser Selbst-Unterdrückung, bzw. wie die Menschen diese in den aktuellen Transformationsprozessen artikulieren.

Bei Marx ist die Menschheitsgeschichte eine Geschichte seiner Selbstverwirklichung (vgl. Fromm 1988, 35). Selbstverwirklicht und frei kann ein Mensch nur sein, wenn er als „totaler Mensch“ mit allen Organen seiner Individualität (Sehen, Hören, Riechen, Denken usw.) ein menschliches Verhältnis zur Welt eingeht (vgl. MEW 40, 539). Er muss also nicht nur frei von etwas, sondern auch frei zu etwas sein. Fromm legt Marx identitätslogisch aus, insofern da das Ziel des Marxschen Sozialismus die Einheit von Mensch und Natur, sowie die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit sei (vgl. Fromm 1988, 44). Dabei ist die Frommsche Darstellung von Marx stark durch seine religiös-humanistischen Perspektive geprägt, die genau auf eine solche Einheit21 ausgerichtet ist (vgl. Fromm 1982, 9).

Dieser freien Entfaltung und Selbstverwirklichung stehen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse entgegen. Sie sind für Marx „Knechtschaftsverhältnisse“ (vgl. MEW 40, 539). Marx schreibt:

“[…]innerhalb des kapitalistischen System vollziehn sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel22 des Produzenten, verstümmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entwürdigen ihn zum Anhängsel der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt, entfremden ihm die eigenen geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses“ (MEW 23, 674).

Der Arbeitsprozess im Kapitalismus ist demnach kein Prozess der freien Entfaltung, sondern ein Prozess der Entfremdung der eigenen geistigen Potenzen. Die Menschen bedienen sich nicht mehr einfach der Werkzeuge, sie werden zu Anhängseln der Maschine (vgl. ebd., 445). Diese entfremdete Arbeit „[…]entreißt […] ihm [dem Menschen; R.B.) sein Gattungsleben[…]“ (MEW 40, 517). Das heißt, der Mensch verwirklicht sich in der nichtentfremdeten Arbeit nicht nur als Subjekt, sondern zugleich als Gattungswesen. Dem Gattungswesen entfremdet, heißt dem Menschen entfremdet, da der Mensch sich als Waren-Mensch gegenübersteht (vgl. ebd.). Marx betont, dass der Mensch unter den Bedingungen des Kapitalismus seinen schöpferischen Kräften entfremdet und die Gegenstände seiner Arbeit ihm zu etwas äußerlichem, zu fremden Mächten werden (vgl. Fromm 1988, 52; MEW 3, 37). Doch nicht nur die Gegenstände der Arbeit werden zu etwas äußerlichem; sämtliche Existenzbedingungen scheinen als entfremdet.

„Bei den Proletariern[…]ist ihre eigne Lebensbedingung, die Arbeit, und damit sämtliche Existenzbedingungen der heutigen Gesellschaft, für sie zu etwas Zufälligem geworden, worüber die einzelnen Proletarier keine Kontrolle haben und worüber ihnen keine gesellschaftliche Organisation eine Kontrolle geben kann, und der Widerspruch zwischen Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm aufgedrängten Lebensbedingung, der Arbeit, tritt für ihn selbst hervor, namentlich da er schon von Jugend auf geopfert wird und da ihm die Chance fehlt, innerhalb seiner Klasse zu den Bedingungen zu kommen, die ih(m)[…]andre stellen“ (MEW 3, 77).

Bei Marx und Engels bilden Individuen insofern eine Klasse, als sie gemeinsam gegen eine andere Klasse kämpfen, dabei bleibt die Konkurrenz untereinander bestehen (vgl. ebd., 54). Mit einer Klasse sind zudem gleiche Bedingungen, gleiche Interessen, und gleiche Sitten verbunden (vgl. ebd., 53).23 Marx und Engels sprechen hier die Brechung von Entfaltungsmöglichkeiten durch die herrschende Klasse an. Dabei wird der gesellschaftliche Lebensprozess auf doppelte Weise gebrochen: 1. da die Menschen sich als Warenbesitzer in einem Konkurrenzverhältnis gegenüber stehen, und 2. da, obwohl der Arbeiter mit anderen Menschen zusammenarbeitet, ihm der Zusammenhang äußerlich bleibt, denn dieser wird vom Kapital bestimmt (vgl. Ottomeyer 1984, 54). Sie schlussfolgern: „In der Vorstellung sind […] die Individuen unter der Bourgeoisieherrschaft freier als früher, weil ihnen ihre Lebensbedingungen zufällig sind; in Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert“ (ebd., 76). Im weiteren Verlauf der Arbeit wird hieran angeknüpft und der ideologische Gehalt des neoliberalen Freiheitsversprechens bspw. hinsichtlich flexibler Arbeitsverhältnisse herausgearbeitet. Die kapitalistischen Verhältnisse erscheinen bei Marx und Engels als Gewaltverhältnisse.

