Kap. 4.2 Leontjew

Leontjew

Bei Leontjew handelt es sich um die zweite Generation von Tätigkeitstheoretiker. Im Unterschied zu Wygotski, kommt Leontjew der Verdienst zu, den Fokus vom Individuum hin zu kollektiven Tätigkeiten bzw. zum Verhältnis von kollektiven zu individuellen Tätigkeiten verschoben zu haben. Hierdurch geraten die komplexen Beziehungen zwischen Subjekt und Gesellschaft in den Blick. (vgl. Engeström 1999, 10f.)

Im Kontext dieser Arbeit sind drei Elemente Leontjews von besonderer Bedeutung. Erstens die Metapher der Widerspiegelung, welcher innerhalb der materialistischen Psychologie eine „grundlegende Bedeutung“ (Lomow 1988, 207) zukommt. Zweitens hinsichtlich seiner ‚Lerntheorie’, an die im darauffolgenden Kapitel mit Engeström angeknüpft wird. Und drittens in Bezug auf seine Differenzierung von „subjektiven Sinn“ und „objektiver Bedeutung“, welche für eine materialistische Diskursanalyse fruchtbar ist.

Leontjew hat Mitte der 1920er Jahre mit Wygotski zusammengearbeitet. Hierbei hat er zum einen Wygotskis Theorie verkürzt (siehe voriges Kapitel; vgl. auch Keiler 1999, 156) aber auch weiterentwickelt und konkretisiert. Ende der 50er Jahre erlangte die „kulturhistorische Theorie“, deren bekanntester Vertreter Leontjew war, große Popularität unter deutschsprachigen marxistisch orientierten PsychologInnen. Seine Studien zur Lerntheorie hatten in den 70er Jahren großen internationalen Einfluss. (vgl. Keiler 1999, 153; Schneider 1998, 195) Schneider schreibt:

„Seine Studien zur Lerntheorie, in der eine ausgearbeitete Epistemologie steckt, hatten vor allem in den 70er Jahren großen internationalen Einfluß auf pädagogische Konzeptionen, die davon ausgingen, daß Lernvorgänge hauptsächlich als Verinnerlichung von Handlungen zu begreifen seien. Die schon bei Wygotski entwickelte Handlungstheorie ist bei ihm – wie auch bei P.J. Galperin und seiner Schule – konstitutiv für seine Theorie der Erkenntnis und des Bewußtseins.“ (Scheider 1998, 195)

Nach diesen Vorschusslorbeeren und der Einordnung in den Kontext dieser Arbeit, nun zunächst zur leontjewschen Metapher der Widerspiegelung.

Widerspiegelung

Um die Genese des Psychischen zu klären und seine Abgrenzungen zu begründen, wendet er sich, mit seinem historisch-genetischen Verfahren, der Frage der Ausgangsform des Psychischen zu. Eine lediglich im inneren des Organismus liegende treibende Kraft der Entwicklung lehnt er ab. Statt dessen muss Entwicklung stets als Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt interpretiert werden. Diese Position vertritt, wie ich dargestellt habe, auch Wygotski. Als „[…]elementare Form des Psychischen[…]“ bestimmt Leontjew die Empfindung. In ihr spiegelt sich die „[…]äußere, objektive Wirklichkeit[…]“ (Leontjew 1971, 9) wider. Für ihn ist das Psychische eine Eigenschaft lebender, hochorganisierter Körper. Seine Fähigkeit besteht darin die objektive Welt im subjektiven Erleben widerzuspiegeln.

„Das Psychische ist eine Eigenschaft lebender, hochorganisierter Körper. Es besteht in der Fähigkeit, die sie umgebende und unabhängig von ihnen existierende Wirklichkeit im subjektiven Erleben widerzuspiegeln. Damit ist die allgemeine materialistische Definition des Psychischen gegeben. Die psychischen Erscheinungen – Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe – sind mehr oder weniger genaue und tiefe Abbildungen der Realität. Gegenüber der von ihnen widerspiegelten primären und bestimmenden Wirklichkeit sind sie sekundäre Erscheinungen.“ (ebd., 15)

Wichtig ist nun zu sehen, dass es sich bei der Widerspiegelung eben nur um eine „mehr oder weniger genaue und tiefe“ Abbildung der Realität handelt. Da die Metapher „Widerspiegelung“ innerhalb der materialistischen Psychologie große Bedeutung hat, ist ein kurzer methodologischer Exkurs notwendig. Notwendig auch um deutlich zu machen, dass Leontjew durch die Kategorie der menschlichen Tätigkeit, welche er als Vermittlungskategorie zwischen Subjekt und Objekt einführt, die orthodoxe Widerspiegelungstheorie widerlegt, auch wenn er an Begriffen wie „Abbild“ und „Widerspiegelung“ festhält (vgl. Jäger 1993, 98).

Methodologischer Exkurs: Widerspiegelungsmetapher

Anders als Holzkamp1, halte ich es an dieser Stelle für notwendig einen kurzen Exkurs zur Widerspiegelungsmetapher, als eine zentrale Kategorie materialistischer Psychologie, einzufügen, da diese Metapher innerhalb der Philosophie nicht unumstritten ist. Daher muß hier geklärt werden, wie Widerspiegelung in dieser Arbeit verwendet und verstanden wird.

Wesentlicher Anknüpfungspunkt der Bewusstseinstheorie der materialistischen Psychologie ist Wladimir Iljitsch Lenins Schrift Materialismus und Empiriokritizismus. Mit der Aneignung des Theorems der Widerspiegelung Lenins begann die Entwicklung der sowjetischen Psychologie (vgl. Lomow 1988, 209). Lenin setzte sich kritisch mit Ernst Machs austromarxistischer These des Empfindungsatomismus auseinander. Er formulierte in Abgrenzung dazu eine Ontologie in der die Materie Vorrang vor dem Bewusstsein hat. Die Frage der Psychologen der 1880er und 90er Jahre war nun, wie das Bewusstsein materialistisch zu erklären ist (vgl. Schneider 1998, 189). Am deutlichsten wird der Materiebegriff des dialektischen Materialismus in Engels Schrift Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (zit. Anti-Dühring). Dort heißt es:

„Vor Herrn Dühring sprachen die Materialisten von Materie und Bewegung. Er reduziert die Bewegung auf die mechanische Kraft als ihre angebliche Grundform und macht es sich damit unmöglich, den wirklichen Zusammenhang zwischen Materie und Bewegung zu verstehn, der übrigens auch allen frühern Materialisten unklar war. Und doch ist die Sache einfach genug. Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie. Nie und nirgends hat es Materie ohne Bewegung gegeben oder kann es sie geben. Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf den einzelnen Weltkörpern, Molekularschwingung als Wärme oder als elektrische oder magnetische Strömung, chemische Zersetzung und Verbindung, organisches Leben – in einer oder der andern dieser Bewegungsformen oder in mehreren zugleich befindet sich jedes einzelne Stoffatom der Welt in jedem gegebnen Augenblick. Alle Ruhe, alles Gleichgewicht ist nur relativ, hat nur Sinn in Beziehung auf diese oder jene bestimmte Bewegungsform.“ (MEW 20, 55)

Dieses Bewegungsgesetz gilt im dialektischen Materialismus als „[…]Grundlage für eine Erklärung auch sozialer und geschichtlicher Prozesse[…]“ (Schneider 1998, 189). Philosophisch gesehen hängt die Metapher der Widerspiegelung mit drei Sachverhalten zusammen. Erstens ist es die Bewegung der Materie, bei der jede Bewegung bzw. Einwirkung einer Materie auf eine andere diese reproduziert oder transformiert. Zweitens die Frage der Übereinstimmung von Bewusstseinsinhalten und gesellschaftlicher Lage. Und drittens die Frage des Verhältnisses von ökonomischer Basis und politisch-ideologischem Überbau (vgl. Holz XXX, 825f.). Die Frage der materialistischen Psychologie war nun die nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein. Engels Antwort aus philosophischer Perspektive in Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie:

„Wie verhalten sich unsre Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen, vermögen wir in unsern Vorstellungen und Begriffen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit zu erzeugen? Diese Frage heißt in der philosophischen Sprache die Frage nach der Identität von Denken und Sein und wird von der weitaus größten Zahl der Philosophen bejaht. (MEW 21, 275)

Engels holt sich hier rhetorisch Unterstützung durch die „größte Zahl der Philosophen“ die eine Identität von Denken und Sein bejahen. Im weiteren Verlauf der Diskussion des Theorems der Widerspiegelung wird es darum gehen,s die vermeintliche „Identität“ kritisch zu diskutieren. Hans Heinz Holz macht in seinem Eintrag Widerspiegelung in der Europäische[n] Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften Bd. 4. zwar die Wichtigkeit des Widerspiegelungstheorems für den dialektischen Materialismus deutlich, wenn er konstatiert:

„Die Widerspiegelungstheorie liefert […] das Modell für den dialektischen Begriff von Welt als Totalität materieller Verhältnisse2 und damit zugleich den Grund für den besonderen Widerspiegelungscharakter des Denkens im Verhältnis zum Sein.“ (Holz XXX, 838)

Jedoch in einer orthodoxen Form, wenn er schreibt, dass das Spiegelbild zwar von der Perspektive des Betrachters, der Betrachterin abhängig ist, die „Repräsentationen“ also stets unvollständig und einseitig sind, aber es dennoch dabei bleibt „[…]ein Bild der Sache selbst[…]“ (ebd., 835) zu sein.

Die materialistische Psychologie setzt zwar an ihren Anfang die Erkenntnis, dass die „[…]Empfindungen, die Wahrnehmungen usw.[…]Abbilder der auf die Sinnesorgane einwirkenden Gegenstände und Erscheinungen der objektiven Realität[…]“ (Lomov 1988, 208) sind. Relativiert diese Identität aber zugleich, indem sie deutlich macht, dass dieser „..Prozeß selbst[…]eher ein schöpferischer denn ein Widerspiegelungsprozeß[…]“ (ebd.) sei. B.F. Lomow geht in seinem Buch Methodologische und theoretische Probleme der Psychologie u.a. der Frage nach, wie es nun zu einer Übereinstimmung von Widergespiegeltem und Realität kommt. Hier kritisiert er zunächst die Auffassung einiger Psychologen, die einen Gegensatz von Widerspiegelung und Aktivität aufmachen: „Wenn von Widerspiegelung die Rede ist, so heißt das, daß etwas auf das passive Subjekt einwirkt, sich in ihm einprägt. Wenn von Aktivität gesprochen wird, so meint man, das Subjekt selbst schaffe etwas und dieses Geschaffene könne schon nicht mehr Widerspiegelung im engen Sinne des Wortes sein.“ (ebd.).

Wesentlich an der Konzeption der materialistischen Psychologie ist, dass die Wahrnehmung nicht mehr als Ausdruck eines immanenten reflektorischen Prozesses auf einen Reiz interpretiert wird, sondern diese Wahrnehmung ins Verhältnis zum Objekt gesetzt wird. Ausgangspunkt ist hier zunächst Gustav Theodor Fechner, der Begründer der experimentellen Psychologie, und seine Erkenntnis, dass die Empfindung durch einen Reiz ausgelöst wird. Hierbei ist die Empfindung jedoch nicht spiegelgleich mit dem Reiz. Es findet eine Transformation der äußeren Einwirkung statt. Wurde dies anfänglich mechanisch (s.o.) und der Mensch als black box aufgefasst3, so musste geklärt werden, wie der Reiz verarbeitet wird. Die Psychologie stützte sich im folgenden auf die Kybernetik, hier vor allem die Informationstheorie, denn es ging um die Konkretisierung der Transformation: um ihre Kodierung, Umkodierung und Dekodierung.

