Kap. 3 Geschlechterverhältnisse

Geschlechterverhältnisse

Diesem Kapitel liegt die Prämisse einer vorfindbaren Geschlechterhierarchie in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen zu grunde. Die leitende theoretische und empirische Frage lautet: Wie wird diese Geschlechterhierarchie wahrgenommen, wie wird sie von den Subjekten mitgetragen, und wo wenden sie sich kritisch dagegen? Zugleich ist dieses Kapitel ein theoretischer Einstieg in die Analyse einer spezifischen (meist Stereotypen) Subjektkonstruktion und –konstitution: Frau und Mann. Im vorigen Kapitel wurde ansatzweise herausgearbeitet wie die kapitalistische Produktionsweise eine spezifische Handlungsrationalität vorgibt. In diesem Kapitel geht es nun auch darum zu analysieren, in wie weit die Subjektkonstruktion „Frau“ und „Mann“ spezifische Handlungsrationalitäten nahelegen. Es geht im Fortgang der Arbeit immer auch darum die Handlungsfreiheiten und -begrenzungen der Subjekte herauszuarbeiten. Anhand des Gender-Mainstreaming-Diskurses in den Gewerkschaften wird im empirischen Teil der Arbeit untersucht, wie diese geschlechtliche Konstruktion und Konstitution in den Gewerkschaften aussieht.

Gisela Notz beschreibt in Wo bitte geht’s zur Zukunft? (Notz 1994, 146f.) einen Kampf der Frauen um Anerkennung und Teilhabe an betrieblichen, außerbetrieblichen, politischen und gewerkschaftlichen Weiterbildungsmaßnahmen. Konstatiert wird, dass die sozialistische Losung „Wissen ist Macht“ zunächst nur für Männer galt. Und auch Karin Derichs-Kunstmann kommt nicht umhin zu konstatieren, dass männliche Gewerkschafter von einem Defizitansatz ausgingen; demnach Frauen durch eine Art Nachhilfeunterricht „befähigt“ werden müssten, gewerkschaftlich zu handeln. Hierbei ging es jedoch nicht um eine emanzipatorisch verstandene Handlungsfähigkeit von Frauen, sondern um die Unterordnung der Frau unter die „gewerkschaftliche Disziplin“ (vgl. Derichs-Kunstmann 1994, 156f.).

Diese Erfahrungen von Frauen mit gewerkschaftlicher Bildungsarbeit machen deutlich, dass sie zunächst einmal von Bildung ausgeschlossen oder allenfalls als den Männern nachgeordnete Subjekte Zugang zu dieser hatten. Seit Mitte der 1970er Jahre ändert sich dies langsam. Frauen nehmen verstärkt am Lohnarbeitsprozess teil. Hierdurch bekamen die Gewerkschaften mehr weibliche Mitglieder; die dann auch ihre Teilhabe einforderten. Mit dieser veränderten Stellung der Frau in Gesellschaft und Gewerkschaft veränderte sich auch ihr Identitätskonzept1: Sie wurde selbstbewusster.

Sex und gender als hegemonialer Diskurs

F. Haug kritisiert die derzeitige Debatte um die Kategorie Geschlecht, da dieser Diskurs die Geschlechterverhältnisse, im Verhältnis zur Reproduktion der Gesamtgesellschaft, unberücksichtigt lässt (vgl. Haug, F. 2001, 774; dies. 1993, 899). Die Chance in der Diskussion sieht sie darin, Männer und Frauen nicht mehr dichotomisch, oder als Über- und Unterordnungen und als heterosexuell konstruiert zu denken, sondern sich zumindest theoretisch von diesen Dichotomien zu befreien. Ihre Perspektive ist gerichtet auf die Praxisverhältnisse, auf das, „[…]was die Menschen in der Produktion ihres Lebens tun“ (dies. 1993, 899). Mit dem Begriff der Geschlechterverhältnisse2 will F. Haug Themen wie Krieg, Wachstum, Bevölkerungspolitik usw., zugleich aber auch die Diskussion um Naturalisierung und Ent-Naturalisierung, also die Diskussion um den Geschlechterbegriff, mit denken. Hierdurch wird es möglich die Diskussion um die Kategorie Geschlecht sowohl politisch als auch erkenntnistheoretisch zu fassen. Aus strategischer Perspektive schlägt sie vor, den Begriff Frau im Kampf in den gegebenen Geschlechter- und Herrschaftsverhältnissen taktisch zu verwenden (ebd., 900). Ihre Kritik ist einerseits berechtigt, andererseits ist jedoch die gesellschaftliche Konstitution der Geschlechter Voraussetzung dafür, der Frage nach den Geschlechterverhältnissen als Produktionsverhältnisse überhaupt nachgehen zu können. Des weiteren schränkt F. Haug hier ihren eigenen Ansatz – Geschlechterverhältnisse als Praxisverhältnisse zu fassen, um hierdurch zugleich die Formierung der Akteure wie auch die Reproduktion der Gesamtgesellschaft zu fassen (dies. 2001, 762) – ein, da durch die Ausblendung der Formierung des Geschlechts wichtige Analyse- und Handlungsmöglichkeiten vergeben werden. Daher zunächst zum Geschlechterdiskurs.

„Feministische Theorie und Praxis um G[eschlecht] will im Kampf gegen die Naturalisierung von Geschlechtsdifferenz die geschichtliche Systeme begreifen, durch welche Männer und Frauen sozial konstituiert und in hierarchischen und antagonistischen Verhältnissen positioniert sind.[…]Die Auseinandersetzung über die Akteure und Begriffe dieser Konstitutionsprozesse bildet den Kern feministischer G[eschlechts]-Politik.“ (Haraway 1994, 470)

Hier werden wesentliche Punkte der Subjektkonstruktion und –konstitution angesprochen. (Geschlechtliche) Subjekte werden sozial konstituiert, hierarchisiert und naturalisiert. In den Blick geraten daher die AkteurInnen und die Anrufungen, durch die diese konstituiert werden. Geht es in der Frauenforschung darum zu analysieren, wo überall Frauen ausgeblendet werden, so geht es in der Geschlechterforschung darum, einen Schritt dahinter zurückzutreten und zu sehen, warum Individuen überhaupt zu „Frauen“ werden, und was dies für die Gesellschaft und ihren Produktionsprozess bedeutet. Der Kampf um den Geschlechterbegriff beinhaltet zwei unterschiedliche Strategien: einerseits einer Utopie gesellschaftlicher Verhältnisse jenseits des Geschlechterbegriffs, wodurch dieser überflüssig würde, anderseits eine Vervielfältigung des Geschlechterbegriffs (Butler) um die Normativität zu unterlaufen (vgl. Maihofer 1994, 481).

Sandra Harding hebt drei Aspekte in der Diskussion um Geschlecht hervor: 1. als Kategorie der Zuschreibung von Bedeutungen, 2. als Weise der Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse und 3. als Strukturierung persönlicher Identität (vgl. dies., 474; Harding 1990).

Ann Oakley war es, die 1972 den Unterschied zwischen biologischem Geschlecht (sex) und sozialem Geschlecht (gender) herausgearbeitet hat. Diese Trennung – aus einer feministischen und patriarchatskritischen Richtung – ist heute weitgehend Konsens und kann als hegemonial angenommen werden. Doch ist dieser hegemoniale Diskurs keineswegs widerspruchsfrei, sondern er ist durchzogen von feministischen, emanzipatorischen, aber auch neoliberalen Elementen, die auf eine Nutzbarmachung spezifisch weiblicher Qualitäten setzen3. Dieser Diskurs bewegt sich zudem zwischen radikalem (De-)Konstruktivismus und einer Ontologie, die an die Natur rückgebunden bleibt; wie noch zu zeigen sein wird. Umstritten im hegemonialen Geschlechterdiskurs ist, ob sex selbst eine gesellschaftliche Konstruktion ist. Hier gibt es zwei Positionen: Einerseits bspw. F. Haug, die davon ausgeht, dass es zwei Geschlechter gibt, bei der die jeweilige natürliche Basis sozial überformt wird (vgl. dies. 2001, 761; Wagenknecht 2001, 812 f.). Die Komplementarität in der Fortpflanzung ist hier die natürliche Basis. Andererseits beispielsweise Peter Wagenknecht, der die „[…]körperlich-sinnliche Substanz des Menschen (als, R.B.) Gesamt aller Möglichkeiten[…]“ (Wagenknecht 2001, 813) begreift. Durch diese Perspektive ist es möglich andere Formen der Vergeschlechtlichung zu analysieren ohne sie abzuwerten oder zu verwerfen (ebd.) sowie einen Standpunkt der Kritik zu erarbeiten, der die freie Entfaltung der Menschen als Kritikfolie nimmt. In der DI, und hieran orientiert sich F. Haug, resultiert die Geschlechtertrennung aus der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die sich aus der natürlichen Heterosexualität ergibt. Marx und Engels begreifen die Unterordnung der Frau hier lediglich als Resultat des Privateigentums, die Sexualisierungspraktiken bleiben ausgeblendet. Dem Ganzen liegt die Annahme einer „[…]ursprünglichen Natürlichkeit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung[…]“ (Haraway 1994, 471) zu grunde. Die marxistisch-feministische Forschung konzentriert sich daher auf die Geschlechterverhältnisse als (Re-) Produktionsverhältnisse.

„Da die geschlechtliche Arbeitsteilung auch die erste war, müsse gezeigt werden, wie die Klassengesellschaft aus Veränderungen in der geschlechtlichen Arbeitsteilung entstand. Eine solche Analyse behauptet nicht, alle Frauen befänden sich in einer gemeinsamen, einheitlichen Lage, sondern konzentriert sich auf ihre historisch je unterschiedlichen Stellungen; bezahlte und unbezahlte Arbeit im kapitalistischen Patriarchat wurde zum paradigmatischen marxistisch-feministischen Gegenstand.“ (ebd., 473)

Die Genese dieser als natürlich angenommenen Zweigeschlechtlichkeit untersuchte Ute Frevert anhand von Konversationslexika zwischen 1730 und 1990. Sie analysierte die Bedeutungsverschiebungen der Begriffe Geschlecht, Mann, männlich, Weib/Frau und weiblich. Wurde historisch zunächst von einem Menschengeschlecht ausgegangen oder beispielsweise vom „Geschlecht der Hohenzollern“, so standen im Übergang zur Moderne4 zunehmend sexuell-körperliche Merkmale bei der Bestimmung des Geschlechts im Vordergrund. Es fand also eine Verschiebung von sozialen Einteilungen hin zu biologischen Einteilungen statt (vgl. Kimmerle 2002, 93 f.). Dieser Biologismus betont nicht nur biologische Unterschiede, sondern ist immer auch an soziale Wertungen geknüpft. Die göttliche Ordnung verschiebt sich hier hin zu einer Ordnung der Natur (ebd., 95). Thomas Laqueur untersucht die Verschiebung der Geschlechter von der Antike bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ergebnis seiner Untersuchung ist eine Verschiebung von einem „Ein-Geschlecht-Modell“ hin zur heutigen Auffassung von zwei getrennten Geschlechtern. Bis Ende des 18. Jhdt. wurde nur von einem Geschlecht ausgegangen. Männliche und weibliche Organe wurden lediglich als nach innen oder außen unterschiedlich wahrgenommen. Erst im Übergang zur Moderne entstand das hegemoniale „Zwei-Geschlecht-Verständnis“ (vgl. Laqueur 1992,XXX ;Kimmerle 2002, 97). Mit dem Konzept der Zweigeschlechtlichkeit gehen normative heterosexualitätszentristische Implikationen einher (vgl. Kimmerle 2002, 102). Erkenntnistheoretisch kann festgehalten werden, dass Aussagen über die Natur immer an „sozial hergestellte Bedeutungen und Modelle“ (ebd., 103) gebunden bleiben. Das heißt, dass eine empirisch-biologische Feststellung der Zweigeschlechtlichkeit stets schon Ergebnis sozialer Machtverhältnisse ist. Also die erste Position, der Natürlichkeit biologischer Zweigeschlechtlichkeit, auch aus erkenntnistheoretischer Perspektive widersprochen werden muss. Die hegemoniale Durchsetzung der Zweigeschlechtlichkeit geht einher mit geschlechtsspezifischen Rollen-, Verhaltens- und Tätigkeitszuweisungen, bei denen die als weiblich codierten Subjekte als minderwertig konstituiert werden. Die Art und Weise in der der geschlechtlich konstituierte Körper empfunden, gespürt und praktiziert wird, steht in engem Zusammenhang zu den jeweiligen historischen Geschlechterverhältnissen (vgl. Maihofer 1994, 481). Hierbei ist die Wahrnehmung sowohl klassenspezifisch wie ethnisch unterschiedlich und dient zugleich der Herstellung einer Identität, die sich von anderen unterscheidet.