Arbeit ist für Marx ein „Akt der Selbsterschaffung“, daher gilt sein Kampf der erzwungenen, entfremdeten, sinnlosen Arbeit, die den Menschen in eine „verkrüppelte Monstrosität“ verwandelt (vgl. Fromm 1988, 46f.). Marx und Engels argumentieren gegen die Arbeitsteilung und für die freie Entfaltung, bspw. indem ich heute diesem und morgen jenem nachgehe (als Möglichkeit!), vormittags arbeite, nachmittags politisiere (vgl. MEW 3, 33).24 Marx kommt zu seiner Zeit zu der Feststellung, dass der Arbeiter sich in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint:

„[…]sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, daß sie nicht sein eigen, sondern eines andern ist, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich selbst, sondern einem andern angehört“ (MEW 40, 514).

Dies muss in der heutigen Zeit relativiert werden, denn es gibt berufliche Tätigkeiten in denen die Individuen ihr geistiges Potenzial (relativ) frei entfalten können und ihrer Arbeit auch gerne nachgehen. Inwiefern hier eine Selbstblockade und Selbstschädigung vorliegt, wird in dieser Arbeit geprüft. Nach Marx kann

„[…]der religiöse Widerschein der wirklichen Welt[…]überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagsleben den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter bewußter planmäßiger Kontrolle steht“ (MEW 23, 94).

Dem stellt Marx einen vorgestellten „Verein freier Menschen“ (ebd., 92f.) entgegen. In diesem sind die Produktionsmittel vergesellschaftet, die Produkte sind keine individuellen, sondern gesellschaftliche Produkte, „Gesamtprodukt“. Ein Teil dieses Produkts bleibt gesellschaftliches Produkt, da es zum Produktionsmittel wird, der andere Teil ist Konsumgut und wird unter den Vereinsmitgliedern verteilt, dabei richtet sich die Proportion der Verteilung nach der geleisteten Arbeitszeit25. Wohingegen er in den Manuskripten von 5 Stunden täglicher Arbeitszeit ausgeht, wodurch die Notwendigkeit mehr zu arbeiten und einen höheren Anteil zu bekommen kritisch zu diskutieren wäre. Er zitiert den Ökonomen Schulz in den Manuskripten mit den Worten „[…]daß bei dem jetzigen Standpunkt der Produktion eine durchschnittliche Arbeitszeit von täglich 5 Stunden auf jeden Arbeitsfähigen zur Befriedigung aller materiellen Interessen der Gesellschaft ausreichen würde[…]“ (MEW 40, 479). Diese Verteilung der Güter soll eine Durchsichtigkeit gewährleisten. Offen bleibt hier, wer die Verteilung der Arbeit und der Produkte übernimmt und in welcher Größenordnung Marx sich diese freie Vergesellschaftung denkt. Er schwankt hier zwischen der Größenordnung eines Vereins und der Größenordnung einer Gesellschaft, zumindest, wenn man Vergesellschaftung quantitativ größer fasst, als eine Vereinsgröße.

Marx und Engels betonen, dass der Mensch erst in der Gemeinschaft die Mittel hat, sich nach allen Seiten hin auszubilden und zur persönlichen Freiheit zu gelangen (vgl. MEW 3, 74). Hieraus ergibt sich die Forschungsfrage, nach der Förderung bzw. der Behinderung der freien Entfaltung in den aktuellen Transformationsprozessen.

Ungeklärt bleibt, wieso das Individuum erstens seine eigene Unterdrückung tagtäglich selbst reproduziert, zweitens wie das Verhältnis von Selbst- und Fremdunterdrückung aussieht und drittens, wie das Verhältnis von deterministischen kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten einerseits, und der Offenheit der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen andererseits, sich verhält. Thilo Maria Naumann kommt zu dem Schluss, dass diese offenen und widersprüchlichen Punkte folge einer

„[…]defizitäre(n) Konzeptionalisierung der institutionellen und symbolischen Materialität […] sozialer Verhältnisse, die, wie die Geschlechterverhältnisse oder die im Staat kristallisierten Verhältnisse, neben den Klassenverhältnissen für die Reproduktion kapitalistischer Gesellschaften von grundlegender Bedeutung sind. Es sind nicht zuletzt diese Verhältnisse, die eine ökonomisch determinierte, gesellschaftliche Entwicklung ebenso unterbinden wie die Herausbildung eines widerspruchsfreien Klassenbewußtseins“ (Naumann 2000, 14f.).