„Das Wesen der Sache besteht kurz in folgendem. Erstes Moment und notwendige Bedingung für die Herausbildung des optischen Abbildes ist beispielsweise die Entstehung des Netzhautbildes gemäß den Gesetzen der Optik. Dieses Bild ist das Informationsäquivalent für bestimmte Eigenschaften des Objekts. Im Ergebnis eines fotomechanischen Prozesses entstehen nervale Impulse, die über den Sehnerv in das zentrale Nervensystem eingegeben werden. Es wird angenommen, daß spezialisierte nervale Apparate die Grundlage der nervalen Impulse darstellen – Detektoren, die bestimmten Merkmalen des Netzhautbildes entsprechen. In eben diesen Apparaten erfolgt auch die Kodierung der Information, die von außerhalb eintrifft. Im Laufe der Weitergabe im Nervensystem werden diese Impulse vielfach umkodiert. Sie erreichen bestimmte höhere Bereiche des Gehirns, wo ihre Dekodierung und der Vergleich mit der im Gedächtnis gespeicherten Information erfolgt. Im Ergebnis entsteht das psychische Abbild.“ (Lomow 1988, 237)

Nach dem nun geklärt ist, dass der Wiederspiegelungsprozess kein identisches Ergebnis hervorbringt, sondern ein transformativer Prozess ist, bleibt die Frage offen, warum Widerspiegelung überhaupt stattfindet. Hier geht die materialistische Psychologie davon aus, dass sich durch die aktive Anpassung des Organismus an seine Umwelt die Überlebenschance erhöht. Holzkamp spricht in diesem Zusammenhang von einem „funktionalen Widerspiegelungsverhältnis“ (Holzkamp 1985, 65). Hiermit ist zugleich gesagt, dass der Organismus sich seiner Umwelt gegenüber verhält. Lomow schreibt:

„Das Verhalten ist eine aktive Form der Anpassung; damit es der Umwelt adäquat ist, muß diese durch den Organismus widergespiegelt werden. Diese Widerspiegelung muß in einer Form erfolgen, die es ermöglicht, sich in dieser Umwelt zu orientieren, als sei sie gegenüber dem Organismus etwas äußeres.“ (Lomow 1988, 222)

Wie im zweiten Kapitel bei Marx deutlich geworden ist, trifft dies auf den Menschen zu, da dieser ein leibliches Wesen und auf den Stoffwechsel mit der Natur angewiesen ist. Lomow macht deutlich, dass es sich hierbei um eine aktive Widerspiegelung handelt und schreibt „[…]eine totale, tote Widerspiegelung braucht der Organismus nicht“ (ebd., 223). Wesentlich ist nun, dass die Information vom Subjekt „[…]selektiv verarbeitet, umgewandelt, differenziert und integriert“ (ebd.) wird. Im Widerspiegelungsprozess möglich ist dabei die Widerspiegelung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigen. Für den weiteren Verlauf der Arbeit ist es die Frage, inwieweit zukünftige Erwartungen und sich transformierende Verhältnisse von den Subjekten im Denken und Handeln vorweggenommen werden und worauf sich diese Antizipation stützt. Es ist die Frage nach der zukünftigen Bewegungsrichtung gewerkschaftlicher Subjekte. Lomow zitiert P.K. Anochin mit den Worten: „Auf dem ganzen langen Weg der Evolution der lebenden Materie ist das immerwährende Prinzip der vorwegnehmenden Widerspiegelung der äußeren Welt eine nicht wegzudenkende Seite des Lebens, seine Anpassung an die umgebenden Bedingungen.“ (Anochin zit. nach Lomow 1988, 223). Durch die antizipative Widerspiegelung ist es möglich die Faktoren zu erfassen, die das Leben bedrohen oder fördern. So wird beispielsweise der Geruch gekochten Essens als Befriedigung des kulturell eingebetteten Bedürfnisses von Hunger/Appetit im Subjekt widergespiegelt, aber ebenso der Geruch von Rauch mit Bedrohung durch Feuer widergespiegelt. Leontjew kommt innerhalb der materialistischen Psychologie zu, Stufen der Widerspiegelung herausgearbeitet zu haben. Durch die Analyse des Übergangs von der sensorischen zur perzeptiven Psyche und zum Intellekt, als Übergang von der nichtempfindenden zur empfindenden Materie, arbeitete er heraus, dass die aktive und adäquate Anpassung durch eine Änderung des Verhaltens erreicht wird. „Die Umwelt wird dabei ausgehend von der Position widergespiegelt, die der Organismus in ihr einnimmt, bezogen auf sein ‚Interesse’ (anpassen und überleben), d.h. ‚voreingenommen’. Dies berechtigt zu der Annahme, daß bereits die elementare Form der psychischen Widerspiegelung im Keim die Besonderheit aufweist, die man bei entwickelten Formen als ‚Subjektivität’ bezeichnet.“ (Lomow 1988, 224). Bei der Widerspiegelung handelt es sich also nicht lediglich um einen „Abdruck“, sondern es ist ein evolutionsgenetischer Prozess einer aktiven Anpassung des Organismus an seine Umwelt. Die wohl schwierigste Frage ist die nach dem Adäquatheitsgrad der Widerspiegelung, also die Frage nach ihrem subjektiven Charakter. Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist die Lebenstätigkeit des Subjekts, denn diese formt und entwickelt das Subjekt (vgl. Lomow 1988, 228). Mit Wygotski hatte ich herausgearbeitet, dass das Subjekt seine Umwelt als ganzes wahrnimmt. Und so ist auch die Widerspiegelung ein ganzheitlicher Prozess. Lomow konstatiert: „Da die psychische Widerspiegelung sich in der Lebenstätigkeit des Subjekts ausbildet und entwickelt, es als Ganzheit ‚bedient’, kann sie auch nur subjektiv sein“ (ebd., 230; Herv.i.O.). Hierbei ist nun wichtig, dass nicht der Inhalt der Widerspiegelung von Interesse ist, denn dieser ist die objektive Realität, sondern der Verlauf der Widerspiegelung. Gegen die Auffassung der richtigen oder falschen Widerspiegelung argumentiert Lomow:

„Wir meinen, daß diese Erklärungen, die alle einen bestimmten rationalen Kern besitzen, verschiedene Momente und Erscheinungsformen der Spezifik der psychischen Widerspiegelung erfassen. Wenn von der Subjektivität der Bewertungen irgendwelcher Ereignisse durch den Menschen oder von der Subjektivität der Beziehungen des jeweiligen Menschen zu anderen die Rede ist, so sind jeweils unterschiedliche Momente psychischer Qualitäten des Individuums gemeint. Die Subjektivität äußert sich in den unterschiedlichen Verbindungen des Menschen mit der Welt und auf den unterschiedlichen Ebenen der psychischen Widerspiegelung.“ (ebd., 232).

Er wendet sich also gegen die These eines falschen Bewusstseins. In Anknüpfung an Holzkamp kann hier vorwegnehmend festgehalten werden, dass es um die Analyse der Handlungen und Begründungen des Subjekts unter angebaren Bedingungen geht. Es ist nicht die Frage des falschen Bewussteins der klassisch marxistischen Ideologietheorie, sondern die Frage der Entwicklung allseitiger Fähigkeiten, der Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen, der Überwindung von Angst und Ausgeliefertheit im Verhältnis zu potentiell selbstschädigendem Verhalten des Subjekts unter konkret angebbaren Bedingungen und in konkreten Situationen und Problemstellungen. Aus der Vielfalt der Erscheinungen des Subjektiven darf nun jedoch nicht radikal-konstruktivistisch geschlossen werden, alles wäre konstruiert und eine Totalität von Welt in Frage gestellt und einem nihilistischen Wertepluralismus das Wort geredet werden. Lomow stellt fest:

„Die Vielfalt der Erscheinungen des Subjektiven hat jedoch eine gewisse allgemeine Grundlage, die darin besteht, daß die Widerspiegelung der Umwelt durch den Menschen ausgehend von seiner spezifischen, durch die Besonderheiten seiner Lebenstätigkeit (die für jedes Individuum einmalig ist) gekennzeichneten Position, die er in dieser Welt einnimmt realisiert.“ In der dazugehörigen Fußnote schreibt er: „Es muß betont werden, daß diese spezifische Position durch die objektiven Gesetze des Seins determiniert ist.“ (ebd., 232 u. Fn. 12)

Das heißt es ist die je spezifische Stellung des Subjekts zu seiner Umwelt wie auch die Klassenposition des Subjekts zu untersuchen. Holz macht deutlich, dass das Widerspiegelungstheorem geeignet ist das Verhältnis von Denken und Sein bzw. von Geist und Natur einleuchtend darzustellen, denn

„[…]aus einem ontologisch entwickelten System des Zusammenhangs zwischen den Seienden, von dem die Beziehung des denkenden Seienden zum Seienden im ganzen, der Welt, ein besonderer Fall ist. Ohne eine Theorie des Gesamtzusammenhanges bliebe jede Behauptung über das Verhältnis von Sein und Denken unzulänglich fundiert. Wenn die Widerspiegelungstheorie ihren Geltungsanspruch bestätigen will, so muß sie durch die methodische Konstruktion der Einheit des Mannigfaltigen auf eine Verknüpfungsprinzip führen, das sich als eine allgemeine Fassung des Widerspiegelungstheorems zu erweisen hat – und diese Konstruktion muß evident sein, das heißt sich als unhintergehbares A priori zeigen, das in jede tätige oder erkennende Erfahrung eingeht.“ (Holz XXX, 837)

Der Aspekt der Totalität von Welt ist bei Lomow unterbestimmt. Aber durch Holz wird gezeigt, dass das Widerspiegelungstheorem geeignet ist diese methodologisch, ohne eine Theorie vor der Theorie anzunehmen, zu erklären. Hier knüpft Holz zuerst an Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz und seiner These, dass jede Monade die ganze Welt widerspiegelt, abhängig von der Position zur Welt, hierdurch sind „[…]alle Monaden durch die reale Allgemeinheit der Totalität des Seienden gleichermaßen bestimmt[…]und doch jede von jeder unterschieden[…]durch die besondere Perspektive[…]“ (ebd.). In Anknüpfung und Abgrenzung, auch zu Pawlow und Hegel, schreibt Holz:

„Der materialistische Sinn des Widerspiegelungstheorems ist es hingegen, daß das Einzelne und Beschränkte eben in seiner Singularität die faktische Beziehung zu allen anderen Seienden materialiter einschließt und so, als in universellen Relationen stehend, das Ganze impliziert oder ausdrückt. Jede materielle Beziehung eines Seienden auf ein anderes Seiendes oder die ‚gegenständliche Tätigkeit’ im allgemeinsten Sinne weist über die faktische Relation hier und jetzt auf die raumzeitliche Totalität des Relationssystems, die ‚series rerum’ oder die Welt.“ (ebd., 838).

Wir haben so methodologisch und materialistisch die Einheit der Welt wie auch die Pluralität der Subjekte geklärt. Obwohl Lomow von einer „[…]polysystemhaften Daseinsweise des Menschen[…]“ (Lomow 1988, 233; Herv.i.O.) spricht, geht er von einem Subjekt als „organisierte Ganzheit“ (ebd.) aus. Hierdurch vergibt er die Chance die widersprüchliche Zusammensetzung des Bewusstseins zu analysieren. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird dies mit Gramsci herausgearbeitet. Obwohl ich mit Wygotski von einer ganzheitlichen Wahrnehmung ganzheitlicher Objekte ausgehe und auch die Befriedigung des Hungers nicht lediglich auf einen Teil des Menschen, den Magen gerichtet ist, sondern dem gesamten Organismus dient, muss doch die psychische Widerspiegelung in ihrer Widersprüchlichkeit analysiert werden, denn die „[…]Schnittpunkte unterschiedlicher Systeme[…]“ (ebd.) sind nicht automatisch kohärent und kompatibel, sondern müssen nach Gramsci ein Leben lang kohärent gearbeitet werden.

An dieser Stelle kann ich die Entwicklung des Widerspiegelungstheorems und Funktion der Widerspiegelung abbrechen. Denn es ist deutlich geworden welchen zentralen Stellenwert sie für eine materialistische Psychologie wie auch für eine dialektisch materialistische Philosophie hat. Deutlich geworden ist auch, dass es sich bei der Weiterentwicklung durch die materialistische Psychologie nicht um eine orthodoxe „Abbildtheorie“ handelt, sondern die objektive Realität im Subjekt transformiert wird, wodurch zum einen die Frage der Standortgebundenheit des Subjekts, wie die der Bedeutung des Widergespiegelten für seine subjektive Lebenstätigkeit in den Blick gerät. Ebenso deutlich geworden ist aber auch die Problematik einer identischen und kohärente Auffassung von Widerspiegelung. Mit Gramsci und Holzkamp wird hieran kritisch angeknüpft. Im weiteren wird es zunächst darum gehen anhand von Leontjew zu zeigen, wie sich das Psychische sowie die Persönlichkeit entwickelt.

Widerspiegelung – Fortsetzung

Leontjew hebt hervor, dass das Wesen des Psychischen in den objektiven Beziehungen der Welt liegen. Dies verschiebt die Analyse. Ist in der ‚bürgerlichen’ Psychologie der Mensch das Objekt der Analyse und der Ort der Veränderung, bietet sich mit diesem materialistischen Ansatz4 grundsätzlich die Möglichkeit die Verhältnisse als zu verändernde mitzudenken. Dies führt Leontjew zu der radikalen Feststellung: „Die Erscheinungen unseres Bewußtseins sind stets durch die äußere gegenständliche Wirklichkeit, die in ihnen widergespiegelt wird, bedingt.“ (Leontjew 1971, 17) Eine solche Erkenntnis müsste die ‚bürgerliche’ Psychologie in eine tiefe Krise stürzen. Doch bei ihr ist die Umwelt lediglich etwas, an das sich der Mensch anzupassen hat.5 Doch es geht nicht um ein ‚entweder-oder’, sondern um eine dialektische Herangehensweise. Man kann nicht objektive und subjektive Prozesse einander gegenüberstellen, denn es geht um die Analyse der dialektischen Transformationsprozesse beider (vgl. ebd., 20).