„Funktional ist das bürgerliche Ideal einer Bestimmung der Frau für das Haus und Kinder ebenfalls für bürgerliche Frauen, die sich damit gegen ‚unweibliche’ und darin ‚unsittliche’ Lebensentwürfe adeliger Frauen […]oder gegenüber proletarischen und bäuerlichen Frauen[…]abgrenzen und machtstrategisch besser positionieren können.“ (Kimmerle 2002, 96)

Deutlich wird an diesem Zitat einerseits die patriarchale Tätigkeitszuweisung, die die Frau an Haus und Kinder bindet, andererseits diese Bindung von den Frauen selbst reproduziert, akzeptiert und als Abgrenzungsmittel gegen adelige und proletarische Frauen verwendet wird.

Christoph Kimmerle betont, dass durch die Beibehaltung der Trennung von sex und gender gesellschaftliche Differenzen und Hierarchien, die an Natur rückgebunden bleiben, reproduziert werden (ebd., 103). Mit der Erkenntnis Laqueurs, dass auch das biologische Geschlecht kulturell definiert und gebildet wird, erweitert sich der Theoriebereich der gender-theory und macht zugleich den Begriff gender problematisch. Eine Lösung des Dilemmas steht noch aus (vgl. Maihofer 1994, 481f.). Mit dieser (De-) Konstruktion ist es jedoch möglich, den Mensch als „Gesamt aller Möglichkeiten“ (s.o.) zu begreifen.

Dass die Biologisierung und Ontologisierung der Geschlechter in der „Differenziellen Psychologie“ gang und gebe ist, zeigen Eva Bamberg und Gisela Mohr mit ihrem Lexikoneintrag Geschlechterunterschiede im Handwörterbuch Psychologie von 1999. Hier wird es gerade als eine Aufgabe der „Differenziellen Psychologie“ formuliert, die „[…]besonderen Qualitäten einer jeden Gruppe der anderen zugänglich zu machen, statt zur Diskriminierung herangezogen zu werden“ (Bamberg; Mohr 1999, 241). Hier ist es lediglich der Unterentwicklung einer angemessenen Methode geschuldet, dass die Geschlechtsunterschiedsforschung hier noch keine adäquaten Ergebnisse präsentieren kann. Regina Becker-Schmidt betont in ihrem Eintrag zur Frauenforschung, dass durch diese Form des Biologismus die herrschende Arbeitsteilung normativ abgesichert wird (Becker-Schmidt 1999, 897). Das Beispiel der „Differenziellen Psychologie“ zeigt, wie nach wie vor mit wissenschaftlicher Hilfe ein Geschlecht als Frau oder Mann konstituiert und mit gewissen Eigenschaften konstruiert wird.

Konstitution der Geschlechter

Diese Konstitution des Geschlechts analysiert Corinna Genschel als Zwangsordnung (vgl. Genschel 2001, 821). Judith Butler denkt die „Zwangsordnung“ nicht als Ausschluss von Handlungsfähigkeit. Sie stimmt mit Jaques Lacan darin überein, dass „[…]sich niemand dem Zwang zur ‚Annahme’ dieser normativen Positionen entziehen kann“ (Lorey 1996, 123). Hierbei umfasst die „Annahme“ sowohl den Wunsch nach Geschlechtsidentität, wie auch die Unmöglichkeit diese zu erreichen (ebd.). Jedoch, und da sind Genschel und Butler auf einer Linie, sind hier Veränderungen nur innerhalb dieser Zwangsordnung möglich. Es geht also darum, Begriffe anders zu besetzen5 und Geschlechteridentität anders zu leben. Auch wenn mir diese Beschränkung auf Kämpfe innerhalb der „Zwangsordnung“ wissenschaftlich und politisch nicht einleuchtet, denn die „Zwangsordnung“ wird somit als Ordnung gefasst, in der die Subjekte lediglich unterworfene sind6 – somit die Konstitutionsperspektive lediglich auf die Perspektive des Unterwerfens gerichtet ist und nicht auf die Befreiung von Zwang (vgl. Lorey 1996, 104f.). Dennoch sind beide Widerstandsformen sinnvoll und notwendig. Butler geht davon aus, dass die Konstitution Frau und Mann stets als nie zu erreichende Norm fungiert und somit stets umkämpft ist. Hierdurch erkennt Butler feministische Kämpfe an und betont die Notwendigkeit der Umdeutungen der Begriffe (ebd., 103). Ihr politisches Ziel ist es, eine „Geschlechter-Verwirrung“ anzustiften (vgl. Butler 1991, 61). Da Butler Geschlechteridentität nicht als etwas starres, sondern tagtäglich – quasi situativ – herzustellendes betrachtet (doing gender), ist es (theoretisch) möglich die Geschlechteridentität fließend zu wechseln. Da Wiederholungen (durch die Identität hergestellt wird) nie identisch sind, werden Normen permanent verfehlt (vgl. Lorey 1996, 96f.). Dieser Identitätswechsel des Subjekts eröffnet einerseits neue Möglichkeitsspielräume, indem bspw. geschlechtsspezifische Tätigkeitszuweisungen fehl schlagen, wenn ich bspw. mal als ‚Frau’ und mal als ‚Mann’ oder als ‚Transvestit’ zur Arbeit gehe. Problematisch ist dies aus mehreren Gründen: Erstens wird eine adäquate Durchdringung der sozialen Strukturkategorie Geschlecht erheblich erschwert. Zweitens bleibt die widersprüchliche Verarbeitung in den Subjekten ausgeblendet; z.B. wenn ein ‚Junge’ Schmerz empfindet, daraufhin das Bedürfnis zu schreien und zu weinen hat, von den Eltern konfrontiert wird mit dem (nicht hilfreichen) Spruch: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Dann muß das Subjekt mit solchen Widersprüchen was machen, um handlungsfähig zu bleiben. Holzkamp verweist auf eine adäquate Durchdringung der herrschenden Verhältnisse und auf den Zusammenhang mit einer Erweiterung von Handlungsfähigkeit; Gramsci auf die Notwendigkeit Widersprüche kohärent zu arbeiten. So richtig diese Analyse ist, so verkürzt ist es, sie, wie bei Butler, auf sprachliche Praktiken zu beschränken und nicht das Gesamt der Alltagspraxen der Menschen als Praxis zu fassen. Weiterhin werden Normen bei Butler als einseitig als top down-Prozesse gedacht. Auch wenn ich davon ausgehe, dass Normen sich als widersprüchliche Verdichtung von Normen der herrschende Klassenfraktionen durchsetzen, so gibt es doch nicht nur Verfehlungen dieser Normen – wie es Butler annimmt -, sondern auch gegen-hegemoniale Normen, Vorstellungen und Lebensweisen, die ihrerseits wieder in hegemoniale Normen, Vorstellungen und Lebensweisen eingang finden. Kurz: Das, was hegemonial ist, ist ein offener und umkämpfter Prozess, jedoch bleibt die Kontingenz durch Klasseninteressen begrenzt. Ein weiterer Kritikpunkt ist die defizitäre Konstruktion der geschlechtlichen Menschen, denn sie verfehlen ja nicht nur fremde Normen, sondern auch internalisierte. Dabei wertet die defizitäre Konstruktion das Subjekt ab. Wie ich im weiteren noch deutlich machen werde, wird das Subjekt ebenfalls bspw. in Institutionen wie der Schule systematisch und systemimmanent abgewertet, oder aber durch herrschende Diskurse, die als Freiheitsdiskurse daherkommen, zugleich aber neue Begrenzungen und Entwertungen mit sich führen7. Butlers Wechsel der Geschlechtsidentitäten ist eine mögliche Widerstandsform, zugleich ist sie, bezogen auf die Subjekte in den postfordistischen Transformationsprozessen, eine idealistische, von den realen Praxen mit ihrem wirklichen Leben losgelöste, Widerstandsform.

Trumann untersucht in Feministische Theorie Butlers Konzept der „flexibilisierten Identitätsformen“ auf seine soziale Bedingtheit hin und interpretiert dieses Konzept als Antwort auf postfordistische Transformationsprozesse. Sie zeigt schlüssig, wie Butler mit ihren „flexibilisierten Identitätsformen“ die postfordistische Transformation zum „flexiblen Mensch“ (Sennett) unbewußt übernimmt: „Das Politikkonzept der fragmentierten Identitäten von Butler vollzieht unbewußt genau diese Entwicklung nach.“ (Trumann 2002, 160) War im Fordismus noch der Beruf Leitkonzept, so ist derzeit Projektarbeit und Eigeninitiative gefragt. Nicht mehr die Identität als ‚Maurer’, ‚Schreiner8’ usw. sind gefragt, sondern flexibilisierte Identitätszugehörigkeiten, entsprechend dem jeweiligen „corporate identity“ der Unternehmen. Das Modell des männlichen Alleinernährers wird transformiert einerseits von der Notwendigkeit eines zweiten Einkommens, andererseits durch feministische Emanzipationsprozesse. Somit wird das Modell der Kleinfamilie brüchig und sog. „Patchworkfamilien“ entstehen. F. Haug schreibt:

„Die neue Arbeitsdisziplin ist ausschweifend. Sie verlangt nicht mehr so sehr die weibliche Kontrolle über einen männlichen Arbeitskörper, wie dies im Fordismus von Gramsci beschrieben wurde. Der passende postfordistische Arbeitsmensch ist einer, der sein Begehren auch virtuell zu befriedigen vermag und insofern der Unterwerfung von Frauen nicht wirklich bedarf, wie er auch Verantwortung für die Nachkommen nicht abzuschieben braucht, weil er keine hat. Männer, die Frauen am Arbeitsplatz belästigen, sind im Grund unmodern, wie das patriarchale Arbeitsklima einer vergangenen Epoche anzugehören scheint. Wer sich jetzt zu wehren in der Lage ist, kann das Anrecht auf die neue Arbeitswelt erkämpfen zusammen mit der Rücksichtslosigkeit, die für die völlige Verachtung menschlicher und außermenschlicher Natur gebraucht werden. So gelesen sind die weiblichen Tugenden, die konservativ in diesem Kontext noch angerufen und befestigt werden, auch Nachzügler eines Gesellschaftsprojekts, welches der Neoliberalismus zu zerstören begonnen hat.“ (Haug, F. 1998, 81)

F. Haug beschreibt hier die Zersetzung traditioneller Arbeits- und Familienverhältnisse durch eine neue Produktionsweise. Richtig ist m.E. die Tendenz die sie beschreibt, ausgeblendet wird jedoch die Widersprüchlichkeit, wie sie Gramsci fasst. Also die Widersprüche in der Persönlichkeit zwischen Höhlenmensch und fortgeschrittensten Mensch in einer Person. Unberücksichtigt bleibt zweitens die „relative Autonomie“ (Althusser) sozio-ökonomischer Prozesse. Frauenunterdrückung und Kapitalismus sind nicht identisch, wie Barrett schreibt (bgl. Barrett 1990, 19ff.), sondern haben eine relative und widersprüchliche (wie die postfordistischen Transformationsprozesse zeigen) Eigenständigkeit.9

Morus Markard kritisiert den „Shooting Star“ der traditionellen Psychologie wie auch der „linken Psycho-Szene“: den Begriff der „Identität“. Im Zuge der Durchsetzung neoliberaler Hegemonie zer- und ersetzt der Identitätsbegriff den Gedanken an „gesellschaftsveränderndes, eingreifendes Handeln“ (Markard 2002, 127). Der Neoliberalismus wirft das Subjekt auf sich selbst zurück und fordert es auf, tagtäglich seine Identität erneut herzustellen (vgl. ebd.; Trumann 2002, 151 u. 157). Der Bezug zum Neoliberalismus ist einerseits richtig, berücksichtigt andererseits aber nicht den emanzipatorischen Gehalt, den die Möglichkeit der Zersetzung geschlechtlicher Identität bietet.

„Das Identitätskonzept bedient eine Denkweise, in der eine subjektiv-tätige bis reflexiv-skeptische Einfindung und Einpassung der Individuen in die sich dynamisch wandelnden kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmend ist. Identität ist der psychologische Begriff, der derzeit konzeptionell die aktive, die Subjekte einbeziehende Herstellung bürgerlicher Hegemonie in verschleiernder Form bedient.“ (Markard 2002, 131; Herv.i.O.)

