Kap. 4.3 Engeström

Engeström

Die zweite Generation der Tätigkeitstheorie war durch eine „[…]mangelnde Sensibilität gegenüber kultureller Verschiedenartigkeit[…]“ (Engeström 1999, 11) gekennzeichnet. Die internationale Anerkennung der Tätigkeitstheorie stellte diese vor neue Herausforderungen. Yrjö Engeström stellt fest:

„Die dritte Generation der Tätigkeitstheorie muß begriffliche Werkzeuge entwi[c]keln, mit deren Hilfe sich Dialog, multiple Perspektiven und Stimmen sowie Netzwerke von integrativen Tätigkeitssystemen verstehen lassen.“ (ebd.)

Engeström gehört zur dritten Generation von TätigkeitstheoretikerInnen. Für diese Arbeit relevant sind seine Ausführungen zur subjektiven Widerspruchsverarbeitung. Hierauf wird auch der Fokus gelegt. Die Auswertung der Empirie wird unter dem Aspekt der Widerspruchsverarbeitung stattfinden. Dies in einer dialektischen Absicht. Die beforschten Subjekte werden mit Widerspruchsfragen, die ich zuvor durch teilnehmende Beobachtung im gewerkschaftlichen Seminar aufgenommen habe, konfrontiert. Der Umgang mit diesen Widersprüchen soll mir Auskunft über die Art und Weise der Selbst-Vergesellschaftung unter Bedingungen neoliberaler Neuordnung geben. Ergänzt wird Engeström durch Hartmut Krauss und Holzkamp.

Engeström fasst die zentralen Ideen seines Buches Lernen durch Expansion in fünf Thesen zusammen:

„(1) das gegenständliche und durch Artefakte (menschliche Werkzeuge, R.B.) vermittelte kollektive Tätigkeitssystem ist die primäre Analyseeinheit für kulturhistorische Untersuchungen menschlichen Verhaltens;

(2) die historisch sich entwickelnden inneren Widersprüche sind die herausragenden Quellen der Bewegung und Veränderung von Tätigkeitssystemen;

(3) expansives Lernen ist eine historisch neue Form des Lernens, die in der Auseinandersetzung der Tätigkeitssysteme von Praktikern mit Entwicklungen und Veränderungen entsteht, die sie durch kollektive Zonen der nächsten Entwicklung führt;

(4) die dialektische Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten stellt das wichtigste Werkzeug für die Beherrschung von Zyklen des expansiven Lernens dar; und

(5) es wird eine eingreifende Methodologie erforderlich, deren Ziel es ist, Zyklen expansiven Lernens in lokalen Tätigkeitssystemen anzuregen, zu vermitteln, aufzuzeichnen und zu analysieren.“ (Engeström 1999, 11)

Die erste These der werkzeugvermittelten Aneignung von Welt als bewußtseinskonstituierender Faktor geht auf Wygotski zurück. Und auch die zweite und dritte These verweisen auf Wygotskis Theorem der „Zone der nächsten Entwicklung“. Engeström bringt in den Thesen eins bis drei Wygotski und Leontjew zusammen, indem er die kollektive Seite der Tätigkeit betont. Die vierte These der dialektischen Methode ist bei mir im Kapitel von Marx abgehandelt worden. In der fünften These bezieht sich Engeström auf eine eingreifende Methodologie der Lernvermittlung.

In Abgrenzung zur ersten und zweiten Generation von Tätigkeitstheoretikern fasst Engeström Entwicklung nicht als „unproblematische Entwicklung von Fähigkeiten“, sondern als „destruktive Widerlegung des Alten“. Hierbei geht er nicht von einer rein individuellen Transformation aus, sondern von einer kollektiven. Und statt einer vertikalen Entwicklungsvorstellung, versteht Engeström Entwicklung als horizontale Grenzüberschreitung. (vgl. ebd., 12) Richtig ist es, dass Lernen ein „pathologischer“ Prozess ist (vgl. Haug, F. 2003, 259), dessen Ausgang offen ist, problematisch ist es jedoch, von einer „destruktiven Widerlegung“ in allen Bereichen auszugehen. Bei äußeren Tätigkeiten hat dies evtl. noch seine Berechtigung, wobei auch hier alte Schemata immer wieder durchbrechen, so z.B. wenn jemand gelernt hat, seine Körperhaltung zu verbessern, bewusst einzusetzen usw. und von Zeit zu Zeit doch wieder in alte Bewegungsmuster verfällt. Im Bereich der inneren Tätigkeit ist jedoch in jedem Fall davon auszugehen, dass altes und neues nebeneinanderstehen, auch wenn eine nächst höhere Erkenntnisstufe erreicht wurde. An dieser Stelle hilft ein Blick auf Marx in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, um Engeström zu korrigieren:

„Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts Besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.“ (MEW 8, 115)

Wird diese Widersprüchlichkeit in der Entwicklung nicht erkannt, verbaut sich der/die Forschende Zugangsmöglichkeiten diese zu analysieren. Das Neue erscheint sonst als kohärente Erkenntnis, wodurch sich entwickelnde neue Handlungsproblematiken nicht aus der alten Problemstellung rekonstruierbar und damit auch nicht relativ prognostizierbar sind.

Mit der Verschiebung von einer vertikalen zu einer horizontalen Entwicklung, verschiebt sich auch die Perspektive einer hierarchischen Eltern/Kind Vermittlung, wie bei Wygotski und Leontjew, hin zu einer dialogischen Form, wie ich es ja auch mit Piaget deutlich gemacht habe.

Wichtig ist nun, dass die expansiven Zyklen der Entwicklung nicht beliebig sind. Nach Engeström können Widersprüche des Subjekts identifiziert werden. Nicht-expansiv ist eine Entwicklung die keine Widerspruchsbearbeitung beinhaltet, mit anderen Worten sich Widersprüchen nicht zuwendet und löst (vgl. Engeström 1999, 13). Engeström definiert ein Tätigkeitssystem als eine „vielstimmige Formation“. Um zu einer expansiven Entwicklung zu kommen, ist es notwendig die vielen Stimmen einer „Re-Ochestrierung“ zuzuführen. Mit Gramsci kann man sagen, Widersprüche kohärent zu arbeiten. Engeström wendet sich gegen einen Pluralismus, wie er im englischen Sprachraum vorherrscht. Er kritisiert hier die relativistische Auffassung und vermeintliche Werturteilsfreiheit der Wissenschaft keine Aussagen darüber abgeben zu wollen, welche Formen der Entwicklung „besser“ oder „weiter entwickelt“ sind als andere. Hier herrscht die Auffassung vor, alle Formen seinen „gleich wertvoll“. Engeström macht deutlich, dass die Menschen tagtäglich Entscheidungen darüber treffen müssen „wohin sie gehen wollen“. Wenn die Verhaltens- und Sozialwissenschaften hierauf keine Antwort geben können, ist sie nicht in der Lage nützliche und theoretische (begriffliche) Werkzeuge als Entscheidungshilfen zu erarbeiten (vgl. ebd., 15). Es ist daher auch Aufgabe der Forschung Widersprüche sichtbar zu machen und sie zu verschärfen. Hierdurch werden die Subjekte aufgefordert „[…]neue begriffliche Werkzeuge in Besitz zu nehmen und zu benutzen, um ihre eigene Praxis zu analysieren und neu zu gestalten“ (ebd., 17f.). Mit Hilfe der Theorie ist es für die Subjekte möglich, sich mit ihrer Praxis auseinanderzusetzen und diese adäquat zu erfassen. Um mit Leontjew zu sprechen, ihre „Unmittelbarkeitsverhaftetheit“ zu überwinden. Engeström benennt zwei radikale und direkte Formen der Praxisbeziehung für die Theorie: „Eine Alternative besteht darin, direkt zu den professionellen Praktikern im Feld zu sprechen, mit dem es die Theorie zu tun hat, d.h. sie dazu zu bewegen, als Experimentatoren in ihren praktischen Kontexten zu handeln. Eine andere Alternative besteht darin, zu sozialen Bewegungen zu sprechen, die es mit dem Problem zu tun haben, das die Theorie versucht zu erhellen.“ (ebd., 47) Dies entspricht in etwa dem Vorgehen in dieser Arbeit. Zum arbeite ich in Teamendenarbeitskreise der ver.di-Jugend Hessen und der DGB-Jugend Nord mit, so dass ich hier in direktem Kontakt zu TeamerInnen stehe. Des weiteren bearbeite ich Problemstellungen, die sich aus der gewerkschaftlichen Praxis in Konfrontation mit (eigenen) emanzipatorischen Ansprüchen ergeben. Ziel ist es die eigene Tätigkeit in den neoliberalen Transformationsprozessen, und somit der Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse, offen zu legen und analytisch bearbeitbar zu machen, um so „subjektiver Sinn“ (z.B. Befreiung einerseits) und „objektive Bedeutung“ (z.B. Individualisierung / Vereinzelung als Kehrseite andererseits) aus emanzipatorischer Perspektive zu problematisieren. Als Aufgabe für die PraktikerInnen formuliert Engeström: „Die Praktiker haben die Aufgabe, sich den Widersprüchen ihres Tätigkeitssystems zu stellen und sie in dem Maße zu lösen, in dem sie während der Reise durch die Zone der nächsten Entwicklung bestimmt und verschärft werden. Die Praktiker werden in diesem Prozeß tendenziell zu Subjekten – oder vielmehr zu einem kollektiven Subjekt – ihres sich entwickelnden neuen Tätigkeitssystems und daher auch zu Subjekten der Analyse und Intervention.“ (ebd., 49) Unklar bleibt, warum die Menschen erst zu Subjekten werden. Wie ich mit Marx, Wygotski und Leontjew bisher herausgearbeitet habe, sind sie es von Geburt an.