Was bei Wygotski nur angedacht und – um mit seinen Worten zu sprechen – noch nicht auf den Begriff gebracht war, ist die Frage: „Was schafft die Notwendigkeit, die objektive Realität im Psychischen widerzuspiegeln?“ (ebd., 19, Herv. i.O.). Seine These, im Anschluss an Lenin, ist, dass der Mensch nicht überleben könnte, wenn er keine „[…]objektiv richtige Vorstellung von dieser Umgebung[…]“ hätte (Lenin, Werke Bd. 14, 175, zitiert nach Leontjew 1971, 19). Somit ist die Herausbildung des Psychischen eine qualitativ neue Stufe der Entwicklung von Lebewesen. Es ist die Fähigkeit die objektive Realität widerzuspiegeln, eine Fähigkeit, wie Holzkamp deutlich macht, die einen Selektionsvorteil mit sich brachte.

Das, was das menschliche vom tierischen Leben unterscheidet ist die „Subjektivität“. Denn der Mensch findet seine Umwelt nicht lediglich vor, sondern eignet sich diese notwendigerweise an, verändert sie und erschafft sie selbst. Dieser für den Menschen notwendige Aneignungsprozess, welcher ein Über-Lebensprozess ist, verweist auf ein, der Umwelt gegenüber aktives Subjekt. Die spezifischen Prozesse eines Lebewesens, „[…]in denen sich die aktive Beziehung des Subjekts zur Wirklichkeit äußert[…]“ (ebd., 29) definiert Leontjew als Tätigkeit. Hiermit grenzt er sich von ‚bürgerlichen’ PsychologInnen ab, die von der Wirklichkeit abstrahieren. Auf den herrschaftlichen Charakter psychologischer Theorien, die das Subjekt passivieren, macht Jäger deutlich, wenn er schreibt: „Die psychologische Subjekt-Objekttheorie vom passiv rezipierenden Subjekt ist geeignet, Herrschaft zu legitimieren und Knechtschaft als gottergeben zu verinnerlichen als ein Zustand, der in der Natur des Menschen angelegt wäre.“ (Jäger 1993, 93). Nach Leontjew haben diese PsychologInnen „[…]eine mystifizierende Vorstellung[…]“ (Leontjew zit. nach Jäger, ebd.) von menschlicher Aktivität, die sich in Begriffen wie „aktive Apperzeption“ oder „innere Intention“ äußert. Die Tätigkeiten sind bei Leontjew „[…]klar und systematisch aufeinander bezogen[…]“ (Jäger 1993, 100) und hierarchisch angeordnet. Es geht also um die reale Lebenstätigkeit der Subjekte. Hierbei ist die Tätigkeit des Subjekts auf einen „Gegenstand“ gerichtet. So kann etwas Gegenstand der Arbeit oder Gegenstand der Überlegungen sein, die Tätigkeit also innerlich oder äußerlich statt finden.6

„Jegliche Tätigkeit eines Organismus richtet sich auf diesen oder jenen Gegenstand; eine gegenstandslose Tätigkeit ist undenkbar.“ (Leontjew 1971, 29)

Durch die Tätigkeit vermittele ich die gedanklich die Vielheit der Objektwelt miteinander. Siegfried Jäger schreibt: „Ich lerne dabei, was man mit Wasser, Sand, Steinen anfangen kann, welche Funktionen sie haben können, kurz: welche Bedeutungen sie haben.“ (Jäger 1993, 101) Durch diese Aneignung verstehe ich die Objektwelt. In dieser tätigen Aneignung können Widersprüche entstehen, die ich tätig lösen muss. So muss ich bspw. dünne Häuserwände isolieren, damit mir warm wird. Da die Tätigkeiten durch den Gegenstand bestimmt sind, muss eine Analyse vom Gegenstand ausgehen. Es sind die Veränderungen der objektiven Welt, auf die ein Organismus in seiner auf Lebenserhaltung gerichteten Tätigkeit orientiert ist. Diese eignet sich der Organismus in einem zielgerichteten (Lern-)Prozess an. Würde der Organismus die objektive Welt nicht adäquat widerspiegeln könnte er nicht überleben. Leontjew nimmt das Beispiel einer Kröte. Aufgrund der Ähnlichkeit mit einem Falter jagt diese einem Stück Papier nach, erst in einem über-lebensnotwendigen Lernprozess, lernt sie Papier und Falter zu unterscheiden (vgl. ebd., 41). Dies macht deutlich, dass die Anpassung des Organismus an seine Umwelt stets ein aktiver Prozess ist. Im weiteren wird von Aneignung gesprochen, um die menschliche Form gegen die Anpassung des Tieres an seine Umwelt abzugrenzen.

Entwicklung des Bewusstseins

In seiner Genese des Psychischen unterscheidet Leontjew verschiedene Entwicklungsphasen. Das Stadium der elementaren sensorischen Psyche ist bestimmt durch die Einwirkung elementarer Reize auf den Organismus, die dieser auf der Grundlage elementarer Empfindungen bewältigen muss. Im zweiten Stadium der perzeptiven Psyche ist der Organismus fähig „[…]die objektive Realität nicht mehr in Form elementarer, durch isolierte Reize oder deren Komplexe ausgelöste Einzelempfindungen, sondern in Form gegenständlicher Abbilder widerzuspiegeln“ (ebd., 142). Dies ist eine erhebliche Entwicklung des Psychischen, ist diese doch nun nicht mehr ausschließlich mit der Handlung auf einen spezifischen Gegenstand gerichtet, sondern auch auf die objektive Umwelt des Gegenstandes. Leontjew nimmt das Beispiel eines Tieres, welches ein Hindernis umgeht, um an sein Futter zu gelangen, und es das Futter wieder direkt angeht, sobald das Hindernis beseitigt ist. Eine solche, besondere Bedingungen folgende Tätigkeit, nennt Leontjew Operation. Sind diese Operationen gefestigt, so werden sie zu Fähigkeiten. Die nächste Stufe ist dann die des Intellekts. Sie zeichnet sich durch äußerst komplexe Tätigkeiten aus (vgl. ebd., 148ff.). Sind auf niedrigen Entwicklungsstufen noch zahlreiche Versuche notwendig, so vollzieht ein Affe bspw. eine Operation, wenn er sie nur gesehen oder einmal ausprobiert hat. Die charakteristische Besonderheit des Intellekts ist der beinnahe sofortige Erfolg einer Operation – wobei Leontjew nicht erklären kann, wie es zu diesem qualitativen Sprung kommt -, die Lösung ähnlicher Aufgaben ohne vorherige Versuche, die Übertragung einer Lösung, wenn andere Bedingungen gegeben sind, sowie die Fähigkeit zwei isolierte Operationen zu einer Tätigkeit zu verknüpfen.

„Beim Übergang zum höchsten Entwicklungsstadium des Tieres wird die Tätigkeitsstruktur immer komplizierter. War die Tätigkeit auf den vorangegangenen Stufen zu einem ganzheitlich-ungegliederten Prozeß verschmolzen, wird sie jetzt in zwei Phasen – die Vorbereitungs- und Vollzugsphase – gegliedert. Die Existenz einer Vorbereitungsphase ist typisch für das intellektuelle Verhalten. Der Intellekt bildet sich demnach in allen den Fällen, in denen der mögliche Vollzug einer Operation oder Fertigkeit vorbereitet wird.“ (ebd., 154)

Hiermit ist grob die Genese des menschlichen Bewusstseins skizziert. Festzuhalten bleibt, dass jeder neuen Stufe der Entwicklung des Psychischen veränderte Existenzbedingungen zugrunde liegen, die einer Vervollkommnung des Organismus bedürfen. Die Folge dieses Anpassungsprozesses ist die zunehmende Differenzierung des Nervensystems sowie der Sinnesorgane und somit das Stadium der elementaren sensorischen Psyche. Das Leben auf dem Festland sowie die Entwicklung der Großhirnrinde führten zum Stadium der perzeptiven Psyche in dem ganze Gegenstände widergespiegelt werden. Infolge komplizierter werdender Lebensbedingungen vervollkommnet sich dieser Prozess und gegenständliche Situationen können sinnlich widergespiegelt werden.

Menschliche Bewusstseinsentwicklung

Leontjew übernimmt in seinem Phasenmodell den Gedanken Wygotskis, dass Entwicklung sich in qualitativen Sprüngen vollzieht, die in Beziehung zur Veränderung der Umwelt stehen. Anders als Wygotski hebt Leontjew jedoch hervor, dass die menschliche Psyche nicht frei ist von der vorangegangenen Entwicklung. Deutlich wird hier ein anderer Entwicklungsbegriff, einer der qualitativ Neues fasst, aber auch das Alte in der neuen Form mitdenkt. Die Menschwerdung ist gekennzeichnet durch folgenden qualitativen Unterschied:

„Mit der Menschwerdung – und das ist das Wichtigste – ändern sich auch die Gesetze, denen die psychische Entwicklung unterliegt. Die psychische Entwicklung des Tieres wird durch die Gesetze der biologischen Evolution bestimmt. Die psychische Entwicklung des Menschen hingegen unterliegt den gesellschaftlich-historischen Entwicklungsgesetzen.“ (Leontjew 1971, 163, Herv. R.B.)

Leontjew entwickelt so die Entstehung des Bewusstseins als nächst höhere Stufe der Entwicklung des Psychischen. Das Kennzeichen ist hier die bewusste Widerspiegelung im Gegensatz zur einfachen psychischen Widerspiegelung des Tieres. Es ist „[…]eine Widerspiegelung, in der die gegenständliche Wirklichkeit von ihren augenblicklichen Beziehungen zum Subjekt getrennt ist und in der die konstanten objektiven Eigenschaften der Umwelt hervorgehoben werden“ (ebd.). Durch diese objektive Widerspiegelung ist der Mensch in der Lage sein Selbst zu beobachten. Dies ist entwicklungslogisch stimmend, erklärt jedoch nicht, wie sich diese Erkenntnis zur „Erfindung des Subjekts“ verhält, welches historisch erst später kulturelles, wissenschaftliches und normierendes Thema wurde. Diese Selbstbeobachtung wird bedeutend, wie Hartmut Krauss schlüssig zeigt, durch die Durchsetzung der christlichen Beichte, um die heidnische Intimität der magisch-rituellen Handlungen aufzubrechen (vgl. Krauss 1996, 148).

Wie Wygotski, so ist auch für Leontjew, im Anschluss an Marx, die menschliche Arbeit, das, was den Menschen zum Mensch macht. Sie verbindet ihn durch seine Einwirkung mit der Natur. Marx schreibt im K1:

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört“ (MEW 23, 192f.).

Marx macht deutlich, das provozierende Forderungen nach einer Abschaffung der Arbeit so nicht haltbar sind. Er arbeitet heraus, dass Arbeit einerseits lebensnotwendig ist und den Menschen mit seiner Umwelt vereint, er sich aktiv in dieser bewegt, zweitens aber auch, das Arbeit dem Menschen gehört und damit die Lohnarbeit eine dem Menschen entfremdete Form der Arbeit ist. Nach Engels in der Dialektik der Natur7, fängt die Arbeit mit dem Gebrauch von Werkzeugen an. Das zweite wesentliche Kennzeichen ist, das der Arbeitsprozess ein gemeinsamer, kollektiver Akt ist. Der Mensch tritt durch Arbeit in Beziehung zu anderen Menschen und geht gesellschaftliche Verhältnisse eingeht (vgl. MEW 20, 449).

Hierbei ist die Arbeitsteilung, wie Holzkamp es nennt, ein „Selektionsvorteil“. Der ursprünglich einheitliche Tätigkeitsprozess wird unter den einzelnen Produktionsmitgliedern aufgeteilt. Dies geschieht zunächst zufällig, entwickelt sich aber zu einer „primitiven technischen Arbeitsteilung“. Leontjew blendet an dieser Stelle die Geschlechterverhältnisse und ihr wesentlichstes Kennzeichen, die patriarchale Arbeitsteilung, aus. Die Arbeit des Menschen als kollektiven Tätigkeitsprozess, mit Marx als Produktionsverhältnis, zu fassen, führt Leontjew zu der Trennung zwischen Ziel und Motiv einer Tätigkeit. So ist bspw. das Motiv eines Treibers in der Urgesellschaft den Hunger zu stillen. Im Zuge der Arbeitsteilung hat er das Ziel die Tierherde in einen Hinterhalt zu locken. Dies in Antizipation, dass das erlegte Tier unter den ProduktionsteilnehmerInnen geteilt wird. Tätigkeiten in denen Motiv und Ziel auseinanderfallen, nennt er Handlungen. Bei diesem Beispiel blendet er die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse aus. So fragt er bspw. nicht danach, wodurch der Anteil der Verteilung geregelt wird. Eine Handlung würde, nach Leontjew, für das Subjekt keinen Sinn machen, wenn es nicht in der Lage wäre das objektive Verhältnis zwischen Motiv und Ziel psychisch widerzuspiegeln. Dieser vernünftige Sinn der Handlung ist es, was das Wesen der menschlichen Psyche ausmacht. Aus dieser Perspektive lassen sich dann Deformierungen der Psyche unter kapitalistischen Verhältnissen analysieren. Doch zurück zur Handlung. Notwendig ist es, dass sich der Sinn der Handlungen für das Subjekt erschließt; der Gegenstand seiner Handlung muss ihm als bewusstgewordenes Ziel vorausgehen.