Der Identitätsbegriff eliminiert gesellschaftliche Widersprüche und verlagert sie in das um Identität und Kohärenz ringende Individuum. Markards Problem besteht nicht in der Suche der Menschen nach Identität, sondern in der wissenschaftlich-psychologischen Abpolsterung, Ontologisierung und Normalisierung von Identitäten und die Eliminierung gesellschaftlicher Widersprüche (ebd., 130). Ziel psychologischer Identitätsarbeit ist es, bei Subjekten die Akzeptanz für eine spezifische Identität herzustellen und diese damit auch gesellschaftlich zu positionieren (s.o.). Wurden Identitäten zunächst noch mittels des „Geständnisses“ in der psychologischen oder sozialarbeiterischen Praxis hergestellt, so sind es heute die „Selbst-Techniken“ (Foucault) der Subjekte die diese Identitäten herstellen und somit gesellschaftliche Widersprüche in sich selbst austragen (ebd.).10 Die Frage nach der Identität muss aus der Perspektive der Kritischen Psychologie hin zur Frage der Handlungsfähigkeit verschoben werden (ebd., 132), denn dieser Begriff ermöglicht die „[…]Analyse von gesellschaftlich vermittelten Widersprüchen im Handeln, Denken und Empfinden“ (ebd., 125).11 Doch zurück zur Identitätsübernahme und Selbstkonstruktion.

Weniger offen als Butler, denkt Pierre Bourdieu „männliche Herrschaft“. Im System der „männlichen Herrschaft“ übt die symbolische Gewalt einen Zwang aus, die „[…]durch eine abgepresste Anerkennung vermittelt ist, die der Beherrschte dem Herrschenden zu zollen nicht umhin kann. Verfügt er doch, um jenen und sich selbst zu denken, nur über Erkenntnismittel, die er mit ihm teilt und die nichts anderes als die inkorporierte Form des Herrschaftsverhältnisses sind“ (Bourdieu 1997, 164). Das „mythisch-rituelle System“ männlicher Herrschaft macht nach Bourdieu eine Entnaturalisierung quasi unmöglich. Offen bleibt bei ihm, wie es möglich ist, dass er für seine Analyse hinter dieses System zurücktreten kann, obwohl doch auch seine Erkenntnismittel die „inkorporierte Form der Herrschaftsverhältnisse“ sind. Die Zustimmung zur „männlichen Herrschaft“ ist bei Bourdieu der „[…]unmittelbaren und vorreflexiven Unterwerfung der sozialisierten Körper[…]“ (ebd., 165) geschuldet. Er geht davon aus, dass die Beherrschten auf die Herrschaftsverhältnisse „nicht reflektierte Denkschemata“ anwenden und diese hierdurch reproduzieren.12 „Auferlegte Grenzen“ können nicht überschritten werden (ebd., 170 f.). Hält Butler sich durch das ständig verfehlende Wiederholen Widerstandsmöglichkeiten offen, so schränkt Bourdieu Widerstand auf eine einfach Umkehrung der männlich und weiblich besetzten Begriffe ein (ebd., 178).

Nicht fassen können sowohl Butler als auch Bourdieu die Selbstformierungen der Subjekte. Aus ideologiekritischer Perspektive geraten so die Alltagspraxen, verstanden als Bejahung ihrer kulturellen Praxen, aus dem Blick. Doch bevor ich auf einen Forschungsansatz komme, der beides – Formierung und Selbstformierung werden hier unter dem Begriff „Frauenformen“ gefasst – in den Blick nimmt, zunächst zu den Konstitutionsprozessen. Aus diskurstheoretischer Perspektive analysiert Michel Foucault die Sexualität. Für ihn stehen nicht sosehr die Subjekte im Vordergrund, sondern vielmehr die Analyse der Sexualität als Machteffekt der Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen. „Das Wort Subjekt hat einen zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen sein und durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein. Beide Bedeutungen unterstellen eine Form von Macht, die einen unterwirft und zu jemandes Subjekt macht“ (Foucault 1999, 166). Diese Subjektivierung geschieht durch diskursive Kämpfe, hier macht er drei Formen aus: Kämpfe gegen ethische, soziale oder religiöse Herrschaft, gegen Formen der Ausbeutung und gegen die Subjektivierung von Menschen. „Im 19. Jahrhundert ist der Kampf gegen die Ausbeutung in den Vordergrund getreten. Und heute wird der Kampf gegen die Formen der Subjektivierung, gegen die Unterwerfung durch Subjektivität zunehmend wichtiger, auch wenn die Kämpfe gegen Herrschaft und Ausbeutung nicht verschwunden sind, ganz im Gegenteil“ (ebd., 167). Die „Subjektivierungsmechanismen“ müssen stets in Beziehung zu Ausbeutungs- und Herrschaftsmechanismen hin untersucht werden (ebd., 168). Mit seinen Begriffen Diskurs13, Macht und (Sexualitäts-) Dispositiv bietet er analytische Werkzeuge aus seinen „Werkzeugkisten“ (Foucault) an, mit denen das Verhältnis von Subjektivierung, verstanden als Konstituierung der Subjekte als Untertanen (vgl. Foucault 1998, 78), und Selbst-Technologie, verstanden als Selbst-Konstituierung durch Eigen- und Fremdkonstruktion, in den gewerkschaftlichen Bildungsprozessen analysiert werden kann.

Foucault geht, im Unterschied zu Marx, nicht von einem identitätslogischen, sondern von einem diskontinuierlichen, zersplitterten und in „[…]eine Vielzahl möglicher Positionen und Funktionen zerrissenen[…]“ (Foucault 1991, 37) Subjekt aus. Das Subjekt ist bei Foucault entweder per se in seinem Inneren geteilt14, oder es wird von anderen abgeteilt (ebd., 161). Diese Zerrissenheit des Subjekts ist Ergebnis der Diskurse, in die der Mensch von Anbeginn an verstrickt ist.15 In ihnen geht es aus einer genealogischen Perspektive um strategische Machtkämpfe und ihrer Rekonstruktion. Aus einer archäologischen Perspektive erscheint der Diskurs als eine Vielzahl von Diskurspraktiken, die hinsichtlich ihrer historischen Gesetze von Regeln und Aussagen untersucht werden können. Mittels der Diskurse wird das Subjekt zum einen erst hergestellt – es kann auch verschwinden, wenn die Wissenschaft eine neue Form der Vorstellung von ‚Mensch’ (vgl. Taureck 2001, 74) gefunden hat – andererseits wird es zugleich objektiviert. In Why Study Power: The Question of the Subject untersucht Foucault in einer historischen Analyse die Objektivierungen der menschlichen Wesen zu Subjekten. Diese Objektivation geschieht erstens durch wissenschaftliche Verfahren (Reichtums- und Wirtschaftsanalyse, Linguistik, Naturwissenschaften), zweitens durch trennende Praktiken (Wahnsinnige, Normale) und drittens durch das Selbst-Erkennen der Subjekte durch die Sexualität. Foucault fasst mit dem Begriff Selbst (le soi) ein Individuum, welches sich aus den Beherrschungen der Moderne befreien will (ebd., 59 ff.). In der klassischen Philosophie (Descartes, Kant, Hegel, Schopenhauer) wird das Individuum als selbstreflektierendes Subjekt gesehen. Dieses cartesianische Subjekt kann sich durch Denken seiner Selbst vergewissern. Aus poststrukturalistischer Sicht wird kritisiert, dass der Ursprung des Subjekts unabhängig von gesellschaftlichen Einflüssen gedacht wird. Luce Irigaray wies in den 1970er Jahren darauf hin, dass ein Subjekt, welches seinen eigenen Ausgangspunkt in sich selbst hat, eine männliche Phantasie ist (vgl. Lorey 1996, 72). Lorey fasst das cartesianische Subjekt wie folgt zusammen:

„Das Subjekt geht dem Handeln voraus. Es ist in der Lage, durch seine Intention die gewünschte Wirkung seiner Handlungen hervorzurufen. Diese Intention ist eine Willenskraft, die dem Subjekt kraft seiner selbst zu eigen ist. Sie ist im Kern unbeeinflusst von der Welt, in der das Subjekt lebt. In dieser Vorstellung eines autonomen Subjekts unterliegen Handlungen ausschließlich dem ausführenden Subjekt, d.h. hinter jeder Tat steht ein/e Täter/in.“ (ebd.)

Foucault sucht einen Weg jenseits dieser Subjektphilosophie und der logischen Gliederung des Subjekts durch Sprachwissenschaftler. Foucault spricht in diesem Zusammenhang vom „Tod des Subjekts“.16 Wissenschaftspolitisch versucht Foucault das Individuum aus der Individuation zu befreien und stellt sich damit außerhalb der klassischen Denktradition des humanistischen Denkens. Ihm geht es nicht um eine „Theorie des Subjekts“, sondern um den „Ort der Diskurse“ als Ort der Objektivation.

Bei der Lektüre Foucaults kam ich, wie auch Gerburg Treusch-Dieter, zu der paradoxen Feststellung, dass bei Foucault überall und nirgends Frauen vorkommen (vgl. Bührmann 2001, 123). Diesem Gefühl geht Andrea Bührmann theoretisch nach. Sie macht zwei Perspektiven in der Lesart Foucaults aus. Aus einer gegenstandsorientierten Perspektive erscheint es, dass Frauen weitgehend ausgeblendet sind. Die Disziplinierungstechniken in Überwachen und Strafen erscheinen als allgemeine. Bührmann kommt zu dem Schluss: „Zwar unterliegen Männer und Frauen diesen Disziplinierungen im Hinblick auf ihre Tätigkeiten im Produktionsbereich. Doch werden Frauen darüber hinaus in anderer, nämlich widersprüchlicher Weise diszipliniert.“ (ebd., 125) Auch in Sexualität und Wahrheit beschreibt Foucault lediglich die Normalisierung bürgerlicher Männer, deren Begehren sich erst zum richtigen Zeitpunkt und auch auf die richtige Partnerin richten soll (vgl. Foucault 1998, 126ff., ders. 1994, Bd. 2, 536f.). Das hat zur Folge, dass Foucault nicht normale Individualitätsmerkmale herausarbeitet, sondern männliche. „(P)ositiv ausgedrückt: Foucault beschreibt die Hervorbringung hegemonialer Subjektivierungsweisen, die sich als spezifisch männliche Subjektivierungsweisen dechiffrieren lassen“ (Bührmann 2001, 126f.). Zweitens wird Geschlecht als soziale Strukturkategorie ausgeblendet. In einer methodologisch-methodischen Perspektive jedoch, eröffnet Foucault den Blick auf „[…]die Konstruktionsweisen geschlechtlicher Subjektivierungsweisen der Moderne[…]“ (ebd., 127). Denn Subjektivierung ist immer Resultat historisch-kontingenter diskursiver und nicht-diskursiver Transformationsprozesse. „Insofern existiert für Foucault keine Form von Subjektivität, die nicht das Resultat historisch kontingenter Konstitutionsbedingungen ist. Vielmehr stellen Subjektivierungsweisen für Foucault das materiell existierende Produkt diskursiver und nicht-diskursiver Praktiken dar.“ (ebd., 129) Foucault betont, dass die „polymorphen Verhaltensweisen“ aus den realen Körpern und Lüsten extrahiert worden sind. Bührmann konstatiert,

„[…]dass Foucault im Rahmen seiner Analysen zur dispositiven Formierung bzw. Transformierung moderner Subjektivierungsweisen fragt, welche Subjektivierungsweisen, von wem, mit welchen Begriffen und im Hinblick auf welche strategischen Ziele diskursiv hervorgebracht werden, sondern auch im Sinne einer Machtanalyse den Fragen nachgeht, weshalb, wie und durch wen oder was eine bestimmte Weise der Subjektivierung hegemonial wird und andere nicht“ (ebd., 131).

In der hegemonialen Subjektivierung werden Menschen auf die heterosexuelle Einehe normiert. In der Begründung dieser Subjektivierung ist Foucault widersprüchlich. Wendet er sich zum einen gegen eine funktionalistische Sicht dieser Subjektivierung, die diese als Abrichtung auf die Bedürfnisse des Kapitalismus sieht (vgl. Foucault 1998, 64), so betont er an anderer Stelle, dass die Subjektivierung der Körper eine Ausrichtung auf die Bedürfnisse des Kapitalismus darstellt. Aus dieser Perspektive kommt Foucault auch zu der Auffassung, dass Homosexualität nicht mit dem Kapitalismus kompatibel ist, da hierin nicht die Arbeitskraft reproduziert wird. Politisch muss es daher einerseits um die Befreiung der Frau, andererseits um männliche und weibliche Homosexualität, also die Abkoppelung von sex und Begehren, gehen.