Im ??? Kapitel dieser Arbeit wird es ganz wesentlich um das Verhältnis von Akkumulationsregime und Regulationsweise gehen. Auch die Bedeutung eines Klassenbewusstseins und der Klassenlage für gewerkschaftliches Handeln wird ein weiteres Thema sein. Von daher bleibt diese Kritik an Marx zunächst einmal so stehen.

Der Lohnarbeiter bzw. die Lohnarbeiterin schafft sich durch die Lohn-Arbeit selbst. Da er/sie frei ist von Produktionsmitteln ist, wird er/sie als Ware konstituiert. Eine Ware die zum einen unentrinnbarer Bestandteil der kPw ist, zum anderen aber auch leiblich konstituiert ist und somit mit Bedürfnissen ausgestattet ist, welche je nach historisch-konkreter Gesellschaftsformation wechseln können. Durch diese Leiblichkeit und die darin eingeschlossene notwendige Reproduktionszeit entwickelt sich ein Kampf um die Arbeitszeit. Hier wird die Ware Arbeitskraft zu einem widerständischen Subjekt. Deutlich wird an der bisherigen Skizze, dass Subjektkonstitution und –konstruktion sich widersprüchlich zueinander verhalten. Da wir es stets mit konkreten Subjekten zu tun haben, ist zu untersuchen, wie diese diesen Widerspruch in ihren Alltagspraxen leben.

    1. Widersprüchliche Bildung

Marx geht im K1, im 13. Kapitel über die Maschinerie und große Industrie, auf das Thema Bildung ein. Ausgangspunkte sind auch hier die Berichte der Fabrikinspektoren.26 Marx hebt in diesem Kapitel positiv die Verbindung von schulischer Theorie und praktischer Tätigkeit (bei ihm ist dies historisch bedingt Fabrikarbeit), sowie Gymnastik und Handarbeit hervor. Diese Kombination ist für ihn der „[…]Keim der Erziehung der Zukunft[…]“ und die „[…]einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen[…]“ (MEW 23, 508). Obwohl er in vielen Schriften den Subjektstandpunkt betont, werden hier durch die Schule vollseitige Menschen produziert, d.h. das Subjekt ist hier Objekt. Es findet sich kein Hinweis darauf, ob diese das auch so wollen. Am Rande sei bemerkt, dass er eine mehr als halbtägige theoretische Ausbildung eine Verschwendung der Lehrer- und Schülerenergie findet (vgl. ebd., 507f.).

Marx zeigt auf, dass in der Manufakturperiode lesen und schreiben ein „Handwerkserfordernis“ war, welches durch die Maschinerie verdrängt wurde, da diese nur Maschinenaufseher und Maschinenjungen braucht. Diese werden „Rekruten des Verbrechens“ (ebd., 509), da sie spätestens mit 17 Jahren arbeitslos werden und aus ihrer „Unwissenheit, Rohheit, körperlichen und geistigen Verkommenheit“ keine andere Tätigkeit mehr finden (ebd.). In den Manuskripten schreibt er die Gefahr des Lohnarbeiters von der Willkür des Kapitalisten abhängig zu sein. Der Kapitalist hat die Macht mit dem Lohnarbeiter zu machen was er will, ihn sogar verhungern zu lassen:

„Und grade die Fähigkeit des Kapitalisten, seinem Kapital eine andere Richtung zu geben, macht den auf einen bestimmten Arbeitszweig eingeschränkten ouvrier entweder brotlos oder zwingt ihn, sich allen Forderungen dieses Kapitalisten zu unterwerfen“ (MEW 40, 472).

Eine Tatsache, die sich in den heutigen neoliberalen Globalisierungsprozessen als exit option zeigt. Auf die heutige Zeit übertragen, lässt sich aus der Marxschen Bildungskonzeption ableiten, dass die Ausbildung der Menschen eher breit, als funktional-spezifisch sein sollte, um jederzeit auch anderen Tätigkeiten nachgehen zu können. Nicht dass ich dies hier dem aktuellen „Employability“-Theorem das Wort rede. Aber dies ist auch eine Form in der/ die LohnarbeiterIn handlungsfähig bleibt. Eine Spezialisierung ist unter kapitalistischen Bedingungen eine „Zerreißung der ursprünglichen Mannigfaltigkeit“ (MEW 23, 509). In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu erkennen, dass die Form des kapitalistischen Produktionsprozesses nie definitiv, sondern ihre technische Basis stets revolutionär ist (ebd., 511).