Die Sprache bildet sich während der Arbeit. Sie ist zugleich Teil der Produktion wie auch das Mittel des allgemeinen menschlichen Kontakts. Sie entsteht, wie Marx und Engels in der DI schreiben, in der „[…]Notdurft des Verkehrs mit anderen Menschen“ (MEW 3, 30). Um sich zur Umwelt bewusst zu verhalten, bedarf es dem, die sinnliche Erkenntnis übersteigenden, Denken. Hier wird die Wirklichkeit in ihren objektiven Eigenschaften, Beziehungen und Zusammenhängen bewusst erfasst. Die denkende Erfassung der objektiven Wirklichkeit sowie der Gebrauch der Sprache – vor dem Hintergrund des kollektiven Tätigkeitsprozesses – führt zur Entwicklung des Bewusstseins. Das Bewusstsein ist zunächst, wie Marx und Engels hervorheben, eines der bewussten Erfassung der „nächsten sinnlichen Umgebung“. Erst im weiteren entwickelt sich dass Bewusstsein, das der Mensch in Gesellschaft mit anderen lebt (vgl. MEW 3, 31). Das heißt, dass das individuelle Bewusstsein des Menschen die Existenz eines gesellschaftlichen Bewusstseins voraussetzt.

„Das Bewußtsein ist eine gleichsam durch das Prisma der gesellschaftlich geschaffenen Wortbedeutungen, Vorstellungen und Begriffe gebrochene Widerspiegelung der Wirklichkeit.“ (Leontjew 1971, 176)

Leontjew eröffnet hier den Raum ideologische und kulturelle Ausformungen des Bewusstseins in den Blick zu nehmen, ohne dies jedoch zu tun. Hierum wird es u.a. im gesellschaftstheoretischen Teil der Arbeit gehen. Wesentlich ist seine Feststellung, dass die konkret-historische Form des Psychischen abhängen von den gesellschaftlichen Lebensbedingungen und von den ökonomischen Verhältnissen (vgl. ebd.) Somit konstruiert Leontjew das Bewusstsein als veränderlich. In der Tradition der „kulturhistorischen Schule“ gibt es jedoch im Bewusstsein einen mit den Produktionsverhältnissen zusammenhängenden qualitativen Wandel. In einer gegebenen Gesellschaft gibt es progressive Anteile und im absterben begriffene Anteile. Unklar bleibt, wie sich diese zu einander verhalten. So ist bspw. bei Gramsci das „kohärentarbeiten“ notwendige Voraussetzung für Handlungsfähigkeit. Das heißt, dass Bewusstsein muss wesentlich widersprüchlicher und dialektischer gedacht werden, als es Leontjew tut. Da das Bewusstsein sich in der Abhängigkeit der Lebensweise des Menschen entwickelt, wird so der Raum geöffnet für die Analyse einer klassentheoretischen Bewusstseinsentwicklung.

Zur Analyse des Bewusstseins im Kapitalismus ist die Unterscheidung zwischen „subjektiven Sinn“ und „objektiver Bedeutung“ zentral. Leontjew verdeutlicht dies an einem Treiber in der Urgesellschaft. Dem Treiber ist die „objektive Bedeutung“ seiner Tätigkeit des Treibens bewusst. „Diese Bedeutung wird im Gegenstand oder in einer Erscheinung, das heißt in einem System gegebener Beziehungen und Zusammenhänge objektiv erschlossen“ (ebd., 180). Durch die Sprache erlangt die Bedeutung ihre Beständigkeit und bildet den Inhalt des gesellschaftlichen Bewusstseins und wird somit zum realen Bewusstsein des Subjekts. In der Urgesellschaft sind „subjektiver Sinn“ und „objektive Bedeutung“ identisch. Da der Begriff der Bedeutung in der Psychologie der 1930er Jahre schon besetzt war, diskutiert Leontjew diesen.

Die Bedeutung gehört zu den „objektiven historischen Erscheinungen“, da in ihr die gesellschaftliche Praxis enthalten ist. Sie stellt eine Verallgemeinerung von Wirklichkeit dar, die sich in Wörtern und Wortkombinationen kristallisiert. Durch die Weitergabe der kumulativen Erfahrung früherer Generationen existiert sie zugleich als Bestandteil des individuellen Bewusstseins.

„Die Welt wird vom Menschen als einem gesellschaftlich-historischem Wesen wahrgenommen, das mit den Vorstellungen und Kenntnissen seiner gesellschaftlichen Epoche ausgestattet, das durch diese Vorstellungen und Kenntnisse zugleich begrenzt ist und dessen Bewußtseinsreichtum keineswegs auf den Schatz seiner persönlichen Erfahrungen zurückgeht.“ (ebd., 181)

Die Erfahrungen früherer Generationen eignet sich der Mensch über Bedeutungen an. Diese werden damit zur Form, in „[…]der der einzelne Mensch sich die verallgemeinerte und widergespiegelte menschliche Erfahrung aneignet“ (ebd.). Was Leontjew nicht erklären kann, wie der Mensch sich in dieser Aneignung bewegt, Bedeutungen verändert usw. Auch der hegemoniale Kampf um Bedeutungen, um das, was ‚offizielle’ Geschichte ist usw. bleibt ausgeblendet. In seiner Definition von Bedeutung grenzt er sich gegen die platonische Ideenwelt ab. Bedeutungen gibt es nur im Menschen, wodurch diese auch von dem Subjekt besetzt werden. Dies ist für ihn nicht die Frage nach der Gegenüberstellung von ‚psychologischer’, ‚geometrischer’, ‚logischer’ und objektiver’ Bedeutung. Vielmehr muss zwischen Allgemeinen und Besonderem unterschieden werden. „Der Begriff hört nicht auf, ein Begriff zu sein, sobald er zum Begriff eines einzelnen Menschen wird; kann es denn überhaupt einen ‚herrenlosen’ Begriff geben?“ (ebd.). Ins Zentrum rücken so die Bedeutungen für das konkrete Subjekt. Denn durch sie erschließt sich für das Subjekt die Wirklichkeit. Bedeutungen haben einen objektiven Charakter, denn sie existieren als gesellschaftliche. Das Subjekt muss sich diese gesellschaftliche Bedeutung aneignen. Auch hier bleiben die Kämpfe, Umdeutungen und Widerständigkeiten ausgeblendet. Den Grad und die Form der Aneignung wird von Leontjew lediglich als psychologisches, nicht aber als gesellschaftliches erkannt.

„Damit wird die Tatsache, ob er eine Bedeutung beherrscht oder nicht, ob er sie sich aneignet oder nicht, inwieweit er sie sich aneignet und was sie für ihn, für seine Persönlichkeit darstellt, zur eigentlichen psychologischen Tatsache seines Lebens.“ (Leontjew 1971, 182)

Fortgeführt werden muss diese psychologische Perspektive auf das Leben der Menschen und seine Wechselwirkung mit seiner Umwelt. Der „subjektive Sinn“ tritt hierdurch als Verhältnis des Subjekts zur Umwelt auf. Problematisch ist es jedoch, wenn die Bedeutungsbeherrschung zur Normierung der Subjekte führt. Auf eine Kritik an der Pädagogisierung der sowjetischen Psychologie gehe ich im nächsten Kapitel ein. Es ist der bewusste Sinn, der das Verhältnis zwischen Motiv und Ziel ausdrückt. In diesem Sinne verwendet er den Term „Motiv“ „[…]nicht, um das Erleben des Bedürfnisses zu bezeichnen, sondern [wir] verstehen darunter den objektiven Tatbestand, in dem dieses Bedürfnis unter den gegebenen Bedingungen konkretisiert ist, der die Tätigkeit anregt und worauf sie sich richtet“ (ebd., 183). Um die Frage nach dem persönlichen Sinn zu beantworten, gilt es das entsprechende Motiv zu erschließen. Dieser Sinn ist stets auf etwas bezogen. Leontjew kritisiert die bisherige Vermengung der Begriffe „Sinn“ und „Bedeutung“. Problematisch wird die Diskrepanz für das Subjekt, wenn, wie im Kapitalismus, „subjektiver Sinn“ und „objektive Bedeutung“ auseinanderfallen.

„Die Tätigkeit des Treibers in der Urgesellschaft wird subjektiv durch seinen in Aussicht stehenden Anteil an der gemeinsamen Beute angeregt, die seine Bedürfnisse befriedigt. Diese Beute ist zugleich das objektive Ergebnis der gemeinsamen Tätigkeit im Kollektiv. Der Lohnarbeiter in der kapitalistischen Produktion ist ebenfalls subjektiv bestrebt, durch das Ergebnis seiner Tätigkeit seine Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung oder Wohnung zu befriedigen. Das objektive Ergebnis seiner Arbeit ist jedoch ein ganz anderes: ‚Was er für sich selbst produziert, ist nicht die Seide, die er webt, nicht das Gold, das er aus dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was er für sich selbst produziert, ist der Arbeitslohn, und Seide, Gold, Palast lösen sich für ihn auf in ein bestimmtes Quantum von Lebensmitteln, vielleicht in eine Baumwolljacke, in Kupfermünze und in eine Kellerwohnung.’

Seine Arbeitstätigkeit ändert sich für ihn in etwas anderes, als sie es in Wirklichkeit ist. Ihr Sinn, den sie für den Arbeiter hat, deckt sich jetzt nicht mehr mit ihrer objektiven Bedeutung“ (Leontjew 1971, 200f.; Zitat im Zitat MEW 6, 400).

Da ich der Frage nach der Art und Weise der Reproduktion des Kapitalismus nachgehe, wird diese Diskrepanz ein Punkt der Analyse sein. Es geht darum zu sehen, wie der „subjektive Sinn“ politischer Handlungen evtl. eine neoliberale „Bedeutung“ bekommt. Hier knüpfe ich an Marx an, wenn ich der Fetischisierung der Verhältnisse nachgehe, also erkenne, dass Menschen bewusst handeln und dabei ihre gesellschaftlich vermittelten Zielen nachgehen, zugleich jedoch unbewusst Verhältnisse produzieren und reproduzieren, von denen sie beherrscht werden (vgl. auch Bischoff u.a. 2002, 22). In Leontjew’s totalisierender Perspektive auf Welt, wird der Kampf um Bedeutungen ausgeblendet. Dies ist jedoch eine Verkürzung, denn die Subjekte haben unterschiedliche Positionen in der totalisierten Welt inne. In dieser Arbeit wird daher die Perspektive auf den Kampf um „Bedeutungen“ verschoben, wodurch Ideologiekritik als Aufgabe entsteht. Zudem muss die Perspektive klassen- und kulturtheoretisch erweitert werden, denn die symbolische Dimension des Verhältnisses von Sinn und Bedeutung, also die Form in der Menschen ihr Leben äußern, hat eine Dynamik in relativer Autonomie zur Klassenstrukturierung. Hier ist also eine der Schnittstellen zwischen Bewusstsein, Klasse, Kultur und Kapitalimus. Nach Leontjew bildet das Verhältnis von „Sinn“ und „Bedeutung“ die Hauptkomponente der inneren Struktur des menschlichen Bewusstseins. Ein weiterer wichtiger Baustein des Bewusstseins ist die „sinnliche Erkenntnis“ – diese ist bei Holzkamp der Ausgangspunkt seiner historischen und phänographischen Analyse.

Um das Bewusstsein des Menschen in den unterschiedlichen historischen Epochen und Gesellschaftsformationen genauer zu analysieren, muss man sich die konkreten Lebensbedingungen ansehen. Marx schreibt in Zur Kritik der politischen Ökonomie „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt“ (MEW 13, 9). Leontjew formuliert diesen Gedanken als Forschungsauftrag.

„Die Tätigkeit eines Menschen kann nur die Struktur haben, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen und den daraus resultierenden Beziehungen zwischen den Menschen entstanden ist. Sprechen wir allerdings vom Bewußtsein eines einzelnen Menschen, dann müssen wir die konkreten Bedingungen und Verhältnisse betrachten, in die das Individuum durch seine Lebensverhältnisse gestellt ist.“ (Leontjew 1971, 185)

Als erste Entwicklungsetappe skizziert Leontjew die Urgesellschaft bzw. den Urkommunismus. Hier sind die Produktionsmittel noch vergesellschaftet, und es gibt keinen Privatbesitz. Die Menschen sind vereint im Kampf gegen die Natur. Das Bewusstsein existiert hier als „[…]gesellschaftlich vermittelte Beziehung[…]“ (ebd., 186) zur Natur. Die bewusstgewordenen Erscheinungen beschränkten sich auf die materielle Produktion. (vgl. hierzu auch MEW 3, 30f.). Da die Beziehungen der Mitglieder der Urgesellschaft zu Produktionsmitteln und Produktionsbedingungen gleich sind, fallen individuelles und gesellschaftliches Bewusstsein zusammen. Dies müsste umgekehrt bedeuten, dass wenn die Stellung der Subjekte zu Produktionsmitteln und Produktionsbedingungen unterschiedlich ist, wie im Kapitalismus, dass die sprachlichen Bedeutungen des Kollektivs nicht einheitlich sind, wodurch der Weg frei wird den Klassencharakter von Bedeutungen diskursanalytisch zu untersuchen. Als wichtigste Eigenart des primitiven Bewusstseins bestimmt Leontjew die Identität von Sinn und Bedeutung.