„Was jetzt in Frage gestellt wird, ist: Wird man seinen eigenen Körper und ebenfalls den Körper der anderen – mit allen darin enthaltenen Bezügen – für etwas anderes gewinnen können als für jenen Gebrauch zum Zweck der Arbeitskraft – ja oder nein? Es ist dieser Kampf für den Körper, der aus der Sexualität ein politisches Problem macht. Es ist verständlich, dass unter diesen Bedingungen die so genannte normale Sexualität (das heißt die Arbeitskraft reproduzierende) sich als normativ zeigen will, und zwar mit allem, was dies als Zurückweisung der anderen Sexualitäten und auch der Unterwerfung der Frau voraussetzt. Und es ist gleichfalls völlig normal, dass man in der politischen Bewegung, die die Wiedererlangung des Körpers anstrebt, Bewegungen für die Befreiung der Frau sowie für männliche oder weibliche Homosexualität findet“ (Foucault zitiert nach Taureck 2001, 126; Foucault 1994, Bd. 2, 536 f.).

Um den Sex herum macht Foucault vier strategische Wissens- und Machtdispositive aus: 1. Die Hysterisierung des weiblichen Körpers, 2. Die Pädagogisierung des kindlichen Sexes, 3. Die Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens, 4. Die Psychiatrisierung der perversen Lust (vgl. Foucault 1998, 126f.). Als eine erste Person dieser Diskursivierung sieht Foucault die Frau:

„Die Person, die als erste vom Sexualitätsdispositiv besetzt wurde und als eine der ersten sexualisiert wurde, war die ‚müßige’ Frau zwischen der ‚großen Welt’, in der sie einen Wert darstellte, und der Familie, in der ihr zahlreiche neue eheliche und elterliche Pflichten zugewiesen wurden: auf diese Weise kam die ‚nervöse’ Frau zustande, die von ‚Vapeurs’ befallene Frau; hier hat die Hysterisierung der Frau ihre Verankerung gefunden.“ (ebd., 145)

Historisch hat das Sexualitätsdispositiv das Allianzdispositiv abgelöst. Mit Allianzdispositiv fasst Foucault das traditionelle System des Heiratens und der Verteilung der Eigentümer (ebd., 128). Mit der Herausbildung des Sexualitätsdispositivs, welches dem Allianzdispositiv einen anderen Stellenwert zugewiesen hat, ging eine Ausweitung der Machttechniken einher. Von daher schlägt Foucault vor, das Sexualitätsdispositiv auch von den Machttechniken her zu denken, welche ihm zeitgenössisch sind. Dies macht deutlich, dass das Sexualitätsdispositiv nichts statisches ist, sondern permanent durch Machtkämpfe verändert wird. Das Sexualitätsdispositiv ist historisch im 18. Jhdt. durch die Verwissenschaftlichung des Sexes und der Körper entstanden. Das Dispositiv ist hierbei eine strategisches und funktionales Verhältnis von Machtbeziehungen, „[…]die sich gegenseitig befördern und hemmen[…]“ (Seier 2001, 103). Durch dieses heterogene Netz von Machtbeziehungen, welches Diskurse, Institutionen, Gesetze und Architekturen gleichermaßen umfasst (ebd.), findet eine strategische Zurichtung der Sexualität als Dispositiv statt. Siegfried Jäger schreibt, dass Foucault das Dispositiv erfand, um die Diskurse in eine historische und aktuelle Wirklichkeit einbetten zu können (vgl. Jäger 2001, 75). Offen bleibt, wie Foucault sich das empirische Verhältnis von Diskurs und Dispositiv denkt. Insbesondere da Foucault keine konsistente Theorie hinterlassen hat, sondern seine Standpunkte immer wieder verändert hat.17

Foucault konstatiert in modernen Gesellschaften eine „diskursive Gärung“ (Foucault 1998, 28), in der Form, dass sich diese Gesellschaften eben nicht dadurch auszeichnen, das sie den Sex ins Dunkel verbannen, sondern dadurch, dass sie unablässig von ihm sprechen (ebd., 49). Der Sex ist in modernen Gesellschaften zum „[…]öffentlichen Einsatz zwischen Staat und Individuum geworden[…]“ (ebd., 39). Foucault spricht von einem geregelten Anreiz zum Diskurs. Wer jedoch die Regeln aufstellt bleibt offen. Sexualitätsdiskurse sind nicht gegen die Macht gerichtet, sondern durch sie entfaltet sich Macht erst. Hierdurch kommt es zu der Ironie, dass das Dispositiv als Befreiung erscheint, obwohl es um Macht geht (ebd., 190).

Innerhalb des Sexualitätsdispositiv gibt es einen Diskurs zum Geschlechterbegriff. Hierbei geht es theoretisch um die Konstruktion des Geschlechts, politisch um die Kontrolle der Normierung der Lüste, ökonomisch um neue KonsumentInnen und medizinisch um neue Reproduktionstechniken wie die In-vitro-Fertilisation18. Foucault betont die herausragende Stellung des Geschlechts als Instrument der „Disziplinierung“ des Menschen in der Moderne.

„Das Geschlecht wird also ein Instrument der ‚Disziplinierung’, es wird zu einem der wichtigsten Elemente der Anatomo-Politik[…], andererseits sichert das Geschlecht aber auch die Reproduktion der Bevölkerungen, und mit dem Geschlecht, mit einer Politik des Geschlechts ist es möglich, die Beziehung zwischen Geburten- und Sterblichkeitsrate zu verändern. In jedem Fall gliedert sich die Politik des Geschlechts in jene Lebenspolitik ein, die im 19. Jahrhundert so wichtig werden wird. Das Geschlecht liegt am Berührungspunkt zwischen Anatomo-Politik und Bio-Politik, am Schnittpunkt von Disziplin und Regulierung, und in dieser Funktion ist es am Ende des 19. Jahrhunderts eines der wichtigsten politischen Mittel geworden, um aus der Gesellschaft eine Produktionsmaschine zu machen.“ (Foucault 1999, 186)

Die Bio-Macht ist für Foucault ein unerlässliches Element in der Herausbildung des Kapitalismus, denn dieser kann ohne „[…]kontrollierte Einschaltung der Körper in die Produktionsapparate und ohne Anpassung der Bevölkerungsphänomene an die ökonomischen Prozesse[…]“ (ders. 1998, 168), nicht existieren. Hier liegt Foucault ganz auf der Linie von Marx, obwohl er sich an anderen Stellen von Marx auch abgrenzt. Auch Marx geht von einer Zurichtung der Menschen für die kapitalistische Produktion aus, die dieser detailliert in Berichten über Arbeitshäuser beschreibt. Des weiteren zieht Marx mehrfach Bezüge zur Bevölkerungsentwicklung und dem Zusammenhang zum kapitalistischen Akkumulationsprozess (vgl. MEW 23, 657ff.). Geht es Marx um die Subjekte und ihre Lebensbedingungen, so geht es Foucault einzig um die Subjektivierungen durch Diskurse. Materialität bekommen Subjektivierungsweisen bei Foucault dadurch, dass sie Produkt diskursiver und nicht-diskursiver Praxen sind (vgl. Bührmann 2001, 129). Auf das ungeklärte Verhältnis von diskursiven und nicht-diskursiven Praxen bei Foucault weist Jäger hin und schlägt methodisch vor, als Vermittlungstheorie die Tätigkeitstheorie von Leontjew und Wygotzki in die Analyse mit hineinzunehmen (vgl. Jäger 1993, 85 ff; ders. 2001, 76 ff.).19 Foucaults Perspektive auf die Subjektivierungen durch Diskurse, ist der Analyse der Lebensbedingungen nicht nachzuordnen. Erlaubt seine Analyse es doch, eine Verschiebung der Regulierungstechniken der Bevölkerungspolitik, welche auf eine Optimierung der Gesamtbevölkerung ausgerichtet sind, herauszuarbeiten.20 Mit dem Ergebnis, dass das gestehende Individuum gerade durch das Geständnis ein spezifisches Verhältnis zu sich aufbaut. Die Frage wie viele Kinder möchte ich oder die Entscheidung nur gesunde Kinder zur Welt zu bringen ist antizipierte Bevölkerungspolitik. In den Manuskripten arbeitet Marx den Zusammenhang von kPw und Bevölkerungstheorie heraus, und kommt – vor dem Hintergrund der Entwicklung des Kapitalismus und den Lebensbedingungen der Menschen seiner Zeit – zu dem Schluss: „Es gibt zu viel Menschen.“ (MEW 40, 551). Mit Foucault kann das Spannungsverhältnis „[…]eine[r] stets disponible[n], industrielle[n] Reservearmee[…]“ (MEW 23, 502) und einen „zu viel“ an Menschen nicht herausgearbeitet werden.

Andrea Trumann arbeitet die (unbewusste) Antizipation herrschender (neoliberaler) weiblicher Subjektkonstruktionen heraus. Ihr Fazit:

„Die Suche nach weiblicher Identität entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Prozess der Konstituierung einer als unmittelbar und ursprünglich gedachten Sexualität der Frau (Trumann analysierte, dass es beispielsweise Frauenselbsthilfegruppen und ihre Diskussionen waren, also der Zwang zum Geständnis, der eine spezifische Identität hervorbrachte. R.B.)[…]. Der eigene Anteil an der Konstruktion einer spezifisch weiblichen Natur hat die Frauenbewegung nicht durchschaut, und so konnte sich eine neue, strukturelle Form von Herrschaft etablieren, die also solche nicht mehr unmittelbar erkannt wird, weil sie nicht mehr in Gestalt einer äußeren Autorität auftritt“ (Trumann 2002, 178).21

Abschließend soll geklärt werden, wie und an welchen Stellen Foucault fruchtbar für die weitere Analyse der Subjektkonstruktion und –konstitution in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen ist.

Aus einer marxistischen ökonomie- und subjekttheoretischen Perspektive muss Foucault hinsichtlich des Fehlens der Untersuchung der Ökonomie, wie auch der Ausblendung der tätigen realen Individuen kritisiert werden. Ökonomie existiert bei Foucault lediglich als Diskurs, bzw. baut auf diesen auf (vgl. Bublitz 2001, 28). Fruchtbar ist Foucaults Analyse der Macht. War Macht und Herrschaft am Anfang von Foucaults Werken synonym, so unterscheidet er seit Ende der 1970er Jahre Macht und Herrschaft. War Macht am Anfang auf den individuellen Körper und seiner disziplinären Zurichtung orientiert, so erweitere Foucault sein Instrumentarium, um das Verhältnis von Subjektivierungsprozessen und Herrschaftsformen fassen zu können (ebd., 108). Der Begriff der Regierung ist einmal das Bindeglied zwischen Macht und Herrschaft, zweitens eine Vermittlung zwischen Macht und Subjektivität, und drittens dient er der Analyse des Macht-Wissens-Komplexes. In der Foucaultschen Machtanalyse gibt es drei Ebenen: 1. die grundlegende Ebene der strategischen Beziehungen, hier geht es darum Einfluss auf andere Individuen zu bekommen, 2. die Ebene der institutionalisierten Herrschaftsausübung, hier sind alternative Handlungsmöglichkeiten und Freiheitsspielräume stark eingeschränkt und 3. die Regierungstechnologien als vermittelnde Ebene zwischen strategischen Beziehungen und Herrschaftszuständen (ebd., 118 f.). Regierungstechnologien zeichnen sich durch eine Verknüpfung von Selbst- und Fremdführungstechniken aus. „Man muss die Punkte analysieren, an denen die Herrschaftstechniken über Individuen sich der Prozesse bedienen, in denen das Individuum auf sich selbst einwirkt. Und umgekehrt muss man jene Punkte betrachten, in denen die Selbsttechnologien in Zwangs- oder Herrschaftsstrukturen integriert sind.“ (ebd., 119) Dieser Analyseblick ist unbedingt notwendig, obwohl hierbei das Verhältnis von Herrschaft zu Macht ungeklärt bleibt, also ob Herrschaft Macht determiniert.

„Schließlich kommt der Analyse der Regierungstechnologien auch eine wichtige kritische Bedeutung zu, da durch sie festgelegt wird, wie offen oder fixiert die strategischen Spiele ablaufen, ob sie sich zu Herrschaftszuständen verhärten oder die Möglichkeit von ‚Freiheitspraktiken’ [Begriff von Foucault, R.B.] eröffnen.“ (ebd., 120 f.)