„Durch Maschinerie, chemische Prozesse und andre Methoden wälzt sie beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andern. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wechsel der Arbeit, Fluß der Funktionen, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters. Andrerseits reproduziert sie in ihrer kapitalistischen Form die alte Teilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten“ (ebd.).

Hieran wird zweierlei deutlich: einerseits ist der Wandel der Gesellschaft und der Produktion kapitalismusimmanent und, bis auf die Geschwindigkeit des Wandels, kein neues Phänomen; zweitens erklärt diese Immanenz auch den sich reproduzierenden herrschenden Diskurs, dass LohnarbeiterInnen sich fit halten sollen für den Arbeitsmarkt. Dieser Diskurs wird im weiteren Gegenstand dieser Arbeit sein. Schon Marx spricht hier die „[…]allseitige Beweglichkeit des Arbeiters[…]“ an. Dem Kapital geht es um die „[…]absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse[…]“ (ebd., 512). Er beschreibt aber auch einen zweiten Wandel (einerseits von der Vielseitigkeit der Manufaktur zur Einseitigkeit der großen Industrie), den der Einseitigkeit zum „total entwickelten Individuum“, welches sich völlig flexibel den Wandlungsprozessen anpasst. Gleichzeitig benennt er den Widerspruch, dass diese Flexibilität keineswegs die Arbeitsteilung aufhebt, also der umfassend ausgebildete Mensch stets nur ein „Teilindividuum“ bleibt. „Die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform ist jedoch der einzig geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung“ (ebd., 512). Wird hier das aktive Moment angesprochen, so ist es am Schluss dieses Unterkapitels eine kapitalistische Gesetzmäßigkeit: „Mit den materiellen Bedingungen und der gesellschaftlichen Kombination des Produktionsprozesses reift sie die Widersprüche und Antagonismen seiner kapitalistischen Form, daher gleichzeitig die Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft“ (ebd., 526). Grundlage einer humanen Entwicklung ist eine sowohl geschlechtliche als auch altersmäßige Zusammensetzung des Produktionsprozesses, unter der Voraussetzung, dass dieser für den Arbeiter da ist, und nicht wie im Kapitalismus, der Arbeiter für den Produktionsprozess (ebd., 513).

Fassen wir zusammen: Der heute aktuelle Diskurs des „lebenslangen Lernens“ ist keineswegs neu, sondern entspringt der ständigen Revolutionierung des kapitalistischen Produktionsprozesses. Sowohl aus emanzipatorischer, wie auch aus herrschender Sicht, wird das „totale Individuum“ gefordert. In diesem Widerspruch bewegen sich die Subjekte in ihren Bildungsprozessen. Schaff verklärt dieses „totale Individuum“ zu einem Idealtyp welcher unerreicht bleibt aber Zielperspektive sein soll: „Der Idealtyp des Menschen der kommunistischen Epoche ist der aus der Macht der Entfremdung befreite Mensch, der totale Mensch. Wenngleich dieser Menschentyp unerreichbar ist, wie der Limes der mathematischen Reihe, so kann und soll man ihm doch zustreben“ (Schaff 1965, 181). Die Forderung nach einem sich frei entwickelnden Subjekt als Abgrenzung zur Zersplitterung und Warenförmigkeit im Kapitalismus, wird bei Schaff zu einer gottähnlichen Gestalt der man „zustreben“ soll. Es ergibt sich aber noch ein weiterer Widerspruch, der zwischen einer umfassenden Ausbildung, die keine Entsprechung im Produktionsprozess erfährt. Auch diesen Widerspruch müssen die Subjekte in ihrem Alltag bewältigen. An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie gehen Gewerkschaftsmitglieder in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen mit diesen Widersprüchen um?

1 Zu den Bezugsebenen vgl. Holzkamp 1985, 27ff.

2 Auf den Antisemitismusvorwurf gegen Marx gehe ich hier nicht ein (Vgl. HKWM Bd. 4, 407). Eine wissenschaftliche Klärung des Streits kann und soll hier nicht geleistet werden. Von mir werden ausdrücklich antisemitische Äußerungen bei Marx abgelehnt!