„Diese Übereinstimmung zwischen Sinn und Bedeutung ist die wichtigste Eigenart des primitiven Bewußtseins. Obwohl der Zerfall noch innerhalb der Epoche der Urgesellschaft vorbereitet wird, vollzieht er sich erst zusammen mit dem Zerfall dieser Gesellschaftsordnung.“ (Leontjew 1971, 187)

Dies klingt sehr nach dem marxistischen Sündenfall. Zuerst war alles harmonisch, die Menschen waren mit sich im Einklang und dann kam der böse Kapitalismus. Hier macht es sich Leontjew zu einfach. Durch die Ausdifferenzierung der Arbeitsoperationen verändert sich, seiner Analyse nach, das Bewusstsein, denn die Werkzeugherstellung bedarf eines Bewusstmachens von Operationen. Die Herstellung wird in einzelne Phasen aufgegliedert und einer Arbeitsteilung zugänglich. Somit bilden die „bewussten Operationen“ einen qualitativ neuen Schritt in der Bewusstseinsentwicklung. Laufenberg et. al. machen zu recht darauf aufmerksam, dass dies „[…]keine Spezifität der Urgesellschaft dar[stellt]. Dieser Sachverhalt ist auf jeder Stufe der geschichtlichen Entwicklung formulierbar. L[eontjew] hätte die spezifische Form dieses Prozesses in der Urgesellschaft darstellen müssen, was er aber nicht kann, weil für ihn die spezifische Form der gesellschaftlichen Arbeit, die differentia spezifica der einzelnen Produktionsweisen, aus der Darstellung überhaupt herausfällt.“ (Laufenberg et. al. 1974, 50)

Zum Bewusstsein in der Urgesellschaft lässt sich abschließend zusammenfassen:

„Das Bewußtsein des Menschen in der Urgesellschaft ist allgemein dadurch gekennzeichnet, daß Sinn und Bedeutung übereinstimmten. Diese Tatsache ist ein psychologischer Ausdruck für die gleichen Beziehungen des Menschen zu den Arbeitsmitteln und Arbeitsprodukten, den ersten Gegenständen, die in den Bereich der bewußtgewordenen Erscheinungen eingehen.“ (Leontjew 1971, 192).

Hiermit ist die Basis gelegt, sich das Bewusstsein in der Klassengesellschaft anzusehen.

Die Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln erforderte eine Veränderung der Bewusstseinsstruktur. Diese neue Struktur bezeichnet Leontjew als „desintegriert“ – im Gegensatz zur „primitiv-integrierten“ Bewusstseinsstruktur der Urgesellschaft. In dieser Phase sind sich Sinn und Bedeutung einander fremd. Leontjew arbeitet heraus, dass Sprache zunächst der Verständigung über eine gemeinsame Tätigkeit diente. Durch die Spaltung der Tätigkeit in Vorbereitung und Ausführung entwickelte sich die historische Arbeitsteilung zwischen praktischer und geistiger Tätigkeit. Diese Desintegration ist ein historisches Produkt und damit weder allgemeingültig noch ewig (vgl. ebd., 199). Daher ist es notwendig die konkret-psychologischen Züge der Persönlichkeit im Verhältnis zur Bewusstseinsstruktur und den gesellschaftlichen Verhältnissen zu untersuchen, sonst bleibt die Untersuchung auf einer Ebene des abstrakten Menschen. Es geht Leontjew aber darum die spezifische Entwicklung in der Klassengesellschaft herauszuarbeiten. Die erste Veränderung des Bewusstseins ist die Isolierung von geistiger und theoretischer Tätigkeit. Eine weitere Veränderung ergibt sich in der entwickelten Klassengesellschaft aus der Trennung der ProduzentInnen von den Produktionsmitteln. Hierdurch findet eine „Versachlichung“ und „Trennung“ der menschlichen Beziehungen statt. „Die eigene Tätigkeit hört auf, das zu sein, was sie in Wirklichkeit ist“ (ebd.). Das Auseinanderfallen von objektiven Ergebnis und Motiv verleiht dem Bewusstsein in der Klassengesellschaft „[…]besondere psychische Züge“ (ebd., 200). Es geht dem Subjekt nun nicht mehr darum sich über Arbeit zu verwirklichen, sondern um die Höhe des zu verdienenden Arbeitslohns. Die persönlichen Beziehungen werden in sachliche, geldvermittelte transformiert. Die „Doppelgestalt“ bzw. die „besonderen psychischen Züge“ werden deutlich, wenn sich ein Glaser, wie Charles Fourier schreibt, über Hagelschäden bei seinem Nachbarn freut (vgl. ebd., 202). Fassen wir zusammen:

„Es ist ganz gleich, welchen konkret-psychologischen Zug im Psychischen eines Menschen, der unter den Bedingungen des Privateigentums lebt, wir herausgreifen, es ist ganz gleich, ob wir die Besonderheiten seines Denkens, seiner Interessen oder seiner Gefühle betrachten. Stets erkennen wir dabei den Stempel dieser Bewußtseinsstruktur. Ignoriert man die Eigenheiten der Bewußtseinsstruktur dagegen und klammert sie aus psychologischen Untersuchungen aus, dann verliert die Psychologie ihre historische Konkretheit und wird zur Wissenschaft vom Psychischen des abstrakten Menschen, des Menschen an sich.“ (ebd., 202)8

Die Solidarität der Arbeiter gilt Leontjew als Ausdruck des Kampfes um die Rückeroberung ihrer Menschlichkeit. Dieser Kampf ist notwendig um den „Bewußteinsqualen“ zu entkommen. Denn unter kapitalistischen Umständen teilt sich das Leben nicht einfach in ein individuelles und ein entfremdetes.

„Es nimmt die Form eines inneren Kampfes an, in dem sich die Auflehnung des Menschen gegen sie Verhältnisse offenbart, die ihn beherrschen. Der Mensch ist sich nicht bewußt, daß Sinn und Bedeutung einander fremd sind; diese Tatsache bleibt seiner Selbstbeobachtung verborgen. Sie offenbart sich ihm aber in einer anderen Form: eben in seinem inneren Kampf. Die dabei ablaufenden Prozesse werden gewöhnlich ‚Widersprüche des Bewußtsteins’, zuweilen auch ‚Bewußtseinsqualen’ genannt. Der Sinn der Wirklichkeit wird dabei bewußt erfaßt, der persönliche Sinn hinter den Bedeutungen erkannt.“ (ebd., 205)

Die Natur dieser Bewusstseinsqualen besteht in der Widersprüchlichkeit und Einengung des Bewusstseins durch die Klassengesellschaft. Leontjew arbeitet, unter Rückgriff auf W. Abajew heraus, dass das Subjekt nicht lediglich die Fülle sprachlicher Bedeutungen aufnimmt, sondern auch das System der Ideen, Ansichten und Ideale. Anders als bei Wygotski wird so der Raum geöffnet, den ideologischen Inhalt der Bedeutungen zu untersuchen. Leontjew konstatiert, dass in der Klassengesellschaft die Ideologien der herrschenden Klasse dominieren. Hiermit knüpft Leontjew unmittelbar an die Behauptung von Marx und Engels im Manifest der kommunistischen Partei (zit. Manifest) an, hier heißt es: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ (MEW 4, 480). Doch das Subjekt ist nicht vollständig in der Ideologie gefangen.

„Da jedoch das menschliche Leben nicht völlig in diesen Verhältnissen verkörpert ist, sind auch die durch das Leben des Menschen entstehenden Sinngehalte nicht vollständig in den Bedeutungen verkörpert, die lebensfremde Beziehungen widerspiegeln. Deshalb werden diese Tatbestände nicht adäquat und nicht vollständig bewußt.“ (ebd., 207)

Nimmt man die 6. ThF ernst, dann schafft der Mensch sich seine Umwelt und wird dadurch Mensch. Das heißt auch, dass das menschliche Leben nur als Ensemble verstanden werden kann. Die Annahme einer nicht vollständigen Verkörperung läßt sich so nicht halten. Jedoch behält der zweite Teil der Aussage seine Richtigkeit, lässt sie sich doch über die je konkrete Persönlichkeitsentwicklung inklusiver Bedeutungszuschreibungen erklären. Aus einer Befreiungsperspektive gilt es die objektiven Bedingungen praktisch zu verändern. Die widersprüchliche Erscheinung des Bewusstseins kann nur beseitigt werden, wenn der Kampf gegen die Entfremdung aufgenommen wird. Dabei ist der Kampf gegen die Desintegration des Bewusstseins keiner, der sich idealistisch verstanden, aus einer Suche nach der Wahrheit ergibt, sondern er entsteht aus „[…]dem Verlangen nach einem wahren Leben“ (ebd.). Holzkamp fasst dies als „Lebensgewinnungsprozeß“. In der Arbeiterklasse „[…]ist das Streben nach einem adäquaten Bewußtsein der psychologische Ausdruck für einen echten Lebenswunsch. Dieses Streben widerspricht sich nicht selbst, es negiert nicht den wirklichen Inhalt des menschlichen Lebens, sondern läßt es zu voller Entfaltung kommen“ (ebd., 208). Geht Leontjew von einem permanenten Verfehlen einer adäquaten Wirklichkeitserfassung unter Bedingungen der kapitalistischen Klassengesellschaft aus, so macht Gramsci deutlich, dass die menschliche Persönlichkeit aus Elementen des Höhlenmenschen, wie der fortgeschrittensten Wissenschaft besteht. Um handlungsfähig zu sein und nicht durch die „Bewußtseinsqualen“ in seiner Lebensentwicklung blockiert zu sein, bedarf es eines ständigen kohärentarbeitens des Alltagsverstandes. Dies ist, wie ich im Kapitel zu Gramsci deutlich mache, also nichts spezifisch kapitalistisches. Und auch bei Holzkamp ist das Streben nach Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen nichts originär kapitalistisches, verweist aber dennoch zugleich auf die besondere Schärfe in der unter kapitalistischen Verhältnissen die ProduzentInnen von den Produktionsmitteln, von allseitiger Entwicklung, von Mitbestimmung über ihr gesamtes Leben inkl. Produktion usw. ausgeschlossen sind.

Die Entwicklung der kapitalistischen Produktion in den 1960er Jahren, ließen Leontjew hoffen, dass, da die Arbeit immer mehr im Kollektiv vollzogen wurde, sich die Masse der Werktätigen vereinigen werde. Der gesellschaftstheoretische Teil der Arbeit wird zeigen, dass die Lage der LohnarbeiterInnen heute eine andere ist. Dennoch kann Leontjew daraufhin geprüft werden, welche Erkenntnisse für eine weiterführende „aktual-empirische“ Forschung (Holzkamp) fruchtbar sind.

„Die herrschenden Verhältnisse und die in ihnen verborgenen Anfänge neuer Beziehungen offenbaren sich dem Arbeiter immer mehr in ihrem wirklichen Sinn.“ (ebd., 208)

Dies ist jedoch kein automatisch ablaufender Prozess. Noch in der Dichotomie zwischen „richtigem“ und „falschem“ Bewusstsein verhaftet, geht Leontjew davon aus, dass der Sinn erst durch gesellschaftlich erarbeitete Bedeutungen adäquat erfasst wird. Ohne an dieser Stelle die Dichotomie von „richtigem“ und „falschem“ Bewusstsein zu teilen (s.o. Exkurs), teile ich die Auffassung, dass die herrschenden Verhältnisse nur durchdrungen werden können, wenn analytische, die Unmittelbarkeit durchdringende Begriffe entwickelt werden, Begriffe die es möglich machen, Wirklichkeit nicht ideologisch verstellt zu betrachten. Leontjew arbeitet entsprechend heraus, dass unter gegebenen historischen Bedingungen – die sich dem Wesen nach nicht geändert haben, da die kPw nach wie vor existiert – die herrschenden Bedeutungen (Vorstellungen und Ideen) die der bürgerlichen Ideologie sind (s.o.). Diese Bedeutungen stehen einer Durchdringung der Verhältnisse im Wege. Hiermit benennt Leontjew ein Kennzeichen von Ideologie.9 Die tiefgehende Verwurzelung der herrschenden Ideologie erschwert die Aneignung neuer Bedeutungen, da diese dem Alltagsverstand zunächst als „unwahr“ und „nicht adäquat“ erscheint. Doch im Fortschreiten der Durchdringung der herrschenden Verhältnisse wird deutlich, dass eigene Erfahrungen zu den herrschenden Bedeutungen oftmals im Widerspruch stehen. Der Mensch ist daher bestrebt diesen Widerspruch zu überwinden. Leontjew spricht in diesem Zusammenhang stets von Massen, und nicht wie ich dies getan habe, von konkreten Menschen. Hier knüpft er an die These der LohnarbeiterInnen als „revolutionäres Subjekt“ an und begründet dies mit kollektiven Arbeitsformen in der kPw seiner Zeit. Hierdurch verliert er jedoch die je spezifischen Lebenslagen der Subjekte aus dem Auge und erkennt dadurch bspw. auch nicht die Geschlechterverhältnisse und rassistische Verhältnisse. Leontjew unterscheidet das Streben nach einem adäquaten Bewusstsein bei den arbeitenden Massen und den Ausbeuterklassen. Dabei ist nur das Bewusstsein der „Arbeiter“ darauf ausgerichtet sich „adäquate Bedeutungen“ anzueignen, denn diese sind notwendig um ihre „Lebensqualität“ (Holzkamp) zu verbessern. Leontjews Ideologiebegriff ist an dieser Stelle problematisch, gibt es für ihn doch eine „adäquate“ und eine „inadäquate“ Ideologie. Entweder Ideologie verdeckt bspw. Widersprüche oder es gibt eine Erkenntnis, die es ermöglicht die objektiven Bedingungen mit ihrem Widersprüchen zu benennen. (vgl. hierzu das Kapitel zur Ideologietheorie). Leontjew geht von – wie Paul Willis sagen würde – spontanen und „partiellen Durchdringungen“ (Willis) der herrschenden Verhältnisse aus. Der Sinn der kapitalistischen Verhältnisse ist dem Arbeiter noch nicht voll bewusst und wird nur instinktiv erfasst. Es ist jedoch dieser – noch unbewusste Sinn -, der den Arbeiter dazu veranlasst, sich solidarisch zu erklären und zu Handeln.