Engeströms „[…]Theorie des expansiven Lernens impliziert einen radikalen lokalen Standpunkt. Die fundamentalen gesellschaftlichen Beziehungen und Widersprüche einer bestimmten sozioökonomischen Formation, und damit die Möglichkeiten einer qualitativen Veränderung, sind in jeder einzelnen Tätigkeit dieser Gesellschaft gegenwärtig. Und umgekehrt bestehen die mächtigsten, unpersönlichsten gesellschaftlichen Strukturen aus lokalen Tätigkeiten, die von konkreten menschlichen Wesen mit Hilfe vermittelnder Artefakte ausgeübt werden, selbst wenn sie in Büros auf den höchsten Etagen der Politik und der Vorstandsebene stattfinden und nicht in Werkhallen und an Straßenecken. In diesem Sinne ist es vielleicht nützlich zu versuchen, die Gesellschaft eher als Netzwerk mit vielen Schichten und Ebenen miteinander verbundener System von Tätigkeiten zu betrachten und weniger als einer Pyramide rigider Strukturen, die von einem einzigen Machtzentrum abhängen.“ (ebd., 17) Erinnert dies zunächst sehr an Marx’ Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, indem es heißt: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten; sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ (MEW 8, 115) Mit anderen Worten, der radikal lokale Standpunkt ist problemlos zu vertreten. Nicht jedoch der Netzwerkgedanke. Festzuhalten bleibt, dass die kapitalistische Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist, in der die breite Masse von der Verfügung über die Bedingungen ihres Lebens ausgeschlossen ist. Der Netzwerkgedanke blendet Hierarchien aus. Nichts desto trotz, ist es wichtig zu erkennen, dass Veränderungen bei einzelnen ubjekten anfangen, die die hegemoniale Praxis in Frage stellen. Eine potentiell expandierende Entwicklung beginnt mit einem Übergang zu kollektiven Bewegungen (vgl. Engeström 1999, 16).

Es gilt im folgenden zu untersuchen, wie Widerspruchsbearbeitung aus der Perspektive der Theorie des Lernens durch Expansion aussieht. Dabei gerät zum einen die Forschungspraxis wie auch die Möglichkeiten für eine eingreifende und partizipative Sozialforschung in den Blick.