3 Ich komme hierauf zurück.

4 Siehe Kapitel 11.

5 Dieses Verfahren kann als diskursanalytisch bezeichnet werden.

6 Eine aktuelle Fassung und Weiterentwicklung der klassischen Ökonomie und ihres Menschen- und Gesellschaftsverständnisses ist der methodologische Individualismus. Die von J.M. Buchanan , G. Tullock u.a. vertretene ökonomische Theorie der Politik, der Verfassung und der Ökonomie versteht sich als eine Reformbewegung der Neoklassik. Ihr liegen drei Annahmen zugrunde, gegen die ich mich aus materialistischer Perspektive abgrenze: 1. Homo oeconomicus als das a-historische Modell des wirtschaftlich denkenden Menschen, welcher auf vorhersehbare Weise auf Anreize reagiert; 2. methodologischer Individualismus – hier sind die Entscheidungen des Kollektivs das Ergebnis individueller Entscheidungen, d.h. die Gruppe wird lediglich als Summe einzelner Individuen gefaßt; 3. Marktanalogie – hier werden Elemente der Wirtschaftstheorie wie individuell rationales Verhalten, Knappheit der Güter usw. auf andere soziale Systeme übertragen.

7 An anderen Stellen ist Gesellschaft das „grundlegende Strukturmerkmal“ (Hirsch 1996, 16) des Staates.

8 Wie glücklich der Mensch in den derzeitigen Umbruchprozessen ist, wird an anderer Stelle deutlich, wenn es um die derzeitigen Konflikte und Kämpfe geht, wenn es um die Transformation seines Arbeitsverhältnisses hin zum Arbeitskraftunternehmer/Arbeitskraftunternehmerin geht, wenn es um seine ‚allseitige’ Bildung geht.

9 Dies wird im weiteren mit Holzkamp ent-moralisiert.

10 Hierauf wird im 2. Kapitel eingegangen.

11 Zur wissenschaftshistorischen Bewertung vgl. Peter Keiler 1999 Seite 8f. und Fn. 15.

12 Hier beziehe ich mich ausdrücklich nur auf Das Kapital lesen I. Althussers Thema ist hier eine „symptomale Leseweise“ des Kapital. In Für Marx und Marxismus und Ideologie und seinem Aufsatz Ideologie und ideologische Staatsapparate beschreibt Althusser, wie die Subjekte als autonome „angerufen“ werden. In diesem Anrufungsprozeß erscheint es ihnen so, dass sie die Institutionen selbst schaffen, die ihnen historisch vorgestellt sind. Dieser ‚Irrtum’ führt zur freiwilligen Selbstunterwerfung (vgl. Naumann 2000, 31). Auf Althussers Subjektkonstruktion gehe ich an anderer Stelle genauer ein.

13 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird dies mit Sève, Antonio Gramsci, sowie mit Klassen- und Kulturtheorien spezifiziert.

14 Zur unberechtigten Kritik an Feuerbach durch Marx vgl. Keiler 1999.

15 Im Verlauf der Arbeit wird die aktuelle Diskussion um den „Arbeitskraftunternehmer“ vor dem Hintergrund seiner Bestimmung kritisiert.

16 „Somit erscheint die geschichtliche Bewegung, die die Produzenten in Lohnarbeiter verwandelt, einerseits als ihre Befreiung von Dienstbarkeit und Zunftzwang; und diese Seite allein existiert für unsre bürgerlichen Geschichtsschreiber. Andrerseits aber werden diese Neubefreiten erst Verkäufer ihrer selbst, nachdem ihnen alle ihre Produktionsmittel und alle durch die alten feudalen Einrichtungen gebotnen Garantien ihrer Existenz geraubt sind. Und die Geschichte dieser ihrer Expropriation (Enteignung, R.B.) ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer“ (MEW 23, 743).

17 Im weiteren Verlauf wird mit Hilfe der Regulationstheorie, als Weiterentwicklung der KpÖ, die (entstehende) Formation des Postfordismus untersucht. Zur unterschiedlichen Verwendung des Formationsbegriffs in der Regulationstheorie vgl. Brodesser 1999, 9ff.

18 Erich Fromm verweist darauf, dass Marx zwischem einem konstanten oder feststehenden Trieb (bspw. Geschlechtstrieb, Hunger) und relativen Trieben unterscheidet. Der Bereicherungstrieb ist bei Marx kein konstanter Trieb (vgl. Fromm 1988, 25).

19 Verarmung

20 Insubordination bedeutet mangelnde Unterordnung oder Ungehorsam gegen Vorgesetzte.

21 Auf die Diskussion zwischen Einheit und Differenz wird zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen.

22 Ausbeutungsmittel

23 Zur Aktualität der Klassentheorie(n) später mehr.

24 Vgl. hier auch Frigga Haugs Kritik am Club of Rome und der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission.

25 Auf die geschlechtsspezifische Reproduktion und Verteilung von Arbeits-Zeit geht Marx hier nicht ein.

26 Lafarque bemerkt hierzu, dass Marx wohl der einzige gewesen ist, der alle diese Berichte gelesen hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s