Die Widersprüche im Bewußtsein äußern sich daher nicht in einer machtlosen Auflehnung gegen sich selbst, sondern in der Empörung gegen eine Ideologie, die im Bewußtsein dominiert; es entsteht das Verlangen nach wahrem Verstehen und Wissen. Dieses Verlangen der Arbeiter, sich von den Fesseln der bürgerlichen Ideologie zu befreien und die Wahrheit zu finden, ist allgemein bekannt; es ist überflüssig, Beispiele dafür anzuführen.“ (ebd., 209)

Der solidarische Kampf ist für Leontjew so selbstverständlich, dass er auf Beispiele verzichtet. Auch wenn die Lage der LohnarbeiterInnen heute eine andere ist und auch Solidarität keineswegs selbstverständlich ist bzw. der sog. „Arbeiterklasse“ essentialistisch zukommt, so sind es doch nach wie vor die Widersprüche im Bewusstsein, die Widersprüche zwischen Erfahrungen und herrschender Sprache, die dazu auffordern durchdrungen zu werden und dem Subjekt zum Problem werden. Bei Leontjew sind es die Begriffe des wissenschaftlichen Sozialismus, die den Arbeiter in die Lage versetzen den herrschenden Sinn zu erfassen und so seinen Handlungen „neue psychische Züge“ zu verleihen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird Leontjew kritisch gegen das vorherrschende individualistische Paradigma diskutiert (vgl. Brodesser XXX; Text zur Entsolidarisierung)

Die Befreiungsperspektive bei Leontjew ist eine ganz spezifische Vorstellung des Sozialismus, die er nicht explizit benennt, noch andere Formen gegeneinander diskutiert. Die sozialistische Beseitigung des Privateigentums führt, nach Leontjew, dazu, dass der objektive Inhalt der menschlichen Tätigkeit wieder mit seinem subjektiven Sinn zusammenfällt. Hierdurch werden auch die Widersprüche im Bewusstsein beseitigt. Dies ist aus mehreren Gründen problematisch. Zum einen hängt es ab von der konkreten Ausgestaltung der sozialistischen Gesellschaft, so scheinen mir die ehemaligen staatssozialistischen Varianten keineswegs geeignet die Entfremdung aufzuheben – ohne dies hier diskutieren zu wollen. Zum zweiten bleibt unberücksichtigt, dass – wie Gramsci schreibt – altes und neues nebeneinander bestehen. Hierbei ist dies nichts, was durch Umerziehung10 verändert wird, sondern ein langwieriger dialektischer Prozess als Einheit von Theorie und Praxis ist.

Dies leitet über zum zentralen Thema meiner Arbeit: Lernprozesse. Subjektorientiert stellt Leontjew fest, dass nun Lernen nicht mehr mit inneren Widerständen besetzt ist, sondern aus eigenem Interesse geschieht. Allerdings verkürzt er zugleich Lernen auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität und somit des Wohlstandes. Die lernende Aneignung der ganzen Welt wird damit nicht hinreichend erfasst. Für Holzkamp hingegen bedeutet Lernen eine zunehmende Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen, eine verbesserte Lebensqualität und mehr Handlungsfähigkeit. Im Zuge dieser Verkürzung reduziert Leontjew auch den Arbeitsbegriff auf die produktive Tätigkeit. Die Erfassung der Wirklichkeit mittels neuer, adäquater Bedeutungen, verstanden als objektivierte Kenntnisse, erlaubt es sich die „Arbeitskultur schöpferisch anzueignen“, wodurch neue Produktionsverhältnisse möglich werden. Hier spricht Leontjew m.E. zu theoretisch. Eine anarchosyndikalistische Perspektive würde es m.E. erlauben Theorie, Praxis, Arbeit, Leben und Bewusstsein als Einheit zu denken. Denn die ProduzentInnen organisieren selbstbestimmt in Kollektiven sowohl ihren Lebens- als auch ihren Arbeitsprozess. Politische, kulturelle und produktive Strukturen sind selbstbestimmt. Diese reale Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen ist es, die Dialektik von Theorie und Praxis verwirklicht.

In neuen sozialistischen Verhältnissen offenbaren sich dem Subjekt die Bedeutungen völlig anders. Es wird möglich sich den Reichtum menschlicher Erfahrung in breitem Umfang anzueignen und diesen mit einem persönlichen Sinn zu besetzen. Das Subjekt ist nicht mehr entfremdet, es durchdringt die Verhältnisse, wodurch diese ihm nicht mehr mystifiziert entgegentreten. Hier vertritt Leontjew eine teleologische Bewusstseinsperspektive und blendet dabei die Hartnäckigkeit verklärender Vorstellungen aus. Dies wird mit Gramsci dialektischer gedacht, als Prozess des lebenslangen kohärentarbeitens. Der teleologische Bewusstseinspunkt ist jedoch nicht identisch mit einer Rückkehr zum integrierten Bewusstsein in der Urgesellschaft. Sie ist nun „formkomplizierter“ und erfasst die wechselseitigen Übergänge von Sinn und Bedeutung. Die ursprünglich enge Fassung des Sinns wird nun gattungsmäßig begriffen (vgl. ebd., 209ff.). Dies macht deutlich, dass das Bewusstsein nur unter sozialistischen Verhältnissen wieder integriert ist und sich auch nur dort frei und vor allem „allseitig“ entfalten kann. Auch eine wie auch immer geartete sozialistische Gesellschaft wird m.E. reich sein an Widersprüchen, die sich im Bewusstsein widerspiegeln. Dies eine Vermutung, die sich nur empirisch an der historisch je konkreten Gesellschaft verifizieren lässt.

„Diese neue psychologische Bewußtseinsstruktur entsteht selbstverständlich nicht spontan mit der Veränderung der Existenzbedingungen. Der Prozeß vollzieht sich auch nicht kampflos; es bedarf dazu der Erziehung, durch die sozialistische Ideologie in das Bewußtsein der Menschen hineingetragen werden muß. Diese aktive Erziehung neuer psychischer Eigenschaften ist für das Aufkommen eines sozialistischen Bewußtseins unerläßlich.“ (ebd., 213)

Dieser Erziehungsgedanke hatte historisch verheerende Folgen, führte er doch dazu, dass massenhaft Menschen in Umerziehungslagern, ideologisch im Sinne des damaligen sozialistischen Verständnisses, umerzogen wurden. Doch auch theoretisch ist er problematisch. Wenn das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, so wäre Umerziehung überflüssig. Mit anderen Worten, wenn die Menschen die reale Verfügung über ihre Lebensbedingungen haben, müsste ihr Bewusstsein sich in Richtung auf einem zunehmenden Weltaufschluss entwickeln, da diese ihnen nicht mehr fremd ist. So zumindest in der Logik Leontjews. Aus einer anderen Perspektive kann mit Holzkamp deutlich gemacht werden, dass „Erziehung zu…“ nicht funktioniert. Richtig ist Leontjews Erkenntnis, dass die neuen Verhältnisse nicht von einem Moment zum anderen „in neuem Licht“ erscheinen, sondern mystische Vorstellungen zunächst weiterbestehen. Jedoch verlieren sie mit der Aneignung der neuen objektiven Bedingungen ihren Boden. Hieran wird schon deutlich, dass seine „Erziehung zu…“ nicht stichhaltig ist.

Sowjetische Psychologie und Pädagogik

Über den Zusammenhang von Psychologie und Pädagogik schreibt Leontjew direkt am Anfang des Vorwortes zu Probleme der Entwicklung des Psychischen, welches in überarbeiteter Form 1959 in Moskau veröffentlicht wurde: „Die Entwicklung des Psychischen gehört zu den zentralen Problemen der sowjetischen Psychologie. Die Lehre von der Entwicklung des Psychischen bildet die theoretische Grundlage, auf der sich wichtige psychologische und pädagogische Fragen klären lassen“ (Leontjew 1971, 5). Die enge Verknüpfung von Psychologie und Pädagogik ist auffallend für die Sowjetpsychologie. Hans Hiebsch macht in seinem Text Zur Einführung in den Beiträge[n] aus der Sowjetpsychologie in der Schriftenreihe Schriften zur sowjetischen Pädagogik zum einen die wissenschaftlichen, zum anderen aber auch die politischen Kämpfe deutlich, die hinter dieser engen Verzahnung stehen.

„Die bürgerliche Pädologie mit ihren ‚pädagogischen Schlußfolgerungen’ fand Eingang in die Psychologie der zwanziger Jahre in der Sowjetunion; Eingang fanden aber auch die Folgen der Pädologie: man testete, sortierte, differenzierte die Schüler, schuf eine Unzahl von Sonderschulen und erzielte den vom Klassenfeind beabsichtigten schlechten Leistungsstand der sowjetischen Schulen.

In dieser ersten Etappe beherrschte die Pädologie fast völlig die Praxis der Psychologie in der Sowjetunion. Und doch reifte in dieser Zeit in der echt wissenschaftlichen Forschungsarbeit J.P. Pawlows und seiner Schüler und in der Praxis der besten sowjetischen Lehrer ihre Überwindung heran. Unter den harten Bedingungen des ideologischen Klassenkampfes erstand der große Neuerer der Sowjetpädagogik, damit auch der Sowjetpsychologie: Anton Semjonowitsch Makareko. Seine Praxis, erwachsen aus der Praxis des sozialistischen Aufbaus, getrieben vom Bewußtsein eines unbeugsamen, glühenden Kommunisten, überwand bereits in den zwanziger Jahren sowohl die pädologische Praxis als auch die ihr zugrunde liegende psychologische ‚Theorie’, ohne daß es damals Theoretiker der pädagogischen Wissenschaften verstanden hätten, die notwendigen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Nach eingehenden Untersuchungen und Diskussionen zog am 4. Juli 1936 das Zentralkomitee der KPdSU (B) in seiner historischen Entschließung: ‚Über die pädologischen Entstellungen im System der Volkskommissariate für Bildungswesen’, diese Schlußfolgerungen und schloß damit die erste Etappe in der Entwicklung der Sowjetpsychologie ab.“ (Hiebsch 1951, 5f.; Herv.i.O.)

Er geht sogar soweit Psychologie und Pädagogik in eins zu setzen. Deutlich wird auch die ideologische Rhetorik der Stalin-Ära und die Lobgesänge auf kommunistische WissenschaftlerInnen und ihre Bedeutung für den Klassenkampf, der stets im Einklang mit der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) stattfand (oder entnannt wurde). Bevor ich zu Leontjews Lerntheorie übergehe, soll zunächst deutlich gemacht werden, dass die sowjetischen PsychologInnen zwar einerseits geniale Theorien entwickelten, andererseits aber ihr Verhältnis zu den gesellschaftlichen Umbrüchen in der Sowjetunion relativ unkritisch, zuweilen patriotisch, parteitreu und erzieherisch war. Neben Hiebsch ist es z.B. A.A. Smirnow der die wichtige Rolle der sowjetischen Psychologie für die Praxis der Schularbeit hervorhebt. Über die psychische Verfasstheit des neuen Menschen in der Sowjetunion schreibt er:

„In der Sowjetunion haben sich die sozialistischen Verhältnisse unerschütterlich gefestigt. Unter ihrem Einfluß vollzieht sich eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Revolution – die seelische Umgestaltung des sowjetischen Menschen. ‚Die sowjetischen Menschen von heute gleichen nicht mehr jenen vor dreißig Jahren.’ Das kulturelle Niveau aller sowjetischen Völker hat sich unermeßlich gehoben. Charakteristisch für alle sowjetischen Menschen ist die neue, kommunistische Einstellung zur Arbeit und zum gesellschaftlichen Eigentum, hochentwickelt das Gefühl für Kollektivismus, Kameradschaft und Freundschaft, unerschütterlich die moralisch-politische Einheit des sowjetischen Volkes, seine glühende, grenzenlose Liebe zu seiner sozialistischen Heimat, die Tapferkeit und Kühnheit der sowjetischen Menschen. […]Zu dieser neuen geistigen Gestalt des sowjetischen Menschen gehören neue psychische Eigenschaften seiner Persönlichkeit.“ (Smirnow 1951, 13)

Aus heutiger Sicht bedarf es m.E. keines Kommentars dieser Rhetorik. Dass die Entwicklung des neuen sozialistischen Menschen nicht einfach aus den neuen Verhältnissen erwächst, sondern ein Züchtungsprozess ist, schreibt Leontjew: „Die sozialistische Praxis der Erziehung ist aber die Praxis einer aktiven und planmäßigen Bildung von Charaktereigenschaften und Fähigkeiten des Menschen“ (Leontjew 1951, 32). Hiermit wird der Objektcharakter des Subjekts, hier des Kindes, schon angedeutet. Das heißt, in Leontjews Werk müsste sich dass Spannungsverhältnis von Subjektorientierung in Form des Ausgangspunktes der Subjektentwicklung von seiner realen Lebenstätigkeit aus und der Objektivierung zu Gunsten einer sozialistischen Erziehung finden lassen. Dies soll im folgenden kurz11 herausgearbeitet werden.