Engeström kritisiert die bisherige Lernforschung, da sie lediglich auf „reaktive Formen des Lernens“ ausgerichtet ist, also darauf Probleme zu lösen oder zu strukturieren unter Bedingungen eines gegebenen Kontextes. Doch es ist genau diese Ausschließung der Möglichkeit des Findens und Schaffens neuer Kontexte durch das Subjekt, welche zur „Quelle des Unbehagens“ führt. „Allgemein gesprochen geht es bei diesen Sorgen um die Schwierigkeit, qualitative Veränderungen des individuellen Lebens, Veränderungen in Familien und Organisationen und in der Gesellschaft als Ganzes zu antizipieren, zu beherrschen und zu steuern“ (ebd., 26; Herv.i.O.). Notwendig ist es daher die Subjekte in die Lage zu versetzen „[…]in ihren Lebenskontexten qualitative Veränderungen zu planen und zu verwirklichen“ (ebd.). Als Alternative zur „reaktiven“ Form des Lernens, bietet er die Form des Lernens durch Expansion, und somit der Überschreitung gegebener Kontexte, an. Hierbei betrifft das expansive Lernen nicht nur innerpsychische Prozesse wie Kognition und Kommunikation (Engeström argumentiert hier gegen C.G. Jung), sondern die „wirkliche Expansion“ ist immer ein Zusammenspiel von mentalen und materiellen Prozessen. Engeström macht auf einen wichtigen Punkt aufmerksam, der zugleich ein Problem für meine empirische Forschung darstellt: „Expansive Übergänge in der Entwicklung erstrecken sich über einen relativ langen Zeitraum.“ (ebd., 39) Problematisch ist dies, da mein empirisches Forschungsvorhaben nicht auf einen längeren Zeitraum ausgelegt ist, hierzu fehlen die entsprechenden personellen und finanziellen Mittel. Daher kann es nur darum gehen in der Empirie Widersprüche zu diskutieren, sie auf den Punkt zu bringen und den Umgang damit zu analysieren. Dies kann ein erster Stein für „expansives“ Lernen sein. Die Auswirkungen können von mir in diesem Rahmen jedoch aus oben genannten Gründen nicht weiter untersucht werden.

Was ist nun die Quelle der Entwicklung? Nach Engeström sind es die inneren Widersprüche, die die „[…]Quelle der Dynamik und der Entwicklung in der menschlichen Tätigkeit[…]“ (ebd., 94) bilden. Der grundlegende interne Widerspruch entsteht aus der Arbeitsteilung, also des Verhältnisses von individuellen Handlungen zum gesamtgesellschaftlichen Tätigkeitssystem. Ist dieser fundamentale Widerspruch zunächst in vorkapitalistischen Gesellschaften der einer unmittelbaren Unterdrückung, so äußert sich der Widerspruch im Kapitalismus im Warencharakter. Das heißt, alle Tätigkeiten und Beziehungen im Kapitalismus werden zur Ware, so dass sich das Verhältnis von individuellen Handlungen zur kollektiven Tätigkeit verändert. Anhand von Leontjew macht Engeström diesen Widerspruch deutlich und führt zugleich die Kategorien „subjektiver Sinn“ und „objektive Bedeutung“ ein.

„Unter der Herrschaft des Privateigentums nimmt sowohl die Tätigkeit des Menschen als auch die ihn umgebende gegenständliche Welt doppelte Gestalt an.

Ein Künstler, der sein ganzes Können in ein Bild hineinlegt, malt, um sein Werk in Geld umzuwandeln, das mit der Malerei nichts mehr zu tun hat. Und wird das Kunstwerk gar von einem Industriellen gekauft, der es nur als gute Geldanlage oder als einen Gegenstand betrachtet, mit dem er beweisen will, wie gut seine Firma floriert, dann hat es seinen Sinn völlig verloren.

Ein Arzt, der in irgendeiner Kleinstadt eine Praxis auf Kredit erworben hat, mag wirklich bestrebt sein, die Leiden seiner Mitbürger zu lindern, und darin seine Berufung sehen. Dennoch ist er gezwungen, in erster Linie die Zahl seiner Patienten zu erhöhen, denn davon hängen sein Leben und die Ausübung seines Berufes ab.