Foucault gibt einem mit seiner Machtanalyse ein Werkzeug an die Hand, Macht nicht eindimensional oder juridisch22 zu analysieren, sondern in einer poststrukturalistischen Variante Machtkämpfe überall und zentrumslos, ohne steuerndes Subjekt zu denken. Jedoch bleibt das Verhältnis von Macht und Herrschaft undeutlich und bedarf einer analytischen Präzisierung. In dieser Arbeit wird Antonio Gramsci mit seiner Hegemonietheorie und seiner Analyse der Zivilgesellschaft in Verbindung mit dem Alltagsbewusstsein der Subjekte, diese Präzisierung darstellen. Des weiteren muss eine theoretische Möglichkeit gefunden werden, die Subjekte nicht lediglich als Diskursträger, sondern als Diskursteilnehmer zu sehen (vgl. Dörfler 2001, 89). Foucaults Diskursanalyse sucht nicht nach dem Subjekt der Aussage, sondern nach den Bedingungen der Aussage des Subjektes. Hierbei sind die Bedingungen nicht die Verhältnisse in denen die Menschen Leben (wie bei Klaus Holzkamp, oder das Sein bei Marx), sondern Diskursregeln nach denen die Menschen sprechen. Nach Jäger geht Foucault „[…]von einem Dualismus zwischen Diskurs und Wirklichkeit aus. Foucault übersieht hierbei, dass die Diskurse und die Welt der Gegenständlichkeiten bzw. Wirklichkeiten substantiell miteinander vermittelt sind und nicht unabhängig voneinander existieren“ (Jäger 2001, 76). Da Foucault Diskurse nicht als Arbeit bzw. Tätigkeit begreift, kommt er in der Vermittlung von Subjekt und Objekt nicht weiter (ebd., 79). Hierdurch kann Foucault auch nicht erklären – unter der Voraussetzung, dass man Subjekte als nicht völlig determiniert begreift – wie sich hegemoniale und Gegendiskurse gegenseitig verändern und brechen. Denn es muss davon ausgegangen werden, dass die Subjekte zwar hegemonial subjektiviert werden, sie andererseits hegemoniale Begriffe umbesetzen sowie mit eigener Erfahrung und eigenen Werten besetzen. Diskurse also als eine widersprüchliche Einheit von hegemonialen und gegenhegemonialen Diskursen zu analysieren sind, die durch die Tätigkeit der Individuen wirkungsmächtig sind.

Hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Perspektive kann festgehalten werden, dass die Kategorie Geschlecht im foucaultschen Sinne ein Dispositiv darstellt, und dass die Rede über die Lüste, Begehren und um den Sex keine befreienden Praxen darstellen, sondern eingebunden sind in eine (kapitalistische) Normierung der Subjekte. Für die Analyse bedeutet dies, dass einerseits das Verhältnis von Subjektivierung und Selbst-Konstruktion analysiert und als Artikulationsverhältnis zur kapitalistischen Geschlechterkonstitution gedacht werden muss, zweitens das wissenschaftspolitisch der Kampf um die Begriffe auf eine gegen die Normierung gerichtete Praxis der Subjekte ausgerichtet sein muss. Paraphrasiert mit Foucault gesprochen: Das geschlechtliche Subjekt muss sterben. Butler verdeutlicht das epistemologische Dilemma: Das feministische Subjekt erweist sich nämlich als dasjenige, welches durch das politische System erst diskursiv konstituiert wurde, welches zugleich seine Emanzipation ermöglichen soll (vgl. Butler 1991, 17). Deutlich wird hier das erkenntnistheoretische Problem vor dem Menschen stehen, die Frauenemanzipation durch Quotenregelung, gender mainstreaming, kurz: Gleichstellungspolitik durchsetzen wollen. Problematisch ist dies, da gezeigt werden kann, wie geschlechtlich konstituierte Subjekte (gendered subjects) durch Herrschaftspraktiken hervorgebracht werden.

Im Anschluss an diese forschungsleitenden Aspekte stellt sich die Frage, wie das Sexualitäts- und Geschlechterdispositiv auf die Handlungsfähigkeit der Subjekte wirkt, wie die Geschlechterhierarchie reproduziert wird, und wie das Artikulationsverhältnis von Geschlecht und kapitalistischer Produktionsweise aussieht. Denn es ist davon auszugehen, dass sich in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen diese Dispositive finden lassen und somit Gewerkschaftsmitglieder diese aktiv mit Inhalt füllen, reproduzieren aber auch verändern.

Frauenformen: Frauen zwischen Formierung und Selbstformierung

Seit Beginn der 1980er Jahre veröffentlichen F. Haug und andere unter dem Titel Frauenformen Forschungsergebnisse zur weiblichen Vergesellschaftung. Dieser Begriff ist entwickelt worden aus Sèves Kategorie der Individualitätsform. Hiermit ist gemeint, dass Subjekte in jeder Epoche fertige Formen vorfinden, in die hinein sich ihre Persönlichkeit entwickeln kann und muss. Hierdurch kann analytisch sowohl die eigene Aktivität als auch die gesellschaftlichen Bedingungen gefasst werden: Formierung ebenso wie Selbstformierung (vgl. Meyer-Siebert 1994, 867). Eine weitere Zusatzbedeutung des Begriffs besteht in der körperlichen Form: Frauenformen als Idealmaße in die sich Frauen zwängen. Es gilt die vielfältigen Felder aufzuzeigen, in denen Frauen diskriminiert werden, sowie diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Der Formierung liegen drei irrtümliche Annahmen zu Grunde: 1. das Menschen, insbesondere Frauen, beliebig formbar sind (Kritik an der Sozialisationstheorie), 2. das die Formierung von bestimmten Interessengruppen gesteuert wird; ein poststrukturalistischer Ansatz, 3. das die Einzelnen durch ihren Eintritt in die Gesellschaft sich selbst fremd werden (vgl. ebd., 867; Haug, F. 1990, 175f.). F. Haug erweitert den Vergesellschaftungsbegriff ideologietheoretisch und argumentiert, dass die Einzelnen sich die vorgefundenen Bedingungen in widersprüchlichen Prozessen aneignen und so ihre Persönlichkeit herausbilden. Männlichkeit und Weiblichkeit sind demnach „historische Individualitätsformen“. In den sozialkonstruktivistischen Ansätzen von Regine Gildemeister und Angelika Wetterer und den dekonstruktivistischen von Butler ist theoretisch das Verhältnis von „[…]gesellschaftlicher Praxis, handelnden Subjekten und sozialer Konstruktion, mithin die Möglichkeit von Veränderung[…]“ (Meyer-Siebert 1994, 869) nicht geklärt. Wie oben dargestellt, ist die Kritik in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten, sondern unterstellt ihrerseits ein normatives Verständnis von Veränderung. „Im Begriff der F[rauenformen] wird dieses Verhältnis als ein dialektisches aufgefasst“ (ebd.). F. Haug entwickelt ihre Frauenformen aus den subjekttheoretischen Thesen von Marx über Feuerbach. In den ThF wird dargelegt, dass die von den Einzelnen vorgefundene Wirklichkeit eine Abstraktion und somit als geformt zu verstehen ist. Über den Produktionsbegriff von Marx und Engels in der DI sind die Geschlechterverhältnisse in die sich historisch unterschiedlich herausbildenden Formen einbezogen (ebd., 871). Marx und Engels sprechen in der DI von der Produktion der Lebensmittel und von der Produktion des Lebens. Engels benennt in Ursprung der Familie die Familie als Form der Gattungsproduktion, in der Frauenunterwerfung stattfindet. „Mit seinem Begriff der ‚historischen Individualitätsform’ baut Sève den Marxschen Formbegriff für seine Persönlichkeitstheorie um. Er bezeichnet damit die „[…]‚objektiven’ Bestimmungen von Individualität, wie sie sich im Kontext gesellschaftlicher Arbeitsteilung herausgebildet haben und von den konkreten Individuen angeeignet werden (müssen).[…] Sèves ‚Individualitätsform’ bezieht das ‚Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse’ auf die Ebene des Individuums und seine Entwicklung[…]“ (ebd., 872). Aus der Perspektive der Theorie der Frauenformen bekommt der Begriff Frau eine dialektische Bedeutung: „’Frau’ bezeichnet die Form des weiblichen Geschlechts und das konkrete Individuum, das sich als Frau formiert, indem es sich die Geschlechtsform aneignet.“ (ebd., 873) In diesem Sinne wird im weiteren der Begriff „Frau“ verwendet. Mit der Perspektive der Frauenformen ist es also möglich, neben den Machttechniken und Subjektivierungen, die gesellschaftliche Form in der sich Geschlechtssubjekte bewegen wie auch die Aneignung dieser Form und die Bewegung darin, mit in den Blick zu nehmen.

Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse

F. Haug erarbeitet eine „Theorie der Geschlechterverhältnisse“, mit der sie sich zugleich abgrenzt gegen unterschiedliche feministische Erklärungsansätze, aber auch die marxistisch-feministische Debatte voranbringen will. Den Diskurswandel von der Frauenfrage (die die Produktionsverhältnisse ausblendet) hin zur Kategorie des Geschlechts wird kritisiert (s.o). Aus der Perspektive der Theorie der Geschlechterverhältnisse ist die Rede von der Geschlechterherrschaft problematisch, denn diese Analogie zur Klassenherrschaft ist schief. Auch Annie Bidet-Morel und Jaques Bidet sehen keine strukturelle Gemeinsamkeit zwischen Klassen- und Geschlechterverhältnissen. Bei Klassen sehen sie die Möglichkeit, dass diese sich historisch auflösen, Geschlechter hingegen lösen sich nicht auf (vgl. Bidet-Mordel; Bidet 2001, 792)23. Diese These stimmt nur solange, wie Geschlechter als natürliche aufgefasst werden. Die Analogie von Klassen- und Geschlechterverhältnisse muss verschoben werden, hin zu der Frage, wie sich beide miteinander verbinden. Die wechselseitige Abhängigkeit von Klassen- und Geschlechterverhältnissen untersucht Michèle Barrett in ihrem Buch Das unterstellte Geschlecht (vgl. Barrett 1990). Für F. Haug sind Geschlechter nicht etwas durch Herrschaft hervorgebrachtes (wie Klassen), sondern etwas natürliches (vgl. Haug, F. 2001, 779; dies. 1994, 504f.). Martha E. Gimenez interpretiert hier F. Haug anders und sieht bei F. Haug Geschlechter als historisch konstruiert. Sie grenzt sich dagegen ab und betont ihrerseits die Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit (vgl. Gimenez 2001, 799). Durch die Naturalisierung der Zweigeschlechtlichkeit werden jedoch einerseits Subjekte normiert, andererseits die durch Machtkämpfe hegemonial durchgesetzte biologisch-medizinische Methode nicht hinreichend erkannt. Dies führt zu Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten der Subjekte (s.o.), die es ja gerade aus der Perspektive F. Haugs zu erweitern gilt. An Butler anknüpfend will F. Haug einerseits die „Verschiebungen der Machtkämpfe“ zwischen den Geschlechtern, andererseits die Artikulationsverhältnisse von Rasse, Klasse und Geschlecht analysieren und somit den Zusammenhang von Produktionsverhältnissen und Geschlechterverhältnissen in den Blick nehmen (vgl. Haug, F. 2001, 779).