Objektivierung des Subjekts bei Leontjew

Leontjew geht, wie anfangs geschrieben, auf Wygotski zurück. Wesentlicher Anknüpfungspunkt ist hier Wygotskis Plädoyer für die Beibehaltung des Bewusstseinsbegriffs in der Psychologie. Wesentliches Unterscheidungskriterium zwischen Mensch und Tier, war bei ihm die „soziale Erfahrung“ und die „historische Erfahrung“. Für Leontjew ist die gesellschaftlich-historische Erfahrung von zentraler Bedeutung. Die unterschiedlichen individuellen Erfahrungsbildungen werden als „Lernen“ zusammengefasst.

„Beim Menschen erlangen dann die Lernprozesse die qualitativ neue Form der ‚Übermittlung und Aneignung […] von Erfahrungen der gesellschaftlichen Praxis’ – eine Tatsache, die in entscheidender Weise den gesamten Lernprozess verändert und seine Funktion auf ein höheres Niveau ‚hebt’. Diese ‚Anhebung’ der Funktion findet ihren Ausdruck darin, dass sich das Lernen nicht mehr nur darauf beschränkt, das Verhalten zu modifizieren, zu entfalten und zu perfektionieren. Vielmehr schafft es neue, spezifisch menschliche Verhaltensformen wie z.B. die Herstellung von Werkzeugen, sprachliche Kommunikation und die inneren, geistigen Handlungen.“ (Keiler 1999, 157; Zitat im Zitat Leontjew)

Die Übermittlung verweist auf mindestens ein anderes Subjekt. Für das Kind ist der / die Erwachsene das Vermittlungsmedium. Durch den Erwachsenen wird bspw. der Löffelgebrauch dem Kind vermittelt. Für Leontjew ist dies eine Form der „Zusammenarbeit“. Durch diesen Term verbaut er sich die Möglichkeit dieses als herrschaftliches Verhältnis zu denken. Nicht nur das, das aktiv konstruierte Subjekt wird in diesem Prozess zu einem Objekt. Denn die Aneignung des Löffelgebrauchs und die Herausbildung einer adäquaten Tätigkeitsstruktur geschieht nicht aus der Subjektentwicklung heraus, sondern, der Erwachsene baut diese auf: „Der Erwachsene baut demnach beim Kinde ein neues funktionales System auf, indem er ihm teils neue Bewegungen vermittelt […]“ (Leontjew 1971, 240).

Was ist es, was der junge Mensch vermittelt bekommt, und was er sich aneignen muss? Es sind die Vergegenständlichungen der Welt, die Wygotski als „historische Erfahrung“ bezeichnete, die der Mensch sich aneignen muss. Wie ich deutlich machte, ist es die Tätigkeit des Menschen die sich in Gegenständen verkörpert, und durch die sich der Mensch vom Tier unterscheidet. Leontjew verweist hier auf einen Passus im K1: „Die Arbeit hat sich mit ihrem Gegenstand verbunden. Sie ist vergegenständlicht, und der Gegenstand ist verarbeitet. Was auf seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins, auf seiten des Produkts.“ (MEW 23, 195) Das heißt, dass sich in den Produkten die geistigen Fähigkeiten und Kräfte vergegenständlichen. Marx und Engels schreiben in der DI:

„Es ist also jetzt so weit gekommen, daß die Individuen sich die vorhandene Totalität von Produktivkräften aneignen müssen, nicht nur um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen, sondern schon überhaupt um ihre Existenz sicherzustellen. Diese Aneignung ist zuerst bedingt durch den anzueignenden Gegenstand – die zu einer Totalität entwickelten und nur innerhalb eines universellen Verkehrs existierenden Produktivkräfte. Diese Aneignung muß also schon von dieser Seite her einen den Produktivkräften und dem Verkehr entsprechenden universellen Charakter haben. Die Aneignung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten. Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst.“ (MEW 3, 67f.)

Sie machen hiermit deutlich, dass die Aneignung von Welt notwendig ist, um ihre Existenz zu sichern. Sie ist zudem gegenständlich. Hierbei ist die Aneignung zwar einerseits gebrochen durch die individuellen Fähigkeiten, zugleich aber auch auf die „Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst“ gerichtet. Die Aneignung von Welt ist dem Subjekt somit als existentielle Aufgabe gegeben. Bei der Aneignung von Gegenständen muss der Mensch tendenziell adäquate Tätigkeiten verrichten. So wird der Gegenstand Löffel wohl am Anfang noch schräg gehalten, so dass die Flüssigkeit nicht zum Mund gelangt, seine gesellschaftliche Bedeutung für das Subjekt als Löffel, erfährt er jedoch erst in seiner adäquaten Aneignung. Es handelt sich also um einen Vergegenständlichungs- und Aneignungsprozess, oder anders, um einen Exteriorisations- und Interiorisationsprozess. Leontjew macht deutlich, dass die „Zusammenarbeit“ mit anderen Menschen, also die „interpsychischen Prozesse“ ihre äußere Form verlieren und zu „intrapsychischen Prozessen“ werden. S.L. Rubinstein wirft Leontjew 1961 vor, sein Interiorisationskonzept sei die „[…]detaillierteste Variante der Auffassungen, die Entwicklung des Menschen sei von außen determiniert“ (Rubinstein zit. nach Keiler 1999, 164). Rubinstein argumentiert gegen Leontjew, dass es nicht lediglich um die Aneignung fertiger Produkte geht, sondern es eine Wechselwirkung zwischen Produkt und Mensch, vica versa, gibt. Rubinstein kritisiert weiter, dass der Begriff der Aneignung von Marx über die Manuskripte hinaus eine Veränderung erfahren hat, und in der DI sowohl eine ökonomische als auch politische Bedeutung hat. Daher sei der Begriff Aneignung für die Bildung von Fähigkeiten nicht zu gebrauchen. (vgl. Keiler 1999, 162ff.)

Die Aneignung von objektiven Bedeutungen geschieht aus einem subjektiven Sinn heraus. Gehen Laufenberg et. al. davon aus, dass Leontjew mit seiner Aussage, die Aneignung von Wirklichkeit geschehe durch das Prisma gesellschaftlich erarbeiteter Bedeutungen, welche die Bedeutungen der herrschenden sind, so interpretiert Jäger dies subjektivistischer. Laufenberg et. al. werfen Leontjew eine „idealistische Vorstellung“ von Ideologie vor, denn Leontjew kann sich Bewusstsein nur als falsches Bewusstein vorstellen, als Ergebnis ideologischer Indoktrination (vgl. Laufenberg et. al. 1974, 78). Jäger hebt hingegen die Aktivität des Subjektes hervor, wenn er schreibt: „[…]wenn wir den Lernprozeß nicht allein als Übernahme einzelner Bedeutungen ansehen, sondern beachten, daß in einem solchen Prozeß gesellschaftlich vorgegebene Normen, Werte und Wissen aller Art, individuell verarbeitet werden“ (Jäger 1993, 119). Jägers Anspruch ist völlig richtig, gibt aber nicht Leontjews Position wieder. Wie ich zuvor kritisiert habe, kann Leontjew nicht erklären, wie der Mensch sich in dieser Aneignung bewegt, Bedeutungen verändert usw. Und auch der hegemoniale Kampf um Bedeutungen, um das, was ‚offizielle’ Geschichte ist usw. bleibt bei ihm ausgeblendet. Leontjew denkt sich den Menschen zwar aktiv, mit subjektiven Sinn versehen, andererseits aber auch als Vergegenständlichungsträger. Wie widersprüchlich Leontjew ist zeigt sich an folgendem Zitat:

„Da jedoch das menschliche Leben nicht völlig in diesen Verhältnissen verkörpert ist, sind auch die durch das Leben der Menschen entstehenden Sinne nicht vollständig12 in den Bedeutungen verkörpert, die lebensfremde Beziehungen widerspiegeln. Deshalb werden diese Tatbestände nicht adäquat und nicht vollständig bewußt.

Um diese Erscheinung zu überwinden, gilt es die objektiven Bedingungen, die sie entstehen lassen, praktisch zu verändern. Das muß immer wieder betont werden, Genauer gesagt: Diese Erscheinung kann nur beseitigt werden, indem sich das Bewußtsein vom realen Leben absetzt oder indem ein aktiver Kampf gegen diese Verhältnisse geführt wird.“ (Leontjew 1971, 207)

Laufenberg et. al. geben das Zitat verkürzt wider, und lassen es hinter „vom realen Leben absetzt“ ändern. Richtig ist, dass dies ein „idealistischer Kopfsprung“ (Laufenber et. al. 1974, 79) ist. Aber eben nur dies, denn darauf folgt eine materialistische Weiterführung: der Kampf gegen die Verhältnisse, verstanden als Einheit von Bewusstseinsveränderung und Praxis.

Dieser Einheit von Bewusstseinsveränderung und revolutionärer Praxis13 nimmt Leontjew zugleich die materialistische Basis und eröffnet sich die Möglichkeit staatlich sowjetische Erziehungspraxis dazwischen schalten zu können.

„Diese neue psychologische Bewußtseinsstruktur entsteht selbstverständlich nicht spontan mit der Veränderung der Existenzbedingungen. Der Prozeß vollzieht sich auch nicht kampflos, es bedarf dazu der Erziehung, durch die die sozialistische Ideologie in das Bewußtsein der Menschen hineingetragen werden muß. Diese aktive Erziehung neuer psychischer Eigenschaften ist für das Aufkommen eines sozialistischen Bewußtseins unerläßlich.“ (Leontjew 1971, 213)

Leontjew reißt hier Bewusstseinsveränderung und Praxis auseinander. Hierdurch wird der Mensch Objekt der Erziehung. Es geht nicht mehr um seine Lebenstätigkeit, um seine Lebensbejahung, sondern um die Indoktrination des „richtigen“ Bewusstseins. Richtig ist, wenn Leontjew schreibt:

„Die Metamorphose des Bewußtseins, die sich dazu vollziehen muß, umfaßt nicht sofort alle Lebensbereiche und alle Beziehungen des Menschen zur objektiven Realität. Wie beim ersten Aufkommen des Bewußtseins erscheint auch hier die ganze Wirklichkeit nicht auf einmal in neuem Licht; vieles sieht der Mensch so wie früher, weil sich die Bedeutungen, die Vorstellungen und Gedanken nicht von allein und automatisch ändern, sobald sie in den objektiven Bedingungen ihren Boden verlieren. Sie können als Vorurteile noch lange wirksam sein, und es bedarf oft eines hartnäckigen Kampfes, bis sie aus dem Bewußtsein verschwinden.“ (ebd.)

Das Bewusstsein existiert in widersprüchlicher Form aus Altem und Neuem und muss, um handlungsfähig zu sein, stets kohärent gearbeitet werden. Dies ist jedoch ein Prozess, wie ich noch mit Holzkamp zeigen werde, der nur aus der eigenen Subjektentwicklung heraus geschehen kann. Laufenberg et. al stimmen der Ungleichzeitigkeit der Bewussteinsveränderung zu, da sich der „gesellschaftliche Überbau“ langsamer verändert als seine materielle Basis. Hier zeigt sich ihre orthodoxe marxistische Interpretation und Kritik Leontjews und das fehlende Verständnis für psychologische Prozesse. Es geht hier nicht um einen „gesellschaftlichen Überbau“ im Subjekt, sondern um individuelles und gesellschaftliches Bewusstsein (welches bei ihnen identisch ist), um ein festhalten an Bekanntem, um ein ‚es war schon immer so’ im Alltagsverstand. Menschen hier bei Veränderungsprozessen zu begleiten, sie ernst zu nehmen und nicht zu belehren, darum müsste es gehen. Die Annahme von Laufenberg et. al, dass es sich bei einer sozialistischen Revolution um die erste bewusste Revolution handelt, halte ich für einen Wunschtraum, der massenpsychologische und gruppendynamische Prozesse ausblendet.