Diese Doppelgestalt läßt auch die elementarsten menschlichen Gefühle entarten. Ein Glaser, schrieb FOURIER, freut sich dann über den Hagel, der alle Fensterscheiben zerschlägt. Selbst die Liebe nimmt die entartesten Formen an; von der Liebe zum Geld ganz zu schweigen, die zur Gier werden kann.

Diese Verhältnisse finden auch im menschlichen Bewußtsein ihren Niederschlag. Psychologisch äußert sich das in einer ‚Desintegration’ seiner allgemeinen Struktur. Der Sinn und die Bedeutung, in denen sich dem Menschen seine Umwelt und sein eigenes Leben darbieten, werden einander fremd.“ (Leontjew 1971, 202)1

Anders als in der bürgerlichen Psychologie, ist es aus materialistischer Perspektive notwendig, diese Doppelgestalt bei Analyse der Tätigkeit im Kapitalismus zu berücksichtigen. Aus der tätigkeitsorientierten Perspektive der „kulturhistorischen Schule“ finden sich äußere Widersprüche auch im Inneren wider. Engeström unterscheidet insgesamt vier Ebenen von Widersprüchen. Es ist dies zunächst der „primäre Widerspruch“ zwischen Tauschwert und Gebrauchswert, als Widerspruch „[…]innerhalb der konstitutiven Elemente der zentralen Tätigkeit“. Dann der „sekundäre Widerspruch“, welcher sich zwischen den Bestandteilen der zentralen Tätigkeit entwickelt. Engeström nennt hier das Beispiel einer hierarchischen Arbeitsteilung die die Entfaltung der Subjekte verhindert. Der „tertiäre Widerspruch“ entsteht zwischen Gegenstand und Motiv. Engeström nennt hier als Beispiel die Motivation eines Kindes in die Schule zu gehen, um mit anderen Kindern zu spielen. Dies Bedürfnis wird durch eine kulturell höher entwickelte Form, in diesem Fall durch eine Lehrperson, transformiert in ernsthaftes Lernen. Dann gibt es da noch die „quartären Widersprüche“ zwischen der zentralen Tätigkeit und Nachbartätigkeiten. Dabei schließen die „Nachbartätigkeiten“ „[…]zunächst alle Tätigkeiten ein, in die die unmittelbar erscheinenden Gegenstände und Ergebnisse der zentralen Tätigkeit eingebettet sind (nennen wir sie Gegenstands-Tätigkeiten). Zweitens bestehen sie aus den Tätigkeiten, die die Schlüsselinstrumente für die zentrale Tätigkeit produzieren (instrumenten-produzierende Tätigkeiten), wobei die allgemeinsten Repräsentanten durch Wissenschaft und Kunst dargestellt werden. Drittens bestehen Tätigkeiten wie Erziehung und Belehrung der Subjekte der zentralen Tätigkeit (subjekt-produzierende Tätigkeiten). Viertens bestehen Tätigkeiten wie Verwaltung und Rechtssprechung (regel-produzierende Tätigkeiten).“ (Engeström 1999, 99f.) Das heißt, die „quartären Widersprüche“ ergeben sich aus der Interaktion von zentraler Tätigkeit und Nachbartätigkeit.