Die zweite Frauenbewegung konzentrierte sich auf das Verhältnis der beiden Herrschaftsformen Kapitalismus24 und Patriarchat. Hierbei hat der Begriff des Patriarchats eine doppelte Bedeutung in der Debatte. Einerseits ist er dem Soziologen Max Weber (vgl. Weber 1972, 212ff.) entnommen, für den Patriarchat eine bestimmte Haushaltsorganisation ist, die vom Vater beherrscht wird; andererseits wird hierunter eine allgemeine Männerherrschaft verstanden (vgl. Barrett 1990, 19). Kate Millet argumentiert, dass Frauen immer der Männerherrschaft unterliegen: Klassenherrschaft ist weniger dauerhaft als Männerherrschaft. Barrett kritisiert diese Position, da hierdurch die Bedeutung der Klassengegensätze für das reale Leben der Frauen geleugnet wird. Des weiteren kritisiert sie, dass Millet Männerherrschaft als unabhängig und a historisch von der kapitalistischen oder jedweden anderen Produktionsweise denkt (ebd.). Die Diskussion um das Patriarchat ließ den Frauen wenig Handlungsmöglichkeiten, zumal, da auch eine Form des „feministischen“ Biologismus entstand. Gegen diesen „feministischen“ Biologismus argumentiert Christine Delphy u.a. Sie entwickeln eine materialistische Analyse der Frauenunterdrückung und nehmen so die Artikulation von Klassen- und Geschlechterverhältnissen in den Blick (ebd., 21f.). Ausgeblendet bleibt bei der Perspektive der Frauenunterdrückung die Selbsttätigkeit der Frauen an dieser Unterdrückung. Die marxistische Richtung in der zweiten Frauenbewegung knüpfte in dieser Debatte an Mao Zedong an und brachte die Begriffe Haupt- und Nebenwiderspruch in die feministische Diskussion. Und an Marx wurde angeknüpft, um die Geschlechterthematik an die Klassenfrage zu binden. Hierbei entstand die Problematik, ob und wie diese Verhältnisse als Produktionsverhältnisse zu fassen sind. Linda Phelps fasste Kapitalismus und Patriarchat als unterschiedliche Produktionsverhältnisse auf, bei Zilah Eisenstein sind es zwei unterschiedliche Produktionsweisen die sich gegenseitig stützen (vgl. Haug, F. 1994, 509ff.). F. Haug knüpft an Marx und Engels in der DI an und zeigt, dass die Produktion des Lebens ein „doppeltes Verhältnis“ darstellt. In diesem wird einerseits das eigene Leben als gesellschaftliches Verhältnis reproduziert, andererseits neues Leben gezeugt25. Sie schlägt daher vor „[…]die Entwicklung der Produktivkräfte, der Beschaffung des Lebensunterhalts und der Formen, in denen Fortpflanzung und Aufzucht geregelt sind, als miteinander verschränkt zu denken“ (ebd., 498). Hierbei wird die Produktion und Aufzucht des Lebens hegemonial den Frauen als „Privatsache“ zugewiesen, daher bleibt die gesellschaftliche Lösung dieser Reproduktion eine fundamentale Aufgabe (ebd., 496). Mit dem Begriff der Geschlechterverhältnisse will F. Haug „[…]die Einspannung der Geschlechter in die gesellschaftlichen Gesamtverhältnisse kritisch[…]untersuchen[…]“ (ebd., 493) und zugleich die Geschlechterverhältnisse als Praxisverhältnisse fassen und somit einerseits die Formierung der Subjekte wie auch die „[…]Reproduktion des gesellschaftlichen Ganzen[…]“ (Haug, F. 2001, 762) zum Erkenntnisgegenstand machen. Dies ist ein ambitioniertes Projekt, an dem theoretisch und empirisch festgehalten werden sollte. Der ihm inhärente Biologismus allerdings muss überwunden werden. Zudem muss in dem Ansatz einerseits der Aspekt der Diskursivierung der Subjekte gestärkt, wie auch andererseits die Einarbeitung von Widerstand methodisch berücksichtigt werden. Obwohl die Theorie der Geschlechterverhältnisse die Praxen der Subjekte in den Blick nimmt, geraten Widerstandspraxen aus dem Blick. Werden Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse gefasst, so lässt sich das Artikulationsverhältnis von individueller und gesellschaftlicher Reproduktion analysieren und hierbei die Macht- und Unterdrückungsstrukturen wie auch die Praxen der Subjekte fassen. Hier ergänzt die Theorie der Geschlechterverhältnisse die zuvor erarbeitet Theorie der Frauenformen bzw. kann letztere in eine Gesellschaftstheorie einbinden.

Gender Mainstreaming

Ging es in den Abschnitten zuvor um Theorie, so geht es jetzt um ein politisches Konzept. Das Problem an dieser Stelle war das der Einordnung und Zuordnung. Einerseits muss Gender Mainstreaming zunächst einmal als Konzept erklärt werden – und daher steht es an dieser Stelle der Arbeit – zum anderen geht es um eine diskursanalytische Untersuchung gewerkschaftlicher Texte zu Gender Mainstreaming und dem Geschlechterbild, welches dadurch vermittelt wird und als Anrufung und Normierung an die Subjekte wirkt.

Der Begriff Gender Mainstreaming wurde zum ersten Mal 1985 bei der Weltfrauenkonferenz in Nairobi in die Diskussion gebracht. Es war ein ökonomisch determinierter Diskurs bei dem es darum ging, Fördergelder geschlechtergerecht zu verteilen. Das heißt, der Begriff ist aus der globalen Peripherie in die politische Diskussion eingebracht worden. Dies zu berücksichtigen ist notwendig, um die Verschiebungen im Begriff Gender Mainstreaming herausarbeiten zu können. Einer Verschiebung die im Zentrum zu einem Konzept bürgerlicher Frauen und somit einem herrschenden Klassenprojekt, geworden ist (s.u.). 1995 startete in Beijing eine Initiative zum Gender Mainstreaming, die dieses Konzept in der „plattform of action“ ausdrücklich als frauen- und gleichstellungspolitische Strategie artikuliert (vgl. Döge 2001, 8). Seit dem vierten Aktionsprogramm der Europäischen Gemeinschaft zur Gleichstellungspolitik (1996) und später durch den Amsterdamer Vertrag (1999), gilt Gender Mainstreaming als zu verwirklichendes Konzept in der Europäischen Union (EU). Gertraude Krell u.a. verweisen jedoch darauf, dass es eine „[…]kodifizierte Ausgestaltung und eine autorisierte Definition des Gender Mainstreaming[…]“ (dies. 2000, 5) bisher nicht gibt. Am 26. März 1998 erstellte ein Sachverständigenrat für den Europarat den Bericht L’approche intégrée de l’égalité entre les femmes et les hommes. Cadre conceptuel, méthodologie et présentation des ‘bonnes pratiques’. Krell u.a. kritisieren die schlechte deutsche Fassung vom Juni 1998. In ihrer Übersetzung bedeutet Gender Mainstreaming:

„Gender Mainstreaming besteht in der (Re-) Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung der Entscheidungsprozesse, mit dem Ziel, dass die an politischer Gestaltung beteiligten AkteurInnen den Blickwinkel der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und auf allen Ebenen einnehmen.“ (ebd.)

Gender Mainstreaming ist ein top-down-Ansatz, der von Führungskräften ausgehend auch untere Hierarchieebenen erreichen soll. Ziel ist eine Geschlechterdemokratie der als männlich und weiblich konstituierten Subjekte. Die binäre Geschlechterkonstruktion wird in diesem Konzept als gegeben angenommen, wodurch Entwicklungsblockaden und andere Geschlechter (s.o.) bei den Subjekten ausgeblendet werden. Seit Juni 1999 ist Chancengleichheit beider Geschlechter Leitziel der bundesdeutschen Politik. Gender Mainstreaming-Prozesse werden in unterschiedlichen Bundesländern (Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt) und in einigen Kommunen umgesetzt (vgl. Döge 2001, 9). Andere europäische Länder wie Schweden, Finnland und Norwegen, haben seit Mitte der 1990er Jahre Programme für Chancengleichheit in die staatliche Politik aufgenommen. In § 5 der ver.di-Satzung ist Gender Mainstreaming als Strategie festgeschrieben, ebenso orientiert sich die Heinrich-Böll-Stiftung an diesem Konzept (vgl. ebd., 9; § 10 der Satzung der Heinrich-Böll-Stiftung e.V.; § 5 der Satzung der Gewerkschaft ver.di). Ansätze finden sich auch bei der Weltbank, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Das Instrumentarium, mit dem Gender Mainstreaming umgesetzt wird, besteht aus den Punkten: Öffentlichkeitsarbeit (Kampagnen, Publikationen), Netzwerkarbeit (Einbeziehung von Nichtregierungsorganisationen), speziellen Programmen (spezielle Projektausschreibungen), Monitoring (Evaluation, Qualitätssicherung), Bildungsarbeit (Gender-Trainings), Wissenschaft (Geschlechterforschung), umfassende Gleichstellungsstatistiken (Statistik und Befragung), top-down-Prinzip (Engagement ausgehend von der Führungsebene), Gleichstellungsprüfung (Gender-Expertisen), Gender Impact Assesment (Bewertung der geschlechtsbezogenen Relevanz) und SMART (simple method to assess the relevance of policies to gender; Zielgruppenorientierung der Maßnahme) (vgl. Weinbach 2001, 8). Methode der Umsetzung ist die aus Schweden kommende so genannte 3-R-Methode. 3-R steht für: Repräsentation (Horizontale und vertikale Repräsentation von Frauen und Männern in einer Organisation), Ressourcen (Geschlechtsspezifische Verteilung der Verfügbarkeit unterschiedlicher Ressourcen) und Realia (Umsetzung) (vgl. Döge 2001, 24; Ausblick 2000, 4f.).

Hegemonialer Erfolg

Seit den 1970er Jahren war die Stoßrichtung der autonomen und gewerkschaftlichen Frauenbewegung ausgerichtet auf staatliche Politik: Gekämpft wurde um Gleichstellungspolitik. „In dieser Logik ist die Institutionalisierung von Frauenpolitik in Form von Gleichstellungsbeauftragten und Gleichstellungsgesetzen, Frauenvertreterinnen, Frauenarbeitskreise etc. eine Folge von auf Hegemoniegewinn ausgerichteter Frauenpolitik“ (Weinbach 2001, 6f.). Peter Döge weist auf einen zweiten Entstehungskontext hin: den der Entwicklungspolitik, wie er sich in Nairobi auf der Weltfrauenkonferenz äußerte (vgl. Döge 2001, 8; s.o.).

Eine neue Qualität der Frauenbewegung ist es, dass ihre Forderungen auf europäischer und internationaler Ebene zur offiziellen Leitlinie geworden sind. Jedoch, und das ist für Heike Weinbach bemerkenswert, werden in der offiziellen Frauenpolitik die Geschichte der Frauenbewegung, ihre innere Widersprüchlichkeit und die widersprüchliche Zusammensetzung entnannt. „Die Universalisierung von Gleichstellungspolitik erscheint als ein notwendiges Resultat der Zentralisierung von staatlicher Machtpolitik zum Wohle aller Frauen und Männer.“ (Weinbach 2001, 7) Der hegemoniale Diskurs entnennt somit die AkteurInnen und entfremdet ihnen das Ergebnis sozialer Kämpfe. Hierdurch verändern nicht mehr die Alltagspraxen das Gesicht der Welt, sondern die offizielle Politik. In folge dessen sind es nicht mehr die Kämpfe der Frauen, sondern es geht um machtstrategische Nuancen der Institutionalisierung und Kodifizierung sowie der ideologischen Schulung, angefangen beim Management bis hin zu den AkteurInnen auf unterster Ebene. Weinbach hebt hervor, dass die Ausblendung der feministischen Debatten um den Gender-Begriff in diesem Diskurs zu einer willkürlichen Festlegung seines Inhalts führt und ihn auf eine bestimmte Politikform reduziert (ebd., 8). Obskur und grotesk erscheint es, wenn im Zusammenhang mit Frauenpolitik von Mainstreaming gesprochen wird, denn große Teile der Frauenbewegung vermieden es im Mainstream zu schwimmen (ebd.), da dieser stets ein Malestream war. Hegemoniefähig wird der Gender Mainstreaming-Diskurs durch eine rhetorische Verknüpfungen. Der Gender-Begriff, als analytischer Begriff der Frauenforschung, wird an den hegemonialen Mainstream-Begriff geknüpft. In der deutschen Variante der Geschlechterdemokratie (beides wird teilweise synonym verwendet) wird der Geschlechter-Begriff mit dem hegemonialen Begriff der Demokratie verknüpft. Deutlich wird hier, dass Begriffe wie Gender Mainstreaming und Geschlechterdemokratie keine theoretischen, sondern politische Begriffe sind. In erster Linie geht es um die Zustimmung der Frauen zu staatlicher Politik. Nicht mehr sie sind Sprecherinnen und Akteurinnen ihrer Interessen, sondern die immer noch männlich dominierte Politik regelt jetzt Fraueninteressen. Es kann nach wie vor festgehalten werden, dass Parlamente patriarchale Institutionen sind. Zwar sitzen in den Parlamenten Frauen, doch dies als Zeichen für nicht-patriarchalische Parlamente zu nehmen, greift auf einen falsch verstandenen Patriarchatsbegriff zurück.

„Das Parlament ist eine von Männern geschaffene und ausgestaltete Institution. Die dort geförderten und notwendig zu erlernenden Verhaltensweisen ändern sich nicht schon dadurch, dass Frauen sie erlernen und benutzen“ (Sonderveröffentlichung der Zeitung Graswurzelrevolution zum ‚Superqualjahr’ 1994, 3).