Leontjew hat so die Bewusstseinsentwicklung an Erziehung geknüpft und von der „revolutionären Praxis“ abgelöst. In Die Gegenwartsaufgaben der Sowjetpsychologie schreibt er: „Der Entwicklungsprozeß des Psychischen wird also nicht als ein Prozeß aufgefaßt, der durch äußere Kräfte, durch äußere Faktoren angeregt, sondern als ein Prozeß, der durch die inneren Widersprüche des menschlichen Lebens in der Gesellschaft getrieben wird“ (Leontjew 1951 a, 27). Das es sich hierbei um eine Subjektentwicklung in der Gesellschaft handelt, wodurch erst innere Widersprüche entstehen, bleibt unterbestimmt. Geht er hier noch allgemein vom „menschlichen Leben“ aus, so konkretisiert er dies im darauffolgenden Satz und macht es zu einem Gegenstand von Erziehung und Unterricht: „Das Leben selbst jedoch, die Tätigkeit des Kindes, die in ihrem Verlauf auch die psychische Entwicklung des Kindes bestimmt, ist nichts Spontanes, sondern steht unter dem Einfluß von Erziehung und Unterricht“ (ebd.). Und weiter heißt es: „In der sozialistischen Gesellschaft, die sich nicht spontan entwickelt, sondern von den Menschen gelenkt wird, ist die Erziehung eine entscheidende Kraft, die den Menschen geistig formt“ (ebd.). Abgesehen davon, dass Leontjew hier nicht weiter ausführt, wer die Gesellschaft in der Sowjetunion lenkt, wird hier das Kind als beliebig formbare Masse angesehen. Leontjew schreibt bspw.: „Jeder Vater und jede Mutter hat in ihrem Inneren eine Vorstellung davon, was aus ihrem Kinde dereinst werden soll und sind selbstverständlich bestrebt, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.“ (Leontjew 1951 b, 51) Deutlich wird, dass er sich nicht von der Vorstellung eines beliebig formbaren Menschen abgrenzt. Es ist also nicht die eigene Subjektentwicklung in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die individuelle Aneignung der Welt, sondern die Erziehung, die die Persönlichkeitsstruktur bestimmt. Die Dialektik von Subjekt und Objektivierung findet sich an den unterschiedlichsten Stellen. So tritt das Kind einerseits in die Welt hinein und damit auch in Kontakt zu anderen Menschen (ohne diesen Kontakt könnte es nicht überleben, wie Wygotski deutlich macht), andererseits ist dieser Kontakt zugleich ein unterrichtender und erzieherischer (vgl. ebd. 28). Es handelt sich hierbei um einen lebenslangen Erziehungsprozess, wodurch nicht nur das Kind Objektcharakter besitzt (was m.E. schlimm genug wäre), sondern auch der erwachsene Mensch. Leontjew schreibt: „Das geschieht nicht ohne bewußte Zielsetzungen, die die Gesellschaft für Unterricht und Erziehung stellt. Dieser bewußte, zielstrebige Erziehungsprozeß, der in der frühen Kindheit beginnt, wird, wenn auch in wesentlich anderen Formen, im Kindergarten, in der Schule und im gesellschaftlichen Leben fortgesetzt“ (ebd.). Es ist dieser Prozess, indem sich die psychische Entwicklung des Kindes verwirklicht. Das es dabei nicht um das Interesse des Kindes geht, um seinen subjektiven Sinn (um mit seinen Worten zu sprechen) macht er deutlich, wenn er darauf verweist, dass es eine gesetzliche Schulpflicht gibt sowie Rechte und Pflichten für SchülerInnen. Als Recht der SchülerInnen formuliert er die Einräumung von Selbständigkeit. Unthematisiert bleibt wer mit welchem Recht Selbständigkeit gewähren oder verweigern darf. In Die geistige Entwicklung des Kindes benennt er Erziehungsziele: „Ein erfolgreicher Wissenserwerb setzt aber voraus, daß das Kind Interesse für die Schule hat, daß es zu Disziplin, Pflichtgefühl und einer richtigen Einstellung zum Lernen, das schließlich auch Arbeit ist, erzogen wurde“ (Leontjew 1951 b, 50). Und weiter schreibt er: „Folglich müssen es Menschen werden, die dieser Gesellschaft würdig und den Aufbau des Kommunismus zu vollenden imstande sind“ (ebd., 51). Doch was ist mit denen die unwürdig sind? Ein Blick in die Geschichtsbücher unter dem Schlagwort „Stalinismus“ hilft hier weiter. Im Lexikon der Politik Gesellschaft und Staat heißt es:

„Wohl kaum in der Geschichte hat sich ein so mächtiger Staat selbst so sehr geschadet wie die Sowjetunion unter Stalin. Experten schätzen die Zahl der Menschenopfer durch den Stalin-Terror auf 35 Mill. (Alexander Solchenizyn nennt 60 Mill.). […] Der Marxismus degenerierte unter diesen Bedingungen zur bloßen Rechfertigungsideologie der stalinistischen Praxis. Diese Praxis wurde ideologisch nicht daran gemessen, inwieweit sie der von Marx verheißenen Freiheitsordnung zustrebte, sondern an ihrer Fähigkeit zur maximalen Steigerung der Produktion.“ (Drechsler 1992, 698)

Wie Wolfdietrich Schmied-Kowarzik deutlich macht, stellt dies die „[…]Marxsche Theorie auf den Kopf, denn anstatt die Individuen zu befähigen, den Industrialisierungs- und Vergesellschaftungsprozeß nach sozialistischen Perspektiven gemeinsam in die Hand zu nehmen und planend neu zu gestalten, werden sie gezwungen, sich einem fetischisierten Industrialisierungs- und Vergesellschaftungsprozeß einzufügen und diktatorisch gesetzte Planziele zu erfüllen“ (Schmied-Kowarzik 1988, 226).

Im Sinne des Aufbaus des Kommunismus ist Leontjew die Erziehung zur Arbeit sowie die dazu notwendig Disziplin außerordentlich wichtig (vgl. Leontjew 1951 b, 55). Im Hinblick auf Erziehung verwendet Leontjew nahezu ausschließlich passivierende Begriffe wie „sich dazu verhält“, „herangezogen“, „anerzogen“ usw. Zeigt sich das Subjekt mal aktiv widerständisch, so muß man es richtig erziehen: „Nehmen wir an, ein Kind habe keine Lust zum Lernen, sei den Eltern gegenüber grob oder störrisch. Handelt es sich dann um ererbte Anlagen? Gibt es Anlagen für Faulheit, Grobheit oder Eigensinn? Natürlich nicht. Alle diese Charakterzüge sind vielmehr vor allem eine folge falscher Erziehung“ (ebd., 53). Dies klingt doch sehr nach einem bürgerlichen Erziehungsverständnis.

Leontjew kritisiert die bürgerliche Psychologie, da sie dem Kapital bei der Ausbeutung der „werktätigen Bevölkerung“ hilft. Seine Psychologie im Kontext sozialistischer Herrschaftsverhältnisse bleibt unthematisiert. Vielmehr ist es Aufgabe der Psychologie mit der Pädagogik zusammenzuarbeiten und sozialistische Charaktereigenschaften heranzuzüchten:

„Die sozialistische Praxis der Erziehung ist aber die Praxis einer aktiven und planmäßigen Bildung von Charaktereigenschaften und Fähigkeiten des Menschen. Das große, unserer Gesellschaft gestellt Ziel – der Übergang zum Kommunismus – ist auf eine wesentliche Erhöhung des allgemeinen geistigen Niveaus der gesamten werktätigen Bevölkerung gerichtet. Diese Aufgabe steht vor unserer Schule, vor unserem ganzen Erziehungs- und Bildungssystem. Sie ist in gleicher Weise der Psychologie gestellt. Das Bewußtsein von dieser Aufgabe verändert grundlegend unsere Auffassung über die Psychologie, über ihre Verbindung mit der Praxis, ihre konkreten Aufgaben und Methoden.“ (Leontjew 1951 a., 32)

Die Psychologie verliert so ihre Kritikfähigkeit. Sie steht so als gleichwertige wissenschaftliche Ideologie neben der bürgerlichen. Die Praxen der Menschen, ihre „Lebensgewinnungsprozesse“ (Holzkamp), werden sukzessive entnannt, wodurch nicht ihre individuelle Problemstellung in den Blick einer materialistischen Wissenschaft gerät, sondern die Umsetzung herrschaftlicher Ideologien.

So kann hier mit Schmied-Kowarzik, der sich hier auf F.F. Koroljow und W.J. Gmusrmann bezieht, festgehalten werden:

„Nicht also in einer anderen Zielperspektive oder einem anderen Problemansatz liege der Unterschied zwischen den bürgerlichen und historisch-materialistischen Wissenschaften – beispielsweise auch der Pädagogik – begründet, sondern allein in dem eindeutigen Bekenntnis zur positiven Wissenschaftlichkeit. Während in den bürgerlich-kapitalistischen Staaten diese Wissenschaftlichkeit noch durch private Kapitalinteressen gehemmt und durch allerlei Ideologie vernebelt werde, könne sie sich dagegen im realen Sozialismus ungehindert und voll entfalten[…].“ (Schmied-Kowarzik 1988, 225)

Dass die sowjetische Psychologie in ihrer pädagogischen Ausrichtung, unter stalinistischen Bedingungen, keineswegs und ohne Abstriche eine „positive Wissenschaft“ war, ist hoffentlich deutlich geworden.

1 Holzkamp schreibt in der GdP: „Dieser Zusammenhang [der Zusammenhang von Organismus und Umwelt; R.B.] läßt sich unter Heranziehung der (im übrigen hier nicht prinzipiell zu diskutierenden) dialektisch-materialistischen Kategorie der ‚Widerspiegelung’ als in qualitativ verschiedenen Formen existierender Eigenschaft der Materie, äußerer Einwirkungen durch innere Veränderungen reproduzieren und auf sie zu reagieren, folgendermaßen reproduzieren:[…]“ (Holzkamp 1985, 65; kursiv K.H; fett R.B.).

2 „Der materialistische Sinn des Widerspiegelungstheorems ist es hingegen, daß Einzelne und Beschränkte eben in seiner Singularität die faktische Beziehung zu allen anderen Seienden materialiter einschließt und so, als in universellen Relationen stehend, das Ganze impliziert oder ausdrückt. Jede materielle Beziehung eines Seienden auf ein anderes Seiendes oder die ‚gegenständliche Tätigkeit’ im allgemeinsten Sinne weist über die faktische Relation hier und jetzt auf die raumzeitliche Totalität des Relationssystems, die ‚series rerum’ oder die Welt.“ (Holz XXX, 838).

3 „Die klassische Psychophysik beschränkte sich nur auf die Erforschung der Reaktionen des Subjekts auf bestimmte Reize; die Prozesse der aktiven Erkenntnis in ihrem vollen Umfang und ihrer Vielseitigkeit bleiben außerhalb der Betrachtung.“ (Lomow 1988, 216)

4 Keiler weißt in seiner Studie Die verborgenen Quellen des leontjewschen ‚Vergegenständlichungs-Aneignungs’-Konzepts nach, dass Leontjew, entgegen Holzkamp und Schurig, nicht den Ausbau einer marxistisch begründeten Wissenschaft vorantrieb, sondern seine theoretischen Ursprünge vielmehr außermarxistisch zu suchen und zudem letztlich sogar biologistisch sind. (vgl. Keiler 1999, 220f. und Fn. 106, 256)

5 Vgl. zur Kritik ‚bürgerlicher’ Psychologie Holzkamp.

6 Auf das Vergegenständlichungs-Aneignungskonzept gehe ich im Kapitel über die sowjetische Psychologie und Pädagogik ein.

7 Hier findet sich auch ein kleiner Seitenhieb gegen Vegetarier. Die Lebensmitteskandale der heutigen Zeit würden ihn hoffentlich anders denken lassen

8 Siehe zweites Kapitel. Auf die Diskussion von abstraktem und konkreten Menschen wird bei Lucien Sève eingegangen. Sie spielt bei ihm eine zentrale Rolle.

9 Eine Ideologietheorie wird gesondert erarbeitet.

10 Zur Kritik des pädagogischen in der Sowjet-Psychologie vgl. nachfolgendes Kapitel.

11 Kurz, da es in dieser Arbeit nicht um Leontjews Leben und Werk geht. Es geht in dieser Arbeit um Subjektkonstruktion und –konstitution von Gewerkschaftsmitgliedern. Hierzu muß auch dargelegt werden, von welchen Subjektkonstruktionen und –konstitutionen ich mich abgrenze. Notwendig ist dies, da es zum einen um die Analyse der Subjektkonstruktion und –konstitution unter Bedingungen neoliberaler Transformationsprozesse geht, zum anderen aber auch um die Konstruktion eines aktiven, weltverändernden Subjekts. Dies nicht aus einer utopischen Perspektive heraus, sondern aus der Praxis der Subjekte. Durch die Herausarbeitung ihres Subjektcharakters werden diese (hoffentlich) politisch und persönlich gestärkt. Eine Objektivierung ist hier m.E. schädlich.

12 Siehe hierzu meine Kritik weiter oben.

13 Marx schreibt in der 3. ThF: „Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ (MEW 3, 6)

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