Nachdem nun die vier Widerspruchsformen dargestellt wurden, muss es im folgenden darum gehen zu zeigen, wie Widerspruchsbearbeitung stattfindet. Engeström denkt sich die Widerspruchsbearbeitung, in Anknüpfung an Wygotski, als zyklischen Prozess eines expansiven Übergangs. Das Subjekt befindet sich zunächst im primären Widerspruch, der sich als individuelle Notlage ausdrückt (ein gegebenes Problem kann mit dem bisher erworbenen Instrumentarium nicht gelöst werden). Er schreibt: „In einem oberflächlich ähnlichen, aber strukturell verschiedenen sozialen Kontext erscheint eine einmal gelernte Verhaltensweise völlig unangemessen; oder es erscheinen zwei einander ausschließende Verhaltensweisen gleichzeitig angemessen“ (Engeström 1999, 143). Hierbei ist die Problemstellung jedoch als kulturell-historisches Ergebnis zu verstehen. Engeström schreibt: „Der Ausgangspunkt ist hier der sich individuell ausdrückende Zweifel, das Zögern und die Störung. Die Richtung weist vom Individuellen zum Gesellschaftlichen. Der individuelle Ausgangspunkt ist jedoch selbst nur als kulturell-historisches Ergebnis zu verstehen“ (ebd., 293). Erinnern wir uns an das, was ich weiter oben geschrieben habe. Widersprüche sind äußere Widersprüche, die sich im Inneren widerspiegeln. Ihre Überwindung ist jedoch ein Prozess vom Individuellen zum Gesellschaftlichen. Dies verweist auf das dialektische Verhältnis der Widersprüche. Innere Widersprüche können in letzter Konsequenz nur durch die Überwindung äußerer Widersprüche beseitigt werden. Engeström schreibt: „Die allgemeine Richtung der Untersuchung schreitet vom gesellschaftlich-kulturell Gegebenen zum individuell Angeeigneten und Interiorisierten fort“ (ebd., 292). Wie sich dies zu seinen radikalen lokalen Standpunkt verhält bleibt offen.

Das Subjekt versucht zunächst mit Gedankenexperimenten, einem inneren Dialog usw. den inneren Widerspruch zu lösen (vgl. ebd., 181). Gelingt dies nicht, entsteht eine Double-Bind-Situation. Mit Hilfe eines „Sprungbretts“ (Engeström), d.h. bspw. einer sozialen Gesprächskonstellation, kann in die Phase der „Gegenstands-/Motivkonstruktion“ übergeleitet werden. Engeström unterscheidet Erfahrung von Sprungbrett: „Bei dem Begriff der Erfahrung wird davon ausgegangen, daß er in der Form eines reibungslosen, impliziten und automatischen Prozesses der Erkennens von Ähnlichkeit funktioniert. Sprungbretter funktionieren weder reibungslos noch automatisch. Sie erscheinen in Zeiten der Not, fast wie eine Rettungsboje. Der psychologische Mechanismus ihrer Erscheinungsweise ist nicht genau bekannt, aber eine intensive geistige Auseinandersetzung scheint eine notwendige Vorbedingung zu sein“ (ebd., 264). In der Phase der „Gegenstands-/Motivkonstruktion“ konstruiert das Subjekt den Gegenstand seiner (neuen) Tätigkeit. Hierbei wird die Tätigkeit durch „zielgerichteten Handlungen“ realisiert und den „bewußten Zwecken“ untergeordnet. Wesentlich hierbei ist, dass das Subjekt nun nicht mehr von der Gesamttätigkeit kontrolliert, also entfremdet ist, sondern es sich hin zum aktiven Subjekt transformiert (vgl. ebd., 82, 181, 241, 263, 293). Nach der Phase der Bildung von „Gegenstand-/Motivkonstruktion“ die einhergeht mit einer Modellierung von Instrumenten und Begriffen, kommt das Subjekt in die Phase der Verallgemeinerung. In dieser Phase beginnt das Subjekt neue Handlungen auszuführen. Hier werden die neuen Handlungen jedoch immer noch von den alten Handlungen gestört (tertiärer Widerspruch). Die neue Transformation ist eine widersprüchliche Einheit aus „[…]der gegebenen neuen und der geschaffenen neuen Tätigkeit[…]“ (ebd., 182). „Das Überleben der neuen Tätigkeit hängt davon ab, ob es ihr gelingt, ihre eigene soziale ‚Infrastruktur’ zu schaffen: Regeln, Gemeinschaft, Arbeitsteilung[…]. Um zu überleben, muß die neue Tätigkeit, in anderen Worten, eine Lebenstätigkeit für die Subjekte werden und ein echtes gesellschaftliches Tätigkeitssystem für die Nachbaraktivitäten“ (ebd., 183). Engeström verweist hiermit auf eine relative Kohärenz und Anschlussfähigkeit der neuen Tätigkeit. Die Bewegungsrichtung des Subjekts ist die des Fortschreiten vom kulturell Gegebenen, hin zur individuellen Aneignung und Interiorisation (ebd., 292).