Das Parlament und der Beruf des Politikers bzw. der Politikerin basiert auf der Trennung von Alltag und Politik. Immer noch sind es zumeist Frauen, die den Männern den Rücken frei halten. Männlich geprägte Verhaltensweisen („Charaktermasken“ Marx) sind für den PolitikerInnenberuf notwendig: rhetorische Selbstdarstellung, Egozentrik, Absicherung der individuellen Karriere, Anwendung der Konkurrenzmechanismen, psychische Stärke, emotionale Verkümmerung, Hierarchiebildung. (Brodesser 2002: Vortrag am 17.9.02 auf einer Regenbogenveranstaltung in Hamburg)26

Aus emanzipatorischer Perspektive erscheint die Implementierung des Gender Mainstreaming als widersprüchlicher Erfolg, einerseits werden alle Prozesse einer Prüfung hinsichtlich der Auswirkungen für die Geschlechter unterzogen, andererseits ist genau dieses Ausdruck einer neuen Form männlicher Herrschaft. Daher kann von Gender Malestreaming gesprochen werden. Diese Herrschaft wird einerseits zwar durch Gesetze und Selbstverpflichtungen wie Satzungen eingeführt, andererseits aber in Form einer Selbst-Technik (Foucault, s.o.) in die Akteure verlagert. Ein Effekt der Gender-Trainings ist die Selbst-Technik in Form des politisch und geschlechterkorrektem Verhalten und Entscheiden in Organisationen. Tarifverhandlungen werden jetzt nicht mehr von außen, aus feministischer Perspektive kontrolliert und kritisiert, sondern durch Antizipation in Form von Selbst-Disziplinierung nehmen die AkteurInnen die (mögliche) Kritikperspektive vorweg. Gerade diese Antizipation in Form der Foucaultschen Selbst-Disziplinierung stellt eine enorme Einschränkung von Entfaltung dar, da sich das individuelle wie kollektive Subjekt nie sicher sein kann, welche Anforderung gerade gestellt werden. Die von Butler angeregte Strategie mit den Geschlechterrollen zu spielen, also Geschlechterverwirrung zu stiften, ist durch Gender Mainstreaming nicht möglich (vgl. Butler s.o.; Weinbach 2001, 9). In dem Diskurs des Gender Mainstreaming werden nicht nur die historischen AkteurInnen entnannt, sondern auch Transsexuelle, Schwule und Lesben, die ebenfalls um Anerkennung, Gleichstellung und –berechtigung kämpfen bzw. für die das Genderdispositiv eine Zwangsjacke ist. Ähnlich verhält es sich bei behinderten und alten Menschen (vgl. Weinbach 2001, 9).

Fundamentale Fragen des Verhältnisses von Kapitalismus, Demokratie und Geschlecht beinhaltet das Konzept Gender Mainstreaming nicht (vgl. Rego Diaz 1994, 489f.). Problematisch ist diese Leerstelle, da das Artikulationsverhältnis von Geschlecht und kapitalistischer Produktionsweise nicht untersucht werden kann und andererseits Geschlechterverhältnisse nicht als Produktionsverhältnisse verstanden werden. Dies führt dazu, dass Frauen einerseits weiterhin als „industrielle Reservearmee“ (Marx) fungieren, d.h. je nach konjunktureller Lage hofiert oder gefeuert werden, andererseits sie weiterhin in dem als Privatsphäre benannten Raum durch den Mann unterdrückt werden, nur dass ihnen nun die politische Bewegungsform fehlt, in der sie bisher ihre Interessen artikuliert haben. Die historisch je spezifischen Produktionsverhältnisse, der Zusammenhang von individueller zur Gattungs(re-)produktion, bleibt nahezu unverändert.

Bei dem internationalen Kongress Implementation of Gender Mainstreaming in Europe – a Challange for Political Education in Leipzig vom 6. – 8.9.2002 (in Kooperation mit dem Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Leipzig (FraGes), der Bundeszentrale für politische Bildung sowie anderen Universitäten sowie Nichtregierungsorganisationen (NGO’s)) wurde deutlich wie sehr Gender Mainstreaming an hegemoniale Politik- und Deutungsmuster geknüpft ist. So betont exemplarisch Birgit Schweikert – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – in ihrer Rede die leitungsnahe Ansiedlung des Konzepts. Ging es beispielsweise den Anarcha-Feministinnen darum, jede Form der Herrschaft abzuschaffen, so ist es jetzt gerade die zumeist männliche Führungsclique in den Organisationen die Gender Mainstreaming herrschaftlich durchsetzen sollen. Durchgesetzt werden soll das Konzept durch ideologische Schulungen (Gender Trainings, s.o.), die den Effekt haben herrschafts- und kapitalismuskritische Fragen auszublenden und die Geschlechterverhältnisse auf Steuerungsprozesse zu reduzieren. Des weiteren wird auf ein Familienmodell gesetzt, in dem der Mann auch Elternzeit nimmt, evtl. beide halbtags arbeiten. In wie weit hier ein postfordistisches Familienmodell hegemonial wird, wird an anderer Stelle untersucht. Die Klassenfrage oder Fragen ethnischer Diskriminierungen waren auf dem Kongress kein Thema, wodurch Gender Mainstreaming sich von einer politischen Forderung der Peripherie in ein hegemoniales Konzept weißer bürgerlicher Frauen des Zentrums transformiert. Frauen, die Familie und Beruf wie selbstverständlich miteinander vereinbaren können und genau so selbstverständlich eine Migrantin für einen Niedriglohn die Kinder und den Haushalt versorgen lassen können.27 Das herrschende kapitalistische Wirtschaftssystem wird nicht auf seine Geschlechterverhältnisse und patriarchalen Verhältnisse hin untersucht, wodurch die Geschlechterverhältnisse hegemonial entschärft werden. Positiv auf dem Kongress war, dass auch Männer Gender Mainstreaming als Befreiung verstehen. Positiv nicht wegen des Gender Mainstreamings, sondern da Männer erkennen, dass Frauen- und Männeremanzipation sich einander bedingen.

Victor Rego Diaz kommt zu dem Fazit, dass Geschlechterdemokratie eine taktische Artikulation ist „[…]vorherrschende Transformationsprozesse der ‚Modernisierung’ und ‚Professionalisierung’ in Wirtschaft und Politik zu beeinflussen“ (Rego Diaz 1994, 489). Dieser These schließe ich mich an, würde das Konzept aber noch schärfer fassen. Eine zu überprüfende Hypothese wäre, ob Gender Mainstreaming ein postfordistisches Konzept hegemonialer Partizipation von Frauen an Gesellschaft und Produktion zur Optimierung gesellschaftlicher (beispielsweise Erwerbslosigkeit, Erziehung) und betrieblicher Prozesse (Ausnutzung von geschlechtsspezifischen Humanressourcen) ist.28

Gewerkschaftlicher Diskurs

Bei den Gewerkschaften fällt auf, dass Gender Mainstreaming als Allheilmittel angesehen wird, mit der endlich alle (die beiden) Geschlechter gleich werden. So findet sich beispielsweise auf der ver.di homepage die Überschrift „Alle werden berücksichtigt“, das Magazin der ehemaligen Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) Ausblick gibt die ehemalige Bundesfrauensekretärin der HBV Ulrike Oestreich mit dem Satz wieder „Es wird auch für Männer ein Gewinn sein“. Hierbei gehen die Gewerkschaften einerseits über das hegemoniale Konzept hinaus, denn es sollen auch ethnische Gruppen und Behinderte mit dem Konzept des Gender Mainstreaming erfasst werden. Unklar ist hierbei wie die Aufzählung Frauen, Männer, Ethnie, Behinderung zueinander steht. Natürlich sind Ethnien sowie behinderte Menschen ebenfalls als Männer und Frauen codiert, d.h. die Kombination und somit spezifische Problematik die dahinter steht, wird bei einer solchen Aufzählung entnannt29. Ganz auf hegemonialer Linie sind sie, wenn sie betonen, dass das „Potenzial einzelner besser ausgeschöpft“30 31 werden kann. Geschlechtshomogene Gruppen werden als wenig innovativ abgelehnt; eine Auffassung die durch Studien belegt wird.32 Die Veröffentlichungen auf der ver.di homepage machen den Bias des Gender Mainstreaming-Konzepts deutlich. So soll der Frauenanteil in „zukunftsträchtigen Berufen“ auf mindestens 40 % erhöht werden. Denn es geht im Gender Mainstreaming-Konzept um die ökonomische Abschöpfung der als spezifisch weiblich angesehenen „sozialen Kompetenzen“ (managing diversity). Die umgekehrte Frage, ob in typischen Frauenberufen (schlecht bezahlt, prekär, repetitive Tätigkeiten) auch der Männeranteil erhöht werden soll, wird nicht aufgeworfen, wodurch der eigene Bias, als dem Gender Mainstreaming-Konzept entgegenstehend, nicht erkannt wird. Nicht, dass dies von mir gefordert wird, es soll nur verdeutlichen, wie das hegemoniale Konzept einerseits übernommen, erweitert, andererseits aber auch wieder auf klassische Gleichstellungspolitik für Frauen reduziert wird. Problematisch ist das mangelnde Verständnis für die Subjektposition33, die Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft zukommt. Wechseln Frauen von einer niederen Berufssparte in höhere, so sind es oftmals MigrantInnen die in die niederen Jobs nachrücken. Eine gesellschaftliche Emanzipation ist also nur zu machen, wenn das Verhältnis geschlechtsspezifischer Subjektposition und Ökonomie durchdrungen wird. Der Bias des Gender Mainstreming-Konzepts fällt weiterhin auf, wenn man sich die weiteren Eintragungen zu gender und Frauen bei ver.di ansieht, auch hier dominiert eher das Thema Frauen- und Gleichstellungspolitik: Beides wird miteinander kombiniert, ohne das klar ist in welchem Verhältnis beide Konzepte zueinander stehen; einmal wird geäußert Gender Mainstreaming ersetzt die Frauen- und Gleichstellungspolitik nicht, andererseits wird gerade im Namen des Gender Mainstreamings genau diese weitergeführt. Unklar ist bisher, woher die Gelder für die Umsetzung von Gender Mainstreaming kommen sollen. Es wird sich zeigen, ob hierfür Töpfe aus der Frauen- und Gleichstellungspolitik lediglich umgeschichtet werden.

Auf dem Titelbild des Ausblicks vom Dezember 2000 stehen ein Mann und eine Frau auf einer Waage, diese ist ausgewogen, beide Personen sind geschäftsmäßig gekleidet (der Mann im Anzug, die Frau im Kostüm). Hieran wird die Zielgruppe des Gender Mainstreaming deutlich. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass der Mann mit lässig überkreuzten Beinen, eine Hand in der Hosentasche dasteht, die Frau jedoch genötigt ist dynamisch zu sein; so sieht es aus als würde die Frau gehen, eine Hand ist wie bei einem energischen Gang angewinkelt. Ganz subtil wird hier vermittelt, dass die Frau sich anstrengen muss, wenn sie Karriere machen will, der Mann hingegen kann gelassen abwarten. Diese subtile Aussage ist m.E. nicht gewollt, zielt das Titelbild doch darauf beide Geschlechter als gleich durch das Konzept der Geschlechterdemokratie darzustellen.

Durchgesetzt werden soll das Konzept durch Schulungsmaßnahmen. Hierdurch bekommt es auch für diese Arbeit eine besondere Bedeutung, gilt es doch der Frage nachzugehen wie die widersprüchliche Besetzung des Begriffs von den Subjekten gelebt werden, wie sie einerseits Männer- und Frauenemanzipation propagieren, andererseits eingebunden werden in eine neue Form der Männerherrschaft und der Nutzenoptimierung der Ware Arbeitskraft. Befreiung und Selbst-Blockade lassen sich am Thema Gender Mainstreaming ebenso analysieren, wie die gesellschaftliche Konstitution als Frau oder Mann und die Selbst-Konstruktion und Identifikation unter Abgrenzung zu anderen Geschlechtern. Die Zusammenhänge sind nun theoretisch erarbeitet; die Empirie muss nun einerseits die Frage des Wie klären, andererseits offen sein für Überraschungen, vielleicht stimmt die theoretische Erkenntnis nicht und Gender Mainstreaming ist der Weg, die „Geschlechterfrage“ zu lösen.

Zusammenfassung

Durch Marx und Engels wurde der Blick gerichtet auf den Menschen als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, also der je konkrete in einer spezifisch historischen Formation sich bewegende, von ihr produzierte aber auch diese verändernde Mensch. Hiermit ist zugleich die Historizität angesprochen, denn der Mensch kann und muss sich historisch je spezifisch (ver-)ändern. Das zunehmende gesellschaftliche Wissen, die Erfahrung sowie die historische Veränderungen führen nach Gramsci zu einem in sich gespaltenem Subjekt. Dieses hat in seiner Persönlichkeit altes und neues Wissen sowie eine Identität die sich aus Abgrenzung und spezifischer Selbstzuschreibung ergibt. Diese Herausbildung der Persönlichkeit ist jedoch stets ein gesellschaftlicher Prozess, ein Prozess von Subjektivierung und Selbst-Technik (Foucault) wie auch von gegenhegemonialem Handeln. Menschen entwickeln ihre Persönlichkeit in bestimmte Individualitätsformen (Sève) hinein, verändern ihrerseits aber auch diese Individualitätsformen. Hierbei ist die Individualitätsform im Zusammenhang mit der Transformation innerhalb der kPw zu sehen, denn jede Produktionsweise braucht nach Gramsci einen adäquaten Menschentyp.

Da die menschliche Entwicklung nach Leontjew als Aneignungsprozess beschrieben werden kann, wird diese im Folgenden untersucht. Menschen eignen sich ihre Umwelt aktiv an und versehen diese mit bestimmten Bedeutungen. Hierbei befinden sich die Menschen im Spannungsverhältnis von subjektivem Sinn und objektiver Bedeutung. In den Blick geraten so die Praxisverhältnisse der Subjekte im Spannungsverhältnis zur hegemonialen Lebensform.

1 Auf den Begriff der Identität sowie einer Kritik hieran, gehe ich später ein.

2 Siehe Abschnitt 2.4.

3 Im Folgenden wird dies am Beispiel der „Differenziellen Psychologie“ wie auch am Gender Mainstreaming gezeigt.

4 Ich übernehme hier den Terminus Moderne in seiner eher umgangssprachlichen Bedeutung. Zur Kritik des Modernitätsbegriffs und seiner einerseits normativen Gehalte, wie auch seiner zugleich aus- und abgrenzenden Inhalte hinsichtlich traditionaler Gesellschaften bzw. Gemeinschaften und seiner aktuellen politischen Verwendung bei Anthony Giddens vgl. Negt 1999.

5 Siehe hierzu auch F. Haug (s.o).

6 Vergleiche hierzu die Ausführungen zur Dialektik von Natur und Individuum im zweiten Kapitel.

7 Dies wird anhand von Diskursanalysen gewerkschaftlicher Texte deutlich.

8 Hier in der umgangssprachlich männlichen Form, da dies auch dem herrschenden Selbstverständnis entspricht.

9 Auf das Subjekt in den aktuellen Transformationsprozessen gehe ich detailliert nochmals gesondert ein.

10 Auf die Bedeutung von Geständnis und Selbst-Technik gehe ich bei Foucault ein.

11 Auf das Konzept der Handlungsfähigkeit gehe ich detailliert bei Klaus Holzkamp ein.

12 Antonio Gramsci denkt den „Alltagsverstand“ als unkritisch und heterogen zusammengesetzt. In ihm entfaltet sich die „moralische Individualität des Durchschnittsmenschen“ (vgl. GH 1991 ff., 1393). Und auch Paul Willis geht, wenn er Widerstand in den Blick nimmt, von einer „partiellen Durchdringung“, d.h. einem spontanen Erkennen der Herrschaftsverhältnisse, aus und setzt diesem die „wirkliche Durchdringung“ entgegen (vgl. Willis 1979). Sowohl Gramsci als auch Willis betonen die Notwendigkeit der Durchdringung der Verhältnisse. Anders als Bourdieu schließen sie eine Überschreitung der durch das herrschende Erkenntnisraster „auferlegten Grenzen“ nicht aus (vgl. Bourdieu 1997, 170 f.). Einziger hilfloser Ausweg ist bei Bourdieu die Umdeutung herrschender Begriffe. So sollten männliche Dinge wie z.B. ein Stück Fleisch mit weiblichen Begriffen wie Lappen belegt werden. Dies ist für Bourdieu der „Ansatzpunkt antagonistischer Umdeutungen“ (ebd., 178). Sein Vorschlag: „Zum Beispiel können so die Frauen die männlichen Attribute, indem sie andere grundlegende Schemata der mytho-poïetischen Sichtweise (hoch/tief, hart/weich[…]) auf sie anwenden, in Analogie zu Dingen auffassen, die kraftlos herabhängen“ (ebd.).

13 Auf die foucaultsche Diskursanalyse wird im empirischen Methodenteil der Arbeit näher eingegangen. In diesem Kapitel wird sie nicht als spezifische Methode, sondern im Kontext des Sexualitätsdispositivs und der Macht behandelt. Deutlich wird dabei die Wichtigkeit, die eine Diskursanalyse für die theoretische Analyse der Subjektkonstruktion – und konstitution hat.

14 Vergleiche hierzu auch die Theorie des „Spiegelstadiums“ von Lacan, an die sowohl Butler als auch Foucault anknüpfen.

15 Und auch Gramsci geht davon aus, dass sich in jeder Persönlichkeit „[…]Elemente des Höhlenmenschen und Prinzipien der modernsten fortgeschrittensten Wissenschaft, Vorurteile aller vergangenen, lokal bornierten geschichtlichen Phasen und Intuitionen einer künftigen Philosophie[…]“ (GH 1991 ff., 1376) befinden.

16 Lorey weist auf die Angst vieler politischer AkteurInnen hin, die mit dem „Tod des Subjekts“ zugleich ein Ende der Handlungsfähigkeit verbinden (vgl. Lorey 1996, 73).

17 So werden beispielsweise bis Ordnung der Dinge Brüche zwischen den Epochen sichtbar. Ab Archäologie des Wissens jedoch wird der Epochenwechsel als kontinuierlicher Prozess gedacht. Problematisch ist Foucaults Periodisierung, bietet er doch kein theoretisches Instrumentarium an, also auch keine Kriterien, mit denen Perioden voneinander unterschieden werden können. Auch die Triebkräfte der Veränderung bleiben unberücksichtigt.

18 Hierbei findet die Befruchtung außerhalb des Mutterleibes statt. Aus den Eierstöcken werden reife Eizellen entnommen und im Reagenzglas mit Samenzellen befruchtet.

19 Auf diesen Erweiterungsvorschlag Jägers gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ein, da einerseits im empirischen Methodenkapitel auf die Tätigkeitstheorie bezug genommen wird, andererseits, da beide Theoretiker (Wygotzki und Leontjew) expliziet als Subjekttheoretiker in dieser Arbeit behandelt werden.

20 An dieser Stelle bleibt die poststrukturalistische Kritik an einem ‚steuernden Subjekt’ zunächst unberücksichtigt.

21 Auf die hier angesprochene Trennung zwischen „subjektivem Sinn“ und „objektiver Bedeutung“ gehe ich bei Leontjew ein.

22 Zur Kritik des juridischen Machtbegriffs vgl. Lorey 1996, 49 ff..

23 Wobei ich, wie oben ausgeführt, davon ausgehe, dass „Geschlecht“ selbst ein historischer Diskurs ist, also die theoretische Möglichkeit besteht, dass zukünftige Gesellschaftsformationen diese grundlegende soziale Strukturierung für sich nicht mehr brauchen.

24 Auf den Zusammenhang von Geschlechterverhältnissen und Klassenformierung und –strukturierung, gehe ich im Zusammenhang mit der Regulationstheorie ein.

25 Siehe hierzu auch das vorige Kapitel.

26 Dies ist keine ontologische Geschlechterzuschreibung.

27 Vgl. hierzu auch Butler 2002, 6 – 8.

28 Da eine detaillierte Betrachtung später erfolgt, an dieser Stelle nur soviel: Die Diskussion um Gender Mainstreaming fällt zusammen mit Tendenzen der Flexibilisierung von Familie und Betrieb. Die fordistische Kleinfamilie mit ihrer Trennung von Hausfrau und Haupternährer bricht in den postfordistischen Transformationsprozessen auf. Bei stagnierendem Reallohnniveau können es sich nur wenige Familien leisten, nur ein Einkommen zu haben. Da die Reproduktionsaufgaben erhalten bleiben, flexibilisiert sich die bürgerliche Kleinfamilie, sie löst sich aber nicht auf. Ideologisch werden die umbrechenden Realitäten mit Begriffen wie „Lebensabschnittspartner“ oder „Patchworkfamilie“ abgesichert. (vgl. Trumann 2002, 161). Einerseits hat Trumann recht, wenn sie Butler dahingehend kritisiert, dass ihre fragmentierten Identitäten lediglich ein unreflektierter Reflex auf die Entwicklung einer fragmentierten Gesellschaftsentwicklung sind. Hier also linke feministische Theorie, die sowohl die Migrationsproblematik wie auch Homosexualität emanzipatorisch berücksichtigt, zur ideologischen Absicherung postfordistischer Transformationsprozesse wird. Andererseits geht Trumann identitätslogisch vor und berücksichtigt nicht, dass Subjekte stets gespalten sind. Wichtig ist hier die Verarbeitung der Spaltungen und Widersprüche in den Blick zu nehmen, also zu untersuchen, wie die Subjekte herrschende Ideologie leben, verarbeiten aber auch umdeuten und eigene Lebensentwürfe produzieren.

29 Vergleiche für die Problematik Klasse, Rasse und Geschlecht Bell Hooks. Sie kritisiert die bürgerliche und radikale Frauenbewegung und ihre Prämisse einer gemeinsamen Unterdrückung von Frauen. „Diese Idee der ‚gemeinsamen Unterdrückung’ war eine falsche und korrumpierende Grundlage, die die wahren Bedingungen der unterschiedlichen komplexen sozialen Lebensrealitäten von Frauen mystifizierte und verschleierte. Frauen sind ‚gespalten’ aufgrund von Sexismus, Rassismus, Klassenprivilegien (Hooks 1990, 77). Hooks beschreibt die unterschiedlichen Erfahrungen von weißen und schwarzen Frauen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Frauenbewegung durch einen ihr inhärenten Rassismus gespalten ist: Weiße Frauen sich nicht als Teil der Frauenbewegung, sondern als ihre Führerinnen begreifen. Weiße Feministinnen mit schwarzen Dienstmädchen realisieren nicht den dahinterliegenden Rassismus, und auch in Diskussionsrunden verändert sich das Klima; weiße Frauen verbünden sich, wenn eine schwarze Frau den Raum betritt. Des weiteren betont Hooks die Negierung der Klassenverhältnisse in der Frauenbewegung. Weiße Frauen laden nicht-weiße Frauen aus Solidarität ins Restaurant ein oder kaufen in second-hand-Läden ein. Dies ist jedoch keine den Kapitalismus transzedentierende Praxis. Sie arbeitet heraus, dass es für die Frauenbewegung notwendig ist, ihr Verhältnis zu Rassismus und Klassenkampf zu klären. Notwendig ist weiterhin ein ver-lernen patriarchaler, konkurrenzorientierter, rassistischer Praxen. Ich habe hier die Begriffe weiß und schwarz von Hooks übernommen, obwohl ich sie für rassistische Begriffe halte. Das dies nicht Thema der Arbeit ist, nur so viel: Das Rassismus teilt Menschen in unterschiedliche Hautfarben ein und versieht diese mit bestimmten psychischen Eigenschaften. Diese Einteilung ist rein willkürlich, denn die Hautschattierungen sind so vielfältig, dass man diese nicht klassifizieren kann. Andererseits übernehmen oftmals Schwarze diesen Begriff als Identitätsbegriff, besetzen ihn um und verwenden ihn als Kampfbegriff. Hier wird aus umgekehrter Perspektive der Begriff mit psycho-physischen Merkmalen versehen sowie als sozial-kulturelle Gemeinsamkeit gefasst. Ich halte diese Verschiebung eines rassistischen Begriffs für wenig hilfreich, trennt er doch nach wie vor Menschen und verhindert eine kollektive Handlungsfähigkeit (Holzkamp). Sozialstrukturanalysen müssen m.E. ohne Begriffe wie Mann / Frau, schwarz / weiß durchgeführt werden, wenn sie nicht bestehende Trennungen reproduzieren wollen. Anstatt solcher Trennungen macht eine Analyse von Klassenformierungs- und strukturierungsprozessen mehr Sinn. Auch der Rassebegriff ist abzulehnen, da er Rassen unterstellt. Also etwas unterstellt, was ein soziales und zudem rassistisches Konstrukt ist. Der Ethnienbegriff wird von mir mangels besserer Begrifflichkeit verwendet. Völlig frei von der oben skizzierten Kritik ist auch dieser Begriff nicht.

30 Dies erinnert an die Perspektive der „Differentiellen Psychologie“ (s.o.).

31 Auch Peter Döge hebt die „beachtlichen Effektivitäts-, Kreativitäts- und Innovationspotenziale in Organisationen und in der Gesellschaft“ (Döge 2002, 48) hervor, die durch Gender Mainstreaming entfaltet werden können (vgl. auch das Schaubild 3 in seinem Artikel).

32 Über die Analysemethode, Grundgesamtheit, Stichprobe, Fragenkatalog schweigen sich gewerkschaftliche wie auch andere Veröffentlichungen aus.

33 Diese Subjektposition wird im später unter Klassenformierung und –strukturierung aufgegriffen. An dieser Stelle nur so viel. Die geschlechtsspezifische Konstitution der Subjekte ist klassenspezifisch unterschiedlich.

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