Welches sind nun die Aufgaben des Forscher, der Forscherin? Als ersten Schritt expansiver Entwicklungsforschung benennt Engeström die teilnehmende Beobachtung. In diesem Schritt geht es darum, einen Einblick in den Diskurs zu bekommen. Er schreibt: „In bezug auf (a) [dein Einblick in den Diskurs; R.B.] besteht die Aufgabe des Forschers darin, die Notlage und den primären Widerspruch unter der Oberfläche der Probleme, Zweifel und Ungewißheiten zu erfassen, wie sie von denen erfahren werden, die Ausführende der Tätigkeit sind. Dies kann durch umfassende Lektüre der internen und öffentlichen Diskussion in bezug auf die Tätigkeit erreicht werden, durch teilnehmende Beobachtungen, Diskussionen mit Menschen, die diese Tätigkeit involviert sind, oder Experten-Erfahrungen über sie besitzen u.ä.“ (ebd., 294f.) Dies war, neben einem Studium klassischer und aktueller Theorien, auch der erste Schritt meiner Forschung. Zuerst besuchte ich als Teilnehmer gewerkschaftliche Bildungsseminare und machte mir Notizen zu Fragen, die ich mir vorher überlegt hatte. Ich probierte hier verschiedene Verfahren aus. Mit vorher überlegten Fragen und ohne. Im letzten Fall habe ich mir dann Widersprüche notiert, die mir in Seminar- und Pausensituationen aufgefallen sind. Habe ich zuerst meine teilnehmende Beobachtung im Seminar bekanntgegeben,. war ich bei nachfolgenden Seminaren als Teilnehmer dabei. Hierdurch war mir ein engerer Kontakt zu den TeilnehmerInnen möglich. Hierbei habe ich jedoch nicht verheimlicht wozu ich forsche, und dass ich natürlich nicht trennen kann zwischen Forscher und Teilnehmer. Parallel zur theoretischen Arbeit und der teilnehmenden Beobachtung, habe ich die aktuelle Diskussion zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit verfolgt. Hierüber wird es auch ein Kapitel in dieser Arbeit geben (vgl. Brodesser 2004). Im Verlauf der Einarbeitung ins empirische Feld, arbeite ich aktiv als Teamer bei gewerkschaftlichen Bildungsseminaren mit und bin Mitglied der Teamendenarbeitskreise der ver.di Jugend Hessen und der DGB-Jugend Nord. Hierdurch habe ich optimalen Zugang zu ExpertInnen in Form der Teamenden und kann von ihren Erfahrungen profitieren. Als zweiten Schritt schlägt Engeström vor, sich die konkreten Tätigkeitssystem der Menschen anzusehen. Das heißt für mich, ich gehe von ihren Problemstellungen aus und versuche diese zunächst wissenschaftlich zu beschreiben. Im weiteren Fortgang wird es darum gehen meine Theorien und Begriffe mit ihrer Praxis zu konfrontieren und in einer dialektischen Vorgehensweise neue adäquate Begriffe zu entwickeln, die tauglich sind die konkrete Problemstellung zu erfassen. Und dieses konkrete ist die „Einheit des Mannigfaltigen“. Wie wird nun das Tätigkeitssystem analysiert? Hier greift Engeström auf Holzkamp zurück und unterteilt die Analyse in eine gegenstandsgeschichtliche, eine theoriegeschichtliche und eine aktualempirische. Bei der gegenstandsgeschichtlichen Analyse werden die aufeinanderfolgenden Entwicklungsphasen herausgearbeitet, so dass der Übergang zur den sekundären Widersprüchen deutlich wird. Bei der theoriegeschichtlichen Analyse findet eine Textanalyse statt, die aufzeigen kann wie kulturelle Artefakte (Texte, Handbücher usw.) in das Tätigkeitssystem eingehen. Auch hier ist die Perspektive auf den Übergang zu den sekundären Widersprüchen gerichtet. In dieser Arbeit wird das Vorgehen eine an die Tätigkeitstheorie angelegt Kritische Diskursanalyse sein (jedoch nicht in ihrer linguistischen Reinform). In der aktualempirischen Forschung wende ich mich den Gewerkschaftsmitgliedern in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen und deren Problemstellungen zu, von denen ich ausgewählte problematisiere. Engeström formuliert das Ziel dieser Analysen: „Das letztendliche Ziel der Analyse besteht nicht darin, einfach die inneren Widersprüche und die Entwicklungslogik der Tätigkeit für den Forscher deutlich zu machen. Das Ziel besteht darin, die Teilnehmenden, die potentiellen Subjekte der Tätigkeit, selbst mit dem sekundären Widerspruch zu konfrontieren. Die Analyse fungiert in anderen Worten als Hebamme, die den Doublebind zur Welt bringen, oder wenigstens die vorweggenommene Idee des Doublebind in Form eines intensiven begrifflichen Konflikts. Dies kann dadurch erreicht werden, daß man die Teilnehmer die Analyse durch ihre eigenen Handlungen rekonstruieren läßt. Eine solche Rekonstruktion findet typischerweise auf der Grundlage von ausgewählten und komprimierten Materialien statt wie auch von Aufgaben, die eine Debatte zwischen den Teilnehmern mit sich bringen.“ (ebd., 297) In dieser Arbeit werden die Teilnehmenden, die ich – anders als Engeström – als Subjekte unterstelle, mit Widerspruchsfragen konfrontiert, die sich aus ihrer gewerkschaftlichen Praxis ergeben. Hierdurch sollen die Subjekte zumindest auf den Weg einer nächst höheren Erkenntnisstufe, die immer auch eine Praxisstufe ist, gebracht werden. Langfristig werden so die TeilnehmerInnen „[…]qualitativ neue Modelle als wirkliche Schlüssel zur Lösung des Doublebind formulieren“ (ebd.). Bei der Konfrontation mit eigenen Widersprüchen und der Entwicklung neuer individueller und kollektiver Tätigkeitsformen kann es bei den Individuen und Kollektiven zu Angst, Widerstand und intensiven psychischen Konflikten kommen (vgl. ebd., 303). Wie ich hier die beforschten Subjekte nicht damit alleine lasse, ist zu diesem Forschungszeitpunkt ein noch ungelöstes Problem. Am (relativen) Ende des Forschungsprozesses sind die Subjekte andere, als sie es vorher waren. Sie sind jedoch nicht so, wie ich es als Forscher vielleicht gerne hätte. Sie sind Subjekte und keine Objekte. Engeström schreibt: „Die Forscher werden mit der Tatsache konfrontiert, daß alle ihre gekonnten Anstrengungen, die Beteiligten planmäßig dazu zu bringen, kulturell fortgeschrittene Modelle anzunehmen und anzuwenden, teilweise fehlgeschlagen sind. Ein echter expansiver Zyklus produziert unvermeidlich nicht bloß Zivilisationen, sondern auch ein Stück Wildnis. Die Belohnung besteht darin, diese Wildnis theoretisch zu erfassen, etwas Unerwartetes als ein Stück der Geschichte der Zukunft zu finden und zu verstehen“ (ebd., 304). Auch wenn ich die Metapher von „Wildnis“ und „Zivilisation“ als unpassend und historisch belastet ansehe, so drückt Engeström doch damit aus, dass das Ergebnis nicht vorhersehbar, also kontingent ist. Zum Schluss seines Buches formuliert Engeström die historische Aufgabe der expansiven entwicklungsbezogenen Forschung:

Das Ziel expansiver entwicklungsbezogener Forschung besteht darin, Zyklen des expansiven Übergangs zu kollektiv beherrschten Reisen durch die Zone der nächsten Entwicklung zu machen. Das Ziel besteht in anderen Worten darin, Menschen mit den tertiären und sekundären Instrumenten auszustatten, die notwendig für die Meisterung von qualitativen Transformationen ihrer Tätigkeitssysteme sind.“ (ebd., 305; Herv.i.O.)

Mit anderen Worten, es geht um die Subjekte und die Lösung ihrer Handlungsproblematiken. In diesem Sinne wird auch diese Arbeit durchgeführt.

1 Vgl. hierzu auch das Kapitel zu Leontjew